Meinung

Chinas nächstes Problem: die Krise im Arbeitsmarkt

Der Kollaps im Immobiliensektor hat die chinesische Wachstumsmaschine zum Stillstand gebracht. Als Folge davon nimmt die Arbeitslosigkeit drastisch zu. Westliche Konsumgüterkonzerne mit bedeutender Präsenz in der Volksrepublik werden das empfindlich spüren.

Anne Stevenson-Yang
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Chinas Konjunktur verspürte lange so kräftigen Schub wie eine Rakete auf dem Weg ins Weltall. Doch nun hat sie sich verlangsamt und kehrt zur Erde zurück. Die Zero-Covid-Politik und die Immobilienkrise hatten die chinesische Wirtschaft in jüngster Vergangenheit in einen unnatürlichen Zustand der Schwerelosigkeit versetzt, worauf sie einige Quartale in einer wachstumslosen Sphäre schwebte.

Nachdem es nicht gelungen ist, die Erdanziehungskraft zu überwinden, hat das Raumschiff seinen Kurs gedreht und fällt auf die Erde zurück. Die Umkehr des Wachstums wird kein schöner Anblick sein: Millionen von Chinesen sind bereits arbeitslos, die Nachfrage bricht ein.

In den späten Neunzigerjahren wurden ausländische Besucher von Chinas Expansionstempo überwältigt: Das Bruttoinlandprodukt wuchs 15 bis 17% pro Jahr, und das bei niedriger Inflation. Die Menschen aus den ländlichen Regionen zogen an die Küste, wo sie in Siedlungen nahe den Fabriken lebten und achtzig Stunden pro Woche arbeiteten, um Exportgüter für die Welt herzustellen. Die Bauern kultivierten Nutzpflanzen und verkauften ihre Ernte auf den «freien Märkten», die im ganzen Land entstanden waren. Das Geld brachten sie zurück nach Hause, um sich neue Häuser zu bauen.

Jahrzehntelang war das Land in Armut gehalten worden. Die Ersparnisse waren zwar hoch, Investitionen in Industrie oder Infrastruktur blieben jedoch aus. Plötzlich änderte sich das alles. Handel wurde möglich. Die Lebensqualität der Menschen verbesserte sich.

Es war eine grossartige Zeit: dreissig Jahre Optimismus, dreissig Jahre investitionsgetriebenes Wachstum. Die Maschine stotterte zwar temporär 1998 und dann nochmals 2008, doch die Verantwortlichen in der Regierung verdoppelten, verdreifachten und vervierfachten die Investitionen und überfluteten die Wirtschaft mit Investitionskapital.

Als die Parteichefs in der globalen Finanzkrise von 2008 einen Einbruch der internationalen Nachfrage befürchteten, reagierten sie darauf, indem sie massive Ressourcen in Immobilien investierten. Nachdem die Investitionen in den vorangegangenen Jahrzehnten grösstenteils zur Steigerung der Produktivität in den Ausbau des Strassen-, Schienen- und Telecomnetzes geflossen waren, begann Peking nach 2008 die Wirtschaft bloss noch mit Kapital zu füttern, um die Konjunkturmaschine am Laufen halten, womit die Produktivität nicht mehr zunahm.

Arbeitsmarkt bricht ein

Letztlich bedurfte es nur eines leichten Schubsers, um die Maschine ausser Kraft zu setzen - und dieser kam mit dem Immobiliencrash im Sommer 2021.

Jetzt geht es in den Nachrichten in China fast nur noch um Arbeitslosigkeit. Die Regierung berichtet, dass etwa ein Fünftel der jungen Leute unter 25 Jahren keine Arbeit finden können. Obwohl amtliche Statistiken zur Beschäftigung älterer Menschen intransparent sind, deuten sporadische, unabhängige Erhebungen in den ländlichen Gebieten auf hohe Arbeitslosigkeit hin. Beamte in den wohlhabendsten Regionen müssen massive Gehaltskürzungen hinnehmen.

Ausländische Investoren sind seit langem der Ansicht, dass praktisch nur die 350 Millionen Menschen in den Küstenstädten, die einigermassen wohlhabend sind, für Chinas Wirtschaft eine Rolle spielen. Aber auch in dieser Bevölkerungsschicht geht die Beschäftigung zurück: Banken, Unternehmen aus dem privaten Bildungswesen, Maklerfirmen und andere Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor entlassen grosse Teile ihrer Belegschaft. Die chinesischen Medien sind voll von Berichten über Entlassungen in Technologieunternehmen. Auch im Pharmasektor wird Personal abgebaut. Die Einnahmen aus der Einkommensteuer für Privatpersonen gehen zurück.

Was zunächst graduell begann, hat sich in eine Lawine verwandelt. Ehemals mächtige Unternehmen wie Tencent stossen Teile ihres Portfolios ab. Warren Buffetts Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway trennt sich von ihrer Beteiligung am Elektroauto- und Batteriehersteller BYD. Der Gründer von Huawei erklärte seinen Mitarbeitern unlängst, dass sich das Unternehmen auf das «Überleben» konzentrieren müsse. Chinesische Immobiliengesellschaften, die an der Börse Hongkong kotiert sind, melden für den bisherigen Jahresverlauf einen Gewinnrückgang von 87%.

