Die Meinung

Jenseits der Seidenstrasse

Nur eine Handvoll europäischer Unternehmen kann sich an der «Belt and Road Initiative» Chinas beteiligen – hauptsächlich in Nischenrollen. Da China in neue Märkte drängt, müssen die Europäer handeln, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.

Jörg Wuttke
Drucken
Teilen

English version

Chinas «Belt and Road Initiative» (BRI) ist für europäische Unternehmen in vielerlei Hinsicht Business as usual. Ähnlich wie bei Geschäften innerhalb Chinas ist die Struktur der Initiative so gestaltet, dass die ausländische Beteiligung an der BRI begrenzt und selektiv ist.

Jörg Wuttke

Jörg Wuttke ist Chefrepräsentant eines grossen deutschen Dax-Konzerns in China. Er ist zudem Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.
Jörg Wuttke ist Chefrepräsentant eines grossen deutschen Dax-Konzerns in China. Er ist zudem Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.

Nur eine Handvoll europäischer Unternehmen war bislang an BRI-bezogenen Projekten beteiligt, und für die meisten von ihnen gab es bloss Brosamen, indem sie Nischenrollen ausfüllten, die chinesische Anbieter nicht besetzen können.

Bei BRI-bezogenen Projekten gibt es nur selten offene Beschaffungs- und Ausschreibungsverfahren. Die wenigen europäischen Unternehmen, die an BRI-Projekten beteiligt sind, wurden fast ausschliesslich von einem etablierten chinesischen Geschäftspartner, der chinesischen Regierung oder der lokalen Verwaltung hinzugezogen. Sie werden in der Regel einbezogen, um eine bestimmte Technologie bereitzustellen oder aufgrund ihrer grossen Erfahrung sowohl in den Empfängerländern als auch in China, die es ihnen ermöglicht, eine unterstützende Rolle zu spielen.

Der übrigen Projekte gehen in der Regel an vertikal integrierte chinesische Grosskonzerne, so dass Material, Finanzierung, Installation usw. aus chinesischen Quellen stammen.

Chinas nationale Champions auf Steroiden

Abgesehen davon, dass der Löwenanteil der Projektarbeit blockiert wird, haben europäische Unternehmen Bedenken wegen der Folgewirkungen der BRI. Chinas nationale Champions geniessen seit Jahrzehnten einen hochgradig geschützten Binnenmarkt, der es ihnen ermöglicht, in den Rest der Welt zu expandieren.

Nun dient die BRI als Plattform für diese Champions, insbesondere die staatlichen, um sich auf anderen Märkten zu etablieren. Durch politische und diplomatische Unterstützung gewinnen sie konkurrenzlos Aufträge, und durch die wirtschaftliche Unterstützung der Politik und staatlicher chinesischer Banken erhalten sie Zugang zu billiger BRI-bezogener Finanzierung.

Als wäre es angesichts ihrer Grössenvorteile nicht schon schwierig genug, mit chinesischen Unternehmen auf Drittmärkten zu konkurrieren, bedeutet die zusätzliche staatliche Unterstützung, dass Chinas Firmen die Preise bei Projekten, bei denen sie sich tatsächlich dem Wettbewerb stellen, drastisch unterbieten können.

Darüber hinaus sind Chinas nationale Champions in der Lage, ihre heimischen Standards in die sich entwickelnden Märkte entlang der BRI einzubringen, wodurch die gleichen Unternehmen, die diese Standards setzen, in eine vorteilhafte Position gebracht werden.

Hinzu kommt die Zunahme digitaler Güter und Dienstleistungen in allen Branchen weltweit. Die Technologien, die die nächsten Jahrzehnte bestimmen werden, wie etwa Blockchain, 5G oder VPN-Dienste, sind auf dem chinesischen Markt stark eingeschränkt. Europäische Unternehmen, die in der Lage sind, ihre eigenen digitalen Dienste weltweit zu betreiben, können dies nicht ohne die richtigen Lizenzen in China tun. Diese werden allerdings selten an europäische Unternehmen vergeben.

Ein chinesischer Wettbewerber hingegen hat keine derartigen Probleme mit der Interoperabilität seiner digitalen Produkte, so dass er Zugang zu allen Kunden weltweit hat, während ausländische Unternehmen nur Zugang zu den restlichen vier Fünfteln der Menschheit ausserhalb Chinas erhalten. All dies sind die gleichen Probleme, mit denen europäische Unternehmen in China seit Jahren konfrontiert sind.

Die Europäer müssen handeln

Da China Inc. jedoch zunehmend in neue Märkte dringt, müssen die EU und ihre Mitgliedsstaaten handeln.

Erstens muss die EU ihre interne Wettbewerbspolitik überprüfen. Denn diese behindert europäische Unternehmen, die ins Ausland expandieren, wo sie mit unnatürlich grossen chinesischen Giganten konkurrieren müssen.

Zweitens muss die EU einen Schutzwall bilden, um sich vor diesen Marktverzerrungen zu schützen, und auf Gegenseitigkeit mit China pochen. Das bedeutet eine stärkere Kontrolle von Investitionen, um zu verhindern, dass Chinas staatliche Beihilfen und die quasi mit Steroiden vollgepumpten nationalen Champions den gemeinsamen Markt der EU in den Abgrund reissen.

Es erfordert jedoch auch Überprüfungsmechanismen wie das Internationale Beschaffungsinstrument (IPI), um den Zugang zum europäischen Beschaffungsmarkt für die Öffnung Chinas zu nutzen. Solche Überprüfungen sollten auch in Bereichen wie digitale Güter und Dienstleistungen in Betracht gezogen werden, um sicherzustellen, dass Europa den chinesischen Unternehmen genauso viel Zugang zu seinem eigenen Markt gewährt wie China den europäischen Unternehmen.

Drittens muss Europa weltweit eine aktive Rolle übernehmen. Der im September 2018 angekündigte «EU-Konnektivitätssplan» ist kaum vorangekommen. Die EU muss Drittmärkten, die ihre eigene Konnektivität verbessern wollen, eine ernsthafte Alternative bieten, damit sie nicht gezwungen sind, sich mangels Alternativen für die BRI oder gar nichts zu entscheiden.

Niemand ist punkto Konnektivität besser als die EU, schliesslich war es das Ziel des europäischen Projekts, Hindernisse innerhalb der EU-Grenzen zu beseitigen. Die EU muss eine aktive Rolle spielen und ihr eigenes Konnektivitätswunder in anderen Regionen wiederholen, während sie gleichzeitig ihre eigenen Regeln an die Globalisierung von China Inc. anpassen muss.

Gelingt das Europa nicht, so besteht die reale Gefahr, dass es kaum mehr als ein passiver Markt wird, der am Rockzipfel Eurasiens hängt.