Hinter der Headline

MCH Group bietet eine gute Turnaround-Situation

Die Grossaktionärin AMG fordert weiterhin eine Sonderprüfung bei der Messebetreiberin und hält damit den Druck auf die öffentliche Hand aufrecht.

Andreas Kälin

Seit dem Hoch von 83.15 Fr. im Mai 2017 haben die Aktien der MCH Group über 70% auf 23.40 Fr. verloren. Das ist eine Folge des schlecht laufenden Messegeschäfts, von Wertberichtigungen auf Messehallen in dreistelliger Millionenhöhe – und letztlich von Missmanagement.

Das Thema Sonderprüfung

Der Verwaltungsrat von MCH Group, der von Vertretern der öffentlichen Hand dominiert wird, hat sich veranlasst gesehen, am Montag 39 Fragen einer kritischen Aktionärsgruppe schriftlich zu beantworten – meist in allgemein gehaltener Art. Der Zweck dieser Übung: Eine Sonderprüfung bei der Messebetreiberin zu vermeiden.

Besagte kritische Aktionärin, die AMG Invest, hatte eine ausserordentliche Generalversammlung verlangt, die morgen Mittwoch abgehalten wird. Abgestimmt wird dabei über die Anträge zu einer Offenlegung von Geschäftsbüchern, zur Änderung von Statuten sowie eben zur Einleitung einer Sonderprüfung.

Kein Davonkommen

Der Verwaltungsrat beantragt, alle Anträge abzulehnen – was zweifellos passieren wird. Schliesslich kann die öffentliche Hand per Statut nicht nur sechs von elf Verwaltungsratsmitgliedern stellen, sondern hält via die zwei Basler Kantone sowie den Kanton und die Stadt Zürich auch 49% der Aktien. AMG Invest kontrolliert knapp 10,6%.

So einfach wird der Verwaltungsrat der MCH Group dennoch nicht davon kommen: Erhard Lee als Vertreter von AMG Invest sagt gegenüber The Market, dass man an der Forderung nach einer Sonderprüfung festhalten werde. Wenn an der GV morgen der Antrag dazu abgelehnt wird, kann die Aktionärsgruppe gemäss Gesetz innerhalb von drei Monaten den Richter ersuchen, einen Sonderprüfer einzusetzen. Dieses Recht hat jeder Aktionär, der mindestens 10% des Kapitals vertritt.

«Druck aufrechterhalten»

Für AMG-Vertreter Lee ist es nun «das Wichtigste, den Druck auf den Verwaltungsrat aufrechtzuerhalten». Das vorläufige Festhalten an einer Sonderprüfung gibt den kritischen Aktionären drei Monate Zeit, mit dem Verwaltungsrat von MCH Group eine einvernehmliche Lösung auszuhandeln.

Ein zentrales Anliegen von AMG Invest ist es, aus der MCH Group eine normale und zeitgemässe Aktiengesellschaft zu machen – das heisst, eine Gesellschaft, in der die Stimmrechtsbeschränkung von 5% aufgehoben ist und die Sonderprivilegien der öffentlichen Hand, speziell ihr Recht zur Bestimmung von sechs Verwaltungsratsmitgliedern, abgeschafft sind.

Dazu gibt es mehrere Wege, die Lee als gangbar bezeichnet:

Mehrere Wege

Ein erster Weg wäre es, an der Strategie und Organisation nichts zu verändern. Das heisst vor allem auch, dass die Sparte Live Marketing Solutions nicht wie vom Verwaltungsrat angedacht verkauft, sondern behalten wird.

Die Idee wäre aber, dass die öffentliche Hand ihren Anteil um wenigstens 10% abbaut und damit unter 40% der Stimmrechte kommt. Parallel wären ihre Sonderprivilegien abzuschaffen.

Die Variante eines Spin-offs

Ein zweiter Weg wäre eine Aufteilung: Dabei würde die öffentliche Hand für ihren Aktienanteil an der MCH Group die Immobilien mit den Messehallen übernehmen. Die privaten Aktionäre erhielten für ihre Anteile das operative Messegeschäft. Die dabei entstehenden Bewertungslücken könnten via die Übertragung von Schulden auf den einen oder anderen Teil ausgeglichen werden.

