Hinter der Headline

Neuer ABB-Chef elektrisiert die Investoren

Der neue ABB-Chef Björn Rosengren soll den seit Jahren stagnierenden Industriekonzern endlich zu neuem Leben erwecken. Seine bisherige Managementleistung ist ein Versprechen, aber noch lange keine Garantie.

Daniel Zulauf

Wer Aktien verkaufen will, braucht eine gute Story. Eine solche bringt der neue ABB-Chef Björn Rosengren ohne Zweifel mit. Der 60-jährige Schwede hat seine Qualitäten als Manager in den vergangen acht Jahren gleich zweimal unter Beweis gestellt – nachweislich, nota bene:

Von 2011 bis 2015 leitete er die Geschäfte des finnischen Schiffmotorenbauers Wärtsilä. Als er im November 2015 zum schwedischen Maschinenbauer und Stahlhersteller Sandvik wechselt, war der Aktienkurs fast doppelt so hoch wie zu Beginn seiner Tätigkeit in Helsinki. Der Vorgang wiederholte sich. Aktuell sind die Sandvik-Aktien 75% mehr Wert als zum Zeitpunkt von Rosengrens Ankunft.

Die Begeisterung der Finanzanalysten, die ihren Kunden seit Jahren mit höchst bescheidenem Erfolg zum Kauf von ABB-Aktien raten, kann deshalb niemanden überraschen. Die ABB-Titel legten am Freitag nach Bekanntgabe der Personalie um nahezu 4% auf über 18 Fr. zu.

Rosengren steht für Dezentralisierung

Analysten versprechen sich viel. Da ist die Rede vom grossen Potenzial zur Schaffung zusätzlichen Aktionärswertes, das die Umsetzung der 2018 geänderten Strategie von ABB beinhalte. Die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Umsetzung sei mit der Nomination Rosengrens gestiegen, glauben die Experten der schwedischen Grossbank Nordea.

Ein zentrales Element in Rosengrens Denken sei die Dezentralisierung, heisst es bei der britischen HSBC. Ohne Zweifel werde man unter seiner Ägide mehr Desinvestitionen sehen, nachdem das bisherige ABB-Management schon selber Handlungsbedarf bei Geschäften mit einem Umsatz von 3 Mrd. $ ausgemacht habe. Zu Recht prophezeiten die Analysten am frühen Morgen, dass die Personalie vom Markt gut aufgenommen werde.

Rosengren ist fraglos eine vielversprechende Wahl. Frei von allen Sentimentalitäten packte er den 160-jährigen Traditionskonzern an den Füssen, um ihn dauerhaft auf den Kopf zu stellen. Nun stehen dort die Produktbereiche zuoberst. Von ihnen kommen die Impulse für die Entscheidungen in den einzelnen Business Units und ganz zuunterst werden diese in der Konzernzentrale nachvollzogen. So sieht für Rosengren ein dezentralisiertes, erfolgreiches Unternehmen aus.

Nähe zum Kunden

«Wir kennen unsere Kunden besser als diese sich selber», sagte er bei Sandvik und meinte damit die Nähe, die man mit der Fokussierung auf die Produkte geschaffen habe. Das Ganze ist natürlich kein Selbstzweck, sondern Rosengren hält sich den Aktienkurs stets vor Augen. Im Frühjahr kündigte er die Abspaltung des Stahlgeschäftes an – nichts weniger als die Wurzel von Sandvik. Mit einer Betriebsgewinnmarge von 10% sei dieses im Branchenvergleich zwar durchaus erfolgreich. Innerhalb des Sandvik-Verbundes, in dem das Geschäft mit Schneidemaschinen weit höhere Renditen einbringt, habe es nicht mehr den richtigen Eigentümer.

Solche Ansichten gefallen vielen ABB-Investoren, allen voran dem zweitgrössten Aktionär Cevian, der lange auf den Verkauf der Stromübertragungssparte gedrängt hatte. Entsprechend lobt Cevian-Ko-Gründer Lars Förberg den neuen CEO fast überschwenglich: «Wir unterstützen die Ernennung von Björn Rosengren zum neuen CEO von ABB voll und ganz. Er verfügt über die richtige Erfahrung und den richtigen Führungsstil, um die Transformation und die Strategie von ABB erfolgreich voranzutreiben.»

Die Familie Wallenberg, die über ihre Beteiligungsgesellschaft Investor AB mit einem Anteil von gut 10% immer noch die grösste Eigentümerin von ABB ist, zeigte sich lange Zeit unentschlossen, den von Cevian propagierten Kurs zu unterstützen. Mit der Wahl Rosengrens sind die Wallenbergs nun offenbar ganz auf deren Kurs eingeschwenkt, zumal der seine Sporen als Manager in verschiedenen Unternehmen im direkten Einflussbereich der Wallenbergs abverdient hat.

Grossaktionäre ziehen am selben Strick – doch für wie lange?

Vorerst scheinen die Grossaktionäre also am gleichen Strick zu ziehen, was Rosengrens künftige Arbeit (er beginnt im Februar 2020) erleichtern und schnell zählbare Ergebnisse hervorbringen dürfte. Die Frage ist allerdings, wie lange diese Einigkeit Bestand haben wird. ABB steckt in einem tiefgehenden Umbau, in dem noch viele schwierige Entscheidungen zu treffen sein werden:

Was wird aus der Robotik-Sparte, wenn sie im Zug der Krise im globalen Automobilgeschäft weiter an Boden verliert? Wie lange kann und darf eine der vier verbliebenen Unternehmensdivisionen die Performance des Gesamtkonzerns belasten, bis die Frage nach dem richtigen Eigentümer aufgeworfen werden muss?

Bereits jetzt sprechen vereinzelte Analysten darüber, dass das Geschäft mit Elektrifizierungsprodukten dereinst veräussert oder abgespalten werden sollte, obschon ein offensichtlicher Zwang dafür noch kaum zu erkennen ist. Bei ABB ist die Ungeduld der Investoren weit grösser, als sie es bei Wärtsilä und Sandvik war.

Rosengren hat vom Umfeld profitiert

Wärtislä hatte 2010 unter einem abrupten Abbruch der Nachfrage infolge grosser Überkapazitäten im Schiffsmarkt gelitten. Ein Teil von Rosengrens Kurszauber ist allein damit zu erklären, dass sich die Marktlage in den Folgejahren entspannt hatte. Auch bei Sandvik übernahm der Schwede das Zepter, als die Rohstoffpreise nach einem Höhenflug an einem Tiefpunkt angekommen waren.

Weil Sandvik einen grossen Teil des Umsatzes mit Bergbauunternehmen macht, profitierte der Konzern in hohem Mass von der nachfolgenden Erholung der Rohstoffpreise. Zurzeit sieht wenig danach aus, als würde Rosengren diesen Rückenwind auch bei ABB erhalten. Dann könnte sich der erste Zauber schnell verflüchtigen.