Meinung

Das Gold-Comeback signalisiert das Endspiel der Währungen

Die Investoren stürzen sich auf Gold, weil sie erkennen, dass die anhaltende Politik des Gelddruckens nicht umkehrbar ist. Angesichts der langfristigen Währungsabwertung bietet Gold die offensichtliche Absicherung.

Myret Zaki
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Der Goldpreis hat seinen alten Rekord durchbrochen und am 4. August die Marke von 2000 $ pro Feinunze erreicht, wozu auch der Optimismus von Goldman Sachs beigetragen hat. Die Investmentbank, die Gold seit März zum Kauf empfiehlt, hat nun ein Preisziel von 2300 $. «Gold ist die Währung der letzten Instanz, insbesondere in einem Umfeld wie dem gegenwärtigen, in dem die Regierungen ihre Fiat-Währungen abwerten und die Realzinsen auf Allzeittiefs drücken», ist in einem Bericht von Goldman Sachs zu lesen. Er betonte auch, dass «sich aufgrund der Rekordverschuldung der USA ernste Bedenken hinsichtlich der Beständigkeit des Dollars als globale Reservewährung zu bilden begonnen haben».

Gold legt gegenüber allen Währungen zu

In den letzten zwei Jahren wertete das Edelmetall in allen Währungen auf: 68% in Dollar, 65% in Euro, 58% in Franken, 65% in Pfund, 63% in japanischen Yen. Das bedeutet, dass Gold nicht nur in Dollar, sondern auch in «sicheren Häfen» wie dem Franken aufgewertet hat. Alle verloren an Wert, wenn sie in Gold gemessen wurden. Warum? Die Anleger erkennen, dass die Politik des Gelddruckens, die mehr als ein Jahrzehnt andauert, nicht umkehrbar ist.

Mit anderen Worten: Es ist nicht möglich, zu höheren Zinssätzen zurückzukehren oder die Bilanzen der Zentralbanken zu schrumpfen. Die Zinsen verharren in der Nähe von 0%. Insbesondere in den USA hat das Schattenbankensystem eine Grösse erreicht, das eine dauerhaft billige Refinanzierung erfordert. Es gibt kein Zurück mehr von den jahrzehntelangen billigen Kreditstrategien und von der langfristigen Abwertung des Dollars und anderer wichtiger Währungen.

Der Status des Greenback als «Reservewährung» gerät zunehmend ins Wanken. Plötzlich entdeckt die Welt wieder, warum Gold als «wertvoll» betrachtet wurde, während wir uns langsam von unserem totalen Vertrauen in Fiat-Währungen verabschieden.

Kein Ausstieg aus jahrzehntelanger QE

Peter Schiff, ein langjähriger Kritiker der US-Notenbank Fed, machte diesen Punkt in einer vom Goldhändler Kitko moderierten Veranstaltung sehr deutlich: «Als wir Nullzinsen und Quantitative Easing einführten, dachten die Leute zunächst, es sei nur vorübergehend und wir könnten die Zinsen danach wieder normalisieren und die Bilanz des Fed schrumpfen lassen».

«Ich sagte von Anfang an, das sei unmöglich, und ich denke, die Märkte beginnen nun zu erkennen, dass ich damit Recht hatte. Und wenn sie über eine Zukunft mit endlosem Gelddrucken, 0% Zinsen bis in alle Ewigkeit und über Budgetdefizite von mehreren Billionen Dollar nachdenken, die durch die Druckerpresse des Fed finanziert werden, dann fängt es den Leuten an zu dämmern, und sie stossen ihre Dollar ab und kaufen Gold». Der einzige Grund dafür, dass Gold nach der grossen Rezession 2011 bei 1900 $ seinen vorübergehenden Höhepunkt erreicht hat, sei, dass die Menschen überzeugt waren, das Fed könne seine Politik rückgängig machen. Das Fed habe zwar versucht, das Steuer herumzureissen, sei aber gescheitert.

