Interview

«Der Krieg belastet Europas Wirtschaft schwer»

Marc Chandler, Chefstratege beim Broker Bannockburn Global Forex, äussert sich zu den ökonomischen Folgen der russischen Invasion in der Ukraine, zu den Risiken für das Finanzsystem durch die Sanktionen und zur kontroversen Rolle des Dollars als Reservewährung der Welt.

Christoph Gisiger
Drucken

English Version

Der Krieg in der Ukraine hält die Welt in Atem. Das Geschehen an den Aktienmärkten ist durch hohe Stimmungsschwankungen geprägt, im Rohstoffhandel ziehen die Notierungen steil an. Wie meist in Krisenzeiten suchen die Marktteilnehmer reflexartig Sicherheit in Staatsanleihen und im Dollar.

«Die Welt war vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine nicht auf einem guten Weg, und dieser Konflikt bringt uns nicht auf einen besseren Kurs», sagt Marc Chandler, Chefstratege und Partner beim US-Broker Bannockburn Global Forex.

Seiner Ansicht nach befindet sich vor allem Europa in einer schwierigen Lage: Die Wirtschaft kühlt sich ab, während die Inflation hartnäckig hoch bleibt. Der militärische Konflikt in Osteuropa und der rasante Anstieg der Energiepreise verschärfen dieses Problem.

Im ausführlichen Interview äussert sich der Devisenspezialist mit langjähriger Erfahrung zu den Auswirkungen des Kriegs auf die Kräfteverhältnisse unter den grössten Wirtschaftsmächten, zu möglichen Risiken für das globale Finanzsystem durch die harten Sanktionen gegen Russland und zur umstrittenen Rolle des Dollars als Reservewährung der Welt.

«Das globale Finanzsystem ist wie Glas: Es ist stark, zugleich aber auch zerbrechlich. Mich beunruhigt dabei, dass wir nicht wissen, wie stark das System wirklich ist, bis es durch einen Ernstfall wie heute getestet wird»: Marc Chandler.

«Das globale Finanzsystem ist wie Glas: Es ist stark, zugleich aber auch zerbrechlich. Mich beunruhigt dabei, dass wir nicht wissen, wie stark das System wirklich ist, bis es durch einen Ernstfall wie heute getestet wird»: Marc Chandler.

Bild: Bloomberg

Herr Chandler, inzwischen ist es gut eine Woche her, seit der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist. Wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung in Osteuropa ein?

Der Einmarsch Russlands und die weltweite Reaktion darauf markieren einen Wendepunkt. Putin hat erreicht, woran viele US-Präsidenten stets gescheitert sind: Er hat die Nato revitalisiert und Finnland sowie Schweden dazu gebracht, dass sie über einen Beitritt nachdenken. Europa erhöht nun die Ausgaben für Verteidigung, was Bush, Obama und Trump alle vergebens gefordert hatten. Als Trump Präsident war, sprach er sogar davon, die USA aus der Nato zurückzuziehen, Truppen aus Europa abzuberufen und Waffenverkäufe an die Ukraine zu stoppen. Doch jetzt sind wir an einem Punkt, an dem die Nato stärker wird und geschlossener vorgeht. Zur grossen Überraschung Putins ist die Pax Americana so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Auf wirtschaftlicher Ebene verhängen Amerika und Europa nahezu präzedenzlos harte Sanktionen gegen Russland. Was hat das für Konsequenzen?

Es geht nicht nur darum, was die Sanktionen für Russland bedeuten. Würde ich jetzt in Peking sitzen und verfolgen, was in der Ukraine passiert, dann würde ich daraus folgern, dass der Preis für eine Eroberung Taiwans gerade erheblich gestiegen ist. Vom Einfrieren von Zentralbankguthaben über die Sanktionierung von Grossbanken bis zur Bestrafung von Oligarchen: Die Finanzsanktionen sind massiv. Selbst ein neutrales Land wie die Schweiz hat sich dazu verpflichtet, russische Vermögenswerte einzufrieren. Dass der Westen so fest entschlossen auf Russlands Angriff gegen die Ukraine reagiert, wird in Peking genau registriert.

China scheint denn auch äusserst bedacht darauf zu sein, sich aus diesem Konflikt herauszuhalten.

