Meinung

China ist die grössere Herausforderung für den Dollar als Bitcoin

Peking ist näher dran, seine digitale Währung zur Masseneinführung zu bringen als Frankfurt und Washington. Während der e-Yuan offensiv ist, werden der digitale Euro und der Dollar defensiv sein, und ihre Umstellung wird grössere Hürden zu meistern haben.

Myret Zaki
Drucken

English version

Im Jahr 2019 hatten wir analysiert, wie die Zentralbanken dezentrale Währungen wie Facebooks Libra besiegen wollen, indem sie mit ihnen in Konkurrenz treten. Drei Jahre später können wir feststellen, dass die Vorhersagen bestätigt werden.

Die Zentralbanken schaffen ihre eigenen zentralen digitalen Währungen (Central Bank Digital Currencies, CBDC) und nutzen ihren institutionellen Vorteil, um das Monopol über den Status eines gesetzlichen Zahlungsmittels zu behalten. Auch wenn das Facebook-Projekt Libra (später umbenannt in Diem) mittlerweile aufgrund des Widerstands von Regulierungsbehörden und Politik offiziell tot ist, erwachen zentrale digitale Währungen zum Leben.

Der e-Yuan zählt bereits mehr als 250 Mio. Nutzer

Heute ist klar, dass China ein noch grösserer Herausforderer für den US-Dollar sein wird als Kryptowährungen wie Bitcoin oder Libra. Die USA sind bei der Umstellung ihrer Währung in eine digitale Form nicht so schnell. China vereint für diese Art von Pr0jekt einzigartige Vorteile: technologischen Fortschritt, eine riesige Bevölkerung und ein stark zentralisiertes – gar autoritäres – Regime.

Ein weiterer Vorteil ist, dass die chinesische Währung bis anhin kaum internationalisiert wurde, was paradoxerweise bei der Digitalisierung nützlich ist. Das erklärt, warum China in Sachen CBDC der Vorreiter ist. Das Land nutzt die aktuellen Olympischen Winterspiele, um seine digitale Version des Yuan, den e-Yuan oder e-CNY, vorzustellen, und erreicht bereits eine breite Akzeptanz. Die entsprechende App der People's Bank of China zählt bereits mehr als eine Viertelmilliarde Nutzer.

Die EU und die Europäische Zentralbank befinden sich derweil nicht in einer führenden Position. Die EZB plant, im nächsten Jahr eine Entscheidung zu treffen, und hat Ende 2020 einen Bericht veröffentlicht, in dem sie überzeugende Gründe für die Einführung eines digitalen Euro anführt.

Es liegt auf der Hand, dass bereits der mehrstufige Entscheidungsprozess in Europa im Gegensatz zu China sehr komplex ist. Der Begriff «gesetzliches Zahlungsmittel» wird in den einzelnen Mitgliedstaaten zum Teil unterschiedlich interpretiert. «Die Einführung eines digitalen Euro würde sicherlich von der Stärkung und Harmonisierung der nationalen Auslegungen profitieren», heisst es im Bericht.

Vor allem aber ist der Bericht ein Plädoyer für die Überlegenheit des Euro gegenüber Krypto-Assets: «Diese Vermögenswerte sind grösstenteils unreguliert, was hohe Risiken für die Nutzer mit sich bringt. Ihr Preis ist sehr volatil, da Krypto-Vermögenswerte keinen inneren Wert haben, was bedeutet, dass sie wie eine spekulative Anlage gehandelt werden. Diese Eigenschaften beschränken die Verwendung von Krypto-Assets auf eine begrenzte Gruppe von Anlegern und machen ihren Markt illiquide [...] Die Tatsache, dass der Euro eine risikofreie Verbindlichkeit der Zentralbank ist, unterscheidet ihn grundlegend von Krypto-Assets.»

