«Die Gründe für die Unsicherheit, die Ende 2018 die Börsen belastete, sind alle noch da», sagt Marc Hänni. <br>Bild:&nbsp;zvg<br>

«Die Gründe für die Unsicherheit, die Ende 2018 die Börsen belastete, sind alle noch da», sagt Marc Hänni.
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Das Interview

«Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, in vermeintlich günstige Titel umzuschichten»

Marc Hänni, Leiter Schweizer Aktien bei Vontobel Asset Management, misstraut der Börsenerholung. Er zieht defensive Qualitätswerte den zyklischen Aktien vor. Ein paar Ausnahmen macht er aber.

Gregor Mast

Marc Hänni

Marc Hänni startet seine Laufbahn bei Vontobel, der er bis heute treu geblieben ist, 1990 mit der Banklehre. Danach folgen Stationen als Assistent eines Geschäftsleitungsmitglieds und in der Vermögensverwaltung. 1999 wird er zum Portfolio Manager für Schweizer Aktien ernannt. Seit 2011 leitet er das Schweizer Aktienteam, das derzeit 4,3 Mrd. Fr. verwaltet. Hänni hat an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften berufsbegleitend Betriebsökonomie studiert und besitzt das Diplom als Certified International Wealth Manager.
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Marc Hänni lebt für Schweizer Aktien. Seit 1999 verfolgt er bei Vontobel Asset Management die hiesige Unternehmenslandschaft. Besonders angetan haben es dem Leiter des Schweizer Aktienteams kleine und mittelgrosse Firmen. «Darunter finden sich diverse Perlen, die zum globalen Marktführer aufgestiegen sind.»

Das passt ins Konzept von Hänni, der nur in Titel von Unternehmen investiert, die zu den Top 3 der Welt gehören, die Schweizer Wurzeln und eine starke Marke haben und die innovativ sind, was Hänni am Anteil der Forschungsausgaben zum Umsatz oder dem Alter des Produktportfolios misst. Diese Mischung sorgt für Preissetzungsmacht und erlaubt hohe Margen und Kapitalrenditen – beides sind wichtige Grössen für Hänni.

Viele Unternehmen, in die Hänni investiert, haben ihren Cashflow genutzt, um Schulden zurückzuzahlen und so die Bilanz zu stärken. «Das gefällt uns. Angesichts der Abkühlung der Konjunktur sind wir an Unternehmen interessiert, die aus einer Position der Stärke heraus agieren und akquirieren oder organisch wachsen können.»

Im Gespräch mit The Market erklärt Hänni, warum er der Erholung an den Börsen misstraut, warum jetzt nicht der Zeitpunkt ist, in vermeintlich günstige Titel umzuschichten und welche Unternehmen in der Berichtssaison trotz hohen Erwartungen positiv überraschen können.

Herr Hänni, wie ist Ihnen zumute, wenn Sie die Rekordjagd an den Börsen mit der sich abschwächenden Konjunktur vergleichen?
Der SPI hat seit Anfang Jahr über 20% zugelegt. Seit dem G20-Gipfel wird sehr viel Positives vorweggenommen, obwohl der Gipfel ja keine Einigung im Handelsdisput zwischen China und den USA, sondern nur eine Stabilisierung gebracht hat. Und die Gründe für die Unsicherheit, die Ende 2018 die Börsen belastete, wie der Handelskonflikt, der Brexit oder die sich abschwächende Konjunktur, sind alle noch da.

Die Erholung ist also nicht nachhaltig?
Sie ist nachhaltig, wenn die Unternehmen in der anstehenden Berichtssaison ihren Gewinn steigern können. Daran glauben wir aber nicht. Der Gesamtmarkt dürfte bis Ende Jahr deshalb kaum nochmals 10% avancieren. Wir müssten mit einer Seitwärtsbewegung mehr als zufrieden sein – dann verbliebe Ende Jahr immer noch ein Plus von 20%.

Wie gehen Sie mit der Zweiteilung des Marktes um – für defensive Titel werden hohe Preise bezahlt, Zykliker leiden und scheinen günstig zu sein.
Man darf die Bewertung nicht losgelöst vom Umfeld betrachten. Es gibt Namen wie Ems-Chemie, Belimo oder Lindt & Sprüngli, die sind immer teuer. Das hat aber einen guten Grund, denn das sind Unternehmen, die über den Zyklus schneller wachsen als der Markt, die gut geführt sind und die eine klare Strategie haben. In Anbetracht des reifen Konjunkturzyklus ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, in vermeintlich günstige zyklische Titel umzuschichten, bei denen das Umfeld nicht stimmt. So hat sich der Automobilsektor beispielsweise über die letzten sechs bis neun Monate massiv abgeschwächt.

