Meinung

Afghanistan, politisches Risiko und das Chinageschäft

Ungeachtet der neuen Freundschaft zwischen den Taliban und der chinesischen Regierung in der Folge der westlichen Niederlage in Afghanistan ist das politische Risiko im Chinageschäft gewachsen, nicht zurückgegangen.

Daniel Woker
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Wie man es dreht, wendet und erklärt: Der chaotische Rückzug aus Afghanistan ist eine dröhnende Niederlage für die USA, die Nato, für Europa und für westliche Grundprinzipien überhaupt – die Rechte des Individuums einschliesslich der Geschlechtergleichheit, den Rechtsstaat und die freie Marktwirtschaft. Gleichzeitig ist es ein Sieg für autoritäre Staaten, insbesondere China. Oder doch nicht?

China hat keinen Tag gezögert, um den Triumph voll auszukosten. Seine «Wolfsdiplomaten» stimmten das bekannte schadenfreudige Geheul an, wonach mit dem Aufstieg des Ostens der Niedergang des Westens verbunden sei. Auf offizieller Ebene hat Peking mit dem «Versprechen, den Willen des afghanischen Volkes zu respektieren» signalisiert, dass es dem Land um eine möglichst rasche Aufnahme voller Beziehungen zur Taliban-Regierung geht. Immer getreu dem Motto, die innere Ordnung eines Wirtschaftspartners gehe China nichts an. Dies in schroffem Gegensatz zum Prinzip des nation building, das hinter westlichen Interventionen und letztlich auch seiner Entwicklungshilfe steht, einschliesslich jener der Schweiz.

Ob allerdings die politische Rechnung Chinas angesichts des islamischen Sendungsbewusstseins der Taliban aufgeht, bleibt abzuwarten. Ungeachtet von Versicherungen ihrer politischen Führung – auch diese weiss mittlerweile, was auf dem diplomatischen Parkett zieht – dürfte Afghanistan nun wieder vermehrt zum sicheren Hafen extremistischer islamischer Bewegungen werden. Chinas Westen, dominiert von der muslimischen und damit unterdrückten Provinz Xinjiang, ist exponiert – direkt via die kurze gemeinsame Grenze, indirekt via die notorisch porösen Grenzen in Zentralasien und Pakistan.

Strategischer Gewinn?

Ein westlicher Dominostein ist mit dem Debakel in Afghanistan aber wohl gefallen. Die zentrale eurasische Hürde in amerikanischer Hand auf dem Weg der Belt and Road Initiative (BRI) von China nach Europa ist weg, was den letztlich strategischen und nicht wirtschaftlichen Zielen dieser «Neuen Seidenstrasse» Auftrieb verleihen wird.

Allerdings könnte sich auch hier die Kehrseite der Medaille für Peking bemerkbar machen: Angesichts des im Kontext der BRI üblichen Einsatzes nicht nur von Finanzen und Material, sondern auch chinesischer Arbeitskraft – Schweinefleisch essende Ungläubige –, wird China auch in Afghanistan einen schweren Fussabdruck hinterlassen, ob es will oder nicht.

Kommunistische Partei und Koran

Bei näherer Betrachtung zeigt sich eine überraschende Parallelität zwischen der fortdauernden Ideologie in China und dem wieder auferstandenen Dogma der Taliban in Afghanistan. Unter dem Mantel von Kommunismus in China und jenem eines radikalen Islams im Land der «Koranschüler» (=Taliban) werden unbedingter Gehorsam gegenüber der politischen Macht im Lande gefordert.

Ausnahmen sind möglich – in China mit Blick auf die Marktwirtschaft, in Afghanistan zur Besänftigung ausländischer Geldgeber. Sie sind aber temporärer Natur und werden brutal gestoppt, wenn es die politische Führung so will. Wie in China das harte Vorgehen der KP unter Führung von Xi Jinping gegen wichtige Teile der eigenen Wirtschaft seit einigen Monaten zeigt. Und wie der gebetsmühlenartigen Wiederholung der Taliban zu entnehmen ist, dies und jenes sei weiterhin erlaubt, «solange unsere muslimische Auffassung nicht verletzt» werde. Letztere orientiert sich aber an einer mittelalterlichen Interpretation des Korans, rächend, frauenfeindlich und strebt auf die Errichtung eines islamischen Kalifats hin, auch über Ungläubige.

