Die Meinung

Chinas Wirtschaft kühlt sich markant ab 

Die Zeichen der Schwäche sind allgegenwärtig. Der Handelsstreit zwischen den USA und China ist nur einer der Gründe.   

Sean Corrigan

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Im Lärm um die von US-Präsident Donald Trump geführte Konfrontation mit China ist es wichtig, zwei zentrale Fragen nicht zu überhören. Erstens handelt es sich bei dem Konflikt nicht nur um einen Handelskrieg, sondern um den Versuch, den weiteren Aufstieg Chinas – sowohl wirtschaftlicher als auch geostrategischer Art – zu verhindern und damit die amerikanische Nachkriegshegemonie zu bewahren.

Sean Corrigan

Sean Corrigan ist Direktor bei Cantillon Consulting. Er analysiert und kommentiert die Finanzmärkte seit Mitte der Achtzigerjahre – zuerst in London, bevor er vor mehr als zehn Jahren in die Schweiz zog. Er ist verantwortlich für die Konjunkturprognose, aus der die Auswirkungen auf Zinsen, Zinskurven, Kreditrisikoaufschläge, Aktien, Währungen und Rohstoffe abgeleitet werden.
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Nicht ganz unvoreingenommen berichten die Websites der verschiedenen Zweige der US-Streitkräfte über die von ihnen wahrgenommene Bedrohung aus China – eine Bedrohung, die sich in jüngster Zeit besonders deutlich im schnellen Aufbau der Hochseemarine der chinesischen Streitkräfte bemerkbar machte.

Präsident Xi Jinping hat es geschafft, eine so grosse Macht zu zementieren wie nur zwei oder drei seiner Vorgänger. So konnte er das «One Belt One Road»-Schema globaler finanzieller und infrastruktureller Verflechtungen fördern und mit dem «Made in China 2025»-Plan koppeln, um staatliche Gelder zu mobilisieren und in zehn ausgewählten High-Tech-Industrien schnelle Fortschritte zu erzielen.

War all dies der Auslöser dafür, dass ein lang erwarteter Konflikt mit einem Sperrfeuer seitens der USA an der wirtschaftlichen Front beginnen sollte?

Möglicher Thukydides-Moment

Was sonst wie eine übertriebene Warnung aussieht, wenn der US-Präsident betont, über ausreichende «Notfallbefugnisse» zu verfügen, um die US-Unternehmen zum Abbruch aller Verbindungen zu China zu zwingen, könnte vor diesem Hintergrund zum Thukydides-Moment werden: der Punkt, an dem die regierende Supermacht beschliesst, präventiv zu handeln, um den Ambitionen ihres aufstrebenden Rivalen zuvorzukommen.

Man hofft sehr, dass solche Szenarien nur Spielereien bleiben und alle Anspielungen nur eine Frage der Verhandlungstaktik von Trump sind.

Dennoch täte der umsichtige Investor gut daran, sich zumindest vorzustellen, dass nach zwei Jahrzehnten der Diplomatie nun ein dramatischer Bruch stattfinden könnte.

Das zweite Hauptproblem ist die Frage, inwieweit der Handelskrieg nur ein verschärfender Faktor eines tiefer liegenden Unwohlseins ist, unter dem die chinesische Wirtschaft derzeit leidet. Selbst aus den stets zu optimistischen offiziellen Wachstumszahlen geht hervor, dass sich die Wirtschaft deutlich verlangsamt hat, was sich bei den Konsumausgaben, der Industrieproduktion oder den Anlageinvestitionen zeigt, die alle so langsam wachsen wie seit Jahren nicht mehr.

Risse unter der Oberfläche

Unter der Oberfläche tun sich weit grössere Risse auf. Das zeigt sich zum Beispiel am zweistelligen Einbruch der Automobilverkäufe in China, was den Bankrott des grössten Autoverkäufers des Landes, Pangda Automobile, und den Zusammenbruch von Guowei, einem wichtigen Zulieferer von Automobilkomponenten, nach sich gezogen hat. Das wiederum schlägt auf eine Reihe von Herstellern durch, von denen einige bereits nur zu etwa zu 30% ausgelastet waren.

Ebenfalls im Fokus steht der Immobiliensektor. Er ist nicht nur einer der dominanten Wirtschaftszweige des Landes, sondern auch der Hauptempfänger der Ersparnisse der Bürger. Offiziell sinken Verkäufe und Preise kommerzieller Immobilien nur moderat. Doch Berichte von Maklern wie Colliers International zeichnen ein viel düstereres Bild von einigen der ehemals wachstumsstärksten Regionen in der Volksrepublik.

