Meinung

Chinas Wirtschaft verliert deutlich an Dynamik

Die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt verzeichnet eine markante Verlangsamung des Wachstums. Neue Covid-Restriktionen belasten den Konsum und die industrielle Produktion. Eine baldige Trendwende ist nicht in Sicht.

Jörg Wuttke
Drucken
Teilen

Die Dynamik in der chinesischen Wirtschaft hat sich im Juli stark abgeschwächt. Die Drosselung der Geld- und Fiskalpolitik sowie weitere regulatorische Massnahmen führten zu einem Rückgang der Stahlproduktion und einer Abkühlung des Immobilienmarktes, während neuerliche Covid-Ausbrüche Ende Juli den Detailhandel und den Dienstleistungssektor beeinträchtigten. Diese ungünstigen Entwicklungen kamen zu einem nach wie vor schwachen Automarkt hinzu.

Die in den vergangenen Tagen publizierten Konjunkturdaten für den Juli enttäuschten auf der ganzen Linie. Das Wachstum der industriellen Wertschöpfung verlangsamte sich im Jahresvergleich auf 6,4% und erreichte den niedrigsten Stand seit September letzten Jahres. Auf zwei Jahre hochgerechnet wird deutlich, dass es sich um mehr als einen blossen Basiseffekt handelt, denn in dieser Betrachtung fiel das Wachstum der Industrieproduktion auf 5,6%.

Sinkende Verkäufe im Automobilsektor

Positive Dynamik verzeichnen in der Industrie einzig noch die exportorientierten Sektoren. Die Segmente integrierte Schaltkreise und Industrieroboter verzeichneten weiterhin phänomenale Produktionssteigerungen von über 40% im Jahresvergleich. Die annualisierte Zweijahres-Wachstumsrate der Exporte blieb bei 12,9%, das ist zwar etwas langsamer als im Juni, aber schneller als im Mai.

Das zweistellige Wachstum in den Exporten wurde auf sechs Monate in Folge ausgedehnt. Die Frachtrate für Containerschiffe aus dem Hafen von Schanghai erreichte einen neuen Höchststand, was darauf hindeutet, dass die Nachfrage weiterhin stark ist und das Hauptproblem der Exporteure das Angebot ist.

Für die meisten anderen Sektoren gab es im Juli jedoch schlechte Nachrichten. Der Mangel an Halbleitern in der Automobilbranche setzte sich fort, wobei sich der Rückgang im Vergleich zu den Vormonaten noch verstärkte; die Wertschöpfung im Automobilsektor sank im Juli um 8,5%. Die Verkäufe der Premiummarken sanken im Jahresvergleich um 6,9%, darunter verzeichneten die lokal gefertigten Premiumfahrzeuge ein Minus von 13,8%. Besonders die deutschen Premiummarken – Mercedes, Audi und BMW – sind von der Knappheit an Halbleitern betroffen. Einzig die Verkäufe der Massenmarken stiegen im Juli um 1,9%.

Deutlicher Rückgang in der Stahlproduktion

Es gibt noch mehr schlechte Nachrichten. Die Kohleproduktion blieb trotz der Lockerung der Produktionsbeschränkungen hinter dem Vorjahresniveau zurück. Die Stromversorgung ist diesen Sommer zu einem Problem geworden, da die Wasserkraft eine enttäuschende Leistung lieferte und eine Angebotsknappheit an Kohle herrschte. Mehrere Provinzregierungen haben die Unternehmen aufgefordert, sich auf Produktionskürzungen zu Spitzenzeiten vorzubereiten.

Die Produktion von Rohstahl fiel im Juli im Jahresvergleich um 8,4%, was den stärksten monatlichen Rückgang seit 2008 darstellt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Lokalregierungen die Stahlhersteller gezwungen haben, ihre Produktion zu drosseln, da das Ministerium für Industrie und Information beabsichtigt, die Stahlproduktion des Landes in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr zu senken. Das bedeutet einen deutlichen Rückgang in der zweiten Jahreshälfte, da die Rohstahlproduktion in der ersten Jahreshälfte um 11,8% gestiegen war.

Chinas grösstes Stahlzentrum, die Provinz Hebei, plant für die zweite Jahreshälfte eine Produktionskürzung um 16% im Vergleich zum Vorjahr. Eine weitere grosse Produktionsregion, die Provinz Shandong, wird ihren Ausstoss um 24% reduzieren. Das bedeutet, der Rückgang der chinesischen Stahlproduktion hat gerade erst begonnen.

Markante Abkühlung im Immobiliensektor

Der Immobilienmarkt kühlt sich gegenwärtig rasch ab. Das Verkaufsvolumen sank im Juli im Jahresvergleich um 8,5% – der erste Rückgang seit April 2020. Im Zweijahresvergleich blieben die Verkaufsvolumen unverändert.

