Die Meinung

Covid-19 ist kein «Schwarzer Schwan»

Zum zweiten Mal in weniger als zwanzig Jahren belastet eine von China ausgehende Epidemie die Weltwirtschaft. Das herrschende politische System in der Volksrepublik spielt dabei eine unrühmliche Rolle.

Daniel Woker
Drucken
Teilen

Gegenwärtig kämpft jedes Land, jeder Betrieb, jeder Einzelne mit dem Coronavirus und seinen Folgen. Bald wird aber die Frage nach Verantwortung und Folgen der Pandemie gestellt werden. China steht dabei im Mittelpunkt.

In der bisherigen Diskussion über das Virus standen verständlicherweise nationale und persönliche Betroffenheit im Mittelpunkt. Aussenpolitik, gar Geopolitik – der politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Hintergrund der Tagesaktualität – wurden nicht angesprochen. Das wird sich aber bald ändern, wenn Entschädigungen für die immensen Verluste sowie die politischen und wirtschaftlichen Folgen dieser von China ausgehenden Pandemie diskutiert werden.

China, zum zweiten

Nach Sars in den Jahren 2002 und 2003 ist Covid-19 die zweite Seuche mit weltweiten Auswirkungen, die ihren Ursprung in China hat. Wiederum ist ihre rasche Bekämpfung, und damit allenfalls eine frühe Eingrenzung, durch das herrschende politische System in China verunmöglicht worden.

Dieses System bestraft Eigeninitiative und verfolgt den Überbringer von schlechten Nachrichten, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Dies belegt der Fall des jungen Arztes Li Wenliang in Wuhan, der früh vor der Epidemie warnte, von der Polizei zurechtgewiesen wurde, schliesslich am Virus erkrankte und am 7. Februar starb.

Im Gegensatz zu einem Naturereignis wie einem Erdbeben mit Tsunami ist eine solche Seuche kein «Schwarzer Schwan», kein unvorhersehbares Ereignis. Dass nach Sars, das der Schreibende nahe am Epizentrum in Singapur miterlebt hat, ein zweites Mal ein von chinesischen Märkten ausgehendes und zunächst vertuschtes Virus die Welt erschüttern kann, ist unverzeihlich und fällt schwergewichtig auf den Verursacher zurück.

Leider war das voraussehbar, weil sich die politischen Verhältnisse in China seit Sars nicht geändert haben – im Gegenteil: Seit Xi Jinping uneingeschränkt herrscht, ist Widerspruch noch weniger möglich als noch zur Zeit der Staats- und Parteichefs vor ihm.

Risikofaktor China

Einmal abgesehen von den sozialen und politischen Folgen, wird Covid-19 voraussichtlich die bereits eingeleitete Entflechtung der Weltwirtschaft beschleunigen. Liefer- und Wertschöpfungsketten mit Bezug zu China werden in Zukunft mit einem höheren Risikozuschlag belegt werden.

Wenn eine Pandemie in weniger als 20 Jahren zwei Mal praktisch am selben Ort und in derselben Weise losgetreten wird, so muss wohl jederzeit mit einer erneuten Katastrophe gerechnet werden. Es wird schwieriger sein, nach dem Virus einfach zum business as usual zurückzukehren.

Das gilt nicht nur für westliche Unternehmen, die in China investieren oder ihre Produkte herstellen. Auch die im Rahmen der «Belt and Road»-Initiative (BRI) schwergewichtig von chinesischen Gastarbeitern umgesetzten Infrastrukturprojekte in Schwellenländern sind heute und in Zukunft mit einem höheren Risikofaktor behaftet.

Entschleunigte Globalisierung

«Digital divide», digitales Auseinanderdividieren, wird die Aufspaltung der digitalen Welt in verschiedene geografische Zonen genannt, wie sie im Zuge der Kontroversen um Huawei von den USA vorangetrieben wird. Washington will sich völlig und Europa zumindest teilweise von chinesischer 5G-Technologie unabhängig machen.

Die Entflechtung hat auf der Ebene der Technologie begonnen und wurde von US-Präsident Trump im Rahmen des Handelskonfliktes verschärft. Diese «Entglobalisierung» dürfte sich nun in der Folge von Covid-19 beschleunigen.

Wenn die Produktion in China wegen neuer Risikozuschläge unrentabler wird, so sucht sie sich einen anderen Ort, etwa in Vietnam oder eben auch dort, wo sie ursprünglich beheimatet war, näher in Europa und Nordamerika.

Folgen für die Schweiz

Die Schweiz sieht sich im Verhältnis zu China gerne in der westlichen Avantgarde. Mit wirtschaftlichen Vorteilen vor Augen, werden weltanschauliche Unterschiede kleingeredet oder ignoriert. Die offizielle Schweiz ist stolz darauf, als erste grosse Volkswirtschaft Westeuropas mit China ein Freihandelsabkommen abgeschlossen zu haben. Der bilaterale Dialog über Menschenrechte ist weitgehend ein Feigenblatt, wenn man sich die zivilgesellschaftliche Verhärtung unter Xi Jinping vor Augen hält.

Europäische Solidarität, welche neben wirtschaftlichen auch zivilgesellschaftliche Elemente umfasst, hätte gegen den vorschnellen Abschluss des Freihandelsabkommens gesprochen. Ein solches wird die EU, mit ungleich grösserem politischen Gewicht, erst noch abschliessen – wobei ein Vorkommnis wie Covid-19 natürlich eine Rolle spielen wird. Auch für Schweizer Politiker und Unternehmen wird immer deutlicher: China ist nicht mehr bloss ein Profitzentrum, sondern auch ein Risikofaktor.

Daniel Woker

Daniel Woker ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Australien, Singapur und Kuwait. Davor war er erster Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP), mit dem Titel eines Botschafters. Nach Lehrtätigkeit an der HSG arbeitet er heute als Spezialist für Geopolitik und Strategie, mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell die ASEAN und Australien, über die arabische Halbinsel und die Entwicklung der EU. Zusammen mit dem früheren Schweizer Diplomaten Philippe Welti hat Woker das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geopolitische Due Diligence spezialisiert.
Daniel Woker ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Australien, Singapur und Kuwait. Davor war er erster Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP), mit dem Titel eines Botschafters. Nach Lehrtätigkeit an der HSG arbeitet er heute als Spezialist für Geopolitik und Strategie, mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell die ASEAN und Australien, über die arabische Halbinsel und die Entwicklung der EU. Zusammen mit dem früheren Schweizer Diplomaten Philippe Welti hat Woker das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geopolitische Due Diligence spezialisiert.