Wieder am operativen Steuer: Hariolf Kottmann, Geschäftsführender Präsident des Verwaltungsrats von Clariant. (Bild: ZVG)

Wieder am operativen Steuer: Hariolf Kottmann, Geschäftsführender Präsident des Verwaltungsrats von Clariant. (Bild: ZVG)

Das Interview

Clariant-VRP: «Die Divergenzen liegen in der Bewertung»

Hariolf Kottmann, Geschäftsführender Präsident von Clariant, erklärt im Interview, warum die Bildung des Joint Ventures mit Sabic auf Eis liegt.

Ruedi Keller

Gestern der Rücktritt von Kurzzeit-CEO Ernesto Occhiello. Heute die Nachricht, dass Clariant die Verhandlungen über das Joint Venture mit Sabic «vorübergehend ausgesetzt» hat. Es hätte ab dem kommenden Jahr die grösste Division von Clariant formen sollen. Die Börse quittiert die schlechten Nachrichten mit einem Kurseinbruch um 10%.

Im Interview mit The Market nimmt Hariolf Kottmann Stellung zu den Vorgängen beim Schweizer Chemiekonzern. Nach zehn Jahren als CEO und einer kurzen Periode als Verwaltungsratspräsident übernimmt Kottmann nun vorübergehend als Geschäftsführender Präsident wieder die operative Führung.

Er erklärt, dass die Verhandlungen mit Sabic wegen Bewertungsdifferenzen stocken und sagt, der Rücktritt von Occhiello habe damit nichts zu tun. Trotz der Preisfindungsprobleme beim Geschäft von Sabic erwartet Kottmann nicht, dass bei den Pigment- und Masterbatches-Geschäften, welche Clariant verkaufen will, Bewertungsenttäuschungen lauern.

Herr Kottmann, nach Huntsman ist nun auch der zweite Deal geplatzt, das Joint Venture mit Sabic. Was ist schiefgelaufen?
Der Deal mit Huntsman ist am Widerstand des aktivistischen Aktionärs White Tale gescheitert. Die Verhandlungen mit Sabic sind lediglich vorübergehend ausgesetzt. Das ist ein ganz normal, wenn viele Parameter zusammenkommen müssen.

Offene Punkte betrafen die Bewertung sowie die künftigen Mehrheitsverhältnisse. Wo lag das Problem?
Wir haben viele Möglichkeiten besprochen. Die Divergenzen liegen nicht in der Struktur, sondern in der Bewertung.

Inwiefern?
Die umfangreiche Due Diligence hat gezeigt, dass es ein ungünstiger Zeitpunkt für einen Deal ist: Im heutigen Umfeld glaubt die eine Partei, dass die Assets viel mehr Wert sind, als die andere Partei zu zahlen bereit ist. Wir haben uns bei Clariant ein Preislimit gesetzt, das wir nicht überschreiten werden.

Im Deal mit Sabic steht Clariant auf der Käuferseite. Bei den angestrebten Veräusserungen des Pigment-Geschäfts und der Masterbatches auf der Verkäuferseite. Erwarten Sie hier bei den Preisvorstellungen eine spiegelbildliche Diskrepanz?
Aus heutiger Sicht mache ich mir keine Sorgen, dass negative Nachrichten punkto Ergebnis oder Bewertung auf uns warten. Wir arbeiten bereits seit 2015 an der Ausgliederung des Pigmentgeschäfts. Nach Abschluss dieser Arbeiten sind wir nun auf dem Weg zu einem strukturierten Verkauf des Pigment-Geschäfts.

Mit Verspätung?
Wir haben im ersten Quartal entschieden, erst die physische Separierung des Geschäfts zu vollenden, bevor wir den Verkauf starten. Dies gewährleistet einen klaren Prozess und einen schnellen Abschluss des Deals.

Neu will Clariant zudem das komplette Geschäft mit Masterbatches veräussern. Bis wann soll dies so weit sein?
Wir bereiten jetzt die Separierung in allen Ländern vor, was für den Verkauf Transparenz zu den Zahlen bringt. Das Ziel ist das gleiche wie für die Veräusserung des Pigment-Geschäfts: Ende 2020.

Wie passt es zusammen, dass die Verhandlungen mit Sabic zur Bildung eines Joint Venture nur «vorübergehend ausgesetzt» sind, jedoch nun auch der Teil der Masterbatches veräussert werden soll, der ursprünglich in dieses Joint Venture hätte einfliessen sollen?
Einerseits hat die Due Diligence gezeigt, dass Masterbatches entgegen den Erwartungen kein Synergiepotenzial mit dem geplanten Joint Venture aufweisen. Andererseits haben wir Signale aus dem M&A-Markt, dass der Wert unseres kompletten Masterbatch-Geschäfts höher ist als ein Verkauf der Einzelteile.

Ist das Ziel für Clariant, ab 2020 eine Marge von mehr als 20% zu erwirtschaften, jetzt Makulatur?
Für den Fall, dass der Deal mit Sabic dennoch zustande kommen wird und die Rahmenbedingungen des letzten Sommers Bestand haben, gilt die Guidance weiter. Wenn wir uns statt zu vergrössern allerdings verkleinern, werden die neuen finanziellen Parameter zu einer neuen Guidance führen.

Sind die angeführten «persönlichen» Rücktrittsgründe von CEO Ernesto Occhiello privater oder geschäftlicher Natur?
Es sind private Themen, die nichts mit Clariant zu tun haben, auch nicht mit mir persönlich. Auch die Verhandlungen mit Sabic und der Rücktritt von Occhiello haben nichts miteinander zu tun. Das Verhältnis zu Sabic ist unbelastet.

Wie lange werden Sie Executive Chairman bleiben?
Bis ein Nachfolger für Occhiello gefunden ist. Wir werden die Suche nach der Sommerpause einleiten. Ich habe nicht die Absicht, die Geschäfte lange zu führen.