Hinter der Headline

Micron sieht den Boden im Chip-Zyklus

Micron Technology erleidet erneut deutliche Ergebniseinbussen. Der grösste US-Hersteller von Speicherchips verspricht aber, dass sich der Geschäftsgang in der laufenden Berichtsperiode endlich stabilisiert.

Christoph Gisiger

Es sind keine schönen Zahlen. Erwartungsgemäss verzeichnet Micron Technology für das erste Quartal des Geschäftsjahres per Ende August 2020 abermals ein stark rückläufiges Resultat.

Dennoch stellt der grösste US-Produzent von Memory-Chips eine baldige Aufhellung in Aussicht: «Wir sind optimistisch, dass das zweite Quartal den Boden im Zyklus unserer finanziellen Performance markieren wird», verkündet Konzernchef Sanjay Mehrotra in der Medienmitteilung.

Konkret stellt er für die laufende Berichtsperiode 4,5 bis 4,8 Mrd. $ Umsatz in Aussicht. Gemittelt würde das noch immer einem Rückgang von 20% gegenüber der Vorjahresperiode entsprechen. Gemäss dem Datendienst S&P Global hatten Analysten im Vorfeld mit etwas mehr als 4,8 Mrd. $ gerechnet.

Der Gewinn pro Aktie soll sich auf 25 Cent belaufen, wogegen der Konsens bislang 35 Cent erwartet hat.

Aktien avancieren

Obschon die Prognose die Erwartungen verfehlt, überwiegt an der Börse Microns positive Grundeinschätzung zur künftigen Marktentwicklung. Im Zug der Resultatpublikation sind die Aktien am Mittwochabend im nachbörslichen Handel gut 4,5% avanciert.

Seit Januar sind die Valoren unter starken Schwankungen bereits 70% vorgeprescht. Der Branchenindex PHLX Semiconductor (SOX) ist in ähnlichem Umfang gestiegen, womit der heissgelaufene Halbleitersektor 2019 das beste Jahr seit 2009 verzeichnet:

Der Kursverlauf steht in frappantem Gegensatz zu den Fundamentaldaten. Im vergangenen Quartal hat Micron einen Umsatzeinbruch von 35% erlitten. Das, nachdem die Einnahmen schon in der vorangegangenen Berichtsperiode um 40% absackten:

Noch übler sieht der operative Leistungsausweis aus. Der Betriebsgewinn ist im Vorjahresvergleich von rund 3,8 auf 0,5 Mrd. $ gesunken. Das Ergebnis pro Aktie hat sich ebenfalls um mehr als 80% auf 43 Cent ermässigt.

Immerhin schreibt das Unternehmen im Vergleich zu früheren Zyklen bislang aber keinen Verlust.

An der Front des Handelskriegs

Der mit Spannung erwartete Abschluss von Micron interessiert speziell mit Blick auf die Entspannung im Handelskonflikt zwischen den USA und China.

Der Konzern aus Boise, Idaho, ist wie andere amerikanische Chiphersteller vom Boykott gegen den Telecomausrüster Huawei betroffen. Um die Sperre zu umgehen, hatte er bei der US-Regierung eine Ausnahmegenehmigung für Lieferungen an den chinesischen Grosskunden angefordert.

«Wir haben kürzlich alle beantragten Lizenzen erhalten», sagte Konzernchef Mehrotra dazu während der Ergebnispräsentation. Chips, die von den USA nicht als Sicherheitsrisiko eingestuft werden, habe Micron zudem weiterhin nach China liefern können.

«Ausserhalb der Märkte Mobilfunk und Server gibt es aber nach wie vor Produkte, die wir nicht an Huawei verkaufen dürfen», meinte Mehrotra. Auch werde es trotz der Genehmigung aus Washington einige Zeit dauern, bis Huawei den Qualifikationsprozess für die neusten Chips abgeschlossen habe.

«Wir erwarten deshalb nicht, dass die Lizenzen einen bedeutenden Effekt auf unsere Einnahmen in den nächsten zwei Quartalen haben», räumte Mehrotra ein.

Konkurrenz leidet ebenfalls

Zu den Hauptkonkurrenten von Micron zählen Samsung Electronics und SK Hynix aus Südkorea. Anders als der US-Konzern sind sie nicht durch den Huawei-Boykott eingeschränkt, haben zuletzt aber ebenso über eine deutliche Abschwächung des Geschäftsgangs berichtet.

Im Fall von Samsung sind die Einnahmen im Memory-Geschäft im dritten Quartal um 37% zurückgegangen. SK Hynix meldete eine Umsatzabnahme von 24%.

Neue Anhaltspunkte zum Markt für Speicherchips wird der Vorabbericht zum vierten Quartal von Branchenleader Samsung Anfang Januar geben. Am 20. Januar folgt dann mit Texas Instruments der erste grosse Halbeiterkonzern aus den USA mit dem Leistungsausweis.

Am Mittwoch machten ausserdem Gerüchte zum Branchennachbar Broadcom die Runde. Wie das «Wall Street Journal» berichtet, plant der Konzern, einen Teil seines Geschäfts mit Mobilfunkchips zu verkaufen. Letzte Woche hatte Broadcom mit dem Quartalsabschluss enttäuscht.

Micron ist mit der Ansage der seit Langem erhofften Wende im Chip-Zyklus nun umso mehr in der Beweispflicht. Das, zumal der Kurs eine kräftige Erholung des Markts bereits vorwegnimmt.

Auf Basis der Schätzungen für 2020 handeln die Aktien gegenwärtig zum Kurs-Gewinn-Verhältnis 18. Das Bewertungsniveau ist damit mehr als doppelt so hoch wie der dreijährige Durchschnitt.