«Im Asset Management den Produktionsstandort Schweiz stärken», ist ein Ziel von Axel Schwarzer, Head Vontobel Asset Management.

«Im Asset Management den Produktionsstandort Schweiz stärken», ist ein Ziel von Axel Schwarzer, Head Vontobel Asset Management.

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Interview

«Die Schweiz könnte die Führung zurückgewinnen»

Axel Schwarzer, Head Vontobel Asset Management, spricht über die Auswirkungen der Coronakrise auf die Branche und sagt, wie sich die Schweiz zu einem Standort für Asset Management mit globaler Ausstrahlung entwickeln kann.

Ruedi Keller
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Axel Schwarzer, Head Vontobel Asset Management, sagt im Gespräch, dass sein Bereich wegen der Coronakrise netto kaum Abflüsse verzeichnet hat. Anderes befürchtet er bei Konkurrenten und plädiert für eine «Konsolidierung der Branche hin zu Qualität».

Ein Anliegen ist ihm, dass die einheimische Asset-Management-Branche den Produktionsstandort Schweiz stärkt und den Vermögenspool nicht einfach ausländischen Anbietern überlässt.

Es sei möglich, mit der Qualität der Schweizer Infrastruktur Produkte herzustellen, die global zu den Besten gehören. «Wir stehen erst am Anfang des Wegs.» Doch Ziel der Branche müsse es sein, mittelfristig mit London und New York zu konkurrieren. «Man muss es nur wollen», sagt Schwarzer.

Herr Schwarzer, wie wirkt sich die Coronakrise auf das Geschäft im Asset Management aus?

Die Vermögenswerte haben gelitten. Im Asset Management haben wir aber mehrheitlich institutionelle Kunden. Die wissen, wie Märkte funktionieren.

Wie funktionieren denn die Märkte mit Corona?

Auslöser dieser Krise war ein plötzlich eintretender externer Schock. Die Pandemie wird zwar eine Rezession auslösen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine eigentliche Wirtschaftskrise. Die Coronapandemie verursacht eine psychologische Krise, was in den Märkten Ausdruck in der hohen Volatilität findet. Die meisten unserer institutionellen Kunden erwarten: Es wird ein Heilmittel kommen und die Märkte werden wieder steigen – dann sogar schnell, weil die Nachfrage grundsätzlich vorhanden ist.

Als Asset Manager leiden Sie unter dem Wertverlust der betreuten Vermögen, Sie verspüren aber keinen übermässigen Abzug von Geldern?

Bei Vontobel haben einige Investoren Risiko rausgenommen, andere gleichzeitig zusätzlich investiert. Wir haben nicht so stark gelitten, wie dies aggregierte Zahlen zur Branche suggerieren könnten. Die Asset Manager sind sehr unterschiedlich von der aktuellen Krise betroffen. Besonders stark gelitten haben Anbieter passiver Produkte.

Wieso?

Exchange Traded Funds, sogenannte ETF, sind bei Anlegern sehr beliebt, weil sie günstig sind und stete Handelbarkeit verheissen. Dies gilt allerdings nicht im gleichen Mass für die ihnen zugrunde liegenden Werte. Deren Handelbarkeit ist beschränkt, besonders in Krisenzeiten. In Preisen für ETF auf Emerging Market Bonds zum Beispiel entwickelte sich so ein Abschlag auf den inneren Wert von teilweise bis zu 5%. Das hat viele Investoren aufgeschreckt und eine Kettenreaktion ausgelöst, worunter ETF-Anbieter gelitten haben.

Erwarten sie einen längerfristigen Einfluss dieser Krise auf die Branche?

Es wird einen Selektionsprozess geben: Die guten Asset Manager werden gestärkt aus der Krise kommen. Die Qualität der Produkte wird künftig eine grössere Rolle spielen. Diesbezüglich sehe ich den Asset-Management-Standort Schweiz in einer guten Ausgangslage. Gerade in Zeiten wie heute ist es wichtig, dass ein Asset Manager über genügend Möglichkeiten verfügt, um die Kunden intensiv begleiten zu können. Wenn ein Kunde jetzt nichts von seinem Asset Manager hört oder gar Fonds geschlossen werden, wird sich er sich künftig einem anderen Asset Manager suchen.

Haben Sie Beispiele?

Kunden haben teilweise fluchtartig Gelder aus skandinavischen Corporate Bond Fonds abgezogen, womit einzelne Fonds schliessen mussten, weil angesichts des Verkaufsüberhangs keine echten Preise mehr zustande kamen. Hier war das Problem nicht die Illiquidität einzelner Fondspositionen, sondern die Handelbarkeit der Fonds.

Wird das zu einer Konsolidierung führen?

Erst wird mit Bestimmtheit eine Selektion stattfinden, in einem zweiten Schritt hoffe ich auf eine Konsolidierung hin zu Qualität.

Was ist für Sie Qualität?

Dazu zählt der Investment-Prozess und dass das Produkt hält, was der Asset Manager verspricht. Und selbstverständlich sollten die Fonds liquide sein.

