Interview

«Der Umgang mit Covid-19 festigt in China das Narrativ, dass der Westen im Niedergang steht»

Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in China, spricht über den aktuellen Wirtschaftsboom im Land, die Wahlen in den USA und die Bedeutung des neuen Fünfjahresplans, der in Peking verabschiedet wurde.

Mark Dittli
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Wenige westliche Beobachter kennen China so gut wie Jörg Wuttke. Der Deutsche lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking; sein erster Kontakt mit dem Land geht auf das Jahr 1982 zurück, als er in Schanghai Chinesisch lernte. Als Präsident der EU-Handelskammer in China pflegt Wuttke einen engen Kontakt mit Regierungsstellen sowie mit Hunderten von europäischen Unternehmen im Land.

«Hätten sie dazu etwas zu sagen, würden die Chinesen garantiert Trump wählen»: Jörg Wuttke.

«Hätten sie dazu etwas zu sagen, würden die Chinesen garantiert Trump wählen»: Jörg Wuttke.

«Wir leben momentan in Boomtown», sagt Wuttke, Covid-19 sei in der chinesischen Wirtschaft praktisch kein Thema mehr. Die Industrie läuft in allen Sektoren, die Oberschicht konsumiert, als gäbe es kein Morgen.

Im Interview legt er dar, weshalb Peking lieber Donald Trump im Weissen Haus sähe, was es bedeutet, wenn sich China das Ziel setzt, bis 2060 die CO2-Neutralität zu erreichen und was vom neuen Fünfjahresplan zu halten ist, der vergangene Woche vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei abgesegnet wurde.

Herr Wuttke, Chinas Wirtschaft ist im dritten Quartal im Jahresvergleich um 4,9% gewachsen. Ist Covid-19 bei Ihnen überhaupt noch ein Thema?

Nein, Covid-19 ist wirtschaftlich, besonders im verarbeitenden Gewerbe, kein Thema mehr. Chinas Industrie boomt momentan in allen Sektoren, man kann es nicht anders sagen. Die Chemiebranche läuft super, der Automobilsektor ebenfalls. Alles, was mit Schutzausrüstung und Work-from-Home zu tun hat, findet weltweit reissenden Absatz, deshalb sind auch die Exportzahlen so hoch. China ist derzeit wohl die einzige namhafte Volkswirtschaft, die auf voller Kapazität läuft, während andere Staaten zum Teil wieder in den Lockdown gehen.

Sie erwähnen spezifisch den Automobilsektor. Hat er denn seine Schwächephase, die bereits vor der Pandemie evident war, überwunden?

Ja. Im Jahresvergleich stehen wir rund 10% höher, was dem stärksten Wachstum seit 2016 entspricht. Momentan sehen wir einen jährlichen Verkauf von etwa 23 Mio. Fahrzeugen, wobei VW, BMW, Mercedes, Audi und Cadillac die grossen Gewinner sind. Aber auch schwächere Marken wie Jaguar oder Land Rover zeigen starke Verkäufe. Wir leben momentan echt in Boomtown.

Wie sieht es mit dem Dienstleistungsgewerbe aus?

Der Servicesektor erholt sich etwas langsamer, die Auslastung der Hotels liegt auf etwa 90% des Vorjahresniveaus. Ich war im Oktober viel im Land unterwegs; jedes Flugzeug, mit dem ich gereist bin, war voll. Das gleiche Bild zeigt sich im Bahnverkehr. In den Metropolen im Süden des Landes liegt das Passagieraufkommen in den U-Bahnen bereits über Vorjahr, im Norden ist das Vorjahresniveau demnächst erreicht. Die Menschen sind wieder unterwegs.

Konsumieren sie auch?

Der Konsum hat sich zaghafter erholt als die Industrieproduktion. Wir sehen heute eine Zweiteilung des Konsums: Die Oberschicht kauft ein wie verrückt. Wenn Sie ein Ladenlokal von Louis Vuitton oder Hermès betreten, könnten Sie meinen, Sie betreten eine Migros-Filiale in Zürich. Aber die unteren Schichten, vor allem auch die 100 bis 200 Mio. Menschen, die während des Covid-Lockdowns im Februar und März Arbeitslosigkeit erfahren haben, halten ihr Geld noch zurück. Da sehen wir ein Auseinanderdriften: Der Küste geht es gut, im Landesinnern herrscht Zurückhaltung, die Menschen der Oberschicht konsumieren wie die Weltmeister, die Unterschicht bleibt vorsichtig.

