Meinung

Bitcoin als Kontrastprogramm zu Papiergeld

Bitcoin wurde unter anderem entwickelt, um sich vor Inflation zu schützen. Die Erholung der Kryptowährung steht in diesem Zusammenhang. Zudem wird das im Mai anstehende Halving das Angebot neu geschürfter Bitcoins verknappen.

Alain Kunz
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Auf dem Höhepunkt der Krise wurde auch der Bitcoin von der Ausverkaufsstimmung an den Märkten erfasst. Nun scheint sich die Stimmung zu drehen. Im Gegensatz zur Geldschwemme im Dollar, dem Euro und weiteren sogenannten Fiatwährungen - primär durch die Interventionen der Zentralbanken verursacht - ist die Anzahl Bitcoins beschränkt. Das Halving im Mai und die zunehmende Institutionalisierung sprechen ebenfalls für steigende Kurse.

Es gibt mehrere und gute Gründe, weshalb der Bitcoin in der Krise mit allen anderen Vermögenswerten in die Tiefe gerissen wurde: In Zeiten von Panik wird alles verkauft, was mehr oder weniger liquide ist. Damit erwerben sich Marktteilnehmer Zeit, um zu überlegen, was eigentlich aktuell geschieht. Erst nach der Evaluierung der neuen Marktsituation werden die potenziellen Gewinner von den Verlierern getrennt; und ein Entkoppelung der Vermögenswerte und einzelner Titel beginnt.

Deleveraging reisst alle Vermögenswert mit

Zuerst korrelieren wegen des Abbaus schuldenfinanzierter Investitionen alle Vermögenswerte. Margin Calls zwingen zum Handeln. Wetten mit Hebel vernichten in kurzer Zeit sehr viel Geld. Schwache Hände geben auf. Bei Kryptowährungen ist das nicht anders als bei traditionellen Vermögenswerten. Kryptos sind eine junge Anlageklasse mit einer Marktinfrastruktur, die Zeit braucht, sich zu etablieren.

Neben der schlechten Börsenstimmung, provoziert durch den Preiszerfall des Öls und der Ausbreitung des Coronavirus, drückten in den vergangenen Wochen weitere Geschehnisse auf den Kurs. Die Kryptoszene wurde durch einen chinesischen Betrugsfall namens Plus Token kompromittiert. Bitcoins im Wert von über 100 Mio. $ wurden auf dem Markt verkauft, zudem gab es eine weitere Ablehnung eines ETF auf Bitcoin durch die amerikanische Finanzmarktaufsicht SEC, da angeblich die Marktinfrastruktur (noch) nicht ausreiche, um Bitcoin der breiten Masse in Form eines Retailproduktes zu offerieren.

In der Korrekturphase wurde viel Liquidität aus dem System gespült, die Fakten werden in der künftigen Kursgestaltung jedoch wieder massgebend sein: Bitcoin ist «hartes Geld» mit einem limitierten Angebot von 21 Mio. Bitcoins. Etliche dieser Bitcoins sind bereits für immer verloren. Im Gegensatz zu dieser beschränkten Anzahl steht Fiatgeld in unbeschränkter Menge zur Verfügung. Die Zentralbanken drucken es ohne Ende in einem weiteren verzweifelten Versuch, die globale Wirtschaft zu stabilisieren. Bitcoin schützt Investoren vor einer Inflationsgefahr, die immer mehr wächst.

Bitcoin schützt vor Inflation

Die Erholung von Bitcoin begann denn auch mit dem Versprechen von Liquiditätsspritzen durch die EZB, gefolgt von den Aktionen des Fed. Die Einführung einer unbegrenzten quantitativen Lockerung durch das Federal Reserve Board stärkte den Preis des Bitcoin weiter. Die Kursreaktion macht Sinn: Bitcoin wurde unter anderem entwickelt, um sich im Falle eines unbegrenzten Drucks von Papiergeld zu schützen.

In der derzeitigen Krise steigt denn auch die Nachfrage. Auf Kryptobörsen und in Kryptowechselstuben werden viele neue Konten eröffnet, und Long-Positionen wurden erhöht. Unter den Kryptowährungen konzentriert sich rund 70% des Interesses auf Bitcoin und ca. 30% auf Ethereum. Dazu muss man wissen, dass die für den Kaufprozess von Kryptowährungen erforderliche Zeit mehrere Tage betragen kann: Der Investor muss sich registrieren, seine Identität verifizieren, Liquidität auf die Plattform senden und erst dann kann der Kauf vollzogen werden, wodurch sich die tatsächliche Nachfrage immer erst verzögert im Preis spiegelt.