Russland hat so gut wie keine Freunde, abgesehen von Belarus, das der Kreml de facto kontrolliert. Putin pokerte möglicherweise darauf, dass Russland mit Hilfe von China die Sanktionen umgehen könne. Selbst Peking distanziert sich aber von ihm. China hat diese Woche zwar kein Veto gegen die Uno-Resolution zur Verurteilung der Invasion in die Ukraine eingelegt, enthielt sich aber der Stimme. Dass China Russland nicht unterstützt, hat ausser Befürchtungen über Sanktionen und über einen erschwerten Zugang zum Dollarmarkt bestimmt noch mit weiteren Überlegungen zu tun.

Was meinen Sie damit?

Ich denke zum Beispiel an Gegenparteirisiken: Russlands Kreditwürdigkeit ist eben auf Ramschniveau herabgestuft worden. Wahrscheinlich kann Moskau nicht einmal mehr seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen. Mehrere chinesische Banken haben angekündigt, dass sie den Rohstoffhandel mit Russland nicht mehr finanzieren werden. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil China gegenwärtig Anstrengungen unternimmt, die Stahlproduktion zum Ausbau der Infrastruktur zu steigern. Doch nun will es möglicherweise nicht einmal mehr Kohle aus Russland kaufen.

Der Preis für Kohle hat in den letzten Tagen nochmals einen kräftigen Schub verspürt, ebenso die Notierungen für Öl und Gas. Was für Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine auf die europäische Wirtschaft?

Es ist keine Überraschung, dass der Euro zum Dollar auf das tiefste Niveau seit dem Ausbruch der Pandemie fällt. Europa befindet sich in einer schwierigen Lage. Am besten, man stellt sich dazu eine Schere mit zwei Klingen vor: Die eine ist Inflation, die andere Wachstum - und Europa wird von beiden geschnitten. Die Inflation dürfte hartnäckig hoch bleiben, während sich das Wachstum verlangsamt. Der Krieg in der Ukraine kommt damit zu einem heiklen Zeitpunkt.

Wie wirkt sich der Konflikt denn genau auf die Konjunktur in Europa aus?

Die europäische Wirtschaft benötigt eine kräftige Erholung von der Pandemie, damit sich die Lage am Arbeitsmarkt aufhellen kann. Auch sonst müssen aus wirtschaftspolitischer Sicht viele Rückschläge aufgeholt werden. Doch nun erhöhen diverse Staaten stattdessen das Rüstungsbudget. Das gilt nicht nur für Deutschland. Viele der Waffen, die an die Ukraine geliefert werden, stammen aus dem Lagerbestand von Ländern wie Polen, Tschechien und den baltischen Staaten. Diese Bestände müssen wieder aufgefüllt werden. Daher befürchte ich, dass die Militärausgaben auch nach der Beilegung dieses Konflikts zunehmen. Dieses Geld sollte jedoch besser in nachhaltiges Wachstum investiert werden, um der zunehmenden Einkommens- und Vermögensungleichheit entgegenzuwirken. Das ist eine der Lehren aus der Pandemie: Wer arm ist, hat ein grösseres Risiko, an einem Erreger wie dem Coronavirus zu sterben.

Wie denken Sie, dass es in den nächsten Wochen und Monaten weitergeht?

Die Welt war vor dem Einmarsch Russlands nicht auf einem guten Weg, und dieser Konflikt bringt uns nicht auf einen besseren Kurs. Für Russland ist es noch nicht zu spät, sich darauf zu beschränken, nur ein Teilgebiet der Ukraine zu erobern anstatt das ganze Land. Da die Ukraine enorm gross ist, wird eine vollständige Besetzung ohnehin äusserst schwierig; besonders, wenn man alles andere als willkommen ist. Ausserdem ist dieser Krieg für Russland sehr kostspielig, was Equipment und andere Militärausgaben angeht. Hinzu kommt, dass die Ukraine ein wichtiger Exporteur von Weizen und Sonnenblumenöl ist, speziell für den Nahen Osten. Der Druck auf die OPEC-Staaten ist bisher aber zu wenig gross, dass sie vom Förderabkommen mit Russland abweichen und den Ölhahn aufdrehen. Trotzdem: Wenn man die Welt als grosses Schachbrett betrachtet, bleibt Russland isoliert. Es gibt aber vier Schachfiguren, die man im Auge behalten muss.

Welche Figuren sind das?

