Hinter der Headline

Zuversichtliche Botschaft aus Omaha

Warren Buffett äussert sich in seinem jährlichen Aktionärsbrief gewohnt optimistisch für die Geschäftsaussichten von Berkshire Hathaway. Er teilt aber auch Kritik aus und räumt einen gravierenden Fehler ein.

Christoph Gisiger
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Diesem Lagebericht blicken Investoren aus aller Welt stets mit Spannung entgegen: Wie immer gegen Ende Februar hat Warren Buffett am Samstag den jährlichen Brief an die Aktionäre seiner Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway veröffentlicht.

Anders als in seinem letzten Schreiben vor einem Jahr, als die globale Ausbreitung des Coronavirus die Finanzmärkte erschütterte, sehen die Perspektiven heute wesentlich freundlicher aus. Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund, dass der «Weise von Nebraska» die Pandemie in seinem Schreiben mit kaum einem Wort erwähnt. Auch zur politischen Entwicklung in Washington äussert er sich nicht.

Stattdessen lautet Buffetts Kernbotschaft wie immer: «Never bet against America.» Entsprechend optimistisch beurteilt er die Aussichten für sein Konglomerat, das vom Versicherer Geico über den Süsswarenhersteller See’s bis hin zum Chemiekonzern Lubrizol Dutzende von Unternehmen sowie namhafte Beteiligungen an internationalen Grosskonzernen wie Apple, Coca-Cola und American Express umfasst.

Wie die lebende Investorenlegende im Aktionärsbrief ausführt, ist der Wert von Berkshires Anlagevermögen in den USA inzwischen auf 154 Mrd. $ gewachsen. Keine andere Firma hat eine grössere Präsenz in Amerika. An zweiter Stelle rangiert der Telecomkoloss AT&T mit rund 127 Mrd. $.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Buffett dieses Mal dem Eisenbahnkonzern BNSF, einem der grössten Unternehmen im Berkshire-Verbund. BNSF werde vom Aufschwung der US-Wirtschaft profitieren und habe Berkshire seit der Übernahme im Jahr 2010 bereits fast 42 Mrd. $ an Dividenden ausgezahlt. Obschon das Transportvolumen 2020 um 7% zurückgegangen sei, habe BNSF die Gewinnmarge um 3 Prozentpunkte verbessern können, lobt Buffett das Management.

«Die Geschichte der Eisenbahnindustrie in Amerika ist faszinierend», hält er fest. «Nach 150 Jahren geprägt von wilder Bautätigkeit, Betrügereien, Überkapazitäten, Konkursen, Reorganisationen und Fusionen ist in den letzten Jahrzehnten eine voll entwickelte und rationalisierte Branche entstanden», konstatiert er.

Appell zu Besonnenheit

Der Stromgruppe BHE, einem anderen wichtigen Teil des Berkshire-Imperiums, stehen demgegenüber beträchtliche Investitionen bevor.

«Im Gegensatz zu Eisenbahnen benötigen Elektrizitätsversoger in unserem Land einen massiven Umbau, dessen ultimative Kosten atemberaubend hoch sein werden», bemerkt Buffett. Dazu zähle die Verlagerung der Produktion zu erneuerbaren Energiequellen. Dieser Effort werde über Jahrzehnte sämtliche Gewinne von BHE absorbieren.

Die grössten Herausforderungen in der heutigen Zeit stellen aus Sicht des Berkshire-Chefs aber die tiefen Renditen an den Anleihemärkten dar. «Investoren in festverzinslichen Anleihen - gleichgültig ob Pensionskassen, Assekuranzkonzerne oder Pensionäre - sehen sich weltweit mit einer trostlosen Zukunft konfrontiert», schreibt Buffett.

Er warnt deshalb davor, dass manche Versicherungsunternehmen versuchen, die mageren Renditen mit Papieren von Kreditnehmern aufzupeppen, die eine krisenanfällige Bilanz aufweisen: «Riskante Darlehen sind nicht die Lösung für die unzureichenden Zinsen», heisst es im Aktionärsbrief. «Die einst mächtige Branche der Sparkassen hat sich vor drei Jahrzehnten selbst zerstört; mitunter, weil sie diese Maxime ignorierte.»

Scharfe Kritik übt das Buffett am boomenden Trend zu Aktienpromotionen und an den «einfallsreichen» Praktiken bei der Rechnungslegung, die vor allem jüngere Unternehmen aus dem Tech-Sektor anwenden. Solche «Manöver» seien bestenfalls irreführend und würden manchmal die Grenze des Legalen überschreiten.

«Natürlich wird auch diese Party irgendwann enden. Dabei wird sich herausstellen, dass viele «Herrscher» aus der Unternehmenswelt keine Kleider tragen», mahnt er.

Weiter fügt er hinzu: «Die Finanzgeschichte ist voll von Namen berühmter Konstrukteure von Konglomeraten, die anfänglich von Journalisten, Analysten und Investmentbankern als unternehmerische Genies vergöttert wurden. Ihre Kreationen sind dann aber auf dem Schrotthaufen der Unternehmensgeschichte gelandet.»

Ob das «Orakel von Omaha» damit wohl Elon Musk, Chamath Palihapitiya und Konsorten meint?

«Hässlicher Abschreiber»

Buffett hält sich auch mit Selbstkritik nicht zurück. Er habe mit dem über 32 Mrd. $ teuren Kauf des Flugzeugzulieferers Precision Castparts (PCC) 2016 einen kostspieligen Fehlgriff gemacht, räumt er ein.

«Niemand hat mich dabei getäuscht - ich war schlicht zu optimistisch, was das Gewinnpotenzial von PCC betrifft», hält er fest. Diese Fehlkalkulation habe sich letztes Jahr durch die Krise in der Airline-Industrie als offensichtlich erwiesen. Das Resultat: ein «hässlicher Abschreiber» von 11 Mrd. $.

«PCC ist längst nicht mein erster Fehler, dafür aber ein grosser», gesteht der neunzigjährige Milliardär ein.

Die Wertberichtigung belastet den Leistungsausweis von Berkshire Hathaway. Im vierten Quartal hat sich das operative Ergebnis gegenüber der Vorjahresperiode zwar von rund 4,4 auf 5 Mrd. $ verbessert. Auch stieg der Konzerngewinn einschliesslich der bedeutenden Aktienbeteiligungen um 23% auf 35,8 Mrd. $. Für das Gesamtjahr resultiert jedoch ein Gewinnrückgang von fast 50% auf 42,5 Mrd. $.

Mit dafür verantwortlich ist ebenso der abrupte Verkauf sämtlicher Airline-Aktien, die letztes Jahr wegen der Pandemie stark unter Druck geraten waren. Ebenso hat Berkshire diverse Engagements im Bankensektor stark reduziert. Wie der Konzern vor zwei Wochen offenlegte, wurden mit Verizon und Chevron im Gegenzug zwei grössere Positionen aufgebaut:

Berkshire Hathaway: grösste Positionen

US-Aktienportfolio: 270 Mrd. $
in Mrd. $ Veränderung Anteil am Unternehmen Im Portfolio seit
Apple117,7
-6%5,1Q1 2016
Bank of America30,6
unv.11,7Q3 2017
Coca-Cola21,9
unv.9,3Q1 2001
American Express18,3
unv.18,8Q1 2001
Kraft Heinz11,3
unv.26,6Q3 2015
Verizon8,6
neu3,5Q4 2020
Moody's7,2
unv.13,1Q1 2001
U.S. Bancorp6,1
unv.8,7Q1 2006
Chevron4,1
neu2,5Q4 2020
DaVita3,8
unv.32,2Q4 2011

Berkshire hat ausserdem in Aktien von Pharmakonzernen wie Merck und Bristol Myers-Squibb sowie in japanische Handelshäuser investiert. Zudem hat die Gruppe letzten Sommer das Gaspipeline- und Speichergeschäft des Versorgers Dominion Energy für 10 Mrd. $ übernommen. Der riesige Cash-Bestand hat sich derweil von 146 auf 138 Mrd. $ reduziert.

Die Aktien von Berkshire Hathaway, die im Best Ideas Portfolio von The Market vertreten sind, gewinnen seit Ende Oktober an Dynamik. Seit Anfang Jahr haben sie annähernd 4% gut gemacht, während der US-Leitindex S&P 500 rund 1,5% fester notiert.

Dennoch bleibt Berkshire in den Augen von Buffett deutlich unterbewertet. Aus diesem Grund hat das Unternehmen im vierten Quartal abermals für rund 9 Mrd. $ eigene Aktien gekauft. Insgesamt hat es letztes Jahr knapp 25 Mrd. $ für Buyback-Transaktionen ausgegeben, was gut 5% der ausstehenden Aktien entspricht:

Berkshire Hathaway: Aktienrückkäufe

in Mio. $

Wie aus dem Aktionärsbrief hervorgeht, hat sich diese Entwicklung in den vergangenen Monaten fortgesetzt. «Berkshire hat seit Ende Jahr noch mehr Aktien zurückgekauft und wird die Anzahl ausstehender Titel in Zukunft wahrscheinlich weiter reduzieren», lässt Buffett seine Aktionäre wissen.

Mehr Details dazu gibt es Anfang Mai an der Berkshire-Generalversammlung. Wegen der Pandemie findet sie auch dieses Jahr virtuell statt und wird live von Yahoo übers Internet übertragen. Um auf Buffetts langjährigen Geschäftspartner Charlie Munger Rücksicht zu nehmen, wird der Anlass ausnahmsweise nicht in Omaha sondern in Los Angeles abgehalten, wo Munger wohnt.