Die Institutionalisierung schreitet voran

Auch bei traditionellen Banken ist das Interesse seitens Kunden konstant wachsend. Die italienische Banco Sella ist die erste Bank, die Sparern auf der Halbinsel Bitcoin anbietet. Die Bank selbst hat 1,2 Mio. Kunden, welche nun Zugang zu Bitcoin als Anlageklasse erhalten.

Auch andere Entwicklungen zeigen, dass die Institutionalisierung der Kryptowährungen weiter fortschreitet. Fidelity International, ein Spin-off von Fidelity Investments, investierte 14 Mio. $ in eine der grössten Kryptobörsen Asiens, Hongkongs OSL. Das wird sich positiv auf die sich entwickelnde Marktinfrastruktur auswirken.

Christopher Giancarlo, der ehemalige Chef der Commodity Futures Trading Commission (CFTC), glaubt, dass es für das Fed an der Zeit ist, eine vollständig digitale Währung auszugeben. Nicht nur, aber vor allem auch um mit der chinesischen Zentralbank konkurrieren zu können.

Giancarlo vertritt die Meinung, dass der Bitcoin und Innovationen wie Libra von Facebook ihre eigenen Wertversprechen haben und mit einer von der Zentralbank ausgegebenen digitalen Währung koexistieren können. Er ist überzeugt, dass die Anstrengungen im Kryptowährungsbereich zu nachhaltigen disruptiven Veränderungen bei Finanzinstituten führen werden und sich entsprechend auch auf den Regulierungsrahmen auswirken wird.

Bitcoin wird offiziell zu Geld

Auch aus Europa sind interessante Entwicklungen zu vernehmen. In Frankreich hat der Bitcoin den offiziellen Status von Geld erlangt. Gemäss einem Urteil des Handelsgerichts von Nanterre wurde der Bitcoin in einer Entscheidung über Kryptowährungen als Geld anerkannt. Die französische Wirtschaftszeitung «Les Echos», die LVMH-Besitzer Bernard Arnault gehört, kommentierte daraufhin, dass man davon ausgehen kann, dass sich die Anzahl Transaktionen auf dem Bitcoin und somit auch die Liquidität im Bereich Kryptowährungen erhöhen werde.

In Deutschland hat die Finanzmarktaufsicht BaFin Bitcoin in der Tatbestandsalternative die Rechnungseinheiten gemäß § 1 Absatz 11 Satz 1 Kreditwesengesetz (KWG) rechtlich verbindlich als Finanzinstrumente qualifiziert.

Auch die Schweizer Nationalbank ist dem Bitcoin gegenüber verhalten-positiv eingestellt. Für Thomas Moser, Mitglied des erweiterten Direktoriums, hat der Bitcoin technologisch bisher erstaunlich gut funktioniert, auch wenn er als Zahlungsmittel aktuell kaum verwendet wird. Sollte Bitcoin breitere Verwendung finden, würde die heutige Technologie schnell an Grenzen stossen. Für ihn ist jedoch denkbar, dass Bitcoin als eine Form von Wertaufbewahrungsmittel oder Zahlungsmittel noch lange bestehen bleibt.

Immer mehr Menschen haben Zugang

Nicht nur die oben erwähnten Bewegungen auf staatlicher Ebene weisen darauf hin, dass die Bitcoin-Community weiterwachsen wird. Heute können 1,7 Mrd. Menschen Bitcoin legal erwerben und mit Bitcoin handeln. Neue Zahlen zeigen, dass immer mehr Leute oder Adressen Bitcoin halten. Gemäss dem Researchhouse Glassnode stieg die Anzahl der Adressen im vergangenen Jahr um 11% auf 784'000. Seit 2015 hat sich die Anzahl mehr als verdoppelt.

Je mehr Menschen Zugang zu Kryptowährungen haben, desto bedeutender wird das Thema Sicherheit. Die Beratungsgesellschaft KPMG hält in einer Studie fest, der Kryptowährungsmarkt müsse die Sicherheit digitaler Assets verbessern, um weiter zu wachsen. Seit 2017 wurden digitale Werte im Umfang von mindestens 9,8 Mrd. $ durch Hackerangriffe gestohlen.