Eine davon ist natürlich China, denn es liegt in seinem Interesse, sich Rohstoffe aus Russland zu sichern. Ein zweites Land, das man im Auge behalten muss, ist die Türkei. Primär deshalb, weil sie die Bosporus-Passage zum Schwarzen Meer kontrolliert. Da die Türkei Waffen von Russland kauft, will sie sich aber leider nicht an den Sanktionen beteiligen. Das dritte Land ist der Iran als potenzieller Öllieferant. Russland exportiert rund sechs Millionen Fass pro Tag. Der Iran kann dieses Volumen nicht vollständig ausgleichen. Er kann aber einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den negativen Effekt auf die Weltwirtschaft durch den Wegfall des russischen Öls zu dämpfen. Das gilt speziell mit Blick darauf, dass der Iran bedeutende Vorräte aufgebaut hat.

Und welches ist die vierte Figur, die man nicht aus dem Blick verlieren sollte?

Indien. Neu-Delhi unterhält seit Langem Beziehungen zu Moskau. Es kauft russische Waffen und setzt sie gegen China ein. Deshalb zögert Indien, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Als die Türkei ein russisches Luftabwehrsystem kaufte, wurde sie Ende 2020 von den USA sanktioniert. Doch obschon Indien das gleiche System erwarb, trafen die USA seinerzeit keine Massnahmen. Amerika ist der Meinung, dass es Indien braucht, um die Expansion Chinas einzuschränken. Auch wenn die Sanktionen gegen Russland die internationale Zusammenarbeit auf ein neues Niveau heben, sollte man daher genau darauf achten, wie sich diese vier Staaten bewegen.

Vor allem auf finanzieller Ebene sind die Massnahmen drastisch: Russland wird aus dem Swift-System ausgeschlossen und seine Zentralbank sanktioniert. Sind diese Interventionen nicht auch gefährlich für das globale Finanzsystem?

Gemessen am absoluten Betrag halten Frankreich und Italien am meisten russische Anleihen unter den europäischen Ländern. Im Fall von Österreich hingegen ist der Betrag im Verhältnis zum BIP besonders hoch. Diese drei Länder sind daher am stärksten exponiert. In den USA sind in erster Linie globale Anlagefonds betroffen. Wer sich an einer internationalen Benchmark wie dem J.P. Morgan Bond Index orientiert, musste bislang einen bestimmten Prozentsatz an russischen Anleihen halten. Genau das machten viele dieser Fonds auch. Solche Investoren, die in bedeutendem Umfang russische Anlagen halten, geraten nun in Bedrängnis.

Wie gross ist in diesem Zusammenhang das systemische Risiko?

UBS und andere Banken haben vergangene Woche angekündigt, dass sie den Wert russischer Anleihen auf null abschreiben. Das löste bei einigen Kunden, die russische Anleihen als Sicherheit für ihre Portfolios hinterlegt haben, eine Aufforderung zu Nachschusszahlungen aus. Darüber hinaus gibt es Experten wie Zoltan Pozsar von Credit Suisse, die der Meinung sind, dass es zu ähnlichen Verwerfungen im Finanzsystem wie beim Kollaps von Lehman Brothers kommen könnte. Im Wesentlichen deshalb, weil der Ausschluss russischer Banken aus dem Swift-System den gesamten Zahlungsverkehr lahmlegen könnte. Dieses Risiko mag durchaus bestehen. Ich denke aber nicht, dass dies das Basisszenario ist.

Wie gross schätzen Sie denn dieses Risiko ein?

Es gibt zwei Aspekte zu bedenken: Im Dunstkreis des Krieges ist es schwierig abzuschätzen, welche Gefahren real sind und wo es sich um Täuschungsmanöver handelt. Zweites gibt es viele unbekannte Faktoren, die unbeabsichtigte Folgen nach sich ziehen können. Aus der Finanzkrise von 2008/09 haben wir gelernt, dass es denn auch die unbekannten Konsequenzen sind, die oft zu einem grösseren Problem führen. Das globale Finanzsystem ist wie Glas: Es ist stark, zugleich aber auch zerbrechlich. Mich beunruhigt dabei, dass wir nicht wissen, wie stark das System wirklich ist, bis es durch einen Ernstfall wie heute getestet wird. In den letzten Tagen kam es zwar zu grösseren Bewegungen im Bondhandel, und die Volatilität an den Finanzmärkten ist generell hoch. Bis jetzt sieht die Situation jedoch recht geordnet aus.

Eine andere Frage ist, wie effektiv die Sanktionen gegen Russland wirklich sind.

