Hinter der Headline

LVMH erhöht den Druck auf Richemont und Swatch Group

Der französische Luxusgüterriese hat ein Auge auf den amerikanischen Schmuckhersteller Tiffany's geworfen. Damit drohen die beiden Schweizer Branchengrössen weiter ins Hintertreffen zu geraten.

Daniel Zulauf

Der französische Luxusgüterkonzern LVMH will sein Schmucksortiment ausbauen und erwägt eine Kaufofferte an die Aktionäre des amerikanischen Nobeljuweliers Tiffany’s. Entsprechende Gerüchte hat LVMH am Montag bestätigt.

Während die Tiffany-Aktien mit Blick auf eine mögliche Übernahme am Montag in New York mehr als 30% zulegten, zeigten sich die LVMH-Valoren kaum verändert. LVMH wird an der Pariser Börse mit über 190 Mrd. € beziehungsweise mit mehr als 210 Mrd. $ bewertet. Vor diesem Hintergrund erscheint ein Kauf von Tiffany’s zum derzeit kolportierten Preis von 14,5 Mrd. $ wie eine bessere Ergänzungsakquisition.

Swatch Group als Winzling

Für die Luxusgüterindustrie hätte die Transaktion aber weitreichende Folgen. LVMH erwirtschaftet mit ihren Schmuck- und Uhrenmarken Bulgari, Chaumet, Hublot, TAG Heuer, Zenith und anderen Beteiligungen einen Jahresumsatz von gut 4 Mrd. € (2018). Mit Tiffany’s würde sich dieser Betrag auf fast 8 Mrd. verdoppeln.

Damit würde LVMH den bisher weltgrössten Nobelschmuckhersteller Richemont überholen oder diesem zumindest sehr nahe kommen – je nachdem, wie und was man bei Richemont zum Schmuckgeschäft zählt.

Im zurückliegenden Geschäftsjahr spielten die Schmuckmarken von Richemont, Cartier und Van Cleef & Arpels, Verkäufe von 7,1 Mrd. € ein. Der Umsatz der Uhrensparte (u.a. A. Lange & Söhne, Vacheron Constantin, Jaeger-LeCoultre, Panerai, Piaget, IWC, Baume & Mercier) belief sich auf rund 3 Mrd. €.

Der amerikanische Diamentenkönig Harry Winston, für dessen Kauf Swatch Group vor sechs Jahren immerhin 750 Mio. $ zuzüglich Schulden von rund 250 Mio. $ gezahlt hatte, nimmt sich ob solcher Vergleiche wie ein Winzling aus. Branchenfachleute wie Luca Solca vom amerikanischen Vermögensverwalter Sanford C. Bernstein schätzen den Anteil von Harry Winston am Konzernumsatz von Swatch Group (8,2 Mrd. Fr.) auf eine Zahl von etwas mehr als 5%. Auch unter Hinzurechnung des gesamten Luxusuhrensegments (u.a. Omega, Blancpain, Breguet) bliebe Swatch Group mit ihrem Luxusuhren- und Schmuckgeschäft weit hinter LVMH zurück.

Konjunkturabschwung als Auslöser für Konsolidierung

In der nächsten Rezession werde man diverse Übernahmen und Fusionen in der Branche sehen, und die grössten Konzerne würden aus diesem Prozess als Gewinner hervorgehen, sagte Solca kürzlich im Gespräch mit The Market.

Die aktuellen Ereignisse scheinen ihm Recht zu geben. Im Zug der Konjunkturverlangsamung in China und dem Handelsdisput mit den USA ist Tiffany’s zu einem Übernahmeziel geworden. Der Kurs der Tiffany’s-Aktien ist innert Jahresfrist von über 140 $ auf zeitweise unter 80 $ eingebrochen. LVMH lässt sich solche Gelegenheiten nicht entgehen.

Grösse ist im Luxusgütergeschäft unübersehbar zu einem Erfolgsfaktor geworden. Das lässt sich nicht nur am Umstand aufzeigen, dass LVMH gefolgt von ihrem Lokalrivalen Kering (Börsenwert 64 Mrd. €) die Schweizer Anbieter Richemont (Börsenwert 44 Mrd. Fr.) und Swatch Group (14 Mrd. Fr.) um Längen distanziert haben. Die langfristige Entwicklung zeigt auch, dass LVMH und Kering punkto Rentabilität (Eigenkapitalrendite) einen deutlichen Vorsprung zu den beiden Schweizer Konzernen herausgearbeitet haben:

Richemont und Swatch Group mit rückläufiger Rentabilität

Eigenkapitalrendite (in %)
LVMH
Kering
Richemont
Swatch Group

Eine Fusion von Richemont mit Kering oder LVMH wäre ein strategisch guter Zug, sagte der Bernstein-Analyst Solca. Sein Argument ist mit der Avance von LVMH auf Tiffany's noch stärker geworden.

Es entstehe eine natürliche Tendenz zur Konzentration, wenn gewisse Unternehmen über längere Zeit schneller wachsen als andere, sagte der Branchenspezialist: «Sie brauchen nur LVMH oder Kering mit mittelgrossen Mitbewerbern wie Tod's oder Ferragamo in Italien zu vergleichen. Diese Firmen können selbstverständlich gut allein weitermachen. Aber es ist auch klar, dass sie im Markt immer weniger wichtig werden, wenn sie das Wachstumstempo der Konkurrenz nicht halten können. Damit schwinden ihre Möglichkeiten, Einfluss auf die Entwicklung der Branche zu nehmen.»

Vor diesem Hintergrund dürfte besonders für Swatch Group der Handlungsdruck wachsen. «Bis jetzt habe ich keine Anzeichen dafür gesehen, dass Swatch Group eine strategische Änderung vollziehen will. Aber ich bin mir sicher, dass man an solchen Ideen arbeitet. Dort sind fähige Leute am Werk, und sie werden mit Ideen kommen, wenn diese nötig sind», sagte Solca.