Die Abkühlung des Immobiliensektors vollzieht sich momentan viel schneller als erwartet. Die Baubeginne gingen im Juli im Jahresvergleich um 21,5% zurück. Das ist der schlechteste Wert seit Februar 2020, als grosse Teile Chinas im Lockdown waren. Das Wachstum der Immobilieninvestitionen sank auf ein 15-Monats-Tief von 1,4% im Jahresvergleich.

Die schwächere Nachfrage nach Immobilien führte im Juli auch zu einem Rückgang der Zementproduktion um 6,5% im Jahresvergleich. Die Abkühlung des Immobiliensektors ist auf eine bewusst restriktivere Politik zurückzuführen. Die Hypothekarzinsen stiegen in den grossen Städten weiter an. In Schanghai, Suzhou und Nanjing erhöhten die Banken im Juli die Kreditzinsen für Hauskäufer um 30 bis 50 Basispunkte.

Mehrere Lokalregierungen verschärften zudem die Beschränkungen für den Kauf von Wohnungen. Einige wiesen die lokalen Immobilienentwickler sogar ausdrücklich an, die Preise zu senken, und auch die Verkäufe von Grundstücken wurden verzögert.

Der Abschwung in Chinas Immobilienmarkt hat gerade erst richtig begonnen, und die Aussichten sehen düster aus. Die Verkäufe in 30 Grossstädten sind in den letzten 30 Tagen um 18,7% gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Das ist der stärkste Rückgang seit Mai 2020. Im Zweijahres-Vergleich waren sie um 1% rückläufig.

Die Situation hat sich in den letzten zwei Wochen rapide verschlechtert, da die Verkäufe in den 30 Grossstädten im Juli im Jahresvergleich nur um 5% zurückgegangen waren. Die August-Daten werden noch schlechter ausfallen, wenn der Trend nicht in den nächsten zwei Wochen dreht. Eine solche Trendwende ist unwahrscheinlich, da die Städte nach wie vor entschlossen sind, die von der Zentralregierung verordneten Massnahmen zur Abkühlung des Immobilienmarktes umzusetzen.

Auch die Immobilienentwickler stehen weiter unter Druck. Diejenigen, die die sogenannten «drei roten Linien» überschritten haben, dürfen keine weiteren Grundstücke erwerben oder Kredite bei den Banken aufnehmen. Evergrande, der grösste Immobilienentwickler des Landes, steckt aufgrund seiner hohen Verschuldung in grossen Schwierigkeiten, und seine Anleihenkurse sind eingebrochen.

Neue Covid-Ausbrüche hemmen den Konsum

Der Konsum blieb hinter den Erwartungen zurück. Lokale Covid-Ausbrüche haben die Erholung des Detailhandels in vielen Provinzen erneut gestört. Auch die schweren Überschwemmungen in der Provinz Henan spielten eine Rolle. Das nominale Wachstum der Detailhandelsumsätze verlangsamte sich im Zweijahresvergleich auf nur 3,6% und war damit so niedrig wie seit Februar nicht mehr. Real lag das Wachstum bei 3,2%.

Die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus seit Ende Juli führte zu einer weiteren Runde von Massentests und strengeren Mobilitätsbeschränkungen. Am 15. August waren in zehn Provinzen insgesamt 141 Gebiete mit «mittlerem bis hohem Risiko» deklariert (das kann eine Strasse, ein Gemeindebezirk, ein Block oder ein Dorf mit bestätigten Covid-Fällen sein).

Die Bevölkerung in diesen Gebieten macht zwar weniger als 1% der Gesamtbevölkerung Chinas aus. Während die Zentralregierung jedoch nur in einigen Gebieten gezielte Lockdown-Massnahmen ergriff, verhängten die Lokalregierungen weitaus umfassendere Massnahmen und schränkten den Reiseverkehr zwischen Städten und Provinzen ein.

Darüber hinaus gab es für viele Touristenorte, Kinos und öffentliche Einrichtungen erhebliche neue Einschränkungen. Die jüngsten Covid-Ausbrüche führten zu einem signifikanten Rückgang des Verkehrsaufkommens, sowohl landesweit als auch innerhalb der Städte. Viele Flüge wurden gestrichen, und mehrere Städte in den Provinzen Jiangsu und Hunan verhängten Abriegelungen. Andere Städte führten strenge Reisebeschränkungen ein.

Der U-Bahn-Verkehr in Metropolen ging vom 20. Juli bis zum 10. August um 30% zurück. Das ist ein Signal, dass sich die Detailhandelsverkäufe im August weiter verschlechtern werden.