Ich vergleiche sie mit einem Würgegriff: Russland ringt um Sauerstoff, aber es gibt genug Löcher, um das Land ein wenig atmen zu lassen. Gazprombank zum Beispiel, die drittgrösste Bank Russlands, ist im Besitz von Gazprom und bisher nicht sanktioniert worden. Europa und die USA können daher noch immer Öl aus Russland beziehen und es über Gazprom bezahlen. Dieses Schlupfloch bringt Russland täglich etwa 1,5 Mrd. $ ein.

Wo gibt es noch weitere Schlupflöcher?

Die EU hat sämtliche Transaktionen mit der russischen Zentralbank untersagt. Wenn die russische Zentralbank also zum Beispiel die Deutsche Bank fragt, ob sie russisches Gold in Bargeld umwandeln könne, ist das verboten. Eine andere Frage ist, ob China das für Russland tun würde. Dieser Punkt bleibt offen, und er hängt von Pekings Interessen zum betreffenden Zeitpunkt ab. Im Moment ist die Weltgemeinde sehr kritisch gegenüber Russland eingestellt. Ich bin in Chicago aufgewachsen, wo wir zwei Regeln hatten: Mach’ keine Wellen und setz’ nicht auf Verlierer. Ich glaube, China hat eine ähnliche Einstellung. Russland hat etwas getan, worüber Peking sicher nicht glücklich ist. China missfällt es, dass die Welt vom amerikanischen Dollar beherrscht wird. Und jetzt wird der Dollar wegen Russlands Invasion in der Ukraine vielleicht noch mächtiger.

Es gibt aber auch gute Gegenargumente, wonach die drastischen Strafmassnahmen gegen Russland dazu führen werden, dass sich China und andere Länder vom Dollar-basierten Zahlungssystem lösen werden. Das, weil sie fürchten, dass es ihnen künftig ähnlich ergehen könnte, wenn sie ins Visier der USA geraten und Washington den Dollar als Waffe einsetzt.

Manche Einschätzungen von Finanzinstituten wie Standard Chartered, Deutsche Bank und Bank of America haben in den vergangenen Tagen behauptet, dass die Sanktionen - insbesondere gegen die russische Zentralbank - eine Art Rückschlageffekt haben werden: Staaten werden weniger bereit sein, das Gros ihrer Reserven in Dollar zu halten. Ich wünschte, dass ich jedes Mal eine 5-Cent-Münze erhalten würde, wenn mir das jemand sagt. Dann bräuchte ich bald nicht mehr zu arbeiten.

Aber jetzt im Ernst: Sie sehen keine Möglichkeit, dass die Hegemonie von König Dollar auf absehbare Zeit endet?

Ich verstehe es gut: Wer will schon in einer Welt leben, in der die USA ohne grössere Konsequenzen einfach in Afghanistan oder in den Irak einmarschieren können? Der Irakkrieg wurde sogar ohne Zustimmung der Uno gestartet, und die USA konnten damit ungestraft davonkommen. Andere Länder können das nicht, wie wir derzeit bei Russland sehen. Deshalb verstehe ich, warum grosse und ambitionierte Staaten nicht gerne im Schatten Amerikas leben. Andererseits ist das Pro-Kopf-BIP Chinas von 1980 bis 2020 aber um das Zwanzigfache gestiegen. China hat das zu einem erheblichen Teil einer Welt mit freierem Handel und grösserer Mobilität des Kapitals zu verdanken. In gewisser Weise hat die Pax Americana damit dazu beigetragen, dass China überhaupt zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen konnte.

Das heisst, am Greenback führt nach wie vor kein Weg vorbei?

Genau: Es ist wie mit dem bekannten Wallstreet-Akronym TINA: There Is No Alternative. China verfügt über Fremdwährungsreserven von gut 3 Bio. $, etwa 1 Bio. $ davon in US-Staatsanleihen. Was also passiert, wenn Peking seine Treasuries verkauft und - sagen wir - dafür deutsche Bundesanleihen kauft? Aus der Sicht eines Investors bedeutet das erstens den Verzicht auf Rendite, da die Zinsen in den USA deutlich höher sind als in Deutschland. Zweitens verringert sich die Liquidität, weil der amerikanische Anleihemarkt viel grösser ist als der deutsche. Und drittens sind Bundesanleihen weniger sicher, denn die USA sind weiter von Russland entfernt, und besitzen Atomwaffen. China würde folglich Sicherheit, Liquidität und Rendite aufgeben. Doch wofür? Was genau würde China im Gegenzug gewinnen? Diese Frage stellt sich gerade mit Blick auf die jüngsten Ereignisse, zumal Europa praktisch genauso aggressiv beim Einfrieren von russischen Vermögenswerten vorgeht wie die USA. Deshalb glaube ich nicht, dass der Euro eine hinreichende Alternative zum Dollar ist.