«Dieses Jahr war das schlechteste für den Büromarkt in Shenzhen in den letzten zehn Jahren, aber es könnte das beste Jahr für das nächste Jahrzehnt sein», wie Feng Wen Guang, der regionale Leiter von Colliers International, gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Caixin berichtete.

Die Schätzungen gehen auseinander, aber es ist ernüchternd, dass die Leerstandsquote in Shenzhen, dem ehemaligen wirtschaftlichen Zugpferd des Landes, auf 20 bis 30% gestiegen ist – und dies, obwohl Entwickler starke Rabatte von 50% und mehr gewähren, um bestimmte Projekte loszuwerden, wie lokale Medien berichten.

Spekulation mit Firmengeldern

Die chinesischen Immobilienriesen gehören zu den grössten Kreditnehmern von Offshore-Dollar im Land, was sie nicht nur anfällig für Sanktionen des US-Finanzministeriums macht, sondern auch für einen schnell abwertenden Renminbi. Viele Führungskräfte und Grossaktionäre von kotierten Konzernen haben mit Firmengeldern spekuliert und dabei oft die Aktien ihrer Unternehmen als Sicherheit verpfändet.

Der Datenspezialist Wind Statistics berichtete, dass die chinesischen Immobilienentwickler im vergangenen Jahr im Ausland umgerechnet 46 Mrd. $ geliehen haben, weit mehr als das sechsmal so viel wie 2016. Die gleiche Agentur meldete auch, dass die Ausleihungen in den ersten sieben Monaten dieses Jahres fast den Rekord von 2018 übertroffen hätten.

Mit dem Verbot solcher Finanzierungen hat das staatliche Planungsbüro (National Development and Reform Commission, NDRC) im vergangenen Monat zu verstehen gegeben, dass es vor allem für die Bankiers dieser Unternehmen keine Bagatelle ist, wenn die eigene Währung in vier Monaten 7% ihres Wertes verliert. Die Kreditagentur Fitch schätzt, dass bis zu einem Drittel aller in Schwierigkeiten geratenen Bankaktiva Hongkongs aus Forderungen an Unternehmen auf dem Festland bestehen.

Stop-and-Go-Politik hat zu Verwirrung geführt

Die Jahre der Stop-and-Go-Politik – dem geldpolitischen und regulatorischen Hin und Her bei den Mindestreservevorschriften für die Banken und der Bekämpfung des Schattenbankensystems – haben zu Verwirrung, Fehlallokationen und Erosion der Bilanzen im Bankwesen geführt, wie die staatliche Rettung der beiden Banken Baoshang und Jinzhou diesen Sommer gezeigt hat.

Dass momentan geldpolitisch wieder die «Go»-Parole gilt, zeigte sich vergangene Woche, als die People's Bank of China sofort auf die Weisung von Premierminister Li Keqiang reagierte und die Liquiditätsschleusen wieder öffnete.

Die Fäulnis im chinesischen Wirtschafts- und Finanzsystem ist allgegenwärtig. Wir lesen von Hochgeschwindigkeitsbahnen, deren Ticketeinnahmen nicht einmal die Kosten für den Stromverbrauch decken. Die Zahl der «Moskito»-Flughäfen wächst, deren chronische Unterauslastung die Haushalte der Kommunen belastet.

Das Scheitern der landwirtschaftlichen Planung und der Veterinärversorgung führte dazu, dass die Afrikanische Schweinepest die lokalen Schweinebestände dezimierte, was die Preise für dieses Grundnahrungsmittel in die Höhe trieb und so die diskretionären Ausgaben der Konsumenten einschränkte.

Gravierende gesellschaftliche Auswirkungen

Gesellschaftlich spiegelt sich dieses Durcheinander im nationalen Sozialversicherungsfonds, dem bereits Mitte des nächsten Jahrzehnts die Mittel ausgehen dürften. Es hat dazu geführt, dass in den letzten zwölf Monaten so wenige Ehen geschlossen wurden wie seit elf Jahren nicht mehr und damit die Zahl der Geburten auf das Niveau der Grossen Hungersnot um 1960 gesunken ist.

Die Kommunistische Partei Chinas bereitet sich auf die Feier des 70. Jahrestages ihrer Herrschaft am 1. Oktober vor. Die Feier ist aber weit davon entfernt, zu einer Art römischer Triumph für ihren einst unbestrittenen Kopf zu werden, da hinter Caesars Rücken wahrscheinlich bereits die Messer gewetzt werden.

Unterdessen nehmen die Probleme, mit denen Xi und die 1,4 Milliarden Bürgerinnen und Bürger, über die er herrscht, konfrontiert sind, nur noch zu.

Die Erhöhung der zu zahlenden Abgaben, wenn die chinesischen Waren in Long Beach den Zoll der Vereinigten Staaten von Amerika passieren, zählen zu den geringsten dieser Probleme.