Hinter der Headline

Die Eskalation in der Ukraine verstärkt die Unsicherheit an den Märkten

Gold- und Ölpreis steigen deutlich, die Aktienmärkte brechen ein. Die Invasion Russlands in der Ukraine trifft die weltweiten Märkte scheinbar schlecht vorbereitet. Die US-Börsen eröffnen ebenfalls tiefrot.

Gabriella Hunter
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Der Konflikt in Osteuropa eskaliert. Russland hat in der Nacht auf Donnerstag eine militärische Attacke auf die Ukraine lanciert. Aus mehreren Städten werden Explosionen gemeldet, darunter auch aus Kiew. Das ukrainische Verteidigungsministerium erklärte, ukrainische Stellungen im Osten des Landes seien unter schwerem Beschuss.

Russlands Präsident Wladimir Putin äusserte sich kurz vor Beginn der Angriffe im Fernsehen. Er habe die Militäraktion autorisiert. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verhängte das Kriegsrecht.

Europa und die USA werden die Sanktionen gegen Russland verschärfen. Bereits wurden Hunderte Personen auf schwarze Listen gesetzt, die Konten eingefroren. Russische Staatsanleihen dürfen nicht mehr gehandelt werden. Die umstrittene Gaspipeline Nord Stream 2 ist gestoppt. US-Präsident Joe Biden kündigte eine «gemeinsame und entschiedene Reaktion auf die ungerechtfertigte Attacke des russischen Militärs» an. Die Nato-Staaten halten eine Krisensitzung ab.

The Market macht eine Auslegeordnung zum Stand an den Finanzmärkten am Donnerstag und erklärt die drängendste Frage.

Ölpreis über 100 $

Die geopolitische Eskalation und Sorgen vor drohenden Engpässen lassen die Energiepreise steigen. Rohöl verteuert sich deutlich. Die Referenzsorte Brent handelt erstmals seit 2014 auf über 100 $ pro Fass. Der Preis für ein Fass des amerikanischen Pendants WTI steigt auf 97 $.

Mit dem Ölpreis steigen auch die Notierungen weiterer Rohstoffe, insbesondere Agrargüter haben sich ¨über Nacht stark verteuert.

Flucht in Gold setzt sich fort

Mit dem Beginn der Bombardierungen in der Ukraine flüchten die Anleger verstärkt in Gold. Der Preis für eine Feinunze avanciert auf 1950 $ und steigt im Verlauf des Donnerstags weiter, bevor sich die Situation am Nachmittag etwas entspannt. Das Edelmetall wird damit seinem Ruf als sicherer Hafen gerecht: Angesichts der Turbulenzen und der zunehmenden geopolitischen Unsicherheit ist es bereits seit Anfang Jahr gesucht.

Anders Bitcoin. Die Kryptowährung brach in der Nacht auf Donnerstag ein, erholte sich am Morgen leicht. Damit bestätigt sich das Muster, das Myret Zaki in ihrem heutigen Beitrag erklärt: Bitcoin profitiert vollumfänglich vom Spekulationsfieber, wenn die Märkte haussieren und die Kreditaufnahme in vollem Gange ist, korrigiert aber in Abschwungphasen viel stärker als Gold und sogar als Aktien.

Ihrem Ruf als sicherer Hafen gerecht wurden einmal mehr Anleihen westlicher Staaten. Die Renditen zehnjähriger US-Treasuries fielen kurzfristig von knapp 2 auf 1,86%, bevor sie sich am Donnerstagvormittag leicht erholten. Sie bleiben aber deutlich vom Höchst von vergangener Woche bei mehr als 2,05% entfernt. Ähnlich verhielten sich die Renditen auf deutsche Bundesanleihen.

Aktienmärkte brechen ein

Die Unsicherheit, die Angst vor weiteren Sanktionen, die immer auch den Westen treffen, und der steigende Ölpreis lassen die Aktienmärkte weltweit einbrechen. In Asien schliessen die Börsen durchs Band schwächer. Der Nikkei 225 in Tokio büsst 1,8% ein. In Hongkong verliert der Hang Seng 3,2%. Der CSI 300 in China notiert 2% tiefer. In Seoul gibt der Kospi 2,6% nach.

Der russische Index MOEX verliert am Donnerstag zum Auftakt mehr als die Hälfte seines Werts. Der MSCI Russia gibt gegen 30% nach.

