Meinung

Das Ende der westlichen Selbstgefälligkeit

Zahlreiche liberale Gesellschaften westlicher Prägung, auch die Schweiz, versagen im Umgang mit der Pandemie. Sie waren nicht imstande, von der Erfahrung in Asien zu lernen. Das spielt der Narrativbildung in Peking in die Hände.

Mark Dittli
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2021 hat mit Hoffnung begonnen. Die Impfprogramme gegen das Coronavirus sind in mehreren Dutzend Staaten angelaufen, nach aktuellem Kenntnisstand haben weltweit bereits mehr als 14 Mio. Menschen die erste Dosis eines Vakzins erhalten.

Zur gleichen Zeit gewinnt in zahlreichen Ländern allerdings die zweite oder dritte Pandemiewelle bedrohlich an Kraft. Grossbritannien hat den neuerlichen Lockdown beschlossen, in mehreren westeuropäischen Staaten werden die Massnahmen verschärft, Tokio steht vor der Ausrufung des Ausnahmezustands.

Die nächsten drei, vier Monate werden dunkel. Daran können die Impfprogramme noch nichts ändern. In wenigen Wochen wird die Zahl von weltweit 2 Mio. Todesfällen überschritten werden.

Tiefe Diskrepanz zwischen Ost und West

Die Aufarbeitung der Pandemie wird viele Jahre beanspruchen. Doch bereits heute, nach gut zehn Monaten Ausnahmezustand, muss eine bittere Bilanz gezogen werden: Der «Westen» hat im Umgang mit der Pandemie versagt. Mit wenigen Ausnahmen – Norwegen, Finnland, Australien, Neuseeland – haben die meisten liberalen Demokratien westlicher Prägung überdurchschnittlich hohe Infektions- und Todesfälle zu verzeichnen. Dazu zählt auch die Schweiz.

Die meisten ost- und südostasiatischen Länder haben die Herausforderung im Vergleich dazu deutlich besser gemeistert. China, Südkorea, Japan, Taiwan, Hongkong, Singapur, Vietnam, Malaysia oder Thailand haben zwar ebenfalls wiederholt – auch gegenwärtig – mit Pandemiewellen zu kämpfen, aber gemessen an der Anzahl Infektionen und Todesfälle stehen sie weit besser da als Europa und die USA.

Die 7-Millionen-Metropole Hongkong verzeichnet bis anhin kumuliert 151 Todesfälle. Taiwan, 23 Mio. Einwohner, kommt auf sieben Todesfälle. Singapur mit knapp 6 Mio. Einwohnern zählt 29 Todesfälle.

Im Vergleich dazu verzeichnet die Schweiz, 8,7 Mio. Einwohner, mehr als 7300 Todesfälle.

Auch die Schweiz hat versagt.

Warum bloss?

Lob, Selbstlob, Selbstgefälligkeit

Erklärungen für diese Diskrepanz sind rasch und zahlreich zur Hand. Der geografische Vorteil als Insel (Taiwan, Japan) wird gerne erwähnt, die Befehlsstrukturen von totalitären (China) oder technokratischen Systemen (Singapur), die Erfahrung mit der Sars-Epidemie von 2003 (Hongkong). Und wenn alle Argumente versagen, dann ist es die «Kultur», die in Asien eben anders sei, die Menschen dort seien obrigkeitshöriger und weniger freiheitsbewusst.

Doch die entscheidende Frage ist nicht, weshalb Asien besser mit der Pandemie umgehen kann. Die relevante Frage ist: Weshalb schneiden die wohlhabenden Staaten Europas und Nordamerikas so schlecht ab? Und konkret: Weshalb versagt die reiche Schweiz in dieser ersten grossen Herausforderung des 21. Jahrhunderts derart eklatant?

Selbstredend ist die Antwort darauf vielschichtig, selbstverständlich spielen im kleinräumigen Europa die Geografie und die demografische Struktur der Bevölkerung eine Rolle. Doch ein gewichtiger Teil der Antwort liegt tiefer; er liegt in der Haltung, im Selbstverständnis der eigenen Position in der Welt. Der Westen – und die Schweiz, um beim konkreten Beispiel zu bleiben – hat viel zu lange mit Überheblichkeit auf den Rest der Welt geblickt.

Seit Jahren liegt die Schweiz auf allen möglichen Ranglisten – Geschäftsklima, Lebensqualität, Wettbewerbsfähigkeit, etc. – auf den Spitzenplätzen. Dieses permanente Lob und das daraus erwachsene Selbstlob zementierte eine ungesunde Selbstgefälligkeit. Als ob wir von niemandem mehr etwas lernen könnten.

Unfähig, aus der Erfahrung Anderer zu lernen

Im Frühjahr, in der ersten Pandemiewelle, spielte der Faktor Glück noch eine Rolle. Einzelne Länder kamen besser, andere schlechter durch den Sturm. Doch spätestens ab dem Frühsommer konnten aus den erfolgreichen Beispielen in Asien die notwendigen Lehren zur effektiven Pandemiebekämpfung gezogen werden. Es gab freilich nie eine einheitliche «asiatische Strategie», aber die wichtigsten Lehren waren die Folgenden:

Erstens: intensives Testen. Zweitens: konsequente Nachverfolgung der Infektionsketten («Tracing»). Drittens: rasche Isolation und Quarantäne, um Infektionsherde zu löschen. Viertens: Masken tragen. Fünftens: exponentielles Wachstum in der Virusausbreitung sofort brechen. Sechstens: auf keinen Fall zu lange warten, wenn die Kurven steigen. Und: Es hilft, wenn das Gesundheitssystem und die Kommunikationskanäle der Behörden vernünftig digitalisiert sind.

Keine dieser Massnahmen musste neu erfunden werden. Man musste bloss willens sein, von der Erfahrung der asiatischen Länder zu lernen.

Doch genau dazu waren die meisten westlichen Demokratien, und leider in besonderem Mass auch die Schweiz, nicht imstande. Wir haben keine adäquate Test-Infrastruktur aufgebaut. Unsere Tracing-Kapazitäten waren nach kürzester Zeit überfordert. Isolation und Quarantäne wurden, wenn überhaupt, halbherzig umgesetzt. Politische Entscheidungsträger haben wiederholt bewiesen, dass sie die Dynamik exponentiellen Wachstums nicht begreifen. Monatelang gaben wir uns einem pseudoliberalen Diskurs hin, ob das Tragen einer Maske die individuelle Freiheit beschränke – auch dann noch, als deren Nutzen längst wissenschaftlich erwiesen war.

In der Schweiz war die Diskussion absurderweise – offenbar bis hin zur Bestellung von Vakzinen und dem Aufbau der Impf-Infrastruktur – zudem von der Mentalität begleitet, dass die Bekämpfung der Pandemie nicht zu viel kosten darf. Dieses Denken führte konstant zu einer falschen Dichotomie, nämlich dass wir eine Güterabwägung zwischen dem Wohl des vulnerablen Teils der Bevölkerung und dem Wohl der Wirtschaft sowie der Staatsfinanzen vornehmen müssten.

Im aufgeklärten Westen stösst Wissenschaft auf Ablehnung

Die Unfähigkeit, von Anderen zu lernen, ist ein Auswuchs der Arroganz, mit der der Westen jahrzehntelang auf Asien geblickt hat. Diese Arroganz