Bislang wenig beachtet ist weiter der zweite Hauptzweck des unbedingten Herrschaftswillens in Peking und in Kabul. Neben Macht geht es auch um Geld. Die unerbittliche Beobachterin Anne Stevenson-Yang in Peking hat in ihrem Beitrag für The Market vor kurzem zur wahren Motivation der chinesischen Reformagenda festgestellt, es gehe auch darum «einen Teil des Geldes aus dem Ausland in die Taschen der (KP-)Parteiführung zu stopfen». Gleichermassen wäre man wohl naiv, anzunehmen, Korruption habe in Afghanistan lediglich aufseiten der ehemaligen Regierung Afghanistans grassiert.

Das westliche Chinageschäft

Die Finanzmärkte als sensibler Gradmesser des gesamten Wirtschaftsgeschehens haben auf den amerikanischen und westlichen Rückzug aus Afghanistan kaum reagiert. Dies ungeachtet der Tatsache, dass es sich um den längsten und einen der teuersten Kriege in der Geschichte der USA gehandelt hat und damit ein weiterer Markstein auf dem Weg zur post-US world gesetzt worden ist. Mittelfristig dürften die Märkte aber sehr wohl reagieren: Der Aufstieg Chinas bedeutet nämlich nicht die ungestörte Ausweitung des westlichen Chinageschäfts.

Zur Unsicherheit der erwähnten, rein politisch bedingten Eingriffe Beijings in die eigene Volkswirtschaft gesellt sich nun ein zunehmendes Risikoelement in der Folge der chinesischen Wirtschaftsexpansion in unsichere Länder. Auch wenn man über den zutiefst amoralischen Charakter der Expansion hinwegsieht, wie sie in Pekings geschmeidigem Verhalten gegenüber der neuen Regierung in Kabul erneut manifest geworden ist, bleibt doch die Aussicht auf eine zunehmende Welle von Wirtschaftssanktionen der USA, der EU und allenfalls mittelfristig sogar der UNO gegenüber einer Talibanregierung, die wie der berühmte Tiger seine Streifen kaum wirklich abwaschen wird, sondern weiter am langfristigen Ziel eines Kalifats festhält.

Im Chinageschäft wird es nun mehr denn je darauf ankommen, zu überprüfen, welche Wirtschaftspartner (offizielle und inoffizielle Staatsunternehmen), wie und vor allem wo letztlich tätig sind. Gerade bei den Drittwirkungen von Sanktionen – etwa via die internationale Leitwährung Dollar – hat sich das politische Risiko mit dem chinesischen «Sieg» in Afghanistan nicht vermindert, sondern im Gegenteil erhöht.

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«Meere und Märkte: Geopolitik 2.0 als Schlüssel zur weltpolitischen Aktualität»

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Daniel Woker

Daniel Woker ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Australien, Singapur und Kuwait. Davor war er erster Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP), mit dem Titel eines Botschafters. Frühere diplomatische Posten umfassten Paris (Ministre Conseiller), Stockholm (stv. Missionschef) sowie Wirtschaftsrat an der Uno-Mission in New York. Heute arbeitet er als Spezialist für Geopolitik und Strategie, mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell die ASEAN und Australien, über die arabische Halbinsel und die Entwicklung der EU. Zusammen mit dem früheren Schweizer Diplomaten Philippe Welti hat Woker das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geopolitische Due Diligence spezialisiert.
Daniel Woker ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Australien, Singapur und Kuwait. Davor war er erster Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP), mit dem Titel eines Botschafters. Frühere diplomatische Posten umfassten Paris (Ministre Conseiller), Stockholm (stv. Missionschef) sowie Wirtschaftsrat an der Uno-Mission in New York. Heute arbeitet er als Spezialist für Geopolitik und Strategie, mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell die ASEAN und Australien, über die arabische Halbinsel und die Entwicklung der EU. Zusammen mit dem früheren Schweizer Diplomaten Philippe Welti hat Woker das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geopolitische Due Diligence spezialisiert.