Ist das hauptsächlich Kompensation für Aktivität, die im Frühjahr nicht stattfinden konnte, oder sprechen wir von nachhaltigem Wachstum?

Im vierten Quartal wird sich die Dynamik sicher fortsetzen. Da rechne ich im Jahresvergleich mit einer Expansionsrate von rund 6%, so dass das Jahreswachstum um 2% liegen dürfte. Im ersten Quartal 2021 wird das Wachstum ebenfalls stark bleiben, da wird natürlich der Basiseffekt spielen. Im Oktober wären normalerweise 60 bis 70 Mio. Chinesen ins Ausland gereist, um sich dort mit Luxusgütern einzudecken. Doch das konnten sie heuer kaum – also geben sie ihr Geld im Inland aus. Die reichen Chinesen, die früher für medizinische Behandlungen nach Hongkong, Singapur oder in die USA gereist sind, sind hier geblieben. Momentan verhalten sich die Menschen hier wie auf einer Insel der Glückseligen.

Wie wird in China der Umgang mit der Pandemie in Europa und den USA wahrgenommen?

In der chinesischen Wahrnehmung herrscht schon seit der Finanzkrise von 2008 die Überzeugung, dass der Westen im Niedergang steht. Bisherige Highlights dieses Narrativs waren 2016 die Wahl von Donald Trump und der Brexit. Dieses Narrativ vernebelt natürlich das Urteilsvermögen, aber hier wird der Bevölkerung gegenwärtig stark das Gefühl vermittelt, man habe alles im Griff. China – notabene Ausgangspunkt der Pandemie – brauchte bloss zwei Monate, um das Virus unter Kontrolle zu bringen, und jetzt ist die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs. Der Umgang Europas und Amerikas mit Covid-19 wird in dieses Narrativ eingewoben: Der Westen bricht zusammen, der Osten steigt auf.

Wie blickt man in China auf die Wahlen in den USA?

Hätten sie dazu etwas zu sagen, würden die Chinesen garantiert Trump wählen. Das hat etwas Sadistisches an sich, man hofft, dass sich die Amerikaner unter Trump noch weitere vier Jahre selbst zerlegen würden. Joe Biden wird von Peking mit Vorsicht beäugt, denn die Parteiführung geht davon aus, dass Biden rasch die Hand zu den Alliierten der USA ausstrecken und Koalitionen schmieden wird. Das wäre zum Schaden Chinas, denn von der «America First»-Strategie Trumps hat China profitiert. Es kursierte hier kürzlich sogar das Gerücht, einige Staatsbetriebe seien angewiesen worden, hintenrum etwas Geld in die Wahlkampfkasse von Trump zu spülen. Ich weiss nicht, ob das stimmt, aber Tatsache ist, dass Trump eine solide Mehrheit in China hätte.

Denkt sich die Zentralregierung denn nicht, dass man mit Biden zivilisierter verhandeln könnte?

Nein, Peking weiss, dass sich in Washington die Demokraten und die Republikaner in so ziemlich allem uneinig sind ausser in Bezug auf China. Umfragen in den USA zeigen, dass 73% der Bevölkerung negativ auf China schauen. Da wird sich auch Präsident Biden nicht aus dem Fenster lehnen und ein Loblied auf China singen.

Sehen Sie eher Chancen oder eher Gefahren für Europa, wenn sich die USA und China mit wachsender Rivalität begegnen?

Beides. Auf Ebene der gesellschaftlichen Werte und der Technologie wird auch für Europa das Zusammenspiel mit China schwierig. Mehrere europäische Staaten, zuletzt Schweden, haben Huawei und ZTE aus dem Bereich der 5G-Technologie verbannt. Auf Ebene des Handels und Gebieten wie dem Umweltschutz bieten sich jedoch nach wie vor Kooperationsmöglichkeiten. Ein Problem ist, dass sich die chinesische Seite noch nicht damit arrangiert hat, mit der EU als Block zu sprechen. Peking war es eher gewohnt, bilateral zu verhandeln, in Westeuropa primär mit Berlin und Paris. Die grossen Kaliber in Chinas Staatsapparat, Figuren wie Liu He und Yi Gang, werden in der Beziehung mit den USA eingesetzt, nicht mit Europa. Das spürt man. Die Beziehung könnte noch schwieriger werden, wenn Kanzlerin Merkel Ende 2021 abtritt und jemand ihre Nachfolge antritt, der gegenüber China weniger offen eingestellt ist als sie.