Über den Aspekt der Sicherheit lässt sich wohl diskutieren. Jedenfalls ist China aber sichtlich bemüht, ein eigenes Währungssystem aufzubauen, um seine Abhängigkeit vom Dollar zu reduzieren.

Für diese Rolle ist China noch in keinster Weise bereit. Stellen Sie sich dazu folgende Frage: Wie fliessen alle diese Dollars in die Weltwirtschaft? Primär über zwei Kanäle: Amerikas bedeutendes Handelsdefizit und amerikanische Auslandsinvestitionen. Auch China tätigt Auslandsinvestitionen. Sie werden jedoch oft nicht in Renminbi, sondern in Dollar finanziert. Ein gutes Beispiel ist auch die von China lancierte Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank: Sie zahlt Kredite in Dollar aus, und wer ihr beitreten will, zahlt den Mitgliedsbeitrag in Dollar. Oder nehmen wir das grosse Handelsabkommen, das China und Russland vor kurzem vereinbart haben und das beträchtliche Gaslieferungen vorsieht. In welcher Währung werden diese bezahlt? In Euro, und nicht in Renminbi.

Und was denken Sie zur wachsenden Popularität von Kryptowährungen wie Bitcoin? Mit den Sanktionen gegen Russland kommen derzeit vermehrt Forderung nach einer Regulierung auf.

Der gesamte Krypto-Markt ist weniger wert als die amerikanischen Anleihen, die von ausländischen Investoren gehalten werden. Stellen Sie sich einmal vor, was passieren würde, wenn China beschliesst, seine Dollar-Reserven in Krypto-Währungen umzuwandeln und die ersten 100 Mio. $ in Bitcoin steckt. Der Preis würde explodieren. Es mag eine Tragödie sein, aber ich sehe keine überzeugende Alternative zum Dollar. Es ist wie mit der Computertastatur mit der QWERTZ-Anordnung. Selbst wenn eine bessere Tastatur auf den Markt kommen würde, bei der man die Finger weniger bewegen müsste, würde sie kaum jemand kaufen, weil niemand umlernen will. Trägheit ist daher auch ein wichtiger Faktor: Ein Dollar-Nachfolger muss nicht nur ein bisschen besser sein, sondern viel besser.

Vor dem Hintergrund des Konflikts in Osteuropa und der anstehenden Zinserhöhung der US-Notenbank ist der handelsgewichtete Dollar am Donnerstag auf den höchsten Stand seit Ende Frühling 2020 gestiegen. Wie entwickelt sich der Kurs weiter?

Im gegenwärtigen Umfeld ist noch etwas Spielraum nach oben vorhanden. Aber selbst, wenn die Dollarhausse noch ein wenig anhält, dürfte sie in der zweiten Jahreshälfte zu Ende gehen.

Weshalb?

Der Markt schwankt in der Regel zwischen zwei Extrempunkten: Manchmal orientiert er sich hauptsächlich am Zinsunterschied der USA zum Rest der Welt und der Stärke der US-Wirtschaft. Manchmal fokussieren sich Investoren wiederum primär auf das Zwillingsdefizit: das hohe Budget- und Leistungsbilanzdefizit der USA. Wenn die US-Wirtschaft boomt, kümmert sich der Markt weniger um das Zwillingsdefizit. Kühlt sich die Konjunktur hingegen ab, steigt das Haushaltsdefizit strukturell und Investoren machen sich auch um die Leistungsbilanz vermehrt Sorgen. Ironischerweise hat der Dollar das Tief zum Euro exakt am 6. Januar 2021 markiert, als es in Washington zum Aufstand wegen der Wahlen kam. Seitdem ist der Dollar stetig gestiegen. Doch nun kühlt sich die Wirtschaft ab und ich glaube, dass wir am Ende dieser langen Aufwärtsbewegung sind.

