Meinung

Der Reiz des Rosinenpickens

Selten haben sich an den US-Börsen so viele Möglichkeiten für Engagements in unterbewerteten Qualitätswerten eröffnet wie heute. Angesichts dieser zahlreichen Versuchungen ist eine diversifizierte Investmentstrategie umso wichtiger.

Bill Smead
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Wer ein Aktienportfolio mit 25 bis 30 Kernanlagen bewirtschaftet, hat normalerweise stets zwei oder drei Titel im Blick, die als besonders attraktiv herausstechen.

Es ist verlockend, diese «Rosinen» herauszupicken und besonders hoch zu gewichten, auch wenn das nicht zur Investmentstrategie passt. Derzeit sind in den USA gleich mehr als zehn solcher Aktien auf unserem Radarschirm, die spezielle Aufmerksamkeit verdienen.

Doch bevor wir uns im Einzelnen mit diesen Namen beschäftigen, möchte ich einen kurzen Einschub machen. Erstens glauben wir bei Smead Capital an die Vorteile, Aktien extrem lange zu halten. Das, weil jeder Titel, der auf das Fünf- bis Zehnfache des Einstandspreises gestiegen ist, seinen Wert zwingendermassen zuerst verdoppeln und verdreifachen musste.

An Aktien, die die Performance unseres Portfolios besonders positiv beeinflussen, halten wir deshalb über geraume Zeit fest. Hinzu kommt ein zusätzlicher Reiz von Aktienengagements, wenn man diese mit Barmitteln tätigt und nicht mit Krediten: Maximal verliert man seinen Einsatz, wogegen das Kurspotenzial nach oben unlimitiert ist, wenn man richtig liegt.

Hier der empirische Beleg dafür, dass es sich auszahlt, seine «Gewinner» im Portfolio zu behalten:

Quelle: Smead Capital

Value-Strategien sind reif für ein Comeback

Zweitens zeigen sorgfältige Studien, dass der Vorteil einer diversifizierten Strategie zu 90% auf den grössten zwanzig Positionen im Portfolio basiert. Weil wir einen konzentrierten Ansatz pflegen, helfen uns Aktien, die über einen langen Zeitraum gut abschneiden, den Markt zu schlagen.

Drittens schränken unsere acht Investmentkriterien (dazu zählen unter anderen eine grundsolide Bilanz, satte Gewinnmargen, eine attraktive Eigenkapitalrendite, aktionärsfreundliches Verhalten und eine hohe Insider-Beteiligung) unseren Spielraum normalerweise substanziell ein.

Schliesslich engagieren wir uns privat in denselben Aktien wie unsere Kunden und verzichten auf ein Rosinenpicken, was mich zurück zum Thema dieses Beitrags bringt.

Selten erschienen uns die 28 Positionen in unserem Portfolio so attraktiv wie heute. Die Kapitalkonzentration an der Börse auf grosskapitalisierte Star-Aktien wie Amazon, Google, Facebook, Microsoft, Apple und Netflix sowie der Herdentrieb, den nächsten herausragenden Wachstumstitel zu finden, verschlingt alles Geld.

Zu diesem Trend hinzu kam der bislang unersättliche Appetit von Investoren auf Werte, die im Umfeld der Pandemie von Lockdown-Massnahmen profitieren. Diese beiden Faktoren haben dazu geführt, dass Value-Investoren, deren Strategie darauf abzielt, für die künftig erfolgreichsten Aktien am wenigsten zu bezahlen, kaum Geld erhalten haben.

Werfen wir nach diesen Ausführungen nun also einen Blick auf einige der spannendsten Unternehmen, die vom Konsens völlig vernachlässigt worden sind und reizvoll erscheinen.

Pharma und Biotech

Amgen, Merck und Pfizer sind aus unserer Sicht enorm günstig. Wegen der Pandemie werden zwar weniger Arztbesuche gemacht und entsprechend weniger Rezepte für Medikamente verschrieben. Dennoch verdienen diese Konzerne auch so gutes Geld.

Die Anlegerpublikation «Value Line» schätzt, dass Amgen 2021 einen Gewinn pro Aktie von 17.25 $ erzielen wird. Für Merck sind es 6.30 $ und für Pfizer 2.90 $. Daraus errechnet sich für diese drei Titel ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14 respektive 13 und 13,5. Zum Vergleich: Der Gesamtmarkt handelt auf Basis der Gewinnschätzungen für 2021 mit einem KGV von 23.

Diese überragenden Unternehmen sind damit zu einem Abschlag von 30 bis 40% zum S&P 500 bewertet, ganz zu schweigen von ihren feudalen Dividendenrenditen.

