Hinter der Headline

Welche Unternehmen ohne Börsenäquivalenz im Regen stehen

Der Bundesrat schützt den Schweizer Handelsplatz. Nicht jedoch Unternehmen mit einer Zweitkotierung in Europa oder ausländischem Sitz.

Ruedi Keller

Alles deutet darauf hin, dass die Schweizer Börse am Montag ohne europäische Äquivalenzanerkennung dastehen wird. Europäischen Investoren wird es dann untersagt sein, die SIX als Handelsplatz zu nutzen – sofern in Europa Alternativen bestehen.

Das juristische «Buebetrickli»

Genau auf diese Bedingung zielt der Bundesrat mit seiner «Verordnung über die Anerkennung ausländischer Handelsplätze für den Handel mit Beteiligungspapieren von Gesellschaften mit Sitz in der Schweiz.»

Sie verbietet europäischen Börsen und Handelsplattformen den Handel mit Schweizer Aktien – falls europäisches Finanzmarktrecht einschränkende Bestimmungen einführt, die den Handel an Schweizer Handelsplätzen beeinträchtigt. Die europäischen Börsen wollen das offensichtlich akzeptieren, wie die «Neue Zürcher Zeitung» heute schreibt.

Mit der bundesrätlichen Schutzmassnahme wird in Europa keine Alternative mehr bestehen, Schweizer Aktien zu handeln. Damit steht auch europäischen Investoren wieder die SIX als Handelsplatz offen – sie werden gar gezwungen, dort zu handeln.

Dies gilt gemäss bundesrätlicher Erläuterungen «selbst dann, wenn ein gewisses Handelsvolumen mit Schweizer Aktien an EU-Handelsplätzen verbleibt, dieser Aktienhandel aber nicht auf systematische Weise, ad hoc, unregelmässig und selten getätigt wird.»

Folge: Der europäische Handel mit Schweizer Aktien wird auf die Schweizer Börse konzentriert. Die Volumen an der SIX dürften steigen, die Liquidität in den einzelnen Aktien ist gesichert. So weit, so gut.

Die Unternehmen mit Zweitkotierung in Europa

Wenig Beachtung finden jedoch die Ausnahmen: Die Schutzmassnahme greift weder für Unternehmen mit Kotierung in der Schweiz und Sitz im Ausland noch für Gesellschaften mit einer Zweitkotierung in Europa. Für sie hat die Aberkennung der Äquivalenz ihres Primärkotierungsstandorts Folgen: Investoren aus Europa dürfen die Titel nicht mehr in der Schweiz handeln, sondern sind gezwungen, dies auf einem europäischen Handelsplatz zu tun.

Davon betroffen sind zwei gewichtige Schweizer Unternehmen mit Zweitkotierungen in Europa: LafargeHolcim in Paris und ABB in Stockholm. Im mittleren Segment findet sich drittens Aryzta, die auch in Dublin gehandelt werden.

«Verschiebung der Handelsvolumen»

«Wir erwarten eine gewisse Verschiebung der Handelsvolumen zwischen den einzelnen Börsenplätzen», sagt ein ABB-Sprecher auf Anfrage. In den letzten sechs Monaten ging rund 8% des Handels mit ABB-Aktien über Stockholm, 13% in Form von American Depositary Shares über New York, 36% über die SIX und 43% der ABB-Aktien wurden über Multilaterale Handelsplattformen (MTF) gehandelt.

Ausgeprägter ist die Situation bei LafargeHolcim: «Mehr als 95%» des Handels läuft über Zürich, schreibt eine Sprecherin auf Anfrage. Entsprechend dünn ist der Handel in Paris.

Ähnlich dürfte das Verhältnis bei der in Dublin zweitkotierten Aryzta sein: «Eine grosse Mehrheit der Aktien werden in Zürich gehandelt», teilt ein Sprecher mit.

Zu den Auswirkungen, welche die erwarten Volumenverschiebungen auf den Kurs, die Liquidität und die Geld-Brief-Spanne haben könnten, wollte sich keines der Unternehmen äussern.

Die Unternehmen mit Sitz im Ausland

Die betroffenen Unternehmen mit Schweizer Kotierung, die ihren Sitz im Ausland haben, sind gemäss Informationen von The Market: Cosmo mit Sitz in Dublin, die Italiener Cassiopea und Newron, die israelische SHL Telemedicine, die Österreicher AMS und KTM, von den Britischen Jungferninseln Eastern Property Holding und Formulafirst, aus Guernsey LumX, die in den Niederlanden domizilierte Lastminute.com sowie die Liechtensteinische Landesbank und VP Bank.

Gehandelt hat bislang einzig Newron. Der Grund für die Wahl Newrons, sich 2006 an der SIX kotieren zu lassen, war der freie, grenzüberschreitende Zugang zu Kapital, den das Wachstumsunternehmen benötigt. Risikokapital aus einem einzigen Markt reicht dazu nicht aus.

Im Hinblick auf die Unsicherheiten der Äquivalenzfrage hat sich das italienische Biotech diese Woche zusätzlich neu in Düsseldorf kotieren lassen und eine Bank mandatiert, um die Liquidität im Handel sicherzustellen, sowohl am Standort Düsseldorf als auch über die Handelsplattform Xetra. Die sechs grössten Investoren Newrons stammen alle aus dem europäischen Raum.

«Gesamtverschiebung an die Nasdaq»

Keine grösseren Verwerfungen erwartet Chris Tanner, Verwaltungsrat beim Pharmaunternehmen Cosmo und Finanzchef bei der separat kotierten Cassiopea, die als Abspaltung davon entstand. Den grössten Teil des Handels würden Schweizer Investoren bestreiten, die von der Äquivalenzfrage nicht betroffen sind, sagt Tanner. Entsprechend hat er keine Vorkehrungen getroffen.

Als ausländische Unternehmen seien Cosmo und Cassiopea von der SIX nicht über die Konsequenzen der Äquivalenzaberkennung informiert worden. Sollten entgegen seinen Erwartungen klare Nachteile für Cosmo oder Cassiopea erwachsen, würde Tanner nach eigener Aussage drastische Schritte erwägen: Der SIX den Rücken kehren und eine «Gesamtverschiebung an die Nasdaq» einleiten.