Interview

«Das grösste Risiko sind steigende Zinsen»

Howard Marks, Co-Chairman von Oaktree Capital, erklärt, weshalb er die hohen Bewertungen an den Märkten für gefährlich hält. Der legendäre US-Investor rät zu einem umsichtigen Vorgehen und sagt, wo er im anspruchsvollen Umfeld Chancen sieht.

Christoph Gisiger
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Die Stimmung ist gereizt. Nachdem die Börsen mit Schwung ins Jahr gestartet sind, prägen wilde Spekulationen mit US-Nebenwerten wie GameStop oder AMC die Schlagzeilen. Abseits vom Lärm spielen sich an den globalen Finanzmärkten jedoch wichtigere Veränderungen ab: Der Dollar notiert – zumindest vorübergehend – etwas fester, und im Bondhandel tendieren die Zinsen erneut nach unten.

Wer könnte zu den aktuellen Entwicklungen besser Auskunft geben als Howard Marks? Kaum ein Investor weist auf lange Sicht eine so überragende Performance aus wie der Mitbegründer der Investmentboutique Oaktree Capital mit Sitz in Los Angeles. Seine Memos, die er sporadisch an Kunden verschickt, haben Kultstatus.

«Beginnen Sie früh, sich an der Börse zu engagieren, finden Sie heraus, welche Unternehmen sich langfristig am besten entwickeln werden, und bleiben Sie investiert»: Howard Marks.

«Beginnen Sie früh, sich an der Börse zu engagieren, finden Sie heraus, welche Unternehmen sich langfristig am besten entwickeln werden, und bleiben Sie investiert»: Howard Marks.

Bild: Bloomberg

«Offensichtlich ist, dass es so gut wie keine Pessimisten mehr gibt. Kaum jemand sitzt auf Verlusten, die meisten Investoren haben den letztjährigen Kursrückschlag wettgemacht oder sind besser dran», hält er zur Mentalität an den Börsen fest. «Risikoreiche Anlagen wie Aktien zu halten, bereitet niemandem Unbehagen. Im Gegenteil: Unwohl fühlte sich in den vergangenen vier Monaten, wer keine Risikoanlagen im Portfolio hatte.»

Im ausführlichen Interview legt Marks dar, weshalb er die grösste Gefahr in einem nachhaltigen Anstieg der Zinsen sieht. Zudem sagt er, worauf Investoren bei der Navigation im gegenwärtigen Umfeld besonders achten sollten und wo er Chancen für erfolgversprechende Anlagen sieht.

Mr. Marks, wir leben in einer sonderbaren Welt: Obwohl wir uns mitten in einer Pandemie befinden, notieren die Aktienmärkte nahe ihrem Allzeithoch, während sich die Zinsen auf einem Rekordtief bewegen. Wie sollen sich umsichtige Investoren durch dieses ungewöhnliche Marktumfeld navigieren?

Die Anforderungen an den Finanzmärkten waren noch nie so gross wie heute, denn die Vermögenspreise sind hoch und die erwarteten Renditen tief. Die meisten Wertanlagen sind im Verhältnis zueinander mehr oder weniger fair bewertet. Ihre Preise bewegen sich jedoch alle auf einem Niveau, auf dem die voraussichtlichen Erträge wenig attraktiv sind. Mit anderen Worten: Wir leben in einer Welt geprägt von tiefen Anlagerenditen. Die entscheidende Frage ist, wie man sich als Investor in diesem Umfeld am besten verhält.

Wie lautet Ihre Antwort darauf?

Der Handlungsspielraum ist begrenzt. Einerseits kann man argumentieren, dass die Bewertungen hoch sind. In diesem Fall muss man sich Sorgen über einen Kurseinbruch machen und sich bemühen, das Risiko zu reduzieren. Wer sein Portfolio jedoch verstärkt absichert, schränkt die erwartete Performance noch mehr ein. Andererseits gibt es Investoren, die sich nicht mit den tiefen Renditen zufriedengeben wollen. Das bedeutet aber zwangsläufig, dass man mehr Risiko eingehen muss. Keine dieser beiden Optionen ist attraktiv.

Was bedeutet das demnach für Investoren?

