«Besonders positiv stimmt mich Sika. Der Bauchemiehersteller hat mit der letztjährigen Grossübernahme von Parex bisher nur positive Überraschungen erlebt»: Martin Lehmann (Bild: zvg).

«Besonders positiv stimmt mich Sika. Der Bauchemiehersteller hat mit der letztjährigen Grossübernahme von Parex bisher nur positive Überraschungen erlebt»: Martin Lehmann (Bild: zvg).

Das Interview

«Anleger können stabile bis steigende Dividenden erwarten»

Fondsmanager Martin Lehmann äussert sich zu den Aussichten der mittelständischen Schweizer Unternehmen. Er sieht einen abnehmenden Investitionsbedarf, was Geld für Ausschüttungen an die Aktionäre freimacht.

Andreas Kälin
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Die Baader Helvea Swiss Equities Conference in Bad Ragaz ist ein zentraler Investorenanlass in der Schweiz: Im Rahmen dieser Veranstaltung haben sich am 16. und 17. Januar mehr als fünfzig Schweizer Börsengesellschaften präsentiert.

Martin Lehmann

Martin Lehmann (39) managt seit 2016 den 3V Invest Swiss Small & Mid Cap Fund. Er war mehrere Jahre für UBS tätig, bevor er 2008 in die 3V Asset Management eintrat. 2015 übernahm er den Vermögensverwalter via Management Buyout. 3V verwaltet in ihrem Fonds aktuell rund 120 Mio. Fr. und verfolgt einen High-Conviction-Ansatz: Der Fonds investiert vorwiegend in hochqualitative mittelständische Schweizer Unternehmen und beschränkt sich typischerweise auf dreissig Positionen.

Martin Lehmann (39) managt seit 2016 den 3V Invest Swiss Small & Mid Cap Fund. Er war mehrere Jahre für UBS tätig, bevor er 2008 in die 3V Asset Management eintrat. 2015 übernahm er den Vermögensverwalter via Management Buyout. 3V verwaltet in ihrem Fonds aktuell rund 120 Mio. Fr. und verfolgt einen High-Conviction-Ansatz: Der Fonds investiert vorwiegend in hochqualitative mittelständische Schweizer Unternehmen und beschränkt sich typischerweise auf dreissig Positionen.

Unter den rund 300 anwesenden institutionellen Anlegern befand sich auch Martin Lehmann, Manager des 3V Invest Swiss Small & Mid Cap Fund. Im Interview mit The Market schildert er seine Erkenntnisse aus der Konferenz, die in diesem Jahr zum sechzehnten Mal durchgeführt wurde.

Die Präsentationen von zyklischen Unternehmen haben bei ihm einen gemischten Eindruck hinterlassen. So konnten der Autozulieferer Komax und der Textilhersteller Rieter nicht verhehlen, dass ihre Märkte weiterhin schwierig sind.

Aufgefallen ist Lehmann, dass sich viele der Unternehmen in einer Phase befinden, in der der eigene Investitionsbedarf eher abnimmt. Das stützt den freien Cashflow und lässt auf insgesamt stabile bis steigende Dividenden schliessen.

Immer wichtiger wird das Thema Nachhaltigkeit. Lehmann sieht darin mehr als einen kurzfristigen Trend und sagt, dass auch die Fondsindustrie den Druck spüre, nachhaltig zu investieren. Insgesamt geht er davon aus, dass auch 2020 ein gutes Anlagejahr wird.

Herr Lehmann, gemäss Programm hätte Aryzta an der Baader Helvea Swiss Equities Conference als eines der ersten Unternehmen eine Präsentation halten sollen. Weshalb ist es nicht dazu gekommen?
Laut dem Veranstalter hat Aryzta die Teilnahme zwei Tage vor der Konferenz abgesagt. Der Backwarenkonzern bietet eine Turnaround-Situation, seine Präsentation wäre wohl sehr gut besucht worden. Zudem gibt es im Rahmen der Konferenz auch Einzelmeetings zwischen dem Management und Investoren, die im betreffenden Titel eine Position aufgebaut haben. Dass Aryzta so kurzfristig abgesagt hat und als Begründung dafür eine Terminkollision angibt, hat für Erstaunen gesorgt.

