Interview

«China wird die heimische Wirtschaft nicht wie 2009 stimulieren»

Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in China, spricht im Video-Interview mit The Market über die wirtschaftliche und politische Entwicklung Chinas im Nachgang der Covid-19-Pandemie.

Mark Dittli
Drucken
Teilen

Die Schlagzeile ging um die Welt: Chinas Bruttoinlandprodukt ist im ersten Quartal um 6,8% geschrumpft. Wie geht es der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt heute, nachdem die Covid-19-Pandemie im Land unter Kontrolle zu sein scheint und seit nunmehr zwei Monaten am Wiederaufbau der Wirtschaft gearbeitet wird?

Darüber hat sich The Market mit Jörg Wuttke in Form eines Video-Interviews unterhalten. Der intime Kenner Chinas lebt seit über dreissig Jahren in Peking und präsidiert die einflussreiche EU-Handelskammer in China.

Gemäss Wuttke wurde der Industriesektor des Landes am stärksten hochgefahren, die Autohersteller zum Beispiel arbeiten zum Teil bereits wieder auf Vorkrisenniveau. Deutlich schwächer präsentiere sich der Zustand des Dienstleistungssektors, wo unzählige Kleinbetriebe den Lockdown nicht überlebt haben. Der Weg zurück zur Normalität sei noch sehr lang.

Die Verschuldung im Land ist hoch, Teile des Bankensystems marode, weshalb die Zentralregierung davon absehen werde, grosse Stimulusprogramme wie im Nachgang der Finanzkrise von 2008 zu beschliessen. «China fühlt sich dieses Mal nicht berufen, die Weltwirtschaft aus dem Sumpf zu ziehen», sagt Wuttke.

Wichtige Signale zur Wirtschaftspolitik seien am 22. Mai zu erwarten, wenn mit knapp zweieinhalb Monaten Verspätung der Nationale Volkskongress in Peking stattfindet.

Für das laufende Jahr rechnet Wuttke für China mit einem BIP-Wachstum von 2%, gefolgt von einer markanten Belebung – dank des Basiseffektes – auf mehr als 8% im kommenden Jahr. 2021 ist ein wichtiges Jahr für Parteisekretär und Staatschef Xi Jinping, weil es den 100. Jahrestag der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas markiert.

Wuttke erwartet eine Reduktion der Auslandsinvestitionen im Rahmen der «Belt and Road»-Initiative und warnt im Interview vor der laufenden Verschärfung des Technologie-Konflikts zwischen China und den USA. Die Aussichten für die Beziehung zwischen den beiden Grossmärkten bezeichnet er als «sehr düster».

Skeptisch ist er, was die PR-wirksamen Hilfsaktionen Pekings im Rahmen der Covid-19-Bekämpfung weltweit betrifft. «China hat es geschafft, Goodwill in Misstrauen zu verwandeln», sagt Wuttke.

Veranstaltungshinweis: Anlässlich ihres zwanzigjährigen Bestehens führt die EU-Handelskammer in China im Mai eine Reihe von Webinar-Konferenzen mit hochkarätigen Rednerinnen und Rednern aus Europa und China durch. Mehr Informationen hier.