Hinter der Headline

Das Management von Geberit lässt sich nicht aus der Ruhe bringen

Steigende Inputkosten, Zweifel an der Fortsetzung der Baukonjunktur und geopolitische Risiken gehen auch am Sanitärtechnik-Konzern nicht spurlos vorbei. Noch hält Geberit am Russland-Geschäft fest, obwohl es nicht mehr rentiert.

Giorgio Müller
Drucken

Die Krux der Gewohnheit: Wer die Erwartungen regelmässig übertrifft, wird bestraft, wenn das einmal nicht der Fall sein sollte. Der Sanitärtechnik-Konzern Geberit befindet sich in einer solchen Lage.

Zu hohe Margen

Das hoch rentable Unternehmen strebt auf Stufe Ebitda einen Margenkorridor von 28% bis 30% an. Wiederholt lag es darüber, obwohl das Management seit längerer Zeit sagt, dass sich dieses Niveau in einem normalen Umfeld nicht halten lässt.

2020 kam Geberit auf eine Ebitda-Marge von 31%, im vergangenen Jahr waren es mit 30,9% nur deshalb etwas weniger, weil die steigenden Kosten (Rohmaterial, Energie, Logistik) durch die positiven Volumeneffekte nicht ganz wettgemacht werden konnten. Trotz seiner Preismacht, die regelmässige Erhöhungen der Verkaufspreise erlaubt, ist es Geberit nicht ganz gelungen, die höheren Inputkosten zu kompensieren.

Nach zwei ausserordentlichen Preiserhöhungen im Juli 2021 sowie zu Jahresanfang hebt das Unternehmen im April die Preise nochmals und stärker als üblich (+2,5%) an. Das genügt jedoch nicht, die steigenden Inputkosten zu kompensieren, weshalb zusätzliche Effizienzverbesserungen nötig sind. Bisher hat das jeweils gut geklappt: In den vergangenen sieben Jahren hat sich die Arbeitsproduktivität im Schnitt um 3,8% erhöht (2021: +5,9%).

Doch in der kurzfristigen Betrachtung steht das nicht im Mittelpunkt. Im Schlussquartal 2021 lag die Ebitda-Marge noch bei 22,7% (Vorjahr: 27,5). Die Schätzungen der Analysten lagen leicht höher.

Kein Wunder, handelten die Geberit-Valoren – nachdem sie zu Handelseröffnung um fast 5% tauchten – heute Mittwoch in einem generell etwas festeren Markt als einziger SMI-Wert im Minus. Seit Anfang Jahr hat sich ein Viertel der Börsenkapitalisierung von Geberit in Luft aufgelöst, das einst sehr hohe Bewertungsniveau befindet sich wieder im Rahmen der vergangenen Jahre (Kurs-Gewinn-Verhältnis 2022: 26).

Wie üblich keine Prognose

An sich ist eine temporäre Margenschmälerung kein Grund für Besorgnis. Wie es im laufenden Jahr weiter geht, dazu äussert sich das Geberit-Management zu Jahresbeginn wie üblich nicht konkret. Die Nachfrage in den beiden wichtigen Märkten Deutschland und der Schweiz, die zusammen 41% der Gruppeneinnahmen bestreiten, sei «weiterhin gut», sagte Konzernchef Christian Buhl gegenüber den Medien. Der Aufholeffekt beim Lageraufbau bei den Kunden nach der Pandemie scheint auszulaufen, der Lagerbestand sei «eher hoch». Mehr war von Buhl nicht zu erfahren.

Ein konkreter Brandherd, wenn auch grössenmässig für die Gruppe eher von untergeordneter Bedeutung, ist der Krieg in der Ukraine. Gesamthaft erwirtschaftet Geberit in der Ukraine und Russland etwa 2% seiner Einnahmen. Die rund 300 km westlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew liegende Keramikfabrik, in der rund 550 Mitarbeitende gearbeitet haben, hat alle Aktivitäten eingestellt. Sie belieferte vorwiegend den lokalen Markt. Zudem waren 40 Personen im Vertrieb in Kiew für Geberit tätig. Den Mitarbeitenden seien die Löhne im Voraus bezahlt worden. Einige von ihnen wurden in die Armee oder den Zivildienst eingezogen, wenige flohen ins Ausland.