Es macht den Eindruck, das Management habe nicht einmal die Terminplanung im Griff. Oder ist an der Konferenz darüber spekuliert worden, der wahre Grund für die Absage könnte ein anderer gewesen sein – dass zum Beispiel eine weitere Gewinnwarnung anstehen könnte?
Gerade bei einem Unternehmen wie Aryzta, das in einer Krise steckt, taucht schnell die Frage auf, was hinter der kurzfristigen Absage steckt. Jeder macht sich einen eigenen Reim darauf, das Management muss sich dessen bewusst sein. Aber es ist auch heikel, zu viel zu spekulieren.

Wie war bei den präsentierenden Gesellschaften im Allgemeinen die Stimmung?
Verhalten positiv. Vor einem Jahr waren die Teilnehmer noch stark verunsichert, weil im Monat davor die Börse eingebrochen war und der Handelskonflikt die Gemüter stark beschäftigte. Von der Rezessionsangst, die damals herumging, ist dieses Mal nicht viel zu spüren gewesen. Von den Unternehmensführungen sind recht zuversichtliche Töne zu hören gewesen.

Gilt das auch für die zyklischen, also konjunkturabhängigen Unternehmen?
Vorwegschicken muss ich, dass in vielen zyklischen Aktien im Sommer eine starke Kurserholung einsetzte. Für mich als Fondsmanager ist diese Erholung ein bisschen zu schnell gegangen. Das gilt gerade für Werte von Unternehmen, die an der Automobilindustrie hängen.

So wie der Autozulieferer Komax, dessen Aktien am Dienstag nach einer Rückstufung durch die UBS-Analysten 11% verloren haben?
Komax hatte zeitweise unter einem Kapazitätsengpass gelitten, sie baute daraufhin die Produktion in Dierikon aus und hat jetzt mit Überkapazitäten zu kämpfen. Denn ihre Märkte haben sich noch nicht so weit erholt, dass die Auslastung auf gutem Niveau wäre. Dazu leidet Komax darunter, dass ein wichtiger Kunde wie Leoni eigene Probleme hat. Grundsätzlich sind für mich die Komax-Titel im Sektor der Autozulieferer wegen der Marktposition, der Bilanz- und der Managementqualität erste Wahl. Aber nach der Präsentation an der Konferenz von letzter Woche hatte ich das Gefühl, dass es für Käufe zu früh ist.

Haben Sie bei weiteren Unternehmen ein weniger gutes Gefühl erhalten?
Die Präsentation von Rieter habe ich als wenig inspirierend empfunden. Der Textilmaschinenhersteller ist anfällig für Währungsschwankungen und ist in schwierigen Endmärkten wie der Türkei tätig. Positiv ist, dass er über eine sehr solide Bilanz verfügt. Überspitzt formuliert ist er fast eine Bank. An der Präsentation kam aus dem Publikum denn auch die Frage, ob ein Aktienrückkauf eine Option sei. Das Management will sein Pulver angesichts der operativ unsicheren Lage aber lieber noch trocken halten.

Starken Zyklen unterworfen sind die Gesellschaften aus dem Halbleitersektor.
Mike Allison, der CEO des Vakuumventilherstellers VAT, hat bestätigt, was er im November schon gesagt hatte. Es läuft operativ gut, der Markt hat Ende des dritten Quartals 2019 nach oben gedreht. Aber man muss sehen, dass die VAT-Aktien letztes Jahr um 90% gestiegen sind. Im Kurs spiegelt sich schon viel von einer operativen Erholung. Bemerkenswert finde ich da auch den Fall Inficon. Das ebenfalls in der Halbleiterindustrie tätige Unternehmen hat ja kurz vor der Konferenz recht unerfreuliche Zahlen für 2019 gemeldet, dennoch haben sich die Titel gut gehalten. Die Investoren fokussieren auf die Aussichten für 2020.