Um diesem alarmierenden Trend entgegenzuwirken, senken die chinesischen Banken die Zinsen und vergeben vermehrt Kredite. Die People’s Bank of China kämpft gegen den Wertverfall des Renminbis. Obschon sie dafür offenbar ihren Bestand an Devisenreserven mehr und mehr aufbraucht, sagt sie vorher, dass der Renminbi bald auf einen Wechselkurs von 7:1 zum US-Dollar sinken wird; eine Marke, die lange als kritisch galt.

Konsum schwächt sich ab

Die offiziell ausgewiesene «Arbeitslosenquote» ist in einem Land wie China, das sich nicht an die Reformen in der Arbeitswelt nach 1995 angepasst hat, nahezu bedeutungslos. In China werden die Menschen auf dem Land (etwa 60% der Bevölkerung) und die meisten Arbeiter in der sogenannten Gig Economy nicht in der Statistik erfasst. Menschen ohne Arbeitsvertrag – und dazu zählt das Gros der Wanderarbeiter in den Städten – werden nur unzureichend berücksichtigt. Wir wissen auch, dass China alles unternehmen wird, um seine Notlage vor der Aussenwelt zu verbergen.

Doch das wird immer schwieriger, weil die Zahlen der börsenkotierten Unternehmen weiterhin enttäuschen. Hohe Arbeitslosigkeit bedeutet ein geringeres Einkommen der Haushalte, und das bedeutet weniger Konsumausgaben, was wiederum höhere Arbeitslosigkeit bedeutet.

Die Umsätze von Basiskonsumgüterkonzernen wie Coca-Cola, Unilever, Tingyi und Uni-President im chinesischen Markt werden einbrechen. Die Smartphone-Verkäufe sind stark rückläufig. Der Sportschuh-Hersteller Nike macht düstere Prognosen. Starbucks verzeichnete im letzten Quartal einen Umsatzrückgang von 40%. China wird nicht mehr das globale Zentrum für Luxusausgaben sein. Und die Nachfrage nach Rohstoffen wie Kohle, Kupfer und Eisenerz tendiert bereits stark nach unten.

In China ansässige Führungskräfte von internationalen Konzernen sind die Letzten, die das Problem eingestehen werden. Manager wie der Finanzchef von Adidas beteuern weiterhin ihr «Bekenntnis» zum chinesischen Markt. Man fragt sich, wen sie damit überzeugen wollen.

Anne Stevenson-Yang

Anne Stevenson-Yang ist Mitgründerin von J Capital Research. Die Firma publiziert Investmentanalysen zu kotierten Gesellschaften basierend auf Recherchen vor Ort. 2010 gegründet, hebt sich J Capital Research speziell durch das fundierte Know-how zur chinesischen Unternehmenslandschaft hervor, befasst sich aber auch mit überbewerteten Gesellschaften aus dem Rest der Welt. Zuvor hatte Stevenson-Yang in China eine Online-Medienpublikation ins Leben gerufen und eine Firma für Kundensoftware gegründet. Sie hat ausserdem als Analystin sowie Handelsberaterin gearbeitet. Insgesamt hat sie mehr als 25 Jahren Erfahrung in China. 2013 hat sie ein Buch mit dem Titel «China Alone: China’s Emergence and Potential Return to Isolation» verfasst. Darin argumentiert sie, dass das Milliardenreich historisch immer wieder Zyklen von Expansion und Isolation durchläuft. Ihre Einschätzung zu aktuellen Entwicklungen in der Volksrepublik teilt sie in einer Kolumne für das US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» und in regelmässigen Gastbeiträgen für The Market. Lesenswert ist auch ihr jüngster Essay in «Mekong Review» mit dem Titel «Keeping the flies out», der im früheren Jahresverlauf erschienen ist.
Anne Stevenson-Yang ist Mitgründerin von J Capital Research. Die Firma publiziert Investmentanalysen zu kotierten Gesellschaften basierend auf Recherchen vor Ort. 2010 gegründet, hebt sich J Capital Research speziell durch das fundierte Know-how zur chinesischen Unternehmenslandschaft hervor, befasst sich aber auch mit überbewerteten Gesellschaften aus dem Rest der Welt. Zuvor hatte Stevenson-Yang in China eine Online-Medienpublikation ins Leben gerufen und eine Firma für Kundensoftware gegründet. Sie hat ausserdem als Analystin sowie Handelsberaterin gearbeitet. Insgesamt hat sie mehr als 25 Jahren Erfahrung in China. 2013 hat sie ein Buch mit dem Titel «China Alone: China’s Emergence and Potential Return to Isolation» verfasst. Darin argumentiert sie, dass das Milliardenreich historisch immer wieder Zyklen von Expansion und Isolation durchläuft. Ihre Einschätzung zu aktuellen Entwicklungen in der Volksrepublik teilt sie in einer Kolumne für das US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» und in regelmässigen Gastbeiträgen für The Market. Lesenswert ist auch ihr jüngster Essay in «Mekong Review» mit dem Titel «Keeping the flies out», der im früheren Jahresverlauf erschienen ist.