Meinung

Amazons nächstes Abenteuer

Der Internetriese dringt mit der Übernahme des Filmstudios MGM tief in die Unterhaltungsbranche vor. Das weckt Erinnerungen an die Wachstumsambitionen der grossen Unternehmenskonglomerate in den Sechzigerjahren. Schon damals ging die Geschichte nicht gut aus.

Bill Smead
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Die Nachricht gibt nicht nur in Hollywood viel zu reden: Amazon hat vor wenigen Tagen angekündigt, das ikonische Filmstudio MGM zum stolzen Preis von 8,5 Mrd. $ zu übernehmen. Gleichzeitig bereitet der Internetriese eine weitere Expansion ins Apothekengeschäft vor und will dazu überall in den USA Filialen eröffnen.

Das Ganze erinnert mich an einen meiner Lieblingsfilme im Comedy-Genre: «Silent Movie» von Mel Brooks. Der Film ist der dritte Teil einer Trilogie und folgte auf «Blazing Saddles» und «Young Frankenstein».

Quelle: IMDB

«Silent Movie» wurde ganz im Stil eines Stummfilms aus dem frühen 20. Jahrhundert produziert. Brooks hat ihn zwar nicht schwarz-weiss gedreht. Anstelle von gesprochenen Dialogen werden zwischen einzelnen Sequenzen jedoch die klassischen Zwischentitel eingeblendet, und der Soundtrack besteht ausschliesslich aus der typischen Begleitmusik der damaligen Zeit.

Der 1976 veröffentlichte Streifen ist eine liebevoll gemachte Parodie auf die traditionsreichen Slapstick-Komödien, für die Stars wie Charlie Chaplin und Buster Keaton weltberühmt waren. Er persifliert die Branche und erzählt die Geschichte eines Produzenten, der in den Siebzigerjahren nach einem Geldgeber sucht, um einen Stummfilm zu drehen.

«Silent Movie» nimmt die Filmindustrie Hollywoods in einer Zeit aufs Korn, in der die amerikanische Unternehmenslandschaft von Konglomeraten dominiert wurde. Diese riesigen Konstrukte machten eine Akquisition nach der anderen, um das Gewinnwachstum fortsetzen zu können und an der Börse populär zu bleiben.

«Engulf and Devour»

Als Beispiel für diesen Trend spielt Mel Brooks in «Silent Movie» auf Gulf and Western Industries an, seinerzeit eines der grossen US-Konglomerate, welches das Filmstudio Paramount Pictures übernommen hatte und heute in der Mediengruppe ViacomCBS fortlebt. Der Gentleman, der den Konzern damals als Chairman und CEO leitete, hiess Charles Bludhorn.

Wikipedia beschreibt die Geschichte von Gulf and Western folgendermassen:

«Ursprünglich konzentrierte sich das Unternehmen auf das Industriegewerbe und auf den Abbau von Rohstoffen. Ab 1966 und im weiteren Verlauf der Siebzigerjahre erwarb Gulf and Western dann eine Reihe von Unternehmen aus der Unterhaltungsbranche, darunter insbesondere Paramount Pictures im Jahr 1966, Desilu Productions 1967 sowie verschiedene Schallplattenfirmen, darunter Dot Records (eine Tochtergesellschaft von Paramount Pictures zum Zeitpunkt der Übernahme) sowie Stax Records. Diese Firmen bildeten den Kern der Divisionen Paramount Television respektive Paramount Records.»

Konzernchef Bludhorn nutze die Gewinne aus den bestehenden Geschäften und das reichlich verfügbare Geld von Investoren, um durch Akquisitionen den Anschein von Wachstum zu erwecken. Das, lange nachdem die Begeisterung an der Börse für die ursprüngliche Tätigkeit des Unternehmens abgeklungen war. In seiner Parodie nennt Mel Brooks den Konzern «Engulf and Devour». Übersetzt heisst das etwa so viel wie «Umschliessen und Verschlingen».