Was für einen Eindruck haben Sie von den Chemieunternehmen erhalten, die auch konjunkturabhängig sind?
Besonders positiv stimmt mich Sika, wenn man den Bauchemiehersteller in diesen Sektor einbezieht. Der Konzern hat vor einem Jahr den Kauf der französischen Mörtelfirma Parex angekündigt. Bisher hat er mit dieser Grossübernahme nur positive Überraschungen erlebt, wie Finanzchef Adrian Widmer gesagt hat. Offensichtlich ist die Integration sauber verlaufen. Sikas Ergebnis im Schlussquartal 2019 war wegen Einmaleffekten eher enttäuschend. Aber der Kurs hat sich schnell davon erholt.

Wie hat sich der Spezialchemiekonzern Clariant präsentiert?
Von Finanzchef Patrick Jany waren positive Töne zu hören. Clariant wird nun verschlankt. Der im Dezember angekündigte Verkauf des Bereichs Masterbatches führt nun zu einer Sonderdividende von 3 Fr. je Aktie. Das ist im Übrigen ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig die Dividendenthematik ist.

Was können die Anleger mit Blick auf die Dividenden generell erwarten?
Man merkt, dass viele Unternehmen der Generierung von freiem Cashflow ein grosses Gewicht beimessen. Und man hat auch gemerkt, dass viele sich im Capex-Zyklus in einer Phase befinden, in der der Investitionsbedarf eher abnimmt, was dem freien Cashflow natürlich zugutekommt. Vor diesem Hintergrund können die Anleger generell stabile bis steigende Dividenden erwarten.

Gibt es noch andere Themen, die unter Investoren zurzeit diskutiert werden?
Ein grosses Thema ist ESG, also der gesamte Nachhaltigkeitsbereich. In der Fondsindustrie spüren wir Druck von unseren Kunden, den Investoren, nachhaltig anzulegen. Diesen geben wir an die Unternehmen weiter. Wer glaubt, das Thema Nachhaltigkeit sei ein kurzfristiger Trend, der täuscht sich.

Welche Unternehmen tun sich mit Blick auf die ESG-Thematik hervor?
Dazu gehören Gurit oder Schweiter, die Kernmaterialien für Windturbinen respektive die Rotorblätter liefern. Oder Belimo mit ihren Antrieben für Heizungs-, Klima- und Lüftungstechnik. Das Thema Nachhaltigkeit adressiert auch der Sanitärtechniker Geberit, etwa wenn er es schafft, dass beim Spülen Wasser gespart werden kann. Und dass die Aktien des Stromzählerherstellers Landis+Gyr im letzten Jahr um mehr als 80% gestiegen sind, hat ebenfalls damit zu tun, dass sie aufgrund der ESG-Kriterien gesucht sind.

Welche Gesellschaften passen schlecht in dieses Raster?
Punkto ESG-Kriterien passen die Titel des Zementkonzerns LafargeHolcim nicht gut ins Portfolio. An der Konferenz bei der Präsentation war das aber weniger ein Thema. Man sieht, dass die Anstrengungen des Managements mit CEO Jan Jenisch Früchte tragen. Die Verschuldung von LafargeHolcim ist massiv gesunken, der Konzern wird entschlackt. So hat er sich vom Geschäft in den Philippinen, das nie richtig profitabel war, verabschiedet.

Ein Nachteil von LafargeHolcim ist, dass sie in einer kapitalintensiven Branche tätig ist.
Die Mittel werden heute aber effizienter alloziert, was die Investoren gerne sehen. Jenisch, der in der Finanzgemeinde einen guten Namen hat, zeigt sich auch bezüglich Akquisitionen bisher sehr diszipliniert. Ich glaube, er wird LafargeHolcim weiter beleben.

Bis jetzt haben wir vor allem über zyklischere Unternehmen gesprochen, wie haben Sie die defensiven erlebt?
Mir gefallen grundsätzlich defensivere Geschäftsmodelle mit strukturellen Wachstumstreibern gut. Dazu zähle ich den Schokoladehersteller Lindt & Sprüngli, den Aufzugs- und Fahrtreppenkonzern Schindler, die Pharmazulieferer Lonza und Siegfried oder den Dentalspezialisten Straumann.