Eher überraschend ist, dass Geberit in Russland tätig bleibt. In diesem Land unterhält das Unternehmen keine Produktionsstätten, sondern lediglich eine Vertriebsgesellschaft. In Moskau zählt Geberit rund 70 Mitarbeitende. Dieses Verhalten ist nur möglich, weil weder das Unternehmen, noch seine für den alltäglichen Gebrauch verwendeten Produkte auf Sanktionslisten stehen und nicht zweckentfremdend eingesetzt werden können. Lieferungen nach Russland seien nach wie vor möglich. Selbst finanzielle Transaktionen könnten derzeit dort noch gemacht werden, sagte Buhl. Hingegen werde die Situation laufend überprüft. In Krisenzeiten können sich die Verhältnisse rasch ändern.

Als Reaktion auf den Einbruch des Rubel-Wechselkurses hat Geberit die Preise in Russland stark erhöht. Die entsprechenden Auswirkungen werden in Kauf genommen: Das Management geht davon aus, dass sich das Geschäft in Russland deutlich reduzieren wird.

Gestärkt in die Krise

Höhere Kosten, geopolitische Risiken und eine sich abschwächende Baukonjunktur: Entscheidend für den längerfristigen Erfolg von Geberit wird sein Innovationspotenzial sein, um in den Zielmärkten, vor allem in Europa, weiterhin Marktanteile zu gewinnen. Die Pipeline mit neuen Produkten ist für 2022 gefüllt.

Auch die nötigen Investitionen in die Erweiterung der Produktionskapazitäten an den verschiedenen Standorten sind gesprochen. Ein- bis dreijährige Projekte im Umfang von gegen 100 Mio. Fr. sind am Laufen. 2022 werden zusätzlich 10 Mio. Fr. ins Marketing gesteckt, das Budget für die digitalen Projekte um jährlich 15 Mio. Fr. aufgestockt. Geberit hat die Pandemie genutzt, um seine digitalen Fähigkeiten (Kundentrainings, Veranstaltungen, virtuelle Verkaufsräume, Kalkulations- und Planungstools) auszubauen, das Echo war enorm.

Finanzielle Mittel für all diese Initiativen sind reichlich vorhanden. Mit einem freien Cashflow von über 800 Mio. Fr. wurde auch im vergangenen Jahr deutlich mehr Geld erwirtschaftet, als für den Betrieb und die Investitionen erforderlich waren. Das erlaubt es dem Unternehmen, seinen Aktionären via Dividenden und Aktienrückkäufe viel auszuzahlen. In den vergangenen fünf Jahren gingen 2,6 Mrd. Fr. oder mehr als 80% des kumulierten freien Cashflows an die Aktionäre.

Für 2021 sollen sie pro Aktie 12.50 Fr. (Vorjahr: 11.40) Dividende erhalten. Daraus rechnet sich eine Rendite von knapp 2,3%. Und vom zweijährigen Aktienrückkaufprogramm über 500 Mio. Fr. können noch bis diesen Herbst Titel im Umfang von fast 300 Mio. Fr. zurückgekauft werden.

Das wettererprobte Geschäftsmodell von Geberit sollte sich auch in einem schwächeren Umfeld bewähren. Die Bilanz ist grundsolide, der Cashflow robust. Vor allem verfügt das Unternehmen auf ein zu Recht als «bodenständig» bezeichnetes Management, das seine längerfristigen Ziele bei kurzfristigen Turbulenzen nicht aus den Augen verliert. Auch das ist ein Wert, der sich im Aktienkurs spiegelt.