Die Meinung

Bitcoin und Libra: Das Imperium (der Zentralbanken) schlägt zurück

Bitcoin und andere Kryptowährungen haben den Weg für dezentrales Geld geebnet; kürzlich ist Facebook mit seinem Libra-Projekt gefolgt. Die Zentralbanken könnten nun jedoch auf den Plan treten und die wettbewerbsfähigste Währungsoption anbieten.

Myret Zaki

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Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse lernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie freie Kolumnistin und Beraterin für Influencer-Strategien.
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Steht das «Ende des Geldes» bevor – zumindest in der Form, wie wir es kennen? Diese Frage wurde kürzlich auf einer Konferenz an der Universität Freiburg von Professor Paul Dembinsky gestellt. Die Antwort der Experten lautete: nein, nicht wirklich. Die Zentralbanken, deren altes Bargeld zunehmend marginalisiert wird, sind daran, zurückzuschlagen und digitales Bargeld mit gesetzlichem Zahlungsstatus einzuführen.

Dadurch werden entsprechende private Kryptowärungsversuche ersetzt. Ganz im Sinne von Tancredi Falconeri im Roman «Il gattopardo» (Deutsch: Der Leopard), der sagte: «Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern». Die Zentralbanken werden ganz einfach versuchen, den Kryptowährungskampf um Marktanteile und Legitimität zu gewinnen, indem sie Regulierung, Zentralisierung (ja, wieder) und Sicherheit zu ihrem Vorteil nutzen.

Geld wurde nach und nach entmaterialisiert

Lassen Sie uns aber zuerst anerkennen, dass wir seit Beginn des 20. Jahrhunderts Zeuge einer fortschreitenden Dematerialisierung dessen sind, was wir Geld nennen. Der deutsche Philosoph Georg Simmel definiert in seinem Buch «Philosophie des Geldes» (1900) Geld als «den autonomen Ausdruck der Beziehung der Austauschbarkeit zwischen Objekten». Nun ist es so, dass seither andere Mechanismen diese Funktion übernommen haben. Professor Dembinsky analysierte, ob Geld heute noch alle Anforderungen von Simmels Definition erfüllt und kam zum Schluss, dass es das nicht mehr tut.

Im Jahr 1971 wurde der Goldstandard, also die fixe Konvertibilität von Geld (sprich, des Dollars) in Gold, aufgehoben. Dann folgte die Ära der anti-inflationären Politik, die bis 2007 dauerte, worauf das Geldsystem in ein konstantes, lebenserhaltendes Regime der geldpolitischen Lockerung überging. Im Rückblick auf die letzten 30 bis 40 Jahre lässt sich feststellen, dass sich die Reserve- und die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes weg von Bargeld hin zu einem ständig wachsenden Spektrum von Finanzanlagen mit unterschiedlichem Liquiditätsgrad verschoben haben. 

Was das Zahlungsmittel Geld betrifft, so hat die Umstellung von Bargeld auf elektronische Systeme, Kreditkarten und private Zahlungsnetze die Zahlungsfunktion privatisiert. Flugmeilen, Bonuskarten, Gutscheine und lokale Währungen sind als private Konkurrenten von legalem Geld entstanden. Es sind hybride Konkurrenten, die Dembinski als «Quasigeld» oder quasi-monetäre Einheiten bezeichnet. Dadurch entstand eine Kluft zwischen den «edlen» Währungen und den gewöhnlichen oder Quasi-Währungen.

Die Zahlungsfunktion hat sich von der Währung losgelöst. Und es gibt keinen Weg zurück. Spezialisierte Subsysteme übernehmen immer mehr die bisherigen Funktionen von Fiat-Geld. Da das Geld in seinem Wesen bedroht ist, stellt sich die Frage nach der Existenzberechtigung der Zentralbanken.

Libra hat mehrere Risiken

Die Zentralbanken sind die Anbieter der gesetzlichen Zahlungsmittel für die Nationen. Jetzt sehen wir den Aufstieg der Kryptowährungen und jüngst auch das Libra-Projekt unter der Führung von Facebook. Professor Sergio Rossi betrachtet Libra als eine positive Weiterentwicklung von Bitcoin, da es sich um einen so genannten Stablecoin handelt, der mit einem Korb an Fiat-Währungen hinterlegt wird, dem Anleihen hinzugefügt wurden. Da Libra auf monetären und festverzinslichen Anlagen basiert, ist es weniger volatil als Bitcoin, dem keine Vermögenswerte hinterlegt sind. Erklärtes Ziel von Libra ist es, Menschen ohne Bankkonto den Zugang zu einem Zahlungsnetzwerk zu bieten, aber das Ziel ist es natürlich auch, Gewinne zu erzielen.

Professor Rossi lässt sich von der Begeisterung um Libra jedoch nicht blenden. Er sieht Liquiditätsrisiken, regulatorische Risiken, Wechselkursrisiken, Steuerhinterziehungsrisiken und systemische Risiken. «Libra hat in der Schweiz einfach keinen Status als gesetzliches Zahlungsmittel», sagt der ehemalige Rechtsprofessor Pierre-Louis Manfrini. Eigentlich sollte man sich bewusst sein, dass Regierungen immer eine Bedrohung für eine «Währung» darstellen, die nicht ihre eigene ist, solange die regulatorischen Rahmenbedingungen nichts abgesteckt sind. Oder bis die Regierungen ihr eigenes gesetzliches Zahlungsmittel in elektronischer Form einführen. Und genau das ist es, was sie beabsichtigen.