Kann man das auch für Krisen garantieren?

Garantieren nicht, aber vorsorgen: Die Tiefe des Marktes ergibt sich aus einem konsequenten Investment-Prozess, der darauf verzichtet, mit wenig liquiden Produkten die Performance aufzuhübschen.

Und wenn dennoch grössere Rücknahmen erfolgen?

In Krisenzeiten gehört es zur Aufgabe des Portfoliomanagements, dafür zu sorgen, dass die Liquidität auch erhalten bleibt, wenn Kunden aus einem Produkt aussteigen. Steigt ein Grosskunde aus, gehört es zur treuhänderischen Verantwortung, dafür zu sorgen, dass darunter nicht die verbleibenden Kunden leiden. Ein Qualitätsmerkmal ist auch, transparent aufzuzeigen, wohin ein Produkt steuert. Wenn die Kunden verstehen, was der Portfoliomanager macht, und gar nicht erst nervös werden, kann man Rücknahmen besser steuern.

Die Schweiz verfügt über einen riesigen Vermögenspool – von Privatbanken und institutionellen Anbietern wie Versicherern, Pensionskassen und Unternehmen. Sind Schweizer Asset Manager damit in einer guten Ausgangslage, gerade jetzt in der Krise?

Das ist eines meiner grossen Anliegen. Wir haben mit der Swiss Funds & Asset Management Association SFAMA eine Plattform geschaffen, um das Bewusstsein zu schärfen, dass die Schweiz über hervorragende eigene Asset Manager verfügt.

Wen zählen Sie dazu?

Das Asset Management von UBS, Credit Suisse, Pictet, Lombard Odier, selbstverständlich Vontobel und weitere Anbieter, die echtes Asset Management betreiben. Privatbanken tauchen in gewissen Rankings zwar auch auf, sie verwalten aber oft nur sehr wenige Vermögen im Auftrag institutioneller Anleger. Natürlich bieten hierzulande auch internationale Grössen wie BlackRock ihre Produkte an.

Sie produzieren jedoch nur sehr wenig direkt aus der Schweiz heraus.

Unser Anliegen muss sein, dass die Schweiz mit ihren grossen Vermögenswerten als wichtiger Produktionsstandort für Asset Management wahrgenommen wird von internationalen Playern nicht nur als Vertriebskanal benutzt wird.

Es gibt zwar Schweizer Asset Manager. Doch auch sie erbringen die Wertschöpfung oft ausserhalb des Landes, in London oder New York.

Das ist teilweise richtig und Aufgabe der Branche, einen Beitrag zu leisten. Es ist möglich, mit hiesigen Talenten und der Qualität der Schweizer Infrastruktur Produkte herzustellen, die global zu den Besten gehören. Pictet kann das, ebenso UBS, auch wir können das. Man muss es nur wollen – und von den Investoren die Möglichkeit erhalten, die eigenen Produkte vorstellen zu können.

Wie sieht die Verteilung bei Vontobel aus?

Wir haben mit TwentyFour eine Boutique in London, Global Growth sitzt in den USA, unsere weiteren vier Boutiquen sind in der Schweiz beheimatet. Insgesamt haben wir bei Vontobel mehr als 300 Investmentprofis, die Mehrheit davon arbeitet in der Schweiz.

Wo ist die Stärke des Schweizer Asset Management?

Wie immer in der Schweiz gilt auch für das Asset Management: Wir sind stark in der Nische. Chancen bieten aktiv selektionierte Anlagen. 

In den letzten Jahren hat aktives Management seine Gebühren allerdings nicht gerechtfertigt. Dominierend war der Einfluss der Notenbankpolitik, die unterschiedslos alle Anlagen bewegt hat.

Das gilt nur für Fonds, die sich zwar aktiv geben, faktisch jedoch nahe an den Indizes investieren. Da haben die Kunden recht, wenn sie keinen höheren Preis bezahlen wollen. Es gibt aber viele Beispiele wirklich aktiver Manager, die mit hoher Überzeugung eigene Strategien einschlagen und die Vergleichsindizes kontinuierlich schlagen. Auch Vontobel hat das über die Jahre für eine Mehrheit der von uns verwalteten Vermögen geschafft. Es gibt Raum für gute aktive Manager, die unabhängig von den Marktbedingungen Wert kreieren.

Was können Schweizer Asset Manager besonders gut?

Mit Partners Group besitz die Schweiz einen hervorragenden Anbieter im Bereich Privatmärkte, die eine besonders intensive Auswahl verlangen. Bei Alternativanlagen, wo kreatives Denken gefragt ist, ist die Schweiz sehr gut. In Anlehnung an das Wealth Management ist eine Kultur für Ertrag vorhanden, etwa mit Dividendenstrategien und festverzinslichen Anlagen. Im Bereich ESG, also Investitionen, die mit Blick auf Umwelt, Gesellschaft und guter Unternehmensführung selektioniert werden, ist die Schweiz Vorreiterin.

Die Schweiz gehört zwar bei ESG-Anlagen zu den Pionieren. Doch führend sind mittlerweile Andere.

