Hinter der Headline

Powell spekuliert auf eine Konjunkturaufhellung

Der Chef des Federal Reserve senkt den Leitzins abermals um einen Viertelprozentpunkt. Für den weiteren Kurs der Geldpolitik hält er sich alle Optionen offen.

Christoph Gisiger

Die amerikanische Notenbank hat die Zügel an der Sitzung vom Mittwoch erwartungsgemäss erneut gelockert. Noch mehr Stimulusmassnahmen will sie vorerst aber nicht versprechen.

Obschon das im Widerspruch zu den Erwartungen an den Finanzmärkten steht, sind grössere Turbulenzen im Nachgang des Fed-Entscheids dieses Mal ausgeblieben. Hier deshalb zunächst die wichtigsten Fakten im Überblick:

  • Das Zielband zur Federal Funds Rate sinkt erwartungsgemäss um 25 Basispunkte (Bp.) auf 1,75 bis 2%.
  • Die Zinssenkung ist im Fed-Gremium umstritten: Von den zehn stimmberechtigten Mitgliedern votierten sieben für den Entscheid. Mit Esther George, Präsidentin des Fed-Distrikts Kansas City, und Eric Rosengren (Boston) wollten zwei Mitglieder den Leitzins unverändert belassen. James Bullard (St. Louis) sprach sich hingegen für eine Senkung um 50 Bp. aus.
  • Fed-Chef Jerome Powell bezeichnet die Lockerung als «Absicherung gegen anhaltende Risiken». Er warnt dabei speziell vor negativen Auswirkungen des Handelsstreits - eine für die US-Notenbank ungewöhnlich direkte Kritik an US-Präsident Trumps Strafzöllen.
  • Der Zinsausblick ist weniger mild als erwartet. Der sogenannte «Dot Plot» sieht für dieses Jahr keine weitere Senkung vor. Auch für 2020 ist keine Lockerung prognostiziert.
  • Nach den Verwerfungen am Repo-Markt von Anfang Woche versichert das Fed weitere sporadische Interventionen zur Beruhigung der Lage. Auch wird die IOER-Rate, die das Zielband für den Leitzins nach oben begrenzt, vorsorglich gleich um 30 Bp. gesenkt.
  • Gemäss Powell hatten die heftigen Ausschläge damit zu tun, dass wegen der Zahlung von Unternehmenssteuern sowie der Abwicklung einer grösseren Emission von Staatsanleihen Liquiditätsengpässe entstanden.
  • Das Fed will in den nächsten Wochen über eine permanente Lösung des Problems entscheiden. Dazu könnte die Bilanz der US-Notenbank künftig wieder «organisch wachsen», um genügend Reserven im Bankensystem sicherzustellen, meinte Powell.

Reaktion der Finanzmärkte

Die Finanzmärkte reagieren auf die Nachrichten aus dem Federal Reserve gefasst. Der Dollar tendierte im Zug des Zinsentscheids fester, die langfristigen Zinsen zogen leicht an und der Goldpreis gab etwas nach:

Dollarindex (DXY) im Tagesverlauf am Mittwoch.<br>Quelle: Investing.com<br>

Dollarindex (DXY) im Tagesverlauf am Mittwoch.
Quelle: Investing.com

Die amerikanischen Aktienmärkte büssten unmittelbar nach der Publikation des Fed-Statements zwar zwischenzeitlich rund 0,8% ein. Im Verlauf der Pressekonferenz erholten sie sich aber und schlossen kaum verändert:

S&amp;P 500 im Tagesverlauf am Mittwoch.<br>Quelle: Yahoo Finance<br>

S&P 500 im Tagesverlauf am Mittwoch.
Quelle: Yahoo Finance

Die Reaktion unterscheidet sich damit deutlich zum letzten Fed-Entscheid von Ende Juli, als es zu einem Kursrutsch kam. Der S&P 500 schwankte damals um rund 50 Zähler, wogegen er sich am Mittwoch kaum mehr als 20 bewegte.

Mögliche Erklärungen dafür sind:

  • Anders als an der letzten Sitzung wirkte Powell erheblich selbstsicherer. Er war besser auf Fragen vorbereitet und beantwortete sie mit Sätzen, die sorgfältig eingeübt schienen.
  • Ende Juli hatte der Fed-Chef die erste Zinssenkung als «Mid-cycle Adjustment» bezeichnet -, also als leichte Adjustierung im Verlauf eines anhaltenden Konjunkturaufschwungs und nicht als Beginn einer längeren Serie von Lockerungen. Das irritierte die Märkte.
  • Diesen Begriff hat er am Mittwoch vermieden und versprach stattdessen, dass die US-Notenbank «angemessen agieren» werde, um die «Konjunkturexpansion aufrecht zu halten». Generell bemühte er sich, keine spezifischen Aussagen zum weiteren Kurs der Geldpolitik zu machen.

Ausblick zur Zinspolitik

Der neutrale Grundton während Powells Pressekonferenz hebt sich damit auffällig vom Fed-Statement ab, das eine strengere Haltung signalisiert. Offensichtlich ist, dass die Entspannung an den Finanzmärkten der Notenbank etwas mehr Spielraum gibt.

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China ist nicht weiter eskaliert, die US-Regierung agiert nach den Angriffen auf Saudi-Arabiens Ölindustrie bislang nicht überstürzt und es keimt Hoffnung, dass neue Stimulusmassnahmen in Europa und Asien eine globale Rezession verhindern.

Vor diesem Hintergrund notiert der S&P 500 bereits wieder unweit des Rekordhochs von Ende Juli, die Rendite auf zehnjährige Treasuries ist von rund 1,5 auf 1,8% gestiegen und die Inversion der Zinskurve ist weniger akzentuiert.

Entsprechend sieht das Fed kaum Anzeichen für eine gravierende Abkühlung in den USA und hat seine Konjunkturprognose praktisch unverändert belassen:

Ausblick des Fed-Gremiums

in %
aktuell
letzter Ausblick vom 19. Juni

Es räumt aber ein, dass sich Unternehmensinvestitionen und Exporte abgeschwächt haben. Was den weiteren Kurs der Geldpolitik betrifft, gehen die Meinungen im Vorsitz der US-Notenbank zudem weiter auseinander.

Sieben der insgesamt siebzehn Mitglieder des Gremiums wollen den Leitzins bis Ende Jahr um weitere 25 Bp. senken. Fünf sehen keinen Bedarf für eine abermalige Lockerung und fünf wollten die Fed Funds Rate auf dem Niveau von Ende Juli belassen.

Im Gegensatz dazu wird an den Finanzmärkten für 2019 mit mindestens einer zusätzlichen Zinssenkung gerechnet sowie mit abermaligen Lockerungen im nächsten Jahr.

Ob das Federal Reserve diesem Druck erfolgreich entgegen wirken kann, wird sich bald zeigen. Powells Strategie ist daher klar:

Er hofft, dass sich die globalen Aussichten aufhellen und die Forderung der Märkte nach weiteren Zinssenkungen ablässt. Sollte sich die Situation jedoch erneut verschärfen, signalisiert er Bereitschaft zu erneuten Lockerungen.

«Ehrlich gesagt ist es schwierig, sich feste Erwartungen im Hinblick darauf zu machen, wie die Zinspolitik in einem Jahr aussehen wird», meinte er dazu an der Pressekonferenz.