Blockchain wird Teil der Finanzmarktinfrastruktur

Dass diese Probleme als lösbar erachtet werden, verdeutlicht das zunehmende Interesse der Bankenwelt am Bitcoin aber auch an der Blockchain. Es wird intensiv darüber diskutiert, wie man nachgelagerte Dienstleistungen und Services im Finanzbereich über die Blockchain abwickeln kann.

Im Handel sowie in der Überwachung und Aufzeichnung werden wir vermehrt Lösungen und vielleicht auch die nächsten Akquisitionen sehen: Es würde nicht überraschen, wenn (in ruhigeren Zeiten) etablierte Banken noch vermehrt Start-ups in diesem Bereich kaufen. Letztlich geht es um nichts weniger als die schrittweise Digitalisierung der Finanzmarktinfrastruktur.

Das erklärt auch, weshalb in der Blockchain- und Bitcoinwelt der von der Deutsche Bank Research erarbeitete Forschungsbericht Imagine 2030 zu reden gibt. Im Ausblick auf die Dekade wird die Frage aufgeworfen, ob Fiatgeld am Ende ist. Es ist durchaus möglich, dass die zunehmende Nachfrage nach entmaterialisierten Zahlungsmitteln und Anonymität mehr Menschen zu digitalen Währungen führen könnte.

Allerdings und richtigerweise wird im Bericht auch auf die Risiken eines auf digitalen Währungen basierten Finanzsystems aufmerksam gemacht: Abhängigkeit von der Stromproduktion und dessen Zufuhr, die Gefahr von Angriffen durch Cyberkriminelle und schliesslich auch ein möglicher digitaler Krieg.

Die Risiken schrecken nicht ab

Offenbar lassen sich jedoch auch institutionelle Investoren von solchen Risiken immer weniger abschrecken: Der Vermögensverwalter Grayscale, nach eigenen Angaben weltgrösster Assetmanager für Kryptowährungen, meldete unlängst Rekordzuflüsse in Kryptoprodukten – und zwar vor allem von institutionellen Investoren.

Zurzeit wird zudem der dezentrale Finanz Stack (Fintech 2.0) auf Ethereum gebaut. Weiter wird viel Effort in dezentrale Datenaufbewahrung und andere kritische Infrastrukturbereiche investiert. Der Versorgungsschock, verursacht durch die jetzige Krise, wird Konsequenzen für viele Industrien haben, welche die Zentralisierung der Produktionsstätten auf die Spitze getrieben haben und jetzt sehen, wie fragil dieser Setup ist.

Man darf davon ausgehen, dass die Krise die Transformation von einer industriellen und physischen zu einer digitalen und Wissenswirtschaft beschleunigen wird. Die neuen Arten der Arbeit mit neuen Arbeitsgeräten aufgrund des Social Distancing haben sich schnell etabliert und können nicht rückgängig gemacht werden. Es kann vermutet werden, dass diese Veränderung dem grössten Digitalisierungsschritt der Banken und der Industrie in der Dekade entspricht.

Das Halving wird das Bitcoin-Angebot verknappen

Solch grundlegende Veränderungen werden nicht spurlos am Kurs des Bitcoin vorbeigehen. Was die Kursentwicklung in den nächsten Wochen und Monaten betrifft, so sollte weiterhin das sogenannte Halving nicht unterschätzt werden.

Im Mai 2020 wird die «Belohnung» für das Bitcoin-Mining halbiert. Zurzeit erhalten alle Bitcoin-Miner, die das Netzwerk aufrechterhalten, für ihre Arbeit 12,5 Einheiten Bitcoin. Jedes Mal, wenn ein Block mit Bitcoin Transaktionen von einem Miner kreiert wird (durchschnittlich im 10-Minuten-Takt), werden diese für die Aufrechterhaltung des Bitcoin Netzwerkes bezahlt. Alle vier Jahre halbiert sich diese Belohnung – das nächste Mal im Mai dieses Jahres von 12,5 auf 6,25 Einheiten Bitcoin.

Das ist das dritte Mal, dass dieser Event stattfindet. Interessant ist zu vergleichen, wie sich der Bitcoin-Kurs im Nachgang entwickelte: Beim ersten Halving 2012 stieg der Bitcoin-Kurs in den darauffolgenden zwölf Monaten um 8‘000%. 2016 legte er nach dem Ereignis und in der gleichen Periode um 290% zu.