Energie und Immobilien

Konzerne aus der Öl- und Gasindustrie waren seit 1999 noch nie so vernachlässigt worden wie heute. Damals notierte der Preis für ein Fass Öl der Referenzsorte WTI auf 11 $, gegenwärtig sind es rund 40 $:

Quelle: Smead Capital

Das heisst, Ölreserven kann man derzeit so günstig kaufen wie noch nie in meiner Karriere als Value-Investor. Uns gefallen Chevron und Continental Resources. Chevron offeriert uns eine generöse Dividende, während wir darauf warten, dass der Kurs anzieht.

Ausserdem halten wir fortwährend Ausschau nach weiteren Engagements im Energiesektor, die unseren acht Kriterien entsprechen.

Unterbewertet sind ebenso physische Assets und Arbeit. Wir mögen deshalb Real Estate Investment Trusts (REIT), die auf Einkaufszentren spezialisiert sind und Liegenschaften in den populärsten Städten Amerikas besitzen.

Bei Simon Properties und Macerich scheint es, dass diese REIT-Gesellschaften derzeit tot mehr wert sind als lebendig. Auch hier gilt es zu erwähnen, dass sie reichlich Dividenden ausschütten.

Wachstumsaktien und Banken

Darüber hinaus besitzen wir einige reizvolle Titel, deren Wachstumsstory verblasst ist. EBay zum Beispiel ist an der Börse verhasst, seit wir uns 2008 im Unternehmen engagiert haben. Auf Basis der Gewinnschätzungen für 2021 von 4 $ pro Aktie beläuft sich das KGV auf günstige 12.

Discovery wiederum strahlt die beliebtesten Reality-TV-Sendungen aus, die es in den Vereinigten Staaten im Bereich Kabelfernsehen und Streaming-Angebote gibt. Das Unternehmen ist im Mediensektor das Pendant zum Komödianten Rodney Dangerfield, der für den Ausspruch «I don’t get no respect» bekannt ist.

Die Valoren von Discovery handeln zu einem KGV von weniger als 10. «Value Line» rechnet damit, dass der Konzern seinen Gewinn pro Aktie in den nächsten vier Jahren jeweils jährlich um 15% steigern wird.

JPMorgan Chase und Bank of America sind zu einem KGV von 11 erhältlich. Da ein Covid-Impfstoff bis vor kurzem noch nicht sicher war und die Zinsen sich nur langsam auf annähernd normales Niveau bewegen, haben Investoren diese Aktien bisher verschmäht. Auch diese beiden Grossbanken bieten 3,5 respektive 3% Dividendenrendite.

Die Katze auf dem Fischmarkt

Zwei unserer Lieblingszitate stammen von Stock Pickern, nämlich Warren Buffett und Roger Engemann. Als Buffett Ende 1974 vom Wirtschaftsmagazin «Forbes» interviewt wurde, sagte er angesichts all der Schnäppchen an der Börse: «Ich fühle mich wie ein Sexbesessener in einem Harem.»

Roger Engemann wurde 1991 in der Fachpublikation «Outstanding Investor Digest» mit folgenden Worten zitiert: «Mir geht es wie einer einäugigen Katze auf dem Fischmarkt.»

Grundsätzlich will ich damit betonen, wie günstig unser Portfolio verglichen mit dem S&P 500 und Investmentstrategien aussieht, die auf Wachstumsaktien setzen.

Die Versuchung, sich bei einigen dieser Anlageideen mit Rosinenpicken zu versuchen, ist gross. Mit einem breiten Segment an günstigen Anlagemöglichkeiten sind wir bisher aber immer gut gefahren.

So viele attraktive Titel wie heute sind uns letztmals in den Jahren 2009 bis 2010 ins Auge gestochen. Und wie sagt man doch so schön: Der Rest ist Geschichte.

Die englische Fassung des Artikels ist abrufbar unter: smeadcap.com

Zur Person

Bill Smead ist der Gründer und Chief Investment Officer von Smead Capital Management. Er startete die auf US-Aktien spezialisierte Investmentgesellschaft mit Sitz in Seattle 2007. Zum Führungstrio gehört auch sein Sohn Cole, der zusehends mehr Verantwortung übernimmt. Smead begann seine berufliche Karriere nach einem Wirtschaftsstudium 1980 beim Broker Drexel Burnham Lambert. Weitere Stationen waren Oppenheimer & Co., Smith Barney und Wachovia Securities. Dort leitete der Branchenveteran zuletzt als Portfoliomanager die Smead Investment Group.
Bill Smead ist der Gründer und Chief Investment Officer von Smead Capital Management. Er startete die auf US-Aktien spezialisierte Investmentgesellschaft mit Sitz in Seattle 2007. Zum Führungstrio gehört auch sein Sohn Cole, der zusehends mehr Verantwortung übernimmt. Smead begann seine berufliche Karriere nach einem Wirtschaftsstudium 1980 beim Broker Drexel Burnham Lambert. Weitere Stationen waren Oppenheimer & Co., Smith Barney und Wachovia Securities. Dort leitete der Branchenveteran zuletzt als Portfoliomanager die Smead Investment Group.