Hinter der Headline

Ems-Chemie profitiert vom tieferen Ölpreis

Der schwergewichtig im Automobilsektor tätige Kunststoffspezialist überrascht die Investoren positiv. Trotz eines Umsatzrückganges im ersten Halbjahr steigt die operative Marge.

Daniel Zulauf

Das bedrohliche Knistern im Automobilsektor hat in den vergangenen zehn Tagen offensichtlich auch bei Ems-Chemie einige Investoren in die Flucht getrieben. Anfang Juli handelten die Aktien noch zu Preisen von über 640 Fr. Am Donnerstag unmittelbar vor der Bekanntgabe der Halbjahreszahlen lag der Kurs bei 570 Fr.

Die heute Freitag veröffentlichten provisorischen Kennzahlen zum ersten Semester haben die Pessimisten eines Besseren belehrt. Zwar musste auch Ems-Chemie in den ersten sechs Monaten des Jahres dem deutlich schwierigeren Geschäftsklima in der Automobilbranche Tribut zollen. Nach einem kräftigen Umsatzanstieg in der ersten Hälfte des Vorjahres (12,5%), bildeten sich die Verkäufe im Berichtsabschnitt um 3,5% oder 42 Mio. Fr. zurück.

Die Anleger zeigten sich dennoch erleichtert und hievten die Ems-Chemie-Aktien am Freitag zurück über die Marke von 600 Fr. Ausschlaggebend für den Kurssprung war die im Vorjahresvergleich überraschende Margensteigerung. Der Betriebsgewinn (Ebit) stieg zum ersten Halbjahr 2018 um 1,1%, was in einer Verbesserung der entsprechenden Marge von 26,1% auf 27,3% resultierte. Auch der betriebliche Cash-flow (Ebitda) fiel im Vorjahresvergleich um 1,9% höher aus.

Konzernchefin Magdalena Martullo-Blocher erklärt die überraschende Margensteigerung mit Verbesserungen in der Effizienz sowie den im Vorjahresvergleich niedrigeren Rohstoffkosten. Man habe die tieferen Einkaufskosten nur teilweise an die Kunden weitergeben müssen, sagt sie im Gespräch mit The Market.

Mengenmässig sei das Verkaufsvolumen im Vorjahresvergleich unverändert geblieben, während die weltweite Automobilindustrie im Berichtshalbjahr sowohl in der Produktion als auch im Verkauf einen Rückgang um 6% habe hinnehmen müssen.

Die Veränderung der Rohstoffkosten wirken sich bei Ems-Chemie relativ stark auf den Umsatz aus. 2018 beliefen sich die Kosten für den Material- und Warenaufwand auf 56% des Umsatzes. Als Herstellerin von Hochleistungskunststoffen, die vornehmlich in der Automobilindustrie für gewichts- und kostensparende Anwendungen zum Einsatz kommen, ist für Ems-Chemie insbesondere der Erdölpreis von Bedeutung.

Dieser hatte sich im ersten Halbjahr 2018 gemessen an der Nordseequalität «Brent» mehrheitlich über 70 Dollar pro Fass bewegt. In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres lag der Preis im Durchschnitt bei etwa 65 Dollar.

Im Automobilmarkt, in dem Ems Chemie 62% des Umsatzes realisiert, hat das Unternehmen im Berichtshalbjahr Marktanteile gewonnen, wie Martullo-Blocher bestätigt. Nebst der Innovationsstrategie, mit der man sich bislang recht erfolgreich aus dem preislichen Wettbewerb heraushalten konnte, profitiert Ems-Chemie derzeit offenbar auch von den handelspolitischen Verstimmungen zwischen den Grossmächten.

Weil sich chinesische und amerikanische Unternehmen gegenseitig nicht mehr richtig über den Weg trauten, falle die Wahl vermehrt auf Schweizer Zulieferer wie Ems, gibt deren Chefin zu verstehen.

Möglicherweise hat diese Konstellation auch zur guten Entwicklung von Ems-Chemie in den USA beigetragen. In Nordamerika hat der Konzern heuer den Umsatz 8% gesteigert. Der dort erzielte Umsatzanteil ist dadurch von 16% auf 18% gewachsen. Verkauf und Entwicklung in den USA seien ausgebaut und die Marktposition in den USA verstärkt worden, schreibt Ems-Chemie im heute Freitag veröffentlichten Semesterbericht.

Für das Gesamtjahr rechnet das Unternehmen nach wie vor mit einem Betriebsgewinn (Ebit) «mindestens auf Vorjahresniveau». Die Prognose ist bemerkenswert, zumal der konjunkturelle Ausblick des Unternehmens alles andere als positiv klingt: «Für das Jahr 2019 geht Ems unverändert von einer deutlich tieferen weltwirtschaftlichen Konjunktur aus. Der rasche und deutliche Rückgang verschlechtert die Konsumentenstimmung und schmälert die finanzielle Handlungsfähigkeit von Unternehmen. Instabilitäten an den Finanzmärkten sind nicht auszuschliessen».

Offenbar ist die Margenexpansion bei Ems also kein Strohfeuer.