Was die Schweiz betrifft, so schreitet die Diskussion auf technischer Ebene voran. Das e-Franken-Projekt der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ist vorerst auf die Geschäftsbanken beschränkt und lässt die breite Öffentlichkeit aussen vor. Es wurden Tests mit der Schweizer Börse (SIX) und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) durchgeführt. Sie haben gezeigt, dass grenzüberschreitende E-Franken-Zahlungen sowie der Kauf und Verkauf von CHF-Tokens auf Blockchain-Basis über die bestehende Bankinfrastruktur möglich sind. Nach aktuellem Kenntnisstand wird die Schweiz mit dem Projekt keine Eile haben und dem Zeitplan aus Brüssel und Frankfurt folgen.

Der Dollar wird bedrängt

Langsamer als alle anderen Währungsblöcke hat das U.S. Federal Reserve seine eigenen Überlegungen zu einem digitalen Dollar und den Zwecken, denen er dienen könnte, offengelegt. In einem Bericht vom Januar heisst es, dass ein e-Dollar das Papiergeld nicht ersetzen würde. Das zeigt, dass das Dollarsystem im Gegensatz zu China noch nicht bereit ist, seine Abhängigkeit vom Bargeld aufzugeben und einen vollständigen digitalen Wandel zu vollziehen. Die riesige Papierdollar-Wirtschaft im Untergrund scheint zu gross zu sein, um sie verschwinden zu lassen.

Einem kürzlich erschienenen Bericht des «Economist» zufolge ist heute viermal mehr Dollar-Bargeld im Umlauf als noch vor 20 Jahren. Es ist ein Irrglaube, dass alle Marktteilnehmer auf elektronische Zahlungen umgestiegen sind. Dem Bericht zufolge waren die Bargeldbeträge, die heimlich in Koffern von Flughafen zu Flughafen transportiert werden und den Zoll passieren, noch nie so gross wie heute. Was nach einer Technik der Geldwäsche und Steuerhinterziehung im Stil der Achtzigerjahre erscheint, ist heute lebendiger denn je. Die Hälfte des im Umlauf befindlichen Bargelds in Dollar und Pfund könnte mit illegalen Aktivitäten in Verbindung stehen und ermöglicht es den Tätern, der digitalen Überwachung zu entgehen, schreibt der «Economist».

Der e-Dollar würde vielmehr eine Lücke füllen, indem er den US-Bürgern, die sich an elektronische Zahlungen gewöhnt haben, digitalisiertes Zentralbankgeld zur Verfügung stellt. Es ist auch klar, dass ein e-Dollar eine Bedingung ist, um den Status der US-Währung als Weltreferenz zu erhalten und zu verhindern, dass der e-Yuan oder dezentralisierte Währungen den Dollar bedrängen könnten.

Der Bericht des Fed untergräbt auch Kryptowährungen, indem er sagt, dass sie nicht zu einem Zahlungsmittel, sondern vielmehr zu einem spekulativen Instrument geworden sind, das mit Betrug, Verlust und Diebstahl behaftet ist. Stablecoins – also Kryptowährungen, die auf einem Korb staatlicher Währungen basieren – werden vom Fed als seriöser angesehen, aber immer noch als weniger sicher als die staatliche Version verworfen.

Wie Kryptowährungen, nur besser

Die Entwicklungen zeigen: Die mächtigen Länder haben den Kryptowährungen die Innovation aus den Händen genommen und sie zu ihrem eigenen Vorteil genutzt. Digitale Währungen sind jetzt ein Spiel der Supermächte. Genau wie Kryptowährungen, aber noch besser, werden sie Sicherheit bieten, indem sie digitale Zertifikate, elektronische Signaturen und verschlüsselte Aufbewahrungssysteme ermöglichen. Sie verhindern Doppelzahlungen, illegale Vervielfältigungen und Fälschungen. Sie werden in einem Smartphone-Wallet gespeichert und können von Nutzer zu Nutzer grenzüberschreitend übertragen werden, ohne dass zentrale Clearing-Systeme involviert sind. Wie Stablecoins werden sie auch offline gehandelt werden können.

Einfach ausgedrückt: Jeder Vorteil, den Kryptowährungen bieten, werden Central Bank Digital Currencies dereinst auch bieten. China geht voran, aber der e-Dollar wird diese Möglichkeiten auch bieten müssen. Dieses Mal hat die US-Währung nicht mehr das Sagen.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.