Das Wiederauftreten der Covid-Fälle löste eine weitere Beschleunigung der Impfprogramme aus, wobei die Zahl der täglich verabreichten Impfdosen von ca. 10 Mio. Mitte Juli auf 17 bis 18 Mio. Anfang August anstieg, unterstützt durch den Beginn der Impfung von Teenagern. Im bisherigen Jahresverlauf wurden in China etwa 1,8 Mrd. Dosen verabreicht.

Null-Toleranz-Politik in Sachen Covid

Peking hält in Sachen Covid nach wie vor an einer Null-Toleranz-Politik fest, und es besteht keine Aussicht, dass sich dies in nächster Zeit ändert. Die Kosten dieser Politik sind hoch, aber Peking sieht keine bessere Alternative. Die gute Nachricht ist, dass die Massnahmen immer noch funktionieren und die Zahl der lokalen Fälle bis zu Beginn dieser Woche auf 16 gesunken ist (von über 100 vor einer Woche).

Die Zahl der neuen Infektionen könnte im nächsten Monat wieder gegen null sinken, und die Beschränkungen für das Inland könnten Anfang September wieder gelockert werden. Dennoch kann der private Konsum in absehbarer Zeit nicht zu den Wachstumsraten zurückkehren, die vor dem Ausbruch der Pandemie herrschten, denn weitere Ausbruchsherde sind nicht auszuschliessen.

Peking wird die Mobilitätsbeschränkungen im geringsten Zweifelsfall weiter verschärfen. Das bedeutet, die zurückhaltende K0nsumentenstimmung wird wahrscheinlich anhalten, was die konjunkturelle Dynamik in den kommenden Monaten behindern wird. Im Dezember und Anfang 2022, vor und rund um die Olympischen Winterspiele und das chinesische Neujahrsfest, werden die Restriktionen voraussichtlich erneut verschärft werden.

Erste Lockerungen sind in Sicht

Die People's Bank of China (PBoC) hat begonnen, die Geldpolitik zu lockern. Um die Finanzierungskosten der Banken zu senken, erhöhte die Zentralbank Ende Juni den Umfang ihrer Offenmarktgeschäfte und folgte im Juli der Anordnung des Staatsrats, den Mindestreservesatz um 50 Basispunkte zu senken.

Das markiert den Beginn eines neuen geldpolitischen Lockerungszyklus. In den kommenden Monaten wird die PBoC angesichts des sich weiter verlangsamenden Wirtschaftswachstums eine expansivere Haltung einnehmen, wenngleich eine Senkung der Leitzinsen nicht vor Jahresende erfolgen dürfte.

Es wird jedoch dauern, bis die geldpolitischen Transmissionsriemen greifen. Das gesamte Kreditwachstum verlangsamte sich im Juli weiter auf 10,5% gegenüber dem Vorjahr. Nach aktuellem Kenntnisstand ist die Verlangsamung des Kreditwachstums in China noch nicht vorbei. Auch wenn sich das Tempo der Verlangsamung in den kommenden Monaten deutlich abschwächen wird, ist es noch viel zu früh, um bereits von einer Bodenbildung, geschweige denn von einer Erholung zu sprechen.

Im Fall eines stärkeren Abwärtsdrucks auf das Wachstum, der entweder auf weitere Covid-Ausbrüche oder auf eine markante Verlangsamung in anderen Bereichen – z. B. im Immobiliensektor – zurückzuführen ist, wird die Regierung wahrscheinlich zunächst die Finanzpolitik wieder lockern. Dies könnte in der Form geschehen, dass sie die Emission weiterer Kommunalanleihen und die Genehmigung von Investitionsprojekten beschleunigt.

In einem solchen Fall könnten sich die Infrastrukturinvestitionen im vierten Quartal 2021 und im ersten Halbjahr 2022 deutlicher erholen. Darüber hinaus könnten die mit dem Abbau von Fremdkapital («Deleveraging») verbundenen Kredit- und Regulierungsmassnahmen marginal gelockert werden, und die mit der Dekarbonisierung verbundenen Produktionskürzungen könnten gelockert werden.

Die Immobilienpolitik wird in nächster Zeit nicht gelockert werden, auch wenn die Zentralregierung zu verstärkten Aktivitäten im Mietwohnungsbau aufrufen könnte. Sollte der Immobilienmarkt allerdings zu stark abkühlen, könnten die Lokalregierungen die Umsetzung bestimmter immobilienpolitischer Massnahmen lockern oder verzögern. Das wäre aber nach aktuellem Wissensstand erst gegen Ende 2021 oder Anfang 2022 der Fall.

Jörg Wuttke

Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.
Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.