Offensichtlich hat der globale Anspruch von Libra die Zentralbanken aufgeschreckt. Sie haben nicht die Absicht, tatenlos zuzusehen und prüfen bereits, welche Technologie sie einsetzen könnten, um digitale Zentralbanken-Währungen einzuführen. Die Notenbanken sollen den Bürgern digitales Bargeld oder gesetzliche Zahlungsmittel in elektronischer Form via digitale Geldbörsen zur Verfügung stellen, die bei Geschäftsbanken im Namen der Zentralbank hinterlegt sind.

Bitcoin als letzte Stufe der Geldentmaterialisierung

Genau wie das biblische Geld vom Bargeld verdrängt wurde und dann das bargeldlose, kontaktlose und mobile Bezahlen übernahm, setzte die Blockchain den (vorläufigen) Schlusspunkt: Es ist die letzte Stufe der Geldentmaterialisierung. Nur, dass das letzte Gefecht zwischen privaten Kryptowährungen und ihren zukünftigen staatlichen Alternativen stattfinden könnte, wobei letztere am Ende als Sieger aus dem Kampf  hervorgehen könnten. Experten wie Rossi betonen: Zentralbanken wird es immer geben, weil nur sie für Recht und Ordnung sorgen können.

Umgekehrt gibt es in einem dezentralen privaten Kryptowährungssystem keine Instanz, die für die Integrität des Systems und die Durchsetzung der Funktionsregeln verantwortlich ist. Aus diesem Grund werden sich wahrscheinlich staatliche Kryptowährungen durchsetzen. Am Ende wird nur die Form des Geldes entmaterialisiert, nicht die Essenz. Hätte sich die Essenz verändert, wäre die Welt in Richtung Dezentralisierung verlagert worden. Aber wenn die Notenbanken siegen, bleibt die zentrale Kontrolle bestehen, die nur durch eine elektronische Funktion ergänzt wird.

Damit dürfte Libra die Zentralbanken in den Industrieländern nicht ersetzen. Doch was ist mit den Schwellenländern? Wenn es ihnen nicht gelingt, effektive Institutionen zu erhalten, die in der Lage sind, die richtigen technologischen Lösungen für digitalisiertes Geld zu finden, ist es sehr gut möglich, dass ein Mechanismus wie Libra die Lücke füllen wird, warnt Professor Cédric Tille vom Graduate Institute of International and Development Studies. Dies würde das mögliche Verschwinden der Zentralbanken in einigen armen Ländern und den Verlust ihrer Währungsautonomie bedeuten.

Dies ist kein wünschenswertes Ergebnis, und der von Tristan Nitot, CEO von Qwant, geprägte Begriff «digitale Kolonisation» kommt einem sofort in den Sinn. Vor allem aber wird Libra diejenigen Zentralbanken, die dazu in der Lage sind, dazu bringen, ihre eigene digitale Währung zu schaffen. Die Industrieländer sind laut Cedric Tille am besten darauf vorbereitet, die Herausforderung anzunehmen, und dies könnte die Kluft zwischen den Zentralbanken der G7 und dem Rest der Welt vergrössern. Schwellenländer könnten an den traditionellen Währungen festhalten oder aber auf die Libra-Lösung oder auf Libra-ähnliche asiatische Privatmechanismen zurückgreifen, die von den extrem fortgeschrittenen Technologie-Unternehmen Alibaba und Tencent entwickelt wurden.

Erhöhter Anpassungsdruck auf die Zentralbanken

Die Zentralbanken stehen unter enormem Druck, sich anzupassen, innovativ zu sein und in das 21. Jahrhundert einzutreten, indem sie digitale Währungen schaffen, die alle drei Merkmale von Bar-, Bankeinlagen- und Zentralbankgeld kombinieren. Mehr als 90 Zentralbanken denken ernsthaft über die Umstellung nach, obwohl ein Krypto-Franken noch nicht in Sicht ist. Hoffnung weckt die «Wermuth-Initiative», benannt nach dem Nationalrat Cédric Wermuth, der im März 2018 eine Machbarkeitsstudie zur Schaffung eines «Kryptofrankens» verlangte und vom Bundesrat unterstützt wurde.

Die digitale Zentralbank-Währung wird wohl nicht auf einer dezentralen Ledger-Technologie basieren, wie aus einem Bericht von Virgile Perret, einem Experten am «l'Observatoire de la Finance» in Genf, hervorgeht. Perret prognostiziert, dass private Kryptowährungen einem ernsthaften Wettbewerb ausgesetzt sein werden, wenn die Zentralbanken eine öffentliche Alternative anbieten, die die «Beste aller Welten» bietet, d.h. die Ausgabe einer digitalen Währung als gesetzlichem Zahlungsmittel und allen Vorteilen der Digitalisierung, wobei die Risiken privater digitaler Währungen vermieden werden. Logischerweise wird die staatliche Version den Vertrauenskampf gewinnen, solange die Staaten diejenigen sind, die das letzte Wort darüber haben, was ein «gesetzliches Zahlungsmittel» ist und was nicht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Bitcoin und andere Kryptowährungen Pionierarbeit geleistet haben und immer noch die einzigen sind, die eine dezentrale Lösung anbieten. Mit Libra (Facebook) folgte ein beruhigenderes und weniger volatiles Angebot. Und jetzt könnten die Zentralbanken ins Spiel kommen und die Vorteile der technologischen Innovationen nutzen und gleichzeitig die sicherste und damit wettbewerbsfähigste Zahlungsoption anbieten, die die Bevölkerung anstelle der attraktiven Perspektive eines dezentralen Systems wählen könnte.