Die Schweiz könnte die Führung zurückgewinnen. Zu den Erfindern des Themas gehört die ehemalige Schweizer SAM, die schon 1995 nachhaltige Investitionen angeboten hat. Heute gehört SAM zu Robeco. Jetzt hat der Standort die Chance, diesen Bereich, der ein Qualitätsmerkmal für den Investitionsprozess darstellt, auszubauen. Beispielsweise UBS ist sehr aktiv daran, ESG-Anlagen zu fördern, ebenso Pictet, Lombard Odier, früher auch Sarasin. Vontobel ist ebenfalls stark und in der Schweiz die Nummer 3. Wir verwalten mehr als ein Drittel unserer Assets nach ESG-Kriterien. Die Schweiz hat eine Tradition für nachhaltige Anlagen. Doch es mangelt an Marketing, um den Wettbewerbsvorteil in Geschäft umzumünzen.

Im Ausland laufen politische Initiativen, um ESG-Anlagen zu fördern. Was bedeutet das für Schweizer Asset Manager?

Die EU arbeitet derzeit an einer Richtlinie für nachhaltige Anlagen, in der vorgeschlagen wird, dass Kunden in allen Beratungsgesprächen auf ESG-Anlagemöglichkeiten aufmerksam gemacht werden. Zudem sollen Asset Manager künftig ihre Produkte nach ESG-Kriterien bewerten und ausweisen müssen.

Und in der Schweiz?

Wir sollten hier keinen Sonderweg gehen, sondern dank unserer guten Position die Initiative der EU zum Nutzen unserer eigenen Geschäftsinteressen umsetzen. Mit unserer Historie können Schweizer Asset Manager global führend werden.

Aber sogar in der Schweiz investieren Grossanleger wie Pensionskassen weit unterdurchschnittlich in ESG-konforme Anlagen. Was läuft schief?

Gerade mittelgrossen Pensionskassen fehlt die Erfahrung mit dieser Anlageklasse, wie eine Vontobel-Studie zeigt. Die Chance für Asset Manager besteht darin, den Pensionskassen die Bedeutung und die Anlagemöglichkeiten von ESG darzulegen und passende Produkte zu offerieren. Das Thema bietet eine wunderbare Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit den hiesigen Investoren.

Die Realität ist nüchterner: Vor zwei Jahren hat die US-Grossbank JPMorgan mit ihrem Asset Management das Mandat zur Betreuung der Pensionskasse der SBB erlangt. Zuvor hatte sie sich bereits das Mandat der Pensionskasse des Bundes gesichert. Wie verhalten sich die institutionellen Schweizer Anleger in Bezug auf die heimischen Asset Manager?

Die Schweizer Asset-Management-Industrie muss sich zutrauen, gegen die globale Konkurrenz anzutreten. Doch die Schweizer Investoren – die Pensionskassen, Banken, Versicherer und Unternehmen – müssen den Schweizer Anbietern auch eine Chance geben, sich zu präsentieren. Dann werden sie entdecken, dass wir nicht schlechter sind als internationale Wettbewerber.

Institutionelle Anleger verwalten in der Schweiz riesige Vermögen. Dennoch spielt das hiesige Asset Management eine im internationalen Vergleich untergeordnete Rolle. Wieso?

Vor drei Jahren haben wir noch nicht einmal über einen Asset-Management-Standort Schweiz gesprochen. Damals wurde der Bereich als Anhängsel zum Wealth Management behandelt. Das Anliegen der Branche ist es nun, im Asset Management den Standort Schweiz zu stärken und den hiesigen Vermögenspool nicht einfach den ausländischen Anbietern überlassen. Wir stehen erst am Anfang dieses Wegs. Unser Ziel ist, mittelfristig London und New York konkurrieren zu können.

Zur Person

Axel Schwarzer leitet seit 2011 das Asset Management der Bank Vontobel. Zuvor stand er 21 Jahre im Dienst von Deutsche Bank, zuletzt in Frankfurt als Vice Chairman Deutsche Asset Management und Global Head of Relationship Management von DWS. Von 2005 bis 2009 war Schwarzer in New York, wo er als CEO DWS Investments und Leiter Deutsche Asset Management Americas fungierte. Begonnen hat der heute 62-jährige Deutsche seine Karriere 1989 im Private Banking von Deutsche Bank. Schwarzer studierte Rechtswissenschaften an der Johann Gutenberg Universität in Mainz und Frankfurt.
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Axel Schwarzer leitet seit 2011 das Asset Management der Bank Vontobel. Zuvor stand er 21 Jahre im Dienst von Deutsche Bank, zuletzt in Frankfurt als Vice Chairman Deutsche Asset Management und Global Head of Relationship Management von DWS. Von 2005 bis 2009 war Schwarzer in New York, wo er als CEO DWS Investments und Leiter Deutsche Asset Management Americas fungierte. Begonnen hat der heute 62-jährige Deutsche seine Karriere 1989 im Private Banking von Deutsche Bank. Schwarzer studierte Rechtswissenschaften an der Johann Gutenberg Universität in Mainz und Frankfurt.