Hinter der Headline

Die Sanktionen gegen Russland senden ein Beben durch die Finanzmärkte

Die westlichen Sanktionen gegen die russische Zentralbank senden den Rubel um 30% in die Tiefe. An den Aktien- und Rohstoffmärkten kommt es zu heftigen Verwerfungen.

Mark Dittli
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Am Wochenende haben die EU-Staaten sowie die Regierungen der USA und Grossbritanniens als Antwort auf den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine harte Sanktionen gegen das russische Finanzsystem beschlossen. Einzelne Staaten in Asien, vorab Japan, Südkorea und Singapur, haben sich den Massnahmen angeschlossen. Am Montagnachmittag hat sich auch die Schweiz den Sanktionen angeschlossen.

Als besonders hart erweist sich der Beschluss der EU-Kommission und der US-Regierung, die russische Zentralbank zu sanktionieren. Damit verliert die Bank of Russia den Zugriff auf mindestens die Hälfte ihrer Reserven und damit zu einem grossen Teil die Fähigkeit, den Rubel zu stützen.

Die Reaktion an den globalen Finanzmärkten heute Montag ist von historischer Tragweite. Der Rubel stürzt zum Dollar zeitweise um mehr als 30% ab – das ist der grösste Tagesverlust der russischen Währung seit der Russlandkrise von 1998.

Die Bank of Russia beschliesst am Montagmorgen in einer Notsitzung eine Erhöhung der Leitzinsen auf 20% von zuvor 9,5%.

Gemäss Berechnungen des US-Ökonomen Steve Hanke steigt die Inflation in Russland damit bereits auf beinahe 70%:

Zudem verhängt die Bank of Russia erste Kapitalverkehrskontrollen: Ausländern ist es per sofort verboten, russische Wertschriften an den Märkten in Moskau zu verkaufen. Russische Exporteure werden zudem angewiesen, 80% ihrer Deviseneinnahmen umgehend in Rubel zu tauschen. Damit stellt die Bank of Russia sicher, dass ihr ein Grossteil der im Warenhandel erwirtschafteten Fremdwährungen zufliessen.

Die Preise für Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) auf Anleihen des russischen Staates steigen deutlich. Gemäss Daten von Bloomberg preisen die Märkte die Wahrscheinlichkeit eines Kreditausfalls (Default) Russlands über einen Zeitraum von fünf Jahren gegenwärtig mit 56% ein.

Russische Aktien in London tauchen

Die Börse in Moskau bleibt heute Montag geschlossen, russische Aktien werden auf dem Heimmarkt also nicht gehandelt. Umso heftiger erfasst die Verkaufswelle die Zertifikate (Depositary Receipts) von russischen Aktien, die an der London Stock Exchange gehandelt werden: Die Titel der grössten russischen Bank, Sberbank, brechen in London um 75% ein. Die Depositary Receipts des Ölkonzerns Lukoil verlieren 60%.

In der Nacht auf Montag hat die Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank bereits angekündigt, dass die europäische Tochter von Sberbank, die in Österreich domizilierte Sberbank Europe AG, voraussichtlich untergehen wird.

Gemäss Daten von Bloomberg haben russische Unternehmen Anleihen im Umfang von umgerechnet rund 250 Mrd. $ ausstehend. Die Hälfte davon entfällt auf Rubel-Anleihen. Das Volumen der ausstehenden Dollar-Bonds wird von Bloomberg mit 92 Mrd. $ beziffert, hinzu kommen Euro-Anleihen über gut 14 Mrd. €. Alle erleiden heute Montag heftige Verluste.

Mehrere russische Konzerne haben auch Anleihen in Schweizer Franken emittiert. Der Franken-Bond von VTB Bank mit Verfall 2024 beispielsweise hat im Verlauf der vergangenen zwei Wochen rund 50% seines Wertes verloren:

Quelle: Bloomberg

Der Franken-Bond von Russian Railways mit Verfall 2025 ist auf 65 Rappen je Franken eingebrochen.

Europäische Banken unter Druck

Auch die Aktienmärkte in Europa reagieren mit Verlusten. Der Dax in Frankfurt verliert am Montag zeitweise mehr als 3% schliesst dann aber mit Abgaben von nur noch 0,7%. Der Cac 40 in Paris verliert bis Handelsschluss 1,4%, der Euro Stoxx 50 beendet den Tag mit einer Einbusse von 1,2%. Der vergleichsweise defensive Swiss Market Index 📈 kann sich besser halten und schliesst unverändert. Standardwerte wie Nestlé 📈, Roche 📈 und Givaudan 📈 stützen den Index.

Überdurchschnittlich hart werden die Aktien europäischer Banken getroffen, weil an den Märkten Verunsicherung über das Exposure der Banken gegenüber Russland herrscht. Der Stoxx Europe 600 Banks Index verliert rund 6%. Besonders hart trifft es Raiffeisen International in Wien, deren Titel zeitweise mehr als 16% verlieren.

Die Aktien von Société Générale in Paris und UniCredit in Milano verlieren ebenfalls mehr als 10%. Die beiden Banken gelten an den Märkten als Institute mit einem überdurchschnittlich hohen Russland-Exposure.

Quelle: Bloomberg

An der Schweizer Börse fallen UBS 📈 und Credit Suisse 📈 mit Einbussen von zeitweise mehr als 5% auf.

Verwerfungen an den Rohstoffmärkten

Heftige Verwerfungen zeigen sich auch an den Rohstoffmärkten. Der Preis für Rohöl der Sorte Brent steigt um gut 4% auf über 100 $ je Fass. Terminkontrakte für Erdgas in Europa zur Lieferung in einem Monat verteuern sich um mehr als 20%.

Der Preis für Aluminium steigt zum ersten Mal in der Geschichte auf über 3400 $ je Tonne. Palladium verteuert sich um gut 5% auf über 2490 $ je Unze.

An den Futures-Märkten in Chicago steigt der Preis für Weizen am Montag um knapp 9% auf über 9.30 $ je Bushel. Die Preise für Mais und Soja steigen um 4 bis 5%.

Gemäss Berechnungen der Research-Boutique Clocktower Group ist Russland für 43% der globalen Produktion von Palladium verantwortlich. 17% des weltweit geförderten Erdgases, 12% des Rohöls und knapp 11% des weltweit produzierten Weizens stammen aus Russland:

Quelle: Clocktower Group