Die Märkte bieten stets Chancen. Man muss sich jedoch entscheiden, was für eine Strategie man verfolgen will. Vor rund zwanzig Jahren habe ich ein Memo mit dem Titel «It Is What It Is» verfasst. Als Kernaussage wies ich damals darauf hin, dass man als Investor im Prinzip nur etwas nicht tun kann: ein anderes Marktumfeld verlangen. Der Investment-Guru Peter Bernstein formulierte diese Prämisse in einem Schreiben an mich einmal passend: «Die Finanzmärkte sind kein Wunschkonzert. Sie gewähren keine hohen Renditen, nur weil man das gerne möchte.» Entscheidend ist, was wichtiger ist: ein höherer Ertrag oder mehr Sicherheit. Beides zugleich geht nicht.

Auf welches Risiko sollten Investoren derzeit speziell achten?

In den USA ist die Konjunktur in robuster Verfassung und gewinnt weiter an Dynamik. Amerika wird 2021 wahrscheinlich wirtschaftlich ein ausgesprochen gutes Jahr erleben. Hinzu kommt, dass es im letzten Frühjahr eine kurze Rezession gab. Daher ist gut möglich, dass bis zum nächsten grösseren Konjunktureinbruch mehrere Jahre vergehen. Obschon die fundamentalen Aussichten ermutigend sind, bewegen sich die Vermögenspreise bereits auf anspruchsvollem Niveau. Hauptgrund dafür sind die extrem tiefen Zinsen. Wenn sich die Wirtschaft belebt, sind steigende Zinsen das grösste Risiko. Das, weil damit die Bewertungen unter Druck kommen würden, die sich durch das Streben nach höheren Renditen aufgebläht haben.

In Ihren Memos schreiben Sie oft, dass wir nicht wissen können, in welche Richtung sich die Märkte entwickeln werden. Umso wichtiger sei deshalb die Standortbestimmung zur gegenwärtigen Lage. Wo befinden wir uns heute?

Die Interventionen des Federal Reserve und des amerikanischen Finanzdepartements - besonders die Senkung der Leitzinsen auf nahezu null - üben einen starken Zwang auf die Märkte aus. Sie nötigen die Leute dazu, zu investieren. In den USA beispielsweise will kaum jemand auf einer Cash-Position sitzen, da Geldmarktfonds und Bankdepositen keine Rendite abwerfen. Die meisten Investoren wollen sich auch nicht in US-Staatsanleihen zu 1% Zins oder in qualitativ hochstehenden Unternehmensanleihen zu 2% Rendite engagieren. Sie sehen sich daher gezwungen, in risikoreichere Kategorien wie Aktien, Hochzinsanleihen, Private Equity oder Venture Capital vorzudringen.

Ob Technologie, Bitcoin oder generell Aktien von Unternehmen mit vagen Gewinnaussichten: Anlagen in spekulativen Segmenten sind en vogue. Was sagt das über die Psychologie der Märkte aus?

In meinem letzten Buch, «Mastering the Market Cycle», habe ich dargelegt, wie sich eine Hausse in drei Phasen unterteilen lässt. In der ersten Phase glauben nur einige wenige Investoren mit Weitsicht, dass sich die Perspektiven aufhellen werden. Bei der nächsten Stufe sind die meisten Leute zuversichtlich, dass sich die Situation verbessern wird. In der dritten Phase sind alle überzeugt, dass es immer weiter nach oben geht. Im vergangenen März befanden wir uns in Phase eins. Die Märkte kollabierten, und niemand glaubte an eine Aufhellung. Das ist die Chance, zu kaufen: Wenn alle die Zuversicht verloren haben. Dann stabilisierte sich die Lage allmählich, und gegen Mitte Sommer kamen die meisten Investoren zum Schluss, dass es fortan deutlich aufwärts geht.

Wo befinden wir uns heute, wenn Sie zum Beispiel an die Manie denken, mit der immer mehr Kleinanleger wie wild mit Optionen spekulieren?

Offensichtlich ist, dass es so gut wie keine Pessimisten mehr gibt. Kaum jemand sitzt auf Verlusten, die meisten Investoren haben den letztjährigen Kursrückschlag wettgemacht oder sind besser dran. Risikoreiche Anlagen wie Aktien zu halten, bereitet niemandem Unbehagen. Im Gegenteil: Unwohl fühlte sich in den vergangenen vier Monaten, wer keine Risikoanlagen im Portfolio hatte. Alle glauben, dass es mit der Wirtschaft aufwärts geht, wir das Problem mit dem Coronavirus lösen, das Leben sich zum dritten Quartal hin normalisiert, keine Gefahr einer Rezession besteht, die Zinsen tief bleiben und die Unternehmen erfolgreich wirtschaften. Wenn der Optimismus aber bereits derart gross ist, kann sich die Stimmung nicht mehr viel weiter aufhellen. Im Gegensatz dazu kann sie sich rasch eintrüben, was die Märkte entsprechend nach unten ziehen würde.

