Hinter der Headline

Donnergrollen bei Clariant

Der neue CEO Ernesto Occhiello ist per sofort weg – und Hariolf Kottmann als exekutiver Verwaltungsratspräsident zurück im operativen Geschäft.

Ruedi Keller

Als gäbe es nicht schon genug offene Fragen bei Clariant: Heute kam dazu die völlig überraschende Nachricht, dass CEO Ernesto Occhiello per sofort den Chemiekonzern verlässt.

Viele Fragezeichen

Die ist gleich vierfach ungewöhnlich. Erstens hat Occhiello seinen Posten erst vor neun Monaten angetreten. Zweitens kommt der Rücktritt einen Tag vor der Präsentation der Halbjahreszahlen. Drittens befindet sich Clariant mitten im Umbau und plant, Geschäfte mit einem Umsatz von rund 2 Mrd. Fr. vom Konkurrenten und eigenem Grossaktionär Sabic zu übernehmen. Viertens ist Occhiello von eben dieser Sabic zu Clariant gestossen, und es ist unwahrscheinlich, dass er gerade bei seinem früheren Arbeitgeber den Rückhalt verloren haben soll.

Was also hat Occhiello zum sofortigen Rücktritt bewogen? Er habe sich aus «persönlichen Gründen» dazu entschieden, schreibt Clariant. In seiner gestrigen Sitzung habe der Verwaltungsrat den Rücktritt von Ernesto Occhiello akzeptiert. Verwaltungsratspräsident Hariolf Kottmann – nach bereits zuvor zehn Jahren als CEO nun als exekutiver VRP interimistisch wieder der operative Leiter – dankt Occhiello «für seine Unterstützung des Unternehmens in einer herausfordernden Zeit und für seinen Beitrag in den vergangenen Monaten».

Keine Transparenz

Sind die angeführten «persönlichen Gründe» privater oder geschäftlicher Natur? «Das haben auch wir uns heute morgen als erstes gefragt», sagt ein Clariant-Sprecher. «Wir wissen es nicht.»

Fest steht: Der Rücktritt von Occhiello wirft bei Clariant neue Fragen auf, und er ist ein herber Verlust für den Chemiekonzern, der sich auf einem sehr ambitionierten Weg befindet.

«Gar nicht gut», sagt ein Fondsmanager, der Clariant hält, zum Rücktritt von Occhiello. «Ein negativer Schritt für Clariant», lautet das Urteil von Mirabaud. «Da sind zwei Alpha-Tiere aufeinandergeprallt», kommentiert ein zweiter Fondsmanager und meint damit Kottmann und Occhiello.

Sein Verdacht: Occhiello hätte transparent machen wollen, dass die «aggressiven Ziele», die sich Clariant unter ihrem VRP Kottmann vorgenommen hat, nicht mehr realistisch seien. Denn im Jahresverlauf seien in Gesprächen mit dem Management spürbare Zweifel aufgekommen, ob es die eigenen Zielsetzungen noch für erreichbar halte.

Schlechte Erinnerungen an Kottmann

Zwei Fondsmanager verweisen diesbezüglich auf den zweifelhaften Ruf von Kottmann, der bereits zu seiner Zeit als CEO Ziele oft verfehlt habe. Gemäss Bloomberg trifft dies für den Gewinn je Aktie in den letzten fünf Jahren ausnahmslos zu. Im Schnitt kamen die Ergebnisse jeweils 15% tiefer, als vom Konsens erwartet.

«Viele sind froh, dass Kottmann nun nicht mehr CEO war, sondern im Verwaltungsrat sitzt», sagt einer der beiden Fondsmanager. Dort sei seine grosse strategische Erfahrung von Nutzen. Doch angesichts der Aufgaben, vor denen Clariant stehe, müsse ein CEO mehr Biss haben, als er zuletzt bei Kottmann wahrgenommen habe.

Occhiellos exzellenter Ruf

Occhiello habe diesbezüglich «sehr positiv beeindruckt», sagt der Fondsmanager. Auch im morgendlichen Briefing von Mirabaud ist von einem «exzellenten Ruf» zu lesen, den sich Occhiello bei den Investoren während seiner kurzen Zeit bei Clariant erschaffen habe.

Clariant brauche einen umsetzungsstarken CEO, um den Umbau erfolgreich bewältigen zu können, sind sich die Fondsmanager einig, mit denen The Market gesprochen hat.

Basierend auf der Ausgangslage 2017 und einer Marge von 13% will Clariant bis 2020 die Marge auf über 20% anheben. Rund die Hälfte der Verbesserung sollen die angekündigten Portfolioverschiebungen bringen. Rund vier Prozentpunkte müssen jedoch durch weitere Massnahmen gehoben werden.

Zweifel an den Zielen

Ob und wie diese vier Prozentpunkte erreicht werden können, darüber bestehen im Markt Zweifel. In der Vergangenheit hatte Clariant im Schnitt jährlich etwa die Hälfte des Margenfortschritts erreicht, der mit dem nun gültigen Ziel in Aussicht gestellt ist.

Doch auch beim angestrebten Portfolioumbau und dem Joint Venture mit Sabic gibt es noch offene Fragen – allenfalls morgen jedoch erste Antworten: «Die Verhandlungen mit Sabic über die Schaffung des Geschäftsbereichs High Performance Materials werden fortgesetzt», heisst es in der heutigen Mitteilung. Weitere Details würden am 25. Juli 2019 zusammen mit dem Halbjahresergebnis veröffentlicht.

Welche «Details» werden das sein, wenn heute noch verhandelt wird?

Die Clariant-Aktie