Ein dritter Weg könnte über eine Kapitalerhöhung führen. Der Verwaltungsrat hat mit den gestrigen Antworten zuhanden der kritischen Aktionärsgruppe auch erklärt, er prüfe zur Finanzierung nötiger Investitionen für eine Neuausrichtung auch «den Einstieg neuer Investoren auf Gruppenebene».

Kapitalerhöhung denkbar

Solch ein Investoreneinstieg könne, wie es weiter heisst, mit einer Kapitalerhöhung verbunden sein sowie mit entsprechenden Veränderungen im Aktionariat, der statuarisch festgelegten Aktionärsrechte und in der Zusammensetzung des Verwaltungsrates.

Implizit deutet der Verwaltungsrat damit auch an, dass die öffentliche Hand bei einer solchen Kapitalerhöhung nicht mitmachen würde. Dadurch sänke deren Anteil an MCH Group automatisch.

Mit diesen Schritten käme der Verwaltungsrat den Anliegen der AMG Invest schon weit entgegen.

Investor aus Asien?

Aktionärsvertreter Lee hält eine Kapitalerhöhung aktuell nicht für erforderlich. Er würde ihr aber zustimmen, sofern erstens der Verwaltungsrat die angesprochenen Veränderungen auch umsetzt und zweitens damit ein neuer internationaler Investor dazu käme, der bereits im Messe- und dem dazugehörigem Dienstleistungsgeschäft verankert ist.

Eine Möglichkeit wäre, dass die Aktionärin IndexAtlas, die bereits knapp 4% an MCH Group hält, ihren Anteil ausbaut. Hinter ihr soll letztlich eine der reichsten Familien Chinas mit Sitz in Hongkong stecken.

Dürftige Eigenkapitalbasis

Inwieweit die MCH Group frische Eigenmittel braucht, ist umstritten. Liquiditätsnöte hat sie nicht, doch die Eigenkapitalbasis ist nach den Wertberichtigungen angesichts einer Eigenkapitalquote von 12,3% per Mitte 2019 sehr dürftig.

Doch es gibt noch andere Möglichkeiten ausser einer Kapitalerhöhung, sich Mittel zu beschaffen. Wie Lee ausführt, könnte die MCH Group die Beteiligung am gut laufenden Kunstmessengeschäft von Art Basel reduzieren und zum Beispiel durch einen Verkauf eines 30%-Anteils geschätzt bis 80 Mio. Fr. einnehmen.

Anstösse für Turnaround

Für The Market bietet die MCH Group aus den folgenden Gründen einen für Investoren attraktiven Turnaroundfall:

Erstens dürfte sich – auch aufgrund des Drucks durch die kritische Aktionärsgruppe – in den nächsten zwölf Monaten einiges verändern, speziell in Sachen Corporate Governance. Das stellt selbst der Verwaltungsrat in seiner gestrigen Antwortschrift in Aussicht.

Zweitens ist anzunehmen, dass die Messe- und Dienstleistungsgruppe, nach langer Periode eines wenig beschwerten Lebens im Überfluss, Potenzial für Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen hat.

Drittens gibt es, wie Aktionärsvertreter Lee betont, unausgeschöpfte Möglichkeiten im Zusammenspiel des Messegeschäfts und der Dienstleistungen, die die Sparte Live Marketing Solutions anbietet. Anders ausgedrückt: Die insgesamt mehrere Tausend Aussteller, die das Messegeschäft immer noch betreut, bieten ein grosses und bisher von der Live-Marketing-Sparte viel zu wenig angegangenes Kundenreservoir.

Wette mit Potenzial

The Market sieht eine Wette auf einen Turnaround von MCH Group als erfolgversprechend an – in der Annahme, dass sich der übermässige Einfluss der öffentlichen Hand jetzt tatsächlich zurückdrängen lässt und die Führung der MCH Group, gerade mit Blick auf den Verwaltungsrat, professionalisiert wird. Das schafft die Basis, um das Geschäft effizienter zu betreiben und ungenutztes Potenzial zu nutzen.

Mittelfristig müssten sich damit die Kurse wieder deutlich erholen, in Richtung von 50 Fr. Das entspräche einer Verdoppelung.