Meinung

Anleger stürzen sich auf Disruptoren und übersehen die sozialen Risiken

Angesichts der Geldflut, die in Technologie- und Digitalunternehmen strömt, scheinen Investoren die hohen sozialen Risiken zu vergessen. Da Covid-19 die Automatisierung beschleunigt, könnte eine Beschäftigungskrise drohen.

Myret Zaki
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Wenn man die Finanznachrichten liest, die einen Rekord nach dem anderen für den Dow Jones, den S&P 500, Bitcoin oder die Tesla-Aktie verkünden, könnte man einer trügerischen Euphorie verfallen und die wirtschaftlichen Fundamentaldaten vergessen, die ein anderes Bild zeigen. Wer die Daten zur Realwirtschaft richtig einschätzt, vermag zu antizipieren, was Wirtschaft und Märkte in Zukunft prägen könnte.

Die Fundamentaldaten sagen uns, dass die Covid-Pandemie die unbewältigten Probleme beschleunigt. Der wichtigste Effekt betrifft die Beschäftigung und den Vormarsch der Automatisierung. Die Gewinner des Einbruchs von 2020-21 sind tendenziell grosse Firmen, die von der technologischen Disruption profitieren. Diese erhalten Rekordfinanzierungen von Investoren. Die anderen, weniger disruptiven Unternehmen, sind in Ungnade gefallen. Sie werden ihre Ausgaben und ihre Investitionen zurückfahren und Mitarbeiter entlassen.

In ihrem Buch «The Great Reset» argumentieren die WEF-Gründer Klaus Schwab und Thierry Malleret mit Nachdruck, dass die Pandemie systemische Veränderungen beschleunigen wird, die bereits im Entstehen waren: «Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die durch die Pandemie ausgelöste Rezession einen starken Anstieg der Arbeitssubstitution auslösen. Das bedeutet, dass physische Arbeit durch Roboter und ‹intelligente›» Maschinen ersetzt wird, was wiederum nachhaltige und strukturelle Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt hervorrufen wird.»

Die Kleinen verlieren

Der Trend könnte durch die massiven Investitionsströme beschleunigt werden, die sich auf «disruptive» Technologien konzentrieren; die offensichtlichen Gewinner der Pandemie. Betrachtet man die Zahl der Vermögensverwalter und Family Offices von Zürich bis Genf, die über «Club Deals» und andere exklusive Private-Equity-Netzwerke in die begehrten innovativen Startups und Ventures investieren, kann man sich vorstellen, welchen Schub die Digitalisierung und die Automatisierung durch diese Finanzierungen von historischem Ausmass erhalten.

Wer sind die Verlierer? Eine Menge traditioneller Unternehmen und kleine und mittlere Betriebe sowie deren Arbeitnehmer. Die durch Notwendigkeit provozierte Disruption (zum Schutz der Gesundheit) hat einen sozialen Preis: «Sie werden bald zu Hunderttausenden und potenziell Millionen von Arbeitsplatzverlusten führen», schreibt Schwab. Der Prozess der Automatisierung ist nie linear, erklärt er im Buch; dieser macht grosse Sprünge in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wenn der Rückgang der Unternehmenseinnahmen die Arbeitskosten teuer, wenn nicht gar entbehrlich, erscheinen lässt.

Geldpolitik verstärkt Vermögensungleichheit

«Dies ist der Fall, wenn Unternehmen weniger qualifizierte Arbeiter durch Automatisierung ersetzen, um die Produktivität zu erhöhen. Arbeiter mit niedrigem Einkommen in Routinejobs (etwa in der Lebensmittel- und der Transportindustrie) sind am ehesten betroffen. Der Arbeitsmarkt wird sich zunehmend polarisieren zwischen hochbezahlter Arbeit und vielen Jobs, die verschwunden sind oder nicht gut bezahlt und uninteressant sind».

Da die staatliche Förderung schrittweise zurückgefahren wird, wird sich die Schere zwischen innovativen und weniger innovativen Branchen weiter öffnen. So sind die Investitionen bei den kleinsten 1000 amerikanischen Firmen bis 2020 um 82% gesunken, während sie bei den grössten börsenkotierten Firmen um 3% gestiegen sind. Die Ungleichheiten werden zunehmen, besonders in den USA. Einige Sektoren werden um ein Vielfaches wachsen.