Doch was hat das alles mit Amazon zu tun? Die 1994 von Jeff Bezos gegründete Firma startete mit dem Verkauf von Büchern übers Internet und begann schliesslich, so ziemlich alles zu verkaufen, was online bestellt und geliefert werden kann - unabhängig davon, ob sich damit eine Möglichkeit ergibt, Gewinn zu erzielen oder nicht. Amazon und Bezos ist es dadurch gelungen, die Fantasie von Investoren anzuregen und uns alle in Staunen zu versetzen. Selbst Warren Buffetts Geschäftspartner Charlie Munger bezeichnet Amazon als «Naturgewalt».

Amazons Ambitionen

Selten erwähnt wird hingegen Folgendes: Beim Bau einer Technologieplattform, mit der die verschiedensten Waren übers Internet veräussert werden können, hatte Amazon einen massiven Überschuss an ungenutzter Rechenkapazität angehäuft. Der Grund dafür hat mit der Saisonalität der Konsumnachfrage zu tun, die jeweils zur Shoppingsaison vor den Feiertagen den Höhepunkt erreicht.

Dank einem innovativen Effort von Andrew Jassy, der den CEO-Posten von Bezos am 5. Juli übernimmt, ist aus diesem Umstand Amazon Web Services (AWS) erwachsen. Die Sparte ist der weltgrösste Cloud-Anbieter von Rechenleistung. Ihre Gewinne subventionieren das relativ unprofitable E-Commerce-Geschäft.

Amazon hat den Cashflow von AWS zudem dafür verwendet, fast jedes Unternehmen zu «umschliessen und zu verschlingen», das dem Onlineriesen in die Quere kam. Dank der Schubkraft des Prime-Service, der Auslieferung von Waren und Lebensmitteln ohne Zusatzkosten und Rabattaktionen umfasst, konnte Amazon ausserdem ins E-Commerce-Geschäft mit Drittanbietern expandieren. Dann kaufte Bezos den Bio-Supermarkt Whole Foods und stellte in Aussicht, dass Amazon bald auch die Lebensmittelbranche dominieren werde.

Amazon unternahm zudem einen gewaltigen Vorstoss, um Prime-Abonnenten Filme und TV-Shows aus Hollywood über einen eigenen Streaming-Dienst offerieren zu können. Die heutigen Ambitionen von Bezos ähneln damit den Plänen von Charles Bludhorn in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre.

Ebenso schloss Amazon mit JPMorgan und Berkshire Hathaway eine Partnerschaft für das Gemeinschaftsunternehmen «Haven» ab. Mit dem inzwischen gescheiterten Projekt hofften die drei Grosskonzerne, das Geschäft mit der Gesundheitsvorsorge zu revolutionieren. Helfen sollten dabei die gleiche Dynamik und die gleiche technologische Genialität, die von Bücherläden über Kleidergeschäfte und Warenhäuser bis hin zu Lebensmittelläden die gesamte Branche erschüttert hatten. Als Nächstes will Amazon das Apothekengeschäft aufmischen.

Konglomerate und Bärenmärkte

Ähnlich wie bei Gulf and Western erachte ich die Chancen von Amazon auf dauerhaften Erfolg ausserhalb des E-Commerce indes für schwierig, abgesehen von der Cloud-Sparte AWS. Die Lebensmittelbranche, die in den USA ein jährliches Umsatzvolumen von 385 Mrd. $ erwirtschaftet, sieht heute ziemlich gleich aus wie im Sommer 2017, als Amazon durch die Übernahme von Whole Foods 450 Filiale übernahm, die sich meist in urbanen Zentren befinden.

Whole Foods bekundete schon in den Jahren 2014 bis 2017 Mühe, zu wachsen. Aus dem Ergebnisbericht zum ersten Quartal geht hervor, dass Amazons Lebensmittelläden (die meisten stammen aus der Akquisition von Whole Foods) letztes Jahr nicht gewachsen sind. Das überrascht, zumal 2020 für Lebensmittelhändler ein absolutes Rekordjahr war. Die essenziell notwendige Branche, die Amazon umschliessen und verschlingen wollte, hat uns allen durch die schlimmste Pandemie seit den weltweiten Epidemien von 1958/59 und 1918/19 geholfen.