Aber auch in Europa ist das Tableau tiefrot. Der Schweizer Leitindex SMI verliert bis am frühen Nachmittag gegen 3%, mit der Eröffnung der US-Börsen setzt eine leichte Entspannung ein. Der zyklischer ausgerichtete deutsche Dax notiert noch etwas tiefer, der Euro Stoxx 50 liegt gegen 5% im Minus.

Die Aktienmärkte in den USA eröffnen ebenfalls markant schwächer. Der S&P500 verliert mehr als 2%, dämmt den Verlust im Handelsverlauf etwas ein. Der Index der Technologiebörse Nasdaq 100 hält sich besser und dreht gar ins Plus. Hier wirkt vielleicht die Hoffnung, die Geldpolitik würde angesichts der geopolitischen Situation doch nicht so stark gestrafft wie bisher erwartet.

Besonders unter Druck stehen Finanzwerte, allen voran russische – aber in kleinerem Umfang auch europäische. Sie sind von finanziellen Sanktionen und wirtschaftlichen Einschränkungen besonders betroffen. Die Aktien der russischen Sberbank fallen 60%, damit haben sie in wenigen Tagen mehr als zwei Drittel ihres Werts verloren.

In der Schweiz notieren Credit Suisse und UBS mehr als 6 resp. 8% unter dem Vortageskurs. Auch andere Grossbankaktien kommen unter die Räder: Deutsche Bank verlieren gegen 10%, BNP Paribas in Paris mehr als 8%. Ähnlich betroffen sind auch Privatbanken. Julius Bär und EFG International gehören in der Schweiz am Donnerstag zu den grössten Verlierern.

Zykliker verlieren mehr als Defensive

Ebenfalls schwächer als der Markt notieren zyklische und stärker vom Ölpreis abhängige Werte. Im SMI gehören die Aktien von ABB (–4%) und Holcim mit einem Minus um 5% zu den grössten Verlierern. Richemont geben mehr als 7% nach.

Am breiten Markt stossen Anleger vor allem Aktien von Unternehmen ab, die unter hohen Energiepreisen am meisten leider würden und zum Teil schon davor mit Problemen zu kämpfen hatten. Schaffner, Vetropack, Klingelnberg, Swiss Steel und Dufry notieren zeitweise bis zu 10% tiefer. Aber auch Clariant, GAM, AMS-Osram und Temenos sind klar schwächer als der Gesamtmarkt.

Etwas geringere Verluste verzeichnen die defensiven Schwergewichte Nestlé, Roche und Novartis sowie Swisscom. Aber auch hier betragen die Verluste zwischenzeitlich gegen 2%. Lonza-Aktien kommen im SMI mitunter am besten weg, auch Givaudan notieren am Nachmittag im Plus.

Am Nachmittag hellt sich die Stimmung etwas auf. Unter den Gewinnern sind zuletzt stark abgestrafte Titel wie SIG Combibloc, Zur Rose, Meyer Burger, Gurit und SoftwareOne.

Rubel bricht ein, Franken gesucht

Wenig überraschend ist der Wert des russischen Rubels weiter eingebrochen. Gegenüber dem Dollar verliert er mehr als 6%. Auch der Euro hat sich zur US-Währung abgewertet. Zwischenzeitlich kostete 1 € noch 1.12 $.

Der Franken ist dagegen als sicherer Hafen gesucht. Der Wechselkurs zum Euro fiel unter 1.03 Fr./€ und damit auf den tiefsten Stand seit der Aufhebung des Euro-Franken-Mindestkurses. Der Dollar notiert gegenüber dem Franken kaum verändert.

Wie weiter?

Zum jetzigen Zeitpunkt lassen sich die konkreten Folgen der Invasion für Wirtschaft und Finanzmärkte kaum abschätzen. Es gilt abzuwarten. Besonders im Fokus steht die Entwicklung am Ölmarkt. Bereits jetzt ächzen die USA und in Europa insbesondere Deutschland unter der Inflation, die mit höheren Energiepreisen noch verstärkt würde.

Auch weitere Sanktionen, insbesondere gegen russische Banken, ein Ausschluss aus dem internationalen Zahlungssystem Swift und branchenweite Handelsstopps etwa im Halbleiterbereich sind denkbare Optionen.

Gleichzeitig ist unklar, wie die US-Notenbank Fed reagieren wird angesichts steigender Preise auf der einen und einer allfällig drohenden Verlangsamung der Konjunktur auf der anderen Seite. Noch erwarten die Märkte sechs bis sieben Erhöhungen der Fed Fund Rate im laufenden Jahr. Der Fokus der Finanzmärkte dürfte sich damit bald auf die Fed-Sitzung vom 15. und 16. März lenken.