US-Notenbankchef Jerome Powell hat diese Woche aber vor dem Kongress Zuversicht demonstriert, dass eine sanfte Landung für die amerikanische Wirtschaft gelingt.

Im Klartext würde das bedeuten, dass das Fed die Inflation eindämmen kann, ohne eine Rezession auszulösen. Das ist natürlich etwas, was wir uns alle wünschen und wovon wir gerne träumen. Aber die Erfolgsbilanz bei einem solchen Manöver sieht historisch nicht sehr ermutigend aus. Hinzu kommt der Anstieg des Ölpreises. Ich weiss nicht, inwiefern das auch auf Europa zutrifft. In den USA ging den letzten drei Rezessionen aber stets eine Verdoppelung des Ölpreises voraus. Ich würde deshalb nicht auf eine weiche Landung wetten.

Wie können sich Anlegerinnen und Anleger im diesem anspruchsvollen Umfeld am besten positionieren?

In Europa hat die Inflation den Höhepunkt noch nicht erreicht. Das Gleiche trifft auf Amerika und Kanada zu. Das bedeutet, dass man sich überlegen muss, wie man sich vor Inflation schützen kann, die wohl noch etwas länger anhalten wird. Eine Möglichkeit dazu bieten inflationsgeschützte Bonds. Schutz bieten zudem Rohstoffe, Unternehmen aus dem Rohstoffsektor und Länder mit grossen Rohstoffvorkommen. Der brasilianische Aktienmarkt beispielsweise verzeichnet dieses Jahr bisher kräftige Avancen.

Wo sehen Sie weitere Chancen?

Am Devisenmarkt kann man das Thema Inflation mit der Stärke des Dollar-Blocks spielen. Dazu gehören Australien, Neuseeland und Kanada. Die Währungen dieser drei Länder haben sich trotz der jüngsten Turbulenzen an den globalen Aktienmärkten recht gut gehalten. Das ist mitunter darauf zurückzuführen, dass Kanada und Australien bedeutende Rohstoffvorkommen haben. Ausserdem hat Kanada diese Woche die Zinsen erhöht, und die Zentralbank kündigt weitere aggressive Straffungen an. Neuseeland gehört ebenfalls zu den Ländern, die die Zinsen am aggressivsten anheben. Diesbezüglich ist Australien in diesem Trio zwar sozusagen der «schwache Mann», denn die australische Zentralbank hält immer noch daran fest, dass mit der Straffung der Geldpolitik Geduld angebracht ist. Selbst an Tagen, an denen die asiatischen Aktienmärkte deutliche Einbussen erleiden, hält sich die Börse Sydney aber meist ermutigend stabil.

Marc Chandler

Marc Chandler ist Chefstratege und Partner beim Broker Bannockburn Global Forex. Er befasst sich seit über dreissig Jahren mit den Devisenmärkten und zählt zu den profiliertesten Experten, wenn es um die makroökonomische Grosswetterlage geht. In Chicago aufgewachsen, hat Chandler einen Studienabschluss in internationaler Wirtschaftspolitik und Geschichte an der Northern Illinois University und der University of Pittsburgh gemacht. Heute lehrt er als Dozent an der New York University. Von 2005 bis 2018 war er für die Devisenstrategie der Privatbank Brown Brothers Harriman & Co verantwortlich. Zuvor arbeitete er in gleicher Funktion für HSBC Bank USA sowie Mellon Bank. Unter dem Titel «Political Economy of Tomorrow» hat er 2017 sein zweites Buch veröffentlicht. Er verfasst den populären Marc to Market Blog.
Marc Chandler ist Chefstratege und Partner beim Broker Bannockburn Global Forex. Er befasst sich seit über dreissig Jahren mit den Devisenmärkten und zählt zu den profiliertesten Experten, wenn es um die makroökonomische Grosswetterlage geht. In Chicago aufgewachsen, hat Chandler einen Studienabschluss in internationaler Wirtschaftspolitik und Geschichte an der Northern Illinois University und der University of Pittsburgh gemacht. Heute lehrt er als Dozent an der New York University. Von 2005 bis 2018 war er für die Devisenstrategie der Privatbank Brown Brothers Harriman & Co verantwortlich. Zuvor arbeitete er in gleicher Funktion für HSBC Bank USA sowie Mellon Bank. Unter dem Titel «Political Economy of Tomorrow» hat er 2017 sein zweites Buch veröffentlicht. Er verfasst den populären Marc to Market Blog.