Hinter der Headline

Wie die deutsche Automobilindustrie das Wachstum in Europa bremst

Der fortgesetzte Produktionsrückgang strahlt sowohl geografisch wie auch sektoriell weit über die deutsche Automobilindustrie aus. Die Schweiz ist weit stärker betroffen, als dies die Statistik über die gesamtwirtschaftliche Leistung des Landes suggeriert.

Daniel Zulauf

Die Internationale Automobilausstellung IAA, die gestern Mittwoch in Frankfurt eröffnet wurde, steht unter einem schlechten Stern. Der Verband der deutschen Automobilhersteller rechnet für das laufende Jahr mit einem Rückgang des weltweiten Absatzes von Personenwagen um rund 4% auf 81 Mio. Einheiten.

Während die Verkäufe in den USA und in Europa um 2 bzw. um 1% sinken dürften, geht die Branche in China von einem Einbruch der Verkäufe um 7% aus.

Für die deutschen Automobilhersteller ist die Nachfrageschwäche im Reich der Mitte besonders bitter. Mit einem Marktanteil von 24% haben sie in China mehr zu verlieren als die Konkurrenz. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass VW, Daimler, BMW & Co. in dem wichtigen Markt zuletzt weniger verloren haben als ihre Mitbewerber.

Die Nachfrageflaute auf den internationalen Automobilmärkten hat sich bereits überdeutlich auf die deutsche Wirtschaftsleistung ausgewirkt. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) schrumpfte im zweiten Quartal vor allem infolge einer Schwäche im verarbeitenden Gewerbe um 0,1%. Bereits im dritten Quartal 2018 sank die Wirtschaftsleistung Deutschlands um 0,1%.

Schweiz ist keine Ausnahme

Eine am Montag veröffentlichte Untersuchung des Forschungsnetzes EconPol Europe analysiert die nationalen und internationalen Auswirkungen der rückläufigen Produktionsleistung der Automobilbauer in Deutschland. Die Untersuchung kommt zum Ergebnis, dass der mit einem Wertschöpfungsanteil von 4,7% wichtigste Wirtschaftszweig Deutschlands auch in anderen Ländern Europas einen wesentlichen Einfluss auf den Konjunkturverlauf und auf die Entwicklung des verarbeitenden Gewerbes hat. Die Schweiz stellt keine Ausnahme dar.

Die Untersuchung stützt sich in ihren Berechnungen auf das dritte Quartal 2018. Damals war die Produktion in der deutschen Automobilindustrie um ungewöhnlich hohe 9,4% eingebrochen. Als Hauptgrund dafür sahen Branchenbeobachter das neue, weltweit harmonisierte Testverfahren zur Bestimmung des Treibstoffverbrauchs und der Abgasemissionen, das seit Anfang September 2018 in Europa Gültigkeit hat. Vielen deutschen Herstellern war die Umstellung auf das neue Testverfahren nicht fristgerecht gelungen, was diese zur Drosselung der Produktion gezwungen hatte.

Dass in jenem dritten Quartal 2018 die gesamte Wirtschaftsleistung Deutschlands um 0,1% tiefer ausfiel, führen die Autoren der Studie allein auf die Kontraktion des Automobilsektors zurück. Die Produktionseinbussen der Automobilhersteller und ihrer direkten Zulieferer hätten in Verbindung mit Zweitrundeneffekten beispielsweise im Handel und in anderen Dienstleistungsbereichen das deutsche Bruttoinlandprodukt im untersuchten Dreimonatsabschnitt um 0,75% geschmälert, stellt die Untersuchung fest.

Hohe Wertschöpfung durch Zulieferer

Interessant ist dabei der Umstand, dass der direkte Wertschöpfungsanteil der Automobilhersteller in Deutschland selber lediglich bei rund 25% liegt, während 75% der Wertschöpfung durch Zulieferfirmen erbracht werden. Vom Wertschöpfungsanteil der Zulieferindustrie entfallen wiederum 54% auf Unternehmen in Deutschland und nur 21% auf Unternehmen in anderen Ländern.

Vor dem Hintergrund dieses auf den ersten Blick erstaunlich gering erscheinenden Auslandanteils überrascht das Ausmass, mit dem die direkt und indirekt für die deutsche Automobilindustrie produzierenden Unternehmen in anderen Ländern die lokale Konjunktur beeinflussen. In Tschechien ist das BIP im untersuchten Quartal infolge des Produktionsrückganges im deutschen Automobilsektor um 0,21% geschrumpft, in Ungarn um 0,2%, in der Slowakei um 0,18% etc. (vgl. Tabelle).