Nähern wir uns demzufolge bereits der Endphase der Hausse?

Das ist schwierig zu sagen. Normalerweise fällt der letzte Teil einer Hausse mit einem fortgeschrittenen Konjunkturaufschwung zusammen. Gegenwärtig hat die Erholung der Wirtschaft aber erst begonnen.

Wie lange kann diese Ausnahmesituation anhalten?

Von Zeit zu Zeit denkt die Welt, dass wir uns in einem «Goldlöckchen»-Umfeld befinden: Die Temperatur ist genau richtig; weder zu heiss, noch zu kalt. Dieser Zustand hält aber nicht ewig an. Wenn die Zinsen steigen, dann geraten die Preise aller Vermögenswerte unter Druck. Heute kaufen Investoren zehnjährige US-Schatzpapiere, um 1% Rendite zu erwirtschaften. Der Grund dafür ist, dass sie mit Cash nichts verdienen. Was aber passiert, wenn Giroeinlagen in fünf Jahren mit 2% verzinst werden? Unter solchen Voraussetzungen kauft niemand mehr zehnjährige Treasuries zu 1%. Investoren werden eine Rendite von 3 oder 4% verlangen – und wenn ein Bond, der aktuell 1% rentiert, fortan 3% Zins abwerfen soll, geht das nur auf einem Weg: Der Preis muss sinken.

Was hätte das für Konsequenzen für Investoren?

In den frühen Achtzigerjahren hatte ich ein Bankdarlehen zu einem Zins von 22,75% ausstehen. Der Beleg dazu hängt bis heute an meiner Wand. Derzeit hingegen kostet mich ein Kredit lediglich 2,25%. Die Zinsen sind seit vier Jahrzehnten stetig gesunken, was die Preise von Vermögenswerten stimuliert und den Märkten Auftrieb gegeben hat. Diese Kräfte sind nun aber ausgeschöpft, denn in den USA werden die Zinsen nicht unter null sinken. Die US-Notenbank hat klar gemacht, dass sie die Fed Funds Rate nicht in negatives Terrain drücken wird. Der Auftrieb fällt somit weg, und die Zinsen können im besten Fall auf dem aktuellen Niveau verharren. Unter solchen Bedingungen ist es gut möglich, dass das «Goldlöckchen»-Umfeld anhält. Die Zinsen können aber auch steigen, was Gegenwind für die Märkte bedeuten würde.

Zentralbanken wie das Fed und die EZB haben es sich zum Ziel gesetzt, Inflation zu schaffen. Angesichts der massiven Stimulusmassnahmen müsste man eigentlich bald mit einer steigenden Teuerung rechnen. Kann das Finanzsystem überhaupt einen Anstieg der Inflation verkraften, zumal das höhere Zinsen implizieren würde?

Die meisten Länder streben 2% Inflation an, haben das bisher aber nicht erreicht. Japan und Europa versuchen es seit Jahren erfolglos. Seit der globalen Finanzkrise von 2008/09 ist die Wirtschaft von moderatem Wachstum, sinkender Arbeitslosigkeit und tiefen Zinsen gekennzeichnet. Das ist praktisch ein Idealzustand. Nachdem sich viele Staaten immer mehr verschuldet haben, die Wirtschaft Altlasten abgebaut hat und die Inflation niedrig geblieben ist, gehen viele Experten davon aus, dass sich die Teuerung und damit die Zinsen auch künftig auf tiefem Niveau bewegen. Es wäre schön, wenn dem so ist. In den letzten Jahren sind jedoch grosse Mengen an Krediten mit flexiblen Zinssätzen aufgenommen worden, speziell von Regierungen. Zudem müssen Staaten ihre Schulden refinanzieren, wenn diese zur Rückzahlung fällig werden. Obschon das Budgetdefizit in den USA ziemlich hoch ist, kann die Regierung zehnjährige Schatzpapiere gegenwärtig zu 1% emittieren. Wenn wir diese Beiträge dereinst zu 4% refinanzieren müssen, werden die Kosten zur Bedienung der Schulden steigen, und das Defizit wird noch schneller anwachsen.

In den dunkelsten Wochen der Finanzkrise verfassten Sie ein Memo mit dem Titel «Volatility + Leverage = Dynamite». Wie explosiv ist die Situation heute?

Zur Mitte der Nullerjahre boomten gehebelte Kreditanlage-Instrumente wie CDO, CMO und CLO: besicherte Schuldverschreibungen, die zusammengepackt und dann in Tranchen zerschnitten wurden. Das war eine einmalige Entwicklung. Wer den Equity-Teil kaufte, ging das grösste Risiko ein und verlor in der Folge oft sein Kapital. Von solchen Exzessen ist heute wenig zu sehen. Im vergangenen Jahrzehnt konzentrierten sich finanzielle Innovationen primär auf Wachstums-Storys wie Bitcoin und SPACs. Investments in solchen Bereichen basieren kaum auf dem Einsatz von Schulden. Zudem sind die meisten Finanzinstitute heute wesentlich robuster aufgestellt und gehen weniger Risiken ein. Generell ist die Investmentbranche weniger verschuldet.

In Ihrem neuesten Memo «Something of Value» argumentieren Sie, dass eine strikte Trennung zwischen Value- und Growth-Anlagestrategien wenig zielführend ist. Investoren sollten einen vielseitigeren Ansatz verfolgen. Warum sind die Märkte für viele Value-Investoren heute so anspruchsvoll?

Als ich meine Karriere in den späten Sechzigerjahren begann, war die Welt ziemlich unbedarft. Wer ein Unternehmen analysieren wollte, musste schriftlich den Geschäftsbericht anfragen, der dann zwei Wochen später per Post eintraf. Nur wenige Investoren verfügten über vertiefte Kenntnisse zu einer Gesellschaft. Es existierten viele verborgene Perlen, und wer sich bei der Suche Mühe gab, konnte sie relativ leicht finden. In meinem Memo habe ich dieses Vorgehen als «Zigarrenstummel»-Ansatz bezeichnet. Der Begriff stammt von Warren Buffett, der das Aufspüren unterbewerteter Unternehmen mit der Suche nach Zigarrenstummeln am Strassenrand verglich, um davon noch einen letzten Zug zu paffen. Heute hat jeder einen Computer mit einem Tabellenkalkulationsprogramm. Jedes Unternehmen der Welt lässt sich in zehn Sekunden auf die wichtigsten Kennzahlen prüfen. Verborgene Perlen gibt es kaum mehr – und wenn, dann sind sie erheblich schwerer zu finden. Es gibt keinen Grund, weshalb heute eine Standardanalyse öffentlicher Daten eine überragende Performance ermöglichen sollte.

Obschon der Ausblick für die Gesamtwirtschaft erfreulich ist, stehen viele Branchen nach wie vor unter Stress. Welche dieser Unternehmen werden die Folgen der Pandemie verhältnismässig schnell wegstecken, und wo wird es dauerhafte Veränderungen geben?

Das ist die grosse Frage. Aktien von Konzernen wie Netflix und Amazon, die von der Pandemie profitieren, haben einen Boom erlebt. Andere Branchen konnten sich weniger gut halten. Dazu zählen etwa das Gastgewerbe, die Reisebranche, die Unterhaltungsindustrie, der Retailhandel etc. Diese Unternehmen werden weiterhin zu einem Abschlag gehandelt, und hier eröffnen sich Chancen auf Schnäppchen. Wer an der Börse viel Geld verdienen will, sucht nach Aktien, die andere Investoren verachten – genau wie Zigarrenstummel auf der Strasse. Das Problem ist aber, dass viele günstige Aktien zu Recht billig sind, weil sie es nicht anders verdienen.

Wie verhält es sich denn mit diesem Problem an den Kreditmärkten?

Manche Anlagen im Immobiliensektor erweisen sich als problematisch, beispielsweise Investments in Einkaufszentren oder in Bürogebäuden von Grossstädten wie New York. Bei solchen Liegenschaften fragt sich, inwiefern sich die Situation normalisiert. Kaum jemand glaubt, dass wir wieder unter den gleichen Bedingungen wie 2019 arbeiten werden, weil wir es schätzen, von zu Hause aus zu arbeiten, und gelernt haben, dass wir so hochproduktiv sein können. Hinzu kommt, dass Befürchtungen über eine Ansteckung mit dem Virus noch einige Zeit anhalten könnten; speziell, wenn sich herausstellen sollte, dass sich die Impfstoffe weniger wirksam gegen die neuen Mutationen erweisen. Letztlich ist alles eine Frage der unterschiedlichen Wahrnehmung: Wie empfinde ich etwas? Wie sieht es der Markt?

Was meinen Sie damit?

Es ist keine Frage, dass Bürogebäude künftig wieder besser ausgelastet werden, denn die Leute werden zurück zur Arbeit gehen. Unklar ist jedoch, wie viel der Markt von dieser Erholung bereits vorwegnimmt und bis zu welchem Grad sie tatsächlich ausfällt. Wenn der Markt die Situation korrekt einschätzt und ein Unternehmen fair bewertet, lässt sich nicht viel Geld verdienen. Gewinnmöglichkeiten entstehen hingegen dann, wenn der Markt sich zunächst irrt und man mit einem Investment richtig liegt.

Das bringt uns zurück zum Anfang des Gesprächs: Wie soll man sich in diesem anspruchsvollen Umfeld bewegen, ohne unverantwortbare Risiken einzugehen?

Am wichtigsten ist, wie man mit Risiko umgehen kann. Wenn mich die Leute um Rat fragen, müssen sie sich zuerst über ihre Prioritäten im Klaren werden: Geht es darum, das Vermögen zu bewahren, oder es erheblich zu vergrössern? Natürlich lautet die Antwort stets «beides», doch das geht nicht. Man muss sich entscheiden. Im American Football besteht eine Mannschaft aus zwei Teams, die nie gleichzeitig auf dem Spielfeld stehen: der Offensive und der Defensive. Beim Investieren verhält es sich anders. Es ist eher wie im europäischen Fussball, wo jeder Spieler offensive wie auch defensive Aufgaben wahrnehmen muss. Auch kann man Spieler nicht oft auswechseln. Bei der Zusammensetzung eines Portfolios ist deshalb entscheidend, die richtige Balance zwischen offensiver und defensiver Ausrichtung zu finden.

Was heisst das genau?

Es gibt keine Pauschallösungen. Am besten, man stellt sich ein Tachometer im Auto vor, der von null bis hundert geht. Null bedeutet kein Risiko, eine vollkommen defensive Ausrichtung. Konkret legt man alles Geld in Cash oder in kurzfristigen Staatsanleihen an. Das andere Extrem ist volles Risiko, eine absolut offensive Ausrichtung. Das bedeutet, man ist ausschliesslich in spekulativen Wertschriften engagiert, möglicherweise finanziert mit Krediten. Jeder muss für sich herausfinden, welche Geschwindigkeit dieses Tachometer im Normalfall anzeigen soll. Dieser Entscheid hängt von Faktoren wie Alter, Einkommen, Vermögen, Ambitionen, Abhängigkeiten, künftigen Einkommensperspektiven und der Stärke des Magens ab. Anders gesagt: Wie gut kann man einen bedeutenden Kursrückschlag verdauen? Gerade diesen letzten Aspekt sollte man nicht vernachlässigen.

Warum ist dieser Punkt so wichtig?

Wenn Sie Ihre Nerven überschätzen, wachen Sie eventuell eines Morgens auf und stellen fest, dass der Wert Ihres Portfolios massiv gesunken ist. Das könnte Sie in Panik versetzen und dazu veranlassen, überstürzt zu verkaufen, womit der Verlust endgültig ist. Die Finanzmärkte oszillieren um eine kontinuierlich steigende Trendlinie. Wenn man zu einem hohen Preis einsteigt und dieser kurz darauf fällt, ist das kein Weltuntergang, denn im nächsten Zyklus wird der Kurs wahrscheinlich eine höhere Bestmarke erreichen. Wer langfristig investiert bleibt, wird demnach Geld verdienen. Wenn Sie aber auf hohem Niveau einsteigen, der Kurs fällt und Sie verkaufen, dann haben Sie keine Chance, an der anschliessenden Erholung zu partizipieren. Das ist der Kardinalsfehler: auf dem Tief auszusteigen. Darum ist es so wichtig, dass man seine Risikotoleranz nicht überschätzt.

Was empfehlen Sie Investoren folglich unter den aktuellen Rahmenbedingungen?

Hier ist mein wichtigster Rat: Beginnen Sie früh, sich an der Börse zu engagieren, finden Sie heraus, welche Unternehmen sich langfristig am besten entwickeln werden, und bleiben Sie investiert. Legen Sie Ihr Geld in guten, soliden Unternehmen an; nicht in Firmen, die vorab durch Eigenwerbung glänzen und gerade den Geschmack der Zeit treffen. So werden Sie garantiert viel Geld verdienen. Der grösste Fehler ist zu verkaufen. Vor ungefähr sechs Jahren schrieb ich ein Memo über Liquidität. Ich hielt darin fest, dass Liquidität nicht zwingendermassen gut ist, zumal die meisten Leute zu viel handeln. Dabei verwies ich auf ein Zitat meines Sohns Andrew: «Wenn man eine Grafik betrachtet, die über zwanzig Jahre hinweg einen steigenden Kurs darstellt, sollte man daran denken, wie oft man als Investor in dieser Zeit der Versuchung widerstehen musste, zu verkaufen.»

Wo würden Sie nach attraktiven Konstellationen zwischen Chancen und Risiken suchen?

Attraktiv sind zum Beispiel Emerging Markets, weil sich ihnen erbauliche Perspektiven eröffnen. Anlagen in Schwellenländern haben sich zwar bereits letztes Jahr sehr gut entwickelt, sind historisch aber noch immer vernünftig bewertet. Ein zentraler Entscheid ist heute die Gewichtung von China, denn die chinesische Wirtschaft ist ausgesprochen kraftvoll und expandiert rasch. Viele Investoren denken deshalb, dass sie sich in China engagieren sollten und setzen dann 2% des Portfolios dafür ein. Das ist jedoch ein verschwindend geringer Prozentsatz. Die Frage ist daher, ob man den Mut aufbringt, China zu einem signifikanten Teil des Portfolios zu machen. Das ist das Spannende am Investieren: Mit allem, was man unternimmt, um richtig zu liegen, setzt man sich dem Risiko aus, einen Fehler zu begehen. Wenn Sie 2% in China anlegen und die Wette aufgeht, bereuen Sie, nicht mehr investiert zu haben. Engagieren Sie sich umgekehrt mit 20% Ihres Portfolios und es misslingt, ärgern Sie sich tödlich darüber. Es gibt keine simplen Lösungen oder Garantien. Richard Oldfield, ein Freund von mir, hat ein gutes Buch dazu geschrieben. Der Titel fasst die Krux des Investierens treffend zusammen: «Einfach, aber nicht leicht».

Howard Marks

Kaum ein Investor geniesst in der Finanzwelt mehr Respekt als Howard Marks. Legendär sind seine Memos, mit denen er sporadisch die Lage an den Finanzmärkten kommentiert. «Wenn ich ein Memo von ihm in meiner Mailbox sehe, ist es das Erste, was ich öffne und lese», sagt sogar Warren Buffett. Auch seine beiden Bücher, «Mastering the Market Cycle» und «The Most Important Thing», zählen zur Pflichtlektüre. In New York aufgewachsen, hat Howard Marks an der Booth School of Business in Chicago ein Studium in Finanztheorie absolviert. Der 74-Jährige begann seine Karriere 1969 als Aktienanalyst bei Citicorp. Dann spezialisierte er sich auf notleidende Kredite und wechselte 1985 zum Vermögensverwalter Trust Company of the West (TCW). Seine 1995 gegründete Firma Oaktree Capital mit Sitz in Los Angeles ist mit annähernd 140 Mrd. $ an Kundengeldern die grösste Investmentgesellschaft in diesem Bereich. Gemessen an der langfristigen Performance rangieren ihre Fonds im Spitzensegment.
Kaum ein Investor geniesst in der Finanzwelt mehr Respekt als Howard Marks. Legendär sind seine Memos, mit denen er sporadisch die Lage an den Finanzmärkten kommentiert. «Wenn ich ein Memo von ihm in meiner Mailbox sehe, ist es das Erste, was ich öffne und lese», sagt sogar Warren Buffett. Auch seine beiden Bücher, «Mastering the Market Cycle» und «The Most Important Thing», zählen zur Pflichtlektüre. In New York aufgewachsen, hat Howard Marks an der Booth School of Business in Chicago ein Studium in Finanztheorie absolviert. Der 74-Jährige begann seine Karriere 1969 als Aktienanalyst bei Citicorp. Dann spezialisierte er sich auf notleidende Kredite und wechselte 1985 zum Vermögensverwalter Trust Company of the West (TCW). Seine 1995 gegründete Firma Oaktree Capital mit Sitz in Los Angeles ist mit annähernd 140 Mrd. $ an Kundengeldern die grösste Investmentgesellschaft in diesem Bereich. Gemessen an der langfristigen Performance rangieren ihre Fonds im Spitzensegment.