Die vergangene Performance entspricht nicht der künftigen Leistung. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass der Bitcoin zu einem rareren Gut wird. Einerseits sind nun bereits 18 Mio. der möglichen 21 Mio. Bitcoins geschürft, andererseits wird es für Miner weniger lukrativ, neue Bitcoin zu schaffen, sofern sich der Preis nicht entsprechend positiv entwickelt.

Miner haben Fixkosten in Form von Hardware, dessen Unterhalt sowie das Betreiben der Anlagen verursacht variable Kosten; hauptsächlich in Form von Stromkosten. Wenn die Bezahlung (Block Rewards) für dieselbe Leistung nun halbiert wird, kann das nicht ohne wirtschaftliche Folgen bleiben. «Hobby-Miner» oder auch kleinere Mining-Farmen, könnten ein Problem bekommen, da deren Kostenbasis zu hoch ist.

Ohne massive Preissteigerung des Bitcoin werden sie ihre Grenzkosten nicht mehr decken können, und werden ihre Produktion einstellen müssen. Das könnte dazu führen, dass nur noch sehr grosse Miner das System aufrechterhalten, womit die Dezentralität des Bitcoin-Netzwerkes sinken würde. Damit wäre die Sicherheit des ganzen Netzwerkes gefährdet, aber das ist ein anderes und fernes Thema.

Volatilität in Sicht

Sicher ist, dass hinsichtlich dem Halving-Event im Mai mit viel Volatilität zu rechnen ist. Heute sind, ganz im Gegensatz zu 2012 und 2016, viel mehr Quants und Spekulanten im Bitcoin-Markt. Tendenziell spricht der Halving-Event für Preissteigerungen – auch wenn das diesjährige Halving, im Gegensatz zu 2012 und 2016, vermutlich schon teilweise im Kurs enthalten ist.

Das Halving wird weitere Impulse für die Zukunft geben. Grundsätzlich sind die zunehmende Geldschwemme – verursacht durch die Zentralbanken sowie die steigende Akzeptanz des Bitcoins auf staatlicher Ebene und innerhalb der Finanzindustrie – der Nachfrage förderlich. Der Bitcoin wird bestehen bleiben und sich mehr und mehr zum Kontrastprogramm für Fiatgeld entwickeln.

Alain Kunz

Alain Kunz ist Verwaltungsrat des auf die Beratung sowie die sichere Aufbewahrung von Kryptowährungen spezialisierten Unternehmens Obolus und ein Kenner der nationalen und internationalen Blockchain-Szene. Er ist überzeugt, dass Blockchain unsere Welt verändern wird wie kaum eine andere Technologie zuvor. Er berät Regierungen, Institutionen sowie Investoren und unterrichtete Studenten an der Hochschule Luzern. Seit Frühling 2019 unterstützt Alain Kunz die Hypothekarbank Lenzburg in der Entwicklung neuer Serviceprodukte für Krypto- und Blockchainunternehmen. Neben Obolus hat Alain Kunz die Gesellschaften TokenSuisse, PolarLab, Lantha Capital, und SP-Lab.ch gegründet. Vorher war er für Source, Leonteq und Société Générale Investment Banking tätig. Er studierte an der Universität St. Gallen und wohnt in Zürich.
Alain Kunz ist Verwaltungsrat des auf die Beratung sowie die sichere Aufbewahrung von Kryptowährungen spezialisierten Unternehmens Obolus und ein Kenner der nationalen und internationalen Blockchain-Szene. Er ist überzeugt, dass Blockchain unsere Welt verändern wird wie kaum eine andere Technologie zuvor. Er berät Regierungen, Institutionen sowie Investoren und unterrichtete Studenten an der Hochschule Luzern. Seit Frühling 2019 unterstützt Alain Kunz die Hypothekarbank Lenzburg in der Entwicklung neuer Serviceprodukte für Krypto- und Blockchainunternehmen. Neben Obolus hat Alain Kunz die Gesellschaften TokenSuisse, PolarLab, Lantha Capital, und SP-Lab.ch gegründet. Vorher war er für Source, Leonteq und Société Générale Investment Banking tätig. Er studierte an der Universität St. Gallen und wohnt in Zürich.