Produktionseinbruch der deutschen Autoindustrie bremst Europas Wirtschaft

in %
Deutschland -0,75
Tschechien -0,21
Ungarn -0,2
Slowakei -0,18
Slowenien -0,12
Österreich -0,1
Polen -0,09
Rumänien -0,07
Luxemberug -0,05
Belgien -0,04

Dass die Schweiz in dieser Tabelle nicht erscheint, dürfte vor allem mit dem Umstand zu erklären sein, dass die hiesige Pharmaindustrie mit einem Anteil von rund 30% an der gesamten volkswirtschaftlichen Wertschöpfung die ökonomische Bedeutung des lokalen verarbeitenden Gewerbes statistisch weit überstrahlt.

Gleichwohl zeigt die vorliegende Untersuchung die herausragende Bedeutung der deutschen Automobilindustrie für die hiesigen Zulieferbetriebe. So führte der Produktionsrückgang im dritten Quartal 2018 auch in der Schweizer Automobilzulieferbranche zu einer Abnahme des Outputs um 1,5%. In keinem anderen untersuchten Land wurde die lokale Zulieferindustrie härter getroffen als in der Schweiz (vgl. Tabelle).

Der Produktionsrückgang der Automobilzulieferer

in %
Schweiz -1,5
Österreich -1,4
Tschechien -1,3
Ungarn -1,3
Slowenien -1,2
Slowakei -1
Finnland -0,9
Polen -0,8
Dänemark -0,7
Rumänien -0,7

Wie stark die Verflechtung der Schweizer Automobilzulieferbranche mit der deutschen Industrie tatsächlich ist, zeigt eine im Januar veröffentlichte Branchenstudie des «Swiss Center for Automotive Research» (Swisscar) der Universität Zürich. Die Autoren der Studie unter Leitung von Anja Schulze, Professorin für Technologie- und Innovationsmanagement, eruierten 574 Firmen mit einem Jahresumsatz von 12 Mrd. Fr. und 34'000 Mitarbeitern. Die Firmen wurden mitunter auf die Bedeutung ihrer Absatzmärkte befragt. Dabei antworten 50%, mindestens die Hälfte des Umsatzes im deutschen Markt zu generieren.

Die enge Verflechtung mit den deutschen Herstellern war in den vergangenen Jahren ein grosser Vorteil für die Schweizer Zulieferer. Das zeigt schon allein die von der Swisscar-Untersuchung festgestellte Tatsache, dass diese ihre Position trotz starker Frankenaufwertung in der zurückliegenden Dekade zu halten vermochten.

Das Blatt droht sich zu wenden

Doch das Blatt droht sich nun zu wenden. Zwar dürften sich die weltweiten Personenwagenverkäufe auch nach dem erwarteten Rückgang im laufenden Jahr noch fast 50% über jenen des Krisenjahres 2009 (55 Mio. Einheiten) bewegen. Doch gerade im vergangenen Jahrzehnt hat die Automobilbranche aufgrund der guten Konjunktur kräftig Produktionskapazitäten aufgebaut, die nun zunehmend vor Auslastungsproblemen stehen.

Die Verschiebungen im Antriebsmix zuungunsten reiner Verbrennungsmotoren ist möglicherweise ein wichtiger, aber mit Bestimmtheit nicht der einzige Grund dafür. Allein im August sind die Exporte der deutschen Automobilhersteller um 6% zurückgegangen. Von Januar bis August brachen sie sogar um 14% ein. Die Produktion hat sich auch ein Jahr nach Einführung des Emissionstestverfahrens nicht erholt.

In den ersten acht Monaten des Jahres lag sie 11% tiefer als 2018. Robert Lehmann, Forscher am Münchner Ifo-Institut und Ko-Autor der EconPol-Studie, spricht von einer generellen «Nachfrageschwäche», die zum wenig erbaulichen Ausblick der deutschen Konjunktur beitrage. Die deutsche Industrie werde in der näheren Zukunft in der Rezession verharren und die deutsche Wirtschaft viel langsamer wachsen als in früheren Jahren, prophezeit der Ökonom.