«Medikamentenhersteller und Krankenhäuser werden mächtiger und reicher denn je, zum Nachteil der ärmsten Bevölkerungsschichten. Darüber hinaus wird die weltweit verfolgte ultralockere Geldpolitik die Vermögensungleichheit verstärken, indem sie die Preise für Vermögenswerte, vor allem auf den Finanzmärkten und bei Immobilien, in die Höhe treibt», schreibt Angus Deaton, der Nobelpreisträger und Mitautor von «Deaths of Despair and the Future of Capitalism», in einem Artikel in der «Financial Times».

Die Folge ist, dass wir die sozialen Kosten der Disruption unterschätzen könnten. Schwab und sein Co-Autor erklären, dass eine interdependente Welt eine tiefe systemische Verbindung hat, und dass wirtschaftliche Risiken in politische umschlagen können, wie ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit, der zu sozialen Unruhen führt. «Eine der tiefgreifendsten Gefahren in der Ära nach der Pandemie sind soziale Unruhen. In einigen extremen Fällen könnten sie zu gesellschaftlichem Zerfall und politischem Zusammenbruch führen. Unzählige Studien, Artikel und Warnungen haben dieses besondere Risiko hervorgehoben, basierend auf der offensichtlichen Beobachtung, dass Menschen, die keine Arbeit, kein Einkommen und keine Aussicht auf ein besseres Leben haben, oft zu Gewalt greifen». Wenn diese Umwälzungen zu mehr Unterdrückung führen, könnten die Gesellschaften anfangen zu zerfallen, schreibt Branko Milanovic in der Zeitschrift «Foreign Affairs».

Gefahr von sozialen Unruhen

Der Glaube, dass es «Gewinner» und «Verlierer» gibt, die nichts miteinander zu tun haben, ist ein künstliches Konstrukt. In einer interdependenten Wirtschaft haben Krisen kaskadenartige Auswirkungen. Diese Risiken sollten klar vom Profit abgezogen werden, den die Gewinner der Disruption und der Automatisierung erwarten. Soziale Unruhen, massive - wenn auch vorübergehende - Arbeitslosigkeit, eine grosse Krise und Umstrukturierung des Arbeitsmarktes, schwierige Anpassungen im Bildungswesen; all das wird Auswirkungen auf das wirtschaftliche Umfeld haben.

Vor diesem Hintergrund sollten Anleger, die in disruptive Technologien investieren, nicht in einen ungebremsten Innovationsoptimismus verfallen. Eine Möglichkeit, sich gegen die sozialen Auswirkungen abzusichern, besteht darin, sich auf Umwelt-, Sozial- und Governance-Investitionen (ESG) zu konzentrieren. Sie bieten einen Teil der Lösung an, da sie versuchen, einige dieser Kollateralschäden zu mildern oder zu kompensieren. Ein klarer Fokus muss auf die «S»-Komponente der ESG-Gleichung gelegt werden, um das Fundament zu retten, auf dem die Wirtschaft aufgebaut ist: Konsum, Ersparnisse und eine gesunde Mittelschicht.

Schliesslich ist nichts disruptiver als ein Virus. «Die Geschichte zeigt, dass Epidemien die grossen Umwälzungen in der Wirtschaft und im sozialen Gefüge vieler Länder herbeiführten», sagen Klaus Schwab und Thierry Malleret. Sie lösten Unruhen aus, verursachten soziale Konflikte und militärische Niederlagen. Sie lösten aber auch Innovationen aus, zogen nationale Grenzen neu und ebneten oft den Weg für Revolutionen. Epidemien zwangen Imperien, ihren Kurs zu ändern - wie das Byzantinische Reich, als es 541-549 von der Justinianischen Pest heimgesucht wurde. Einige verschwanden sogar ganz; etwa, als die Azteken- und Inka-Kaiser mit den meisten ihrer Untertanen an europäischen Keimen starben.

Das Risiko scheint heute klein, ist aber unmöglich zu ignorieren.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.