Könnten das Abenteuer in Hollywood, die Expansion in den Lebensmittelhandel und die Pläne zum Apotheken- sowie Gesundheitsgeschäft für Amazons Zukunft somit das Gleiche bedeuten wie das Engagement in den Filmstudios Desilu und Paramount für Gulf and Western? Und: Wird die aktuelle Ära der Tech-Konglomerate für Investoren genauso verheerend enden wie in den späten Sechzigern? Diese Periode stand damals im Zeichen von zwei massiven Baissen an den Börsen in den Jahren 1968/69 und 1973/74.

Daher fragt sich weiter: Hat Amazon mit AWS den Cloud-Sektor umschlossen und verschlungen? Oder hatte der Konzern bloss das Glück, ein Technologieanbieter für wohlhabende Kunden zu sein, die von Netflix und dem Sportsender ESPN bis hin zur stark fragmentierten, äusserst rentablen und weitgehend im Verborgenen wirtschaftenden Pornografie-Branche reichen?

Eine ungewöhnliche Begegnung

Amazon ist nicht das einzige Konglomerat, das seine Macht als Monopol dazu nutzt, in andere Branchen vorzudringen. Apple, Google, Facebook und Microsoft machen das ebenso. Dabei geniessen sie offenbar den Segen vieler Politiker, die sie «in der Tasche haben», um es mit einem Ausspruch aus dem Gangster-Epos «The Godfather» auszudrücken. Die Ära der Konglomerate endete, als die Börse nach dem Platzen der Nifty-Fifty-Blase 1973/74 kollabierte.

Lassen Sie mich Ihnen zum Schluss daher noch eine persönliche Anekdote erzählen. 1990 arbeitete ich für das Investmenthaus Oppenheimer in Seattle. Zu dieser Zeit brachte Mel Brooks seine Filmproduktionsfirma an die Börse. An einem späten Freitagnachmittag schaute er an unserem Unternehmenssitz vorbei, nachdem wir uns zuvor auf der Roadshow zum Lunch mit potenziellen Investoren getroffen hatten.

Mel Brooks kam also bei meinem Büro vorbei, während mich gerade meine Frau besuchte, weil ich mit ihr für den Abend verabredet war. Ich stellte sie ihm vor, und wir sagten ihm, wie sehr wir seine Filme mögen. Meine Frau dachte zunächst jedoch, dass es sich nur um einen Freund von mir handle, der Mel Brooks ähnlich sehe und wir zwei mit ihr einfach etwas Spass machen würden. Über dieses Missverständnis lachen wir zusammen bis heute.

Es wird Sie vielleicht überraschen, wenn ich Ihnen jetzt berichte, dass sich die Firma von Mel Brooks letztlich nicht als erfolgreiches Investment herausstellte. Wird es mit Amazons «Engulf and Devour»-Strategie anders sein? Ich rate Ihnen in dieser Hinsicht nur, sich von Fehlentwicklungen an der Börse zu hüten.

Die englische Fassung des Artikels ist abrufbar unter: smeadcap.com

Bill Smead

Bill Smead ist der Gründer und Chief Investment Officer von Smead Capital Management. Er startete die auf US-Aktien spezialisierte Investmentgesellschaft mit Sitz in Seattle 2007. Zum Führungstrio gehört auch sein Sohn Cole, der zusehends mehr Verantwortung übernimmt. Smead begann seine berufliche Karriere nach einem Wirtschaftsstudium 1980 beim Broker Drexel Burnham Lambert. Weitere Stationen waren Oppenheimer & Co., Smith Barney und Wachovia Securities. Dort leitete der Branchenveteran zuletzt als Portfoliomanager die Smead Investment Group.
Bill Smead ist der Gründer und Chief Investment Officer von Smead Capital Management. Er startete die auf US-Aktien spezialisierte Investmentgesellschaft mit Sitz in Seattle 2007. Zum Führungstrio gehört auch sein Sohn Cole, der zusehends mehr Verantwortung übernimmt. Smead begann seine berufliche Karriere nach einem Wirtschaftsstudium 1980 beim Broker Drexel Burnham Lambert. Weitere Stationen waren Oppenheimer & Co., Smith Barney und Wachovia Securities. Dort leitete der Branchenveteran zuletzt als Portfoliomanager die Smead Investment Group.