Hinter der Headline

Neunzig Jahre «Black Monday»

Am 28. Oktober 1929 erschütterte der «Schwarze Montag» die New Yorker Börse. Der Crash markierte das jähe Ende der «Goldenen Zwanziger».

Sandro Rosa

«Solange die Zinsen so niedrig sind, können die Börsen nicht fallen» – das scheint heute die Maxime vieler Anleger zu sein. Auch Irving Fisher, einer der brillantesten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, gelangte vor neunzig Jahren zur Überzeugung, dass die Aktienmärkte nicht korrigieren könnten.

In den Goldenen Zwanzigern waren allerdings nicht primär die tiefen Zinsen, sondern der (vermeintlich) überwundene Konjunkturzyklus für den zum Ende der Dekade grenzenlosen Optimismus verantwortlich.

The Roaring Twenties

Grund für Zuversicht gab es reichlich, denn die US-Wirtschaft entwickelte sich prächtig. Nach den Entbehrungen des Ersten Weltkriegs, der 1918 zu Ende ging, wollten die Konsumenten nicht mehr länger sparen und verzichten – eine lange unterdrückte Kauflust war geweckt, die Wirtschaft begann zu florieren.

In diesen Jahren wurde der Freihandel zügig vorangetrieben, was es den amerikanischen Unternehmen ermöglichte, neue Absatzmärkte in Europa zu erschliessen. New York mauserte sich zum führenden globalen Finanzzentrum und stiess den alten Rivalen London vom Thron.

Die Kaufkraft der Konsumenten erhöhte sich spürbar. Das reale Pro-Kopf-Einkommen stieg von 1921 bis 1928 über 4% pro Jahr. Das robuste Wachstum liess die Unternehmensgewinne sprudeln – und die Börsianer jubilieren.

1921 avancierte der Dow Jones Industrial über 12%, im Jahr darauf legte er 21,5% zu. 1923 gab es zwar einen leichten Dämpfer. Er wurde aber bereits ein Jahr später, mit der Wahl des wirtschaftsfreundlichen Calvin Coolidge zum neuen US-Präsidenten, durch ein Plus von 26% mehr als wettgemacht. 1925 verteuerte sich der Dow sogar um 30%:

Die Goldenen Zwanziger

Jährliche Kursveränderung des Dow Jones Industrial (in %)

Glaube an die (All-)Macht der Notenbanken

Mit zunehmender Dauer des Konjunktur- und Börsenaufschwungs begann sich an den Märkten ein neues Mantra zu etablieren: Die noch nicht einmal volljährige US-Notenbank Fed, die 1913 als Antwort auf die Panik von 1907 ins Leben gerufen worden war, «habe den Konjunkturzyklus gezähmt».

Einflussreiche Werke, wie das 1924 von Edgar Lawrence Smith publizierte Buch «Common Stocks as Long Term Investments», welche erstmals die Vorteile von Aktien systematisch aufzeigten, nahmen dem lange verpönten Aktieninvestieren schrittweise den schlechten Ruf.

Prominente Wirtschaftslenker wie Ivar Kreuger (der «Streichholzkönig») oder Charles Mitchell (CEO der National City Bank, heute Citibank) und Ökonomen wie Irving Fisher proklamierten ebenfalls eine neue Ära.

Den Verheissungen ewiger Stabilität und Prosperität verfielen immer mehr Anleger. Das Spekulieren auf Kredit liess nicht lange auf sich warten. Was konnte schon schiefgehen, wenn die Börsen nur eine Richtung kennen?

Aufwärtsbewegung gewinnt an Fahrt

Nach einem Zuwachs von mickrigen 0,3% im Jahr 1926 beschleunigte sich die Hausse 1927 noch einmal: Auf Drängen Europas, das wegen substanzieller Liquiditätsabflüsse unter Druck geraten war, senkte die US-Notenbank Fed den Leitzins von 4 auf 3,5%. Diese Lockerung verlieh dem Dow Jones neuen Schub. In diesem Jahr schnellte er 28% in die Höhe.

1928 folgte dann das letzte Hurra, denn das Fed wurde in Anbetracht der immer exzessiveren Spekulation zunehmend nervös. Um den Übertreibungen Einhalt zu gebieten, erhöhte die Notenbank 1928 den Leitzins von 3,5 auf 5% und begann, dem Markt Liquidität zu entziehen.

Die Börse zeigte sich unbeeindruckt. Innerhalb nur eines Jahres schoss der US-Leitindex noch einmal nahezu 50% in die Höhe. Am 3. September 1929 markierte der Dow Jones Industrial sein Höchst von 381,17 Punkten, 27% über dem Stand des Jahresbeginns.

Angesichts dieses kräftigen Kursauftriebs mag man es Irving Fisher nachsehen, dass er am 14. Oktober 1929 zum Schluss kam: «Die Aktienkurse haben, so scheint es, ein permanent hohes Niveau erreicht».

Der Schwarze Montag

Dieser Satz sollte als eine der eklatantesten Fehlprognosen in die Wirtschaftsgeschichte eingehen. Bloss zwei Wochen später, am 28. Oktober, erschüttert der «Schwarze Montag» die Märkte.

Der Dow Jones Industrial brach 13,5% ein. Einen Tag später, am 29. Oktober, sackte das Börsenbarometer weitere 12% ab. Der grosse Crash hatte definitiv begonnen.

Die Auslöser für den Absturz sind noch immer ungewiss. War es die Konjunkturabkühlung im Herbst 1929? Oder waren es Nachrichten aus Übersee vom 20. September, wonach das Imperium des Londoner Unternehmers und Financiers Clarence Hatry unter Betrugsvorwürfen kollabiert sei? Oder brach die Blase unter ihrem eigenen Gewicht zusammen?

Wie dem auch sei: Die Kurserosion, die bereits in den Wochen zuvor eingesetzt hatte, beschleunigte sich rapid. Innerhalb von rund zwei Monaten halbierte sich der Wert des Dow Jones Industrial auf annähernd 200.

Daraufhin kam es zwar zu einer eindrücklichen Gegenbewegung, doch sie war nicht von Dauer. Schon bald setzte der Abwärtssog wieder ein. Erst im Juli 1932 fand die Talfahrt ein Ende – 89% unter dem 1929 erzielten Höchst. Bis der Dow Jones den Kursrekord vom 3. September 1929 wieder erreichte, sollte es 25 Jahre dauern.

Erst am 23. November 1954 war es soweit.