Die Meinung

Big Tech ist die neue Finanzbranche

Nach Jahren des Erfolges nimmt der Widerstand gegenüber den grossen Technologie-Konzernen zu. In vielerlei Hinsicht sehen sie mittlerweile den Finanzunternehmen ähnlich.

Nicolas Zahn

Bisher hatten die grossen Namen der Technologie-Branche wie Facebook, Google, Amazon, Apple und Microsoft gut lachen. Sie schwimmen in Geld, gelten als Vorzeigeunternehmen für die Leistungsfähigkeit des Silicon Valleys und der USA und erfreuen sich bei Kunden wie bei Arbeitnehmern grosser Beliebtheit. Auch die Politik war lange Zeit gerne bereit, die Giganten des Internetzeitalters an der langen Leine zu halten.

Doch der Wind scheint zu drehen: Big Tech sieht zunehmend der Finanzbranche ähnlich.

Nicolas Zahn

Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor hatte er für die Credit Suisse gearbeitet. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium der
Internationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.
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Durch die Verbreitung und Bedeutung von IT innerhalb der Wirtschaft haben zentrale Dienstleistungen der Big-Tech-Firmen, zum Beispiel die Amazon Cloud, eine Stellung erhalten, die man eher mit Grossbanken verbindet. Sie können nämlich als too big to fail gesehen werden. Fehlende Verfügbarkeit oder Manipulationen an zentralen Systemen können verheerende Wirkungen entfalten.

Das Bewusstsein für diese Systemrelevanz dürfte mit jedem weiteren erfolgreichen Hackerangriff steigen und damit eventuell auch der Druck auf die Hersteller, vermehrt auf den Faktor Sicherheit zu setzen. Ironischerweise gibt es für die Finanzbranche – obwohl selbst stark von dieser Anfälligkeit betroffen – Grund zu Freude, denn um IT-Risiken zu mindern, dürften sich entsprechende Versicherungen grösserer Beliebtheit erfreuen.

Strafen als cost of doing business

Eine zweite Ähnlichkeit liegt in der wachsenden Zahl an Bussen für Fehlverhalten. Von Sicherheitslücken, Datenlecks und anderen Verletzungen des Datenschutzes bis zu Strafen für Marktverzerrung: Die Tech-Konzerne kommen nicht mehr ungeschoren davon. Wie auch in der Finanzbranche gilt hier mehr und mehr, dass die Strafen als cost of doing business angesehen werden.

Selbst absolut gesehen hohe Beträge, wie die durch die U.S. Federal Trade Commission verhängte Milliardenstrafe gegen Facebook, fallen relativ gesehen nicht allzu stark ins Gewicht.

Ebenfalls profitieren die Tech-Konzerne, sogar noch mehr als die Banken, von ihrem Wissensvorsprung gegenüber der Politik und Regulatoren. Die Politik mag langsam verstehen, wie strukturierte Produkte wie etwa Collateralized Debt Obligations (CDO) funktionieren, doch wie die Kongresshearings von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg gezeigt haben, verstehen Politiker die Geschäftsmodelle der Tech-Konzerne kaum, geschweige denn ihre einzelnen Dienstleistungen.

Das führt zur dritten Gemeinsamkeit zwischen den beiden Branchen: den lauter werdenden Rufen der Politik nach mehr Regulierung. Die Zunahme an Skandalen rückt «Big Tech» ins Visier von Politikern, die mit einem starken Auftreten den IT-Konzernen gegenüber Wahlkampf machen wollen. Die Liste der Ideen ist lang und – gerade für die polarisierten USA interessant – von beiden Seiten des politischen Spektrums getragen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Demokraten sehen die faktische Monopolstellung kritisch und möchten gewisse Konzerne aufbrechen sowie künftige Fusionen erschweren. Die Republikaner hingegen verdächtigen Big Tech, heimlich die Demokraten zu unterstützen und sorgen sich um angebliche Einschränkungen rechter Meinungen auf den Plattformen.

Währenddessen steigt in diversen europäischen Ländern das Interesse, die Steuerbeiträge der Tech-Firmen zu erhöhen. Doch nicht nur national, sondern auch international tut sich etwas: ob in der Gruppe der G20 oder der OECD, Big Tech wird bei internationalen Organisationen immer häufiger zum Thema werden.

Technologie als Spielball der Geopolitik

Dem gestiegenen Interesse der Politik begegnet Big Tech wie die Finanzbranche: mit verstärktem Lobbying. Im Gegensatz zu Banken und Versicherungen steht die Tech-Branche jedoch noch eher am Anfang und muss diese Kapazitäten nun ausbauen. Das ist schwierig, denn es stellt auch eine Abkehr vom teilweise vorhandenen Selbstverständnis dar, wie es noch in der Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace anklang: Wir haben nichts mit dem Staat zu tun, und der Staat hat uns in Ruhe zu lassen.

Auch hilft es nicht, dass Big Tech noch stärker als die Finanzbranche ein geopolitischer Spielball ist. Wo die Finanzbranche auf die Einhaltung von Sanktionen gegen gewisse Regimes achten muss, kämpft die stark globalisierte Tech-Branche mit der Einschränkung ihrer Lieferketten durch Protektionismus. Sie wird immer häufiger als «strategische Ressource» gesehen im Wettrennen zwischen China und den USA, was nicht nur die Produktion und Forschung, sondern auch den Marktzutritt erschwert.

Schliesslich nähert sich Big Tech auch beim Image der Finanzbranche an. Lancierungen neuer Produkte mögen zwar immer noch Fans begeistern – ein Zustand, von dem die Finanzbranche nur träumen kann. Bis anhin sind auch Boykottaufrufe wie jene gegen Facebook jeweils schnell abgeflaut. Doch das Image der Tech-Firmen als Arbeitgeber leidet.

Nicht nur Skandale und Enthüllungen über teilweise toxische Arbeitskulturen, sondern auch kritisch gesehene staatliche Aufträge, gerade im Verteidigungsbereich oder mit umstrittenen Regimen, nagen am Nimbus der Tech-Firmen. An diversen Universitäten, welche die dringend benötigten Talente ausbilden, regt sich Widerstand gegen das Gebaren von Big Tech. Andere Karrierepfade stehen in den Augen der Studienabgänger plötzlich besser da.

So profitiert etwa die Forschung, die sich auch immer häufiger um die bessere Untersuchung der Tech-Konzerne kümmert, zum Beispiel mit Initiativen zur sozial verantwortlichen Künstlichen Intelligenz. Da der aufkommende Widerstand potenzieller Arbeitnehmer fundamentaler Kritik der gewählten Strategien und Businessmodelle entspringt, dürfte Big Tech versuchen, den Vorsprung im «talent war» gegenüber der Finanzbranche mit noch attraktiveren Arbeitsbedingungen zu halten.

An mehreren Fronten gleicht sich die Tech- der Finanzbranche an. Dennoch gehört Big Tech zumindest an den Aktienmärkten immer noch klar zu den Gewinnern. Doch das könnte sich ändern. Erstens dürfte es zu höheren Ausgaben kommen für Lobbying, Rückstellungen für Rechtsfälle oder Strafen, sowie um die Attraktivität als Arbeitgeber zu erhalten. Gleichzeitig steigen die politischen Risiken für die Businessmodelle und Einnahmen.

Angesichts dieses Wandels sollte man sich fragen, ob Big Tech an der Börse nicht auch eher wie die Finanzbranche bewertet sein sollte.

Quellen: