Meinung

Blithe Stock Market Spirits: unbeschwert über die Klippe?

Die Stimmung an den Börsen ist unbekümmert, die Bewertungen überspannt und neue Marktteilnehmer kommen hinzu, die sich sonst kaum für Aktien interessieren. In diesem riskanten Umfeld empfiehlt sich eine defensive Strategie, wie die Erfahrung aus den letzten drei grossen Bullenmärkten zeigt.

Bill Smead
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Als Value-Investoren zielen wir bei Smead Capital darauf ab, Aktien für unser Portfolio zu finden, die sowohl in einem freundlichen wie auch in einem schwierigen Umfeld attraktiv bewertet erscheinen. Was die aktuellen Rahmenbedingungen betrifft, erinnert mich die Unbeschwertheit der Börsen an den Geisterfilm «Blithe Spirit».

Bild: imdb.com

Hauptcharakter in der düsteren Satire aus dem Jahr 1945 ist ein Romanautor, der von seiner toten Ex-Frau aufgesucht wird. Brillant gespielt von Leslie Mann, bezaubert diese zunächst als Gespenst ihren verwitweten Ehemann, der nach ihrem Tod erneut geheiratet hat. Doch dann nimmt der Film eine finstere Wende, als sie seine neue Frau heimsucht und diese schliesslich in den Tod treibt.

Genau nach diesem Prinzip funktionieren Bullenmärkte: Sie beginnen mit günstigen Bewertungen und fundamental erbaulichen Aussichten, dann verführen sie uns mit attraktiven und oftmals spektakulären Renditen. Anlegerinnen und Anleger werden dadurch auf eine falsche Fährte gebracht, die schliesslich in den Abgrund führt.

Es ist wie mit dem Unglück, das tragischerweise der zweiten Ehefrau des Schriftstellers in «Blithe Spirit» widerfährt: Der Geist der verstorbenen Ex-Frau sabotiert das Gaspedal im Auto seiner neuen Partnerin, worauf diese an der Meeresküste Englands über eine Klippe stürzt.

Innovation treibt die Hausse

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es im vergangenen Jahrhundert an der Börse zu drei Episoden mit einer besonders ausgelassenen Stimmung kam, die dem aktuellen Geschehen an den Märkten ähnlich ist. Wie folgende Grafiken zum Kursverlauf des S&P 500 zeigen zählten dazu:

Das «Schlussbouquet» der Zwanzigerjahre

Kursperformance des S&P 500

Die «Go-Go Party» in den Sechzigerjahren

Kursperformance des S&P 500

Die «Dotcom Bubble» in den späten Neunzigerjahren

Kursperformance des S&P 500

Alle drei Episoden waren von so grosser Euphorie geprägt, dass jede von ihnen später eine spezifische Bezeichnung erhielt: Die «wilden Zwanziger», die «Swinging Sixties» und die «Dotcom-Blase» Ende der Neunzigerjahre.

Was also hatten sie alle gemeinsam? Und woran lässt sich heute erkennen, dass an den Märkten ein ähnlich unbeschwerter Zeitgeist herrscht? Jede dieser drei Phasen war gekennzeichnet durch bahnbrechende Innovationen, exorbitante Investmentrenditen, strapazierte Bewertungen und die Partizipation von neuen Marktteilnehmern, die sich normalerweise nicht an der Börse engagieren.

In den Zwanzigerjahren wurden das Auto, das Flugzeug und der Radio-Rundfunk von der breiten Bevölkerung adaptiert. Im Jahr 1900 wurden in den USA rund 4’000 Neuwagen verkauft. 1925 waren es bereits 3,5 Millionen (hier unter dem Titel «From Horse Power to Horsepower» ein guter historischer Abriss zur damaligen Revolution im Transportwesen). Nachrichten, Musik und Unterhaltungssendungen im Radio dominierten das Kulturleben.

In den Sechzigerjahren betrat erstmals ein Mensch den Mond, die Technologiekonzerne IBM, Sperry Rand und Burroughs brachten die ersten Supercomputer auf den Markt. In den Neunzigerjahren kamen dann Computer für zu Hause auf. Sie wurden mit Software von Apple und Microsoft betrieben, sodass sogar «Dummies» wie ich mit ihnen arbeiten konnten. Zuvor musste man selber programmieren können, wenn man mit einem Computer arbeiten wollte. Wäre die Geduld erforderlich gewesen, einem Computer genau zu sagen, wie er das machen soll, was man von ihm will, hätte ich bestimmt nie einen benutzt.

In den Neunzigern etablierte sich ebenso der Internetbrowser. Er machte es möglich, unermessliche Mengen an Informationen im Internet abzurufen. Dadurch wurde die Basis gelegt, auf der Amazon, Google und Facebook in den letzten zehn Jahren die Welt erobern konnten.

Auch diverse andere Unternehmen profitieren vom «Netzwerkeffekt» des Internets. Er beruht darauf, dass ein Unternehmen immer mehr Informationen über die Teilnehmer in seinem Netzwerk erhält und das Geschäft mit zunehmender Grösse immer profitabler wird, weil andere Wettbewerber aus dem Markt gedrängt werden.

Herdenjagd auf Short Seller

Wie Sie der untenstehenden Kursgrafik entnehmen können, haben auch in der jüngsten Phase der Euphorie überragende Renditen an den Börsen resultiert.

Die aktuelle Börsenhausse

Kursperformance des S&P 500

Die untenstehende Grafik illustriert dazu, wie sich heutige «Glamour»-Aktien wie Apple, Amazon, Google, Facebook und Netflix im selben Zeitraum entwickelt haben.

Kursperformance der FAANG-Aktien

Im Vergleich zum S&P 500
Netflix
Amazon
Apple
Google (Alphabet)
Facebook
S&P 500

Das Bemerkenswerte daran: Wenn man das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 nach der Marktgewichtung der einzelnen Index-Mitglieder berechnet, erhält man einen ähnlichen Wert wie am Ende der drei vorhergehenden «Blithe Spirit»-Episoden des vergangenen Jahrhunderts. Wie auf dem Zenit der letzten drei grossen Bullenmärkte, erstaunt es auch nicht, dass die Partizipation der breiten Masse derzeit ebenfalls einen Extremwert erreicht.

Die heutigen Hasardeure an der Börse kommunizieren untereinander in eigenen Chatrooms auf Plattformen wie Reddit, handeln über eigene Broker wie Robinhood und spekulieren auf neue Investmentvehikel wie Special Purpose Acquisition Companies (SPACs) und Meme-Aktien. Mit Wetten auf Meme-Aktien verbünden sie sich, um Leerverkäufer in die Enge zu treiben. Zusammen im Rudel versuchen sie so, die Kurse von qualitativ minderwertigen Unternehmen mit grossen Short-Positionen durch die Decke zu jagen.

Sehen Sie sich nun bitte diese beiden letzten Grafiken an. Die erste stellt dar, wie gross der prozentuale Anteil von Aktienbeteiligungen am finanziellen Vermögen amerikanischer Haushalte ist.

Quelle: Smead Capital

Die zweite Grafik illustriert die Kapitalisierung des amerikanischen Aktienmarkts im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt der USA.

Quelle: Smead Capital

Dieser Indikator wird von Warren Buffett dazu benutzt, um zu bestimmen, ab wann es in den letzten Abschnitten eines Bärenmarkts (der stets auf Episoden der Euphorie folgt) sinnvoll ist, sich an der Börse mit einer breit ausgerichteten Strategie zu engagieren.

Warnsignale häufen sich

Buffett tritt am liebsten als Käufer in Aktion, wenn sich die Börsenkapitalisierung um 75 bis 80% des BIP bewegt. Was wäre demnach erforderlich, um den Aktienmarkt auf dieses Niveau zu bringen? Ein Kurssturz über die Klippe wie in «Blithe Spirit».

Der prominente Geschäftsmann, Investor und Politiker Joe Kennedy verdiente an der Hausse der wilden Zwanziger ein Vermögen. Er entschied sich dann aber auszusteigen, als ihm sein Schuhputzer plötzlich Aktientipps gab.

Peter Lynch, der seinerzeit bei Fidelity den grossen Magellan Fonds bewirtschaftete, erkannte das baldige Ende eines Bullenmarktes daran, wenn er bei sozialen Anlässen Ratschläge zum Kauf von Aktien erhielt. Mir selber ist das dieses Jahr schon so oft passiert, dass es deprimierend ist.

Unsere Aktienselektion bei Smead Capital besteht aus ausgesprochen defensiven, unpopulären und value-orientierten Werten. Falls bis Ende Dezember nichts Schlimmes geschieht, könnten wir 2021 die beste Performance verzeichnen, seit wir unseren Fonds vor bald vierzehn Jahren lanciert haben. Bedauerlicherweise sagen uns viele andere Investoren jedoch lieber, welche Titel wir stattdessen kaufen sollen - und das ist für uns ein Hinweis darauf, dass all diese «heissen» Aktien in nicht allzu fernerer Zukunft über die Klippe fallen werden.

Anders gesagt: Wir glauben, dass die meisten Investoren an der Börse scheitern und über das nächste Jahrzehnt eine enttäuschende Performance verzeichnen werden. Wir haben nicht vor, zu dieser Kategorie von Anlegern zu gehören.

Die englische Fassung des Artikels ist abrufbar unter: smeadcap.com

Bill Smead

Bill Smead ist der Gründer und Chief Investment Officer von Smead Capital Management. Er startete die auf US-Aktien spezialisierte Investmentgesellschaft mit Sitz in Seattle 2007. Zum Führungstrio gehört auch sein Sohn Cole, der zusehends mehr Verantwortung übernimmt. Smead begann seine berufliche Karriere nach einem Wirtschaftsstudium 1980 beim Broker Drexel Burnham Lambert. Weitere Stationen waren Oppenheimer & Co., Smith Barney und Wachovia Securities. Dort leitete der Branchenveteran zuletzt als Portfoliomanager die Smead Investment Group.
Bill Smead ist der Gründer und Chief Investment Officer von Smead Capital Management. Er startete die auf US-Aktien spezialisierte Investmentgesellschaft mit Sitz in Seattle 2007. Zum Führungstrio gehört auch sein Sohn Cole, der zusehends mehr Verantwortung übernimmt. Smead begann seine berufliche Karriere nach einem Wirtschaftsstudium 1980 beim Broker Drexel Burnham Lambert. Weitere Stationen waren Oppenheimer & Co., Smith Barney und Wachovia Securities. Dort leitete der Branchenveteran zuletzt als Portfoliomanager die Smead Investment Group.