Meinung

China und die ungleiche Erholung nach dem Schock von Covid-19

Die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt konnte dank steigender Industrieproduktion, Investitionen und Exporten einer Rezession entgehen. Ein Sektor bleibt jedoch deutlich zurück: der Konsum der privaten Haushalte.

Jörg Wuttke
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Chinas Wirtschaft ist im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 3,2% gewachsen. Der Volksrepublik ist es damit gelungen, einer Rezession zu entgehen. Der Aufschwung wurde durch eine Kombination aus politischen Massnahmen zur Stützung der Binnennachfrage erreicht und von der Fähigkeit Chinas gestützt, während der Pandemie dringend benötigte Industriegüter an den Rest der Welt zu liefern.

Trotz dieser vordergründig guten Nachricht verlor der chinesische Aktienmarkt am vergangenen Donnerstag fast 5%. Angeführt wurde der Ausverkauf von Blue Chips wie Kweichow Moutai, dem Hersteller von chinesischen Premium-Spirituosen (Baijiu) und dem grössten Unternehmen nach Marktkapitalisierung am A-Aktienmarkt, nachdem das Staatsmedium «People's Daily» die Marke als das Lieblingsgeschenk korrupter Beamter kritisiert hatte.

Werfen wir einen genaueren Blick auf den Zustand der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt.

Detailhandelsumsätze bleiben deutlich zurück

Das Wachstum auf der Produktionsseite war die Haupttriebkraft der Erholung Chinas, sowohl beim Unternehmens- als auch beim Staatssektor, während der Konsum zurückblieb. Das Pro-Kopf-Einkommen der Haushalte stieg im zweiten Quartal im Jahresvergleich nominal um 4,5% und verbesserte sich damit gegenüber dem ersten Quartal. Trotzdem schrumpfte der Pro-Kopf-Konsum der Haushalte nominal um 3,1%; real fiel der Rückgang noch stärker aus.

Die offizielle Arbeitslosenquote fiel im Juni auf 5,7%, aber der Arbeitsmarkt ist wahrscheinlich in einem deutlich schlechteren Zustand, als es die offiziellen Zahlen vermuten lassen.

Die monatlichen Daten zeigen, dass das Produktionswachstum weit über dem Konsum lag. Sowohl das Wachstum der Industrieproduktion als auch der Anlageinvestitionen übertraf die Erwartungen, während das Wachstum der Einzelhandelsumsätze ausblieb. Tatsächlich schrumpften die Einzelhandelsumsätze im Juni um 1,8% gegenüber dem Vorjahr. Es ist der einzige wichtige Indikator, der negativ blieb.

Der Immobilien- und der Automobilsektor bleiben die Hauptpfeiler des Aufschwungs. Das Wachstum des Immobilienverkaufsvolumens verlangsamte sich im Juni auf 2,1%, aber das Wachstum der Neubauprojekte beschleunigte sich auf 8,9% gegenüber dem Vorjahr und das Wachstum der Immobilieninvestitionen stieg auf 8,5%.

Der Immobilienmarkt ist in einigen Städten im Süden besonders aufgeheizt, und einige Kommunalverwaltungen, darunter Shenzhen und Ningbo, haben kürzlich Massnahmen zur Abkühlung der Verkäufe veröffentlicht.

Das Wertschöpfungswachstum der Automobilindustrie stieg von 12,2% im Mai auf 13,4% im Juni, und die Autoproduktion wuchs im Juni um 22,5% gegenüber dem Vorjahr. Es besteht die Gefahr, dass das Umsatzwachstum in diesem Sektor hinter dem Produktionswachstum bleibt, genauso wie das Wachstum der Einzelhandelsumsätze hinter dem Wachstum des Grosshandels zurückbleibt. Das könnte in den kommenden Monaten zu einem Problem werden, da einige Subventionsprogramme ausgelaufen sind und der niedrige Basiseffekt nach Juli nachlassen wird.

Investitionen werden vom Staat getrieben

Die andere Säule des Aufschwungs sind die Investitionen. Die Anlageinvestitionen stiegen im Juni um 5,6% gegenüber dem Vorjahr. Dies wurde durch den staatlichen Sektor getrieben. Das staatlich gelenkte Investitionswachstum betrug im Juni 12,6% gegenüber dem Vorjahr, während das Wachstum der privaten Investitionen nur gerade auf 1% kam.

Der Anteil des Staates an den Anlageinvestitionen liegt jetzt bei über 40%. Die Infrastrukturinvestitionen stiegen gegenüber dem Vorjahr um 8,4%, während die Investitionen im verarbeitenden Gewerbe immer noch um 3% zurückgingen.

Die nach wie vor kräftige politische Unterstützung des Aufschwungs lässt sich an den Kreditdaten ablesen. Das gesamte Kreditwachstum beschleunigte sich im Juni auf 12,6% gegenüber dem Vorjahr, wobei der grösste Teil davon auf die Regierung und die Unternehmen entfiel. Sowohl die Bankkredite als auch die Finanzierung über Staatsanleihen zeigten deutliche Zuwächse. Die Finanzierung über Unternehmensanleihen erholte sich auf 338 Mrd. RMB (48 Mrd. $), und auch das Schattenfinanzsystem weitete seine Kreditschöpfung aus.

Auch hier ist eine Zweiteilung der Wirtschaft festzustellen: Der Aufschwung wird von Krediten an den Unternehmens- und Regierungssektor getragen, während sich das Kreditwachstum für die privaten Haushalte weiter verlangsamt hat.