Vor wenigen Tagen ging das Fünfte Plenum zu Ende, an dem das Zentralkomitee der Partei den neuen Fünfjahresplan für 2021 bis 2025 verabschiedet hat. Was halten Sie vom bisher bekannten Inhalt des Plans?

Was immer wieder beeindruckt: Die Chinesen verstehen es, strategisch zu planen. Im Juli hat die Staatsführung das Konzept der Dual Circulation Economy herausgebracht, eine Art philosophischen Bodensatz, der eine stärkere Binnenwirtschaft, inländischen Konsum und eine Verringerung der Abhängigkeit vom Ausland verlangt. Das Fünfte Plenum hat das konkretisiert und einen starken Fokus auf die Technologie-Unabhängigkeit gesetzt. Die Urbanisierung wird vorangetrieben; bis 2030 soll die Zahl der in Städten lebenden Menschen um 150 Millionen steigen. Positiv zu werten ist die Aussage, dass die Haushaltseinkommen im Gleichschritt mit dem BIP expandieren sollen, denn dann kann auch der Konsum entsprechend wachsen. Zudem hat die Staatsführung das Ziel formuliert, bis 2060 eine neutrale CO2-Bilanz zu erreichen. Das zeigt, wie ingenieursmässig sie die Zukunft planen und ihre Wirtschaft ausrichten. In der Hinsicht muss man sich schon fragen, ob es sich für Europa nicht lohnen würde, etwas strategischer zu planen.

Ist das ein realistisches Ziel, bis 2060 «Netto Null» in den CO2-Emissionen zu erreichen?

Das ist der Plan, hinter den sich die Staatsführung stellt. China verbraucht heute die Hälfte aller Kohle weltweit, 64% davon gehen in die Industrie und die Stromerzeugung. In der Stromerzeugung muss China, um CO2-Neutralität zu erreichen, Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 660 Gigawatt abschalten und mit erneuerbaren Energiequellen ersetzen. Das entspricht der Stromleistung von ganz Europa! Der Energieverbrauch in China liegt aktuell bei 37% des amerikanischen und 60% des deutschen Pro-Kopf-Verbrauchs, er wird also strukturell in den kommenden Jahren noch wachsen. Und trotzdem setzt Peking jetzt dieses Ziel. Das wird gewaltige Geschäftsmöglichkeiten für europäische Firmen geben, sofern sie daran teilnehmen können. 2010 kamen erneuerbare Energien in China auf 2% des Energiemixes, letztes Jahr waren es bereits 29%. Man darf die Chinesen nicht unterschätzen, wenn sie so ein Ziel formulieren. Vor zwanzig Jahren gab es in China keine Solar- und Windenergie. Jetzt haben sie die weltweit beste Wind- und Solartechnologie.

Peking will die Abhängigkeit von High-Tech-Importen aus dem Ausland verringern, besonders im Bereich der Chiptechnologie. Wie realistisch ist das?

China ist immer noch extrem abhängig. Das gilt nicht nur für Chips, sondern auch für Maschinen zur Herstellung von Halbleitern. Selbst wenn sie jetzt gigantische Summen aufwerfen, so schnell können sie den Abstand nicht verkürzen. Da sind die USA und Taiwan weit voraus. Letztes Jahr hat China für 300 Mrd. $ Halbleiter aus dem Ausland eingekauft. Die inländisch zu ersetzen, halte ich für unwahrscheinlich. Mit dem Lieferboykott der Amerikaner kann man jedoch auch erahnen, was das für Schäden bei US-Unternehmen wie Qualcomm bedeuten wird, die weniger nach China verkaufen können und dadurch weniger Mittel für ihre Forschung und Entwicklung haben. Das Ganze wird wohl leider weltweit zu einer Verlangsamung der technologischen Entwicklung führen.

Was kann Peking denn tun, um diese Abhängigkeiten signifikant zu verringern?