Das sind jedoch alles sehr hoch bewertete Aktien. So weisen die Straumann-Titel anhand der Bloomberg-Konsensschätzung ein Kurs-Gewinn-Verhältnis 2020 von 39 auf.
Ja, aber Straumann wächst stark. Mir hat ihre Präsentation an der Konferenz gefallen. Das Management kann die Aussichten gut abschätzen. Es sieht, dass der Markt wächst und dass Straumann in diesem wachsenden Markt laufend Anteile gewinnt. Das gelingt auch dank Innovationen wie den Clear Aligners, den durchsichtigen Zahnschienen. Ich akzeptiere eine höhere Bewertung, wenn das Geschäftsmodell dafür strukturelle Wachstumstreiber aufweist.

Hoch bewertet sind auch die Valoren des auf Privatmarktanlagen spezialisierten Vermögensverwalters Partners Group, der ebenfalls an der Konferenz präsentiert hat.
Im Bereich der Mid Caps sind Partners Group für mich eine Kernanlage. Die Leute dort machen einfach eine sehr gute Arbeit. Aber es gibt immer wieder Stimmen, die meinen, dass sie aufgrund des Tiefzinsumfelds zu viel Liquidität erhalten und dass es schwierig ist, diese Mittel sinnvoll und zu vernünftigen Preisen zu investieren. Das muss man auf dem Radar haben.

Man kann sagen, solange die Geldpolitik global expansiv und die Börsenstimmung gut bleibt, so lange geht der Aufwärtstrend von Partners Group weiter.
Das ist so. Ich gehe davon aus, dass die Notenbanken die Geldschwemme aufrechterhalten. In den USA haben wir zudem ein Wahljahr. Präsident Donald Trump wird mit der Hilfe der US-Notenbank alles tun, um zu verhindern, dass die Börse und die Stimmung kippen. Alles in allem erwarte ich ein gutes Börsenjahr. Für die Schweizer Börse sollte ein Plus von 5 bis 10% drinliegen. Das ist auch etwa der Konsens.

Spüren Sie, dass die Anleger investitionswillig sind, respekive verzeichnen Sie und Ihre Kollegen eher Zu- oder Abflüsse in den Fonds?
Nach einem so starken Börsenjahr wie 2019, in dem der SMI um 26% gestiegen ist, sollte man meinen, dass der eine oder andere Anleger etwas Geld vom Tisch nimmt. Bis jetzt spüre ich aber nicht, dass sich unter meinen Kunden die Ansicht breitmacht, sie müssten Gewinne mitnehmen. Generell hört man von den Fondsmanagern, dass sie keine grossen Zuflüsse hätten, aber eben auch keine Abflüsse.

Also gibt es keine Euphorie?
Viele Anleger haben das Gefühl, dass der Börsenanstieg 2019 ein bisschen zu schnell war. Auch darum spürt man nichts von einer Euphorie. Ich glaube, viele sind zurzeit tendenziell sogar unterinvestiert.

Was ziehen Sie aus der Baader Helvea Swiss Equities Conference für ein Fazit?
Im Allgemeinen sind die Unternehmen zuversichtlich, dass 2020 ein gutes Jahr wird. Vorsichtig bleibe ich gegenüber den Autozulieferern, für sie ist es im Moment schwierig. Grundsätzlich vertraue ich darauf, dass sich Qualität durchsetzt. The winner takes it all. Ein gut geführtes, marktdominierendes Unternehmen macht auch gute Angebote und wird noch stärker. Ich bevorzuge Qualität, auch wenn ich dafür etwas mehr bezahlen muss.

Die grössten Positionen im Fonds von Martin Lehmann

Positionen des 3V Invest Swiss Small & Mid Cap Fund, aktuell
Unternehmen Branche in % des Fonds
Logitech Computerzubehör, Software 6,3
Also IT-Dienstleistungen 5,1
Lindt & Sprüngli Nahrungsmittel 4,8
Schindler Aufzüge, Fahrtreppen 4,8
VAT Group Vakuumventile 4,6
Comet Technologie 4,4
Temenos Bankensoftware 4,3
Molecular Partners Biotechnologie, Pharma 4,2
Evolva Biotechnologie 3,7
Partners Group Vermögensverwalter 3,5