In einem kürzlich erschienenen Artikel habe ich auf die Tatsache hingewiesen, dass eine Bilanzverkürzung gleichbedeutend mit einer «geldpolitischen Straffung» ist: Die Verkäufe der US-Zentralbank im vergangenen Jahr haben zu einem starken Ausverkauf von Risikoaktiva geführt. Wie wir uns alle erinnern, drohte die Liquiditätskrise lange vor der Covid-Krise. Ab September 2018 wurden die Märkte sehr unruhig, bis ein Jahr später der Vorsitzende des Fed, Jerome Powell, schliesslich für Erleichterung sorgte, indem er eine Rückkehr zur quantitativen Lockerung ankündigte.

Aufgrund des Aufwärtsdrucks auf die Zinsen stoppte das Fed rasch die Straffung der monetären Bedingungen. Nach dem Ausbruch der Covid-Krise wurde ein unbegrenztes Quantitative Easing eingeführt. «Wenn sie die Fed-Bilanz nicht schrumpfen konnten, als sie 4,5 Bio. $ betrug», argumentiert Peter Schiff, «wie werden sie sie dann schrumpfen, wenn sie bei 10 oder 20 Bio. $ liegt?».

Die Anti-Gold-Doktrin der Zentralbanken

In der Schweiz hat die Nationalbank in den letzten zwei Jahrzehnten nach und nach den grössten Teil ihrer Goldreserven verkauft. Vor der Verfassungsänderung im Jahr 2000 war der Franken zu mindestens 40% mit Gold unterlegt. Im Jahr 2014 lehnte die Schweizerische Nationalbank eine Volksabstimmung entschieden ab, die es ihr verbieten sollte, gegenwärtige und zukünftige Goldreserven zu verkaufen, sie zwingen wollte, im Ausland gelagertes Gold zu repatriieren und einen Mindestbetrag von 20% Gold in ihrer Bilanz zu belassen. Die SNB behauptete, Gold sei «eine der volatilsten und risikoreichsten Anlagen».

Die grossen Zentralbanken haben seit der Krise von 2008 eine Anti-Gold-Doktrin vertreten. Gold ist in der Tat volatil, aber weniger volatil als Anleihen und Aktien. Ende Juni hielt die SNB den Gegenwert von 56 Mrd. Fr. in Gold und mehr als 700 Mrd. Fr. an Euro- und Dollarreserven (zusätzlich zu den kleineren Yen- und Pfundreserven). Euro- und Dollar-Vermögenswerte laufen Gefahr, viel mehr an Wert zu verlieren als Gold. Durch die Aufblähung ihrer Bilanz mit auf diese Währungen lautenden Wertpapieren hat sich die SNB ein erhebliches Devisenengagement geschaffen.

Steigt Gold auf 8900 $?

Heute muss der Anstieg von Gold als ein Referendum gegen die Druckerpresse und nicht bedienbare Staatsschulden gesehen werden. Als die Staatsverschuldung der USA zwischen 2001 und 2010 um 8 auf 12 Bio. $ anstieg, avancierte der Goldpreis von 250 auf 1400 $. Zwischen 2010 und 2020 verdoppelte sich die US-Staatsverschuldung von 12 auf 25 Bio. $. Auch der Goldpreis verdoppelte sich von 1200 auf über 2000 $ annähernd. Der exponentielle Trend dürfte sich fortsetzen.

Ein Zeichen der Zeit: Der SPDR Goldaktien-ETF (GLD) von State Street zieht jetzt mehr Geld an als jedes andere Produkt auf dem 4600 Mrd. Dollar umfassenden US-ETF-Markt und übertrifft damit den weltweit grössten ETF, den SPDR S&P 500 ETF Trust (SPY). Ronald Stöferle, geschäftsführender Teilhaber der Incrementum AG in Vaduz, hält in seiner jüngsten Ausgabe des «In Gold We Trust»-Berichts einen Goldpreis von 8900 $ bis 2030 für realistisch. Er rechnet mit einer Rückkehr der Inflation, der wir in der vorangegangenen Krise entkommen waren.

Mittelfristig mag die Erholung des Goldpreises so wie jetzt gelegentlich Pausen einlegen, weil etwa ein positiver Arbeitsmarkt-Bericht oder andere für den Dollar positive Nachrichten eintreffen. Fundamental aber überzeugt das Umfeld für Gold – und daran wird sich so schnell nichts ändern.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.