Nicht sehr viel. Sie versuchen, noch einige hundert Milliarden mehr in Forschung und Entwicklung zu schütten, sie versuchen Wissenschafter anzuziehen und die gut ausgebildeten Chinesen, die in den USA nicht mehr wohlgelitten sind, zurückzuholen. Das Kaufen von europäischen und amerikanischen Unternehmen ist eher unwahrscheinlich geworden, da haben die meisten OECD-Länder den Riegel vorgeschoben. China hat in den letzten Jahren mit seinem robusten, bisweilen arroganten Auftreten in der Welt viele Brücken zerstört. Wenn nun für China der Zugang zu Spitzentechnologie stockt, ist das zu einem grossen Teil selbstverschuldet.

Gab es denn auch positive Überraschungen aus dem Fünften Plenum, etwa in Sachen Marktreformen oder –Öffnungen?

Ich bin da grundsätzlich vorsichtig, denn wir ausländischen Geschäftsleute leiden unter «Promise Fatigue»: Mehr als zwanzig Jahre lang haben wir von Peking einen warmen Regen von Reformversprechen erhalten, am Ende ist wenig dabei herausgekommen. Was mich etwas hoffnungsvoll stimmt, ist die Stärkung der Stellung von Shenzhen als Standort für Innovation und experimentelle Entwicklung. Sie wollen dort ein weiteres Versuchsfeld für die angekündigte digitale Zentralbankwährung aufbauen und mehr als 700’000 neue Schulplätze schaffen. Das ist beeindruckend. Aber es ist halt so: Innovation nach innen ist in einem derart grossen Binnenmarkt mit staatlicher Planung machbar. China ist ja kein Land, sondern ein Kontinent. Die südliche Provinz Guangdong hat die Wirtschaftskraft von Russland, die Stadt Shenzhen allein bringt ein Bruttosozialprodukt wie Südafrika auf die Waage. Will man aber innovativ nach aussen sein, auf dem Weltmarkt, reicht staatliche Planung nicht. Wie Japan und Korea gezeigt haben, muss man sich dafür nicht zuletzt auch ein positives Renommee aufbauen – und das ist China in den letzten Jahren eher abhanden gekommen.

Das Fünfte Plenum hat keine quantitativen Wachstumsziele für die Wirtschaft mehr gesetzt, sondern die Vision formuliert, bis 2035 aus China ein «modernes sozialistisches Land» zu machen. Was verstehen Sie darunter?

Es ist zunächst einmal eine gute Sache, wenn Peking keine rein quantitativen Wachstumsvorgaben mehr macht, denn dann baut nicht jeder Schwachkopf in der Provinz nochmals eine unnütze Brücke. Man versucht jetzt auf Qualität zu setzen, da werden in den parteiinternen Messgrössen sicher auch Parameter der Nachhaltigkeit einfliessen. Ich wäre aber nicht erstaunt, wenn der Fünfjahresplan doch auch wieder konkrete BIP-Wachstumsziele setzt, denn das gibt die Leitlinie für alle Stufen der Regierung vor. Das Wort, das mir natürlich aufstösst, ist «sozialistisch». Das heisst in meinem Jargon Staatskonzerne, Parteikontrolle, Subventionen. Die faulen Kröten in der chinesischen Wirtschaft werden damit sogar noch aufs Podest gehoben.

Weshalb wurde denn zusätzlich zum Fünfjahresplan überhaupt noch eine Vision für 2035 formuliert?

Das «moderne sozialistische Land» ist eigentlich die Vision für 2049, dem hundertsten Jahrestag der Gründung der Volksrepublik. 2035 markiert den halben Weg zwischen heute und 2049. Parteichef Xi Jingping wird diese Marke gesetzt haben, um sicherzustellen, dass China auf dem richtigen Pfad bleibt.

Ist das auch eine Andeutung, dass Xi so lange im Amt zu bleiben gedenkt?

Seine Amtszeitbeschränkung wurde bereits aufgehoben, an seiner Stellung rüttelt niemand mehr. Nach heutigem Kenntnisstand würde ich sagen, dass Xi wohl bis 2032 im Amt bleiben wird.

Jörg Wuttke

Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Er ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Wuttke lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking. Er ist regelmässiger Autor für The Market.
Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Er ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Wuttke lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking. Er ist regelmässiger Autor für The Market.