Gesamtverschuldung markant gestiegen

Chinas gesamtwirtschaftlicher Verschuldungsgrad – also die Verschuldung der öffentlichen Hand, der Unternehmen und der privaten Haushalte – nahm in der ersten Hälfte des Jahres 2020 erheblich zu, da das Bruttoinlandprodukt gegenüber dem Vorjahr nominal immer noch um 0,9% schrumpfte. Die Gesamtverschuldung stieg in den ersten sechs Monaten um 22 Prozentpunkte von 253% auf 275% des BIP.

Allein die Verschuldung der Unternehmen stieg in Relation zum BIP um 14 Prozentpunkte, womit der zweijährige Abbau der Verschuldung im Unternehmenssektor (Deleveraging) abrupt abgebrochen wurde. Die Verschuldung der Regierung nahm um 4 Prozentpunkte zu.

Chinas Zentralbank räumte ein, dass die Verschuldung in diesem Jahr stark zunehmen werde. Dies sei Teil der konjunkturfördernden Politik und sollte erlaubt werden.

Kräftiges Exportwachstum im Juni

Eine weitere wichtige Triebkraft für den Aufschwung ist der Exportsektor. Trotz der Pandemie übertraf der chinesische Exportsektor die Erwartungen und schnitt besser ab als der Rest der Welt. Die Exporte stiegen im Juni um 0,5% gegenüber dem Vorjahr, während das Importwachstum mit 2,7% zum ersten Mal in diesem Jahr positiv wurde. Dies führte im Juni zu einem Handelsüberschuss von umgerechnet 46,4 Mrd. $. Im zweiten Quartal summierte sich Chinas Handelsüberschuss auf mehr als 150 Mrd. $ und erreichte den höchsten Wert seit 2015.

Die Textilexporte stiegen wertmässig um 57% gegenüber dem Vorjahr, während die Exporte von Computer-Hardware um 16% zulegten. In beiden Güterkategorien führte die pandemiebedingte Nachfrage aus dem Rest der Welt zu Wachstum. Unterdessen erholte sich auch die Nachfrage nach normalen Konsumgütern wie Bekleidung und Schuhen, und der Export von Mobiltelefonen nahm um 30% zu.

Die Erholung der Nachfrage nach chinesischen Waren kam hauptsächlich aus den Vereinigten Staaten, den ASEAN-Staaten Südostasiens und anderen Entwicklungsländern. Die Exporte nach Europa und Japan blieben dagegen recht schwach und schrumpften im Juni sogar.

Das Exportwachstum war viel besser als erwartet, da Chinas verarbeitender Sektor nach dem Lockdown im Februar früh geöffnet wurde und in der Lage war, die verzweifelte weltweite Nachfrage nach pandemiebedingten Gütern zu befriedigen. Da sich mit einigen Monaten Verzögerung nun auch der Rest der Welt wieder geöffnet hat, ist die reguläre Nachfrage zurückgekehrt.

Eine Folge der Pandemie ist, dass die Rolle Chinas im Welthandel an Bedeutung gewonnen und sein Anteil an den weltweiten Exporten zugenommen hat.

Deutlich steigende Importe von Rohöl, Eisenerz und Kupfer

Inzwischen hat China im Juni sehr viel mehr Rohstoffe importiert. Das Volumen der Rohölimporte stieg um 34%, Eisenerz um 35% und Kupfer um 101% gegenüber dem Vorjahr.

Das ist zum Teil auf die Erholung der Inlandsnachfrage zurückzuführen, die durch Immobilien- und Infrastrukturinvestitionen angeführt wurde. Zum Teil ist es auch darauf zurückzuführen, dass chinesische Importeure die niedrigen Preise während der Pandemie ausnutzten: Trotz deutlich gestiegener Volumen ging der Importwert von Rohöl im Vergleich zum Vorjahr um 39% zurück, der von Eisenerz und Kupfer sank um 25% bzw. 74%.

Das Importwachstum beschränkte sich nicht nur auf Industrierohstoffe. Der Wert der Agrarimporte stieg im Juni im Vergleich zum Vorjahr um 36% und profitierte dabei von dem Handelsabkommen mit den USA. China importierte auch 14% mehr mechanische und elektrische Produkte und 11% mehr High-Tech-Güter als im Mai, was ebenfalls eine Erholung des Fertigungssektors spiegelt.

Geldpolitik spricht für Erstarken des Yuan

Mit dem Wachstum auf Erholungskurs hielt die People's Bank of China (PBoC) die Leitzinsen stabil. Die Zentralbank führte dem Bankensystem in den letzten Tagen über siebentägige Reverse-Repo- sowie mittelfristige Kreditfazilitäten mit einjähriger Laufzeit (MLF) Liquidität zu, und beide Zinssätze blieben unverändert.

Die Erholung des chinesischen Wirtschaftswachstums übertrifft den Rest der Welt gegenwärtig deutlich, was es der PBoC erlaubt, auf extreme geldpolitische Stimulusmassnahmen zu verzichten. Zehnjährige chinesische Staatsanleihen weisen aktuell eine Rendite von gegen 3% auf, während zehnjährige U.S. Treasury Notes nur gerade 0,6% Rendite abwerfen.

Die sich ausweitende Zinsspanne zwischen chinesischen und amerikanischen Staatsanleihen, in Kombination mit dem deutlich gestiegenen Handelsüberschuss, spricht für ein Erstarken des Yuan gegenüber dem Dollar. Es ist wahrscheinlich, dass der Wechselkurs zwischen den beiden Währungen in den nächsten ein bis zwei Monaten unter 6.80 Yuan/$ fallen wird.

Jörg Wuttke

Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.
Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.