Gilt das auch für Ems-Chemie?
Das ist eine Ausnahme. Seit ich den Titel verfolge, sind die Analysten vorsichtig. Sie betrachten Ems als Chemieunternehmen wie jedes andere. Das erklärt, warum die Valoren nach der letztwöchigen Gewinnwarnung von BASF unter Druck kamen. Doch Ems schafft es immer wieder, trotz Widrigkeiten die Marge zu verteidigen und gute Resultate zu erzielen, wie die Zahlen vom letzten Freitag einmal mehr bewiesen haben.

Was wäre für Sie ein Signal, um Zykliker zu kaufen?
Wichtig ist die Visibilität, wenn also die Gespräche mit den Unternehmen auf eine Aufhellung des Umfelds schliessen lassen. Durch die Korrektur im vierten Quartal wurden viele CEO verunsichert. Trotz der Erholung der Börsen hat sich daran wenig geändert. Einen wirklich ermutigenden Ausblick für die kommenden Monate gibt kaum jemand ab. Sogar Frau Martullo von Ems-Chemie sagt, das Umfeld werde schwieriger. Dennoch darf man nicht alle Zykliker in denselben Topf werfen.

Welche Zykliker sind denn interessant?
Arbonia ist mit einem Verhältnis aus Enterprise Value zu dem für nächstes Jahr geschätzten Ebitda von 6,5 günstig, weil das Unternehmen in den letzten Jahren resultatmässig nicht vom Fleck kam. Nach einem Gespräch mit dem Management glauben wir aber, dass die vom CEO, Alexander von Witzleben, im Bereich Heizung, Lüftung, Klima sowie im Fenstergeschäft ergriffenen Initiativen langsam Früchte tragen. Dazu kommt: Arbonia ist nicht in den USA und kaum in Grossbritannien tätig, was wegen der Gefahr eines ungeregelten Brexit wichtig ist, und auch nicht im Automobilbereich.

Wie Arbonia hat auch LafargeHolcim ein neues Management; der Zementhersteller ist eine der grösseren Positionen in Ihren Fonds. Wieso?
Wir kennen Jan Jenisch seit Jahren. Wenn es jemand schafft, bei LafargeHolcim die Kosten zu senken, Unternehmensteile abzustossen und zu anständigen Preisen zu akquirieren, ist es Jenisch. Durch die Fusion von Holcim und Lafarge wurde viel Wert vernichtet. Die kulturellen Unterschiede waren zu gross. Jenisch hat Kostensenkungsmassnahmen umgesetzt, es gibt aber noch einiges zu tun, weshalb die Titel weiteres Potenzial haben.

Gib es Namen, die in der laufenden Berichtssaison positiv überraschen können?
Potenzial für positive Nachrichten sehen wir bei Lindt & Sprüngli, wo die US-Tochter Russell Stover zum ersten Mal seit der Übernahme vor fünf Jahren zum Wachstum beitragen dürfte. Im Gesundheitsbereich könnten Straumann und Vifor Pharma die Guidance trotz bereits hoher Erwartungen nach oben revidieren.

Was stimmt Sie so zuversichtlich?
Straumann hat in den letzten Monaten mehrere Produkte lanciert, die das Wachstum mindestens hoch halten, wenn nicht gar erhöhen werden. Dazu zählen unsichtbare Zahnspangen. Auch bei Vifor dürften Produkte wie das Eisenpräparat Ferinject oder der Kaliumsenker Veltassa für gute Zahlen sorgen. Vifor wird in den kommenden Jahren schneller wachsen als die grossen Pharmakonzerne. Auch für Galenica sind wir positiv.

Was spricht für den Apothekenzulieferer Galenica?
Uns gefällt der defensive Charakter, gerade weil sich die Wirtschaft abschwächt, und der Fokus auf den Schweizer Markt. Zwar ist das Unternehmen bei den Arzneien dem Preisdruck ausgesetzt, doch Galenica hat mit dem Home-Care-Unternehmen Bichsel geschickt akquiriert, was den Margendruck kompensieren sollte. Dank Bichsel können Patienten, die täglich Medikamente einnehmen müssen, zu Hause überwacht und betreut werden, damit sie nicht ständig ins Spital oder zum Arzt fahren müssen.

Sehen Sie weitere Kaufkandidaten?
Wir haben Flughafen Zürich aufgebaut. Vor zwei Jahren handelte der Titel mit einer Prämie von 30% auf die europäischen Konkurrenten, vor einem Monat war es ein Abschlag von 20%. Die günstige Bewertung könnte internationale Infrastruktur-Investoren anziehen, so wie das vor einigen Jahren beim Flughafen Wien geschehen ist. Dort ist die US-Gesellschaft IFM Investors eingestiegen. Mit dem Bundesland Niederösterreich und der Stadt Wien als Mehrheitsaktionäre bestand eine ähnliche Konstellation wie bei Flughafen Zürich. Heute hält IFM 40% und Niederösterreich und die Stadt Wien je 20% an Flughafen Wien. Es gibt also fast keine gehandelten Titel mehr. Bei Flughafen Zürich sorgt zudem das Immobilienprojekt The Circle für Fantasie.

Ist The Circle nicht eher ein Problemfall?
Der Detailhandelsumsatz in den ersten zwölf Monaten dürfte nicht umwerfend sein. Doch ab Sommer 2020 arbeiten in den Unternehmen, die sich im Circle ansiedeln, 6000 neue Mitarbeiter, die konsumieren werden. Das Retailgeschäft dürfte in den nächsten Jahren also wachsen. Zudem werden Verkaufsflächen, die mit Bekleidung besetzt waren, zugunsten der Bereiche Convenience und Food reduziert, die besser laufen.

Wie wirkt sich die Klimadebatte auf die Perspektiven des Unternehmens aus?
Ich weiss es nicht. Vertreter des Flughafens verneinen einen Einfluss, und die Passagierzahlen von Juni waren gut. Wegen der Transferpassagiere und der Bedeutung des Flughafens für den Schweizer Tourismus dürfte die Gesellschaft interessant bleiben.

Ein Sorgenkind ist Swatch Group. Wie geht es mit dem Uhrenkonzern weiter?
Swatch Group hat auf der Kostenseite Fehler gemacht. Zudem leidet das Tief- und Mittelpreissegment, wo Swatch mit den Marken Tissot, Rado und den Swatch-Uhren stark exponiert ist. Und in Hongkong, dem wichtigsten Uhrenmarkt der Welt, finden wieder Grossdemonstrationen statt. Doch nun ist viel Negatives eingepreist, die Bewertung ist im Keller. Swatch ist einer der Titel mit den meisten Leerverkäufen im SMI, viele Hedge Funds setzen auf weiter sinkende Kurse. Der Kurssprung im Anschluss an die Präsentation der Zahlen von gestern Mittwoch, die trotz Umsatz- und Gewinnrückgang leicht besser waren als erwartet, überrascht mich deshalb nicht. Und der Short Squeeze könnte die Titel noch höher treiben.

Wie stehen Sie zu den Grossbanken, die ebenfalls nicht vom Fleck kommen?
Da liegen wir im Konsens – die Zeit ist noch nicht reif für ein Engagement. Beide Grossbanken versuchen, sich neu zu erfinden, wissen aber nicht genau wie. Zudem muss jederzeit mit teuren Rechtsstreitigkeiten gerechnet werden. Wir finden kleine Institute wie Cembra Money Bank viel spannender. Cembra hat mit Cashgate eben eine gute Akquisition getätigt, mit der sie Marktanteile gewinnen kann. Auch Versicherungen wie Swiss Life und Zurich gefallen uns besser als die Grossbanken.

Was halten Sie von Privatbanken wie Julius Bär?
Wir sind noch in Bär investiert, die Position wird aber überprüft. Viele amerikanische und britische Growth-Investoren hielten Bär, weil sie an Boris Collardis Wachstumsstrategie geglaubt haben. Doch dann wurde mit Bernhard Hodler der COO Nachfolger. Ihm lag Wachstum weniger am Herzen als die Stabilisierung des Geschäfts. Und diese Tendenz dürfte sich mit dem neuen CEO fortsetzen.

Grösste Positionen in den von Marc Hänni verwalteten Fonds

Per Ende Juni 2019
Swiss Mid and Small Cap Equity Sustainable Swiss Equity Raiffeisen Futura Swiss Stock
Lindt & Sprüngli PS Nestlé Novartis
Schindler Novartis Roche
Partners Group Roche Zurich Insurance
Straumann Zurich Insurance LafargeHolcim
Sonova LafargeHolcim Belimo
Bâloise Richemont Sika
Logitech Sika Swisscom
Julius Bär Swiss Life Schindler
Vifor Pharma Givaudan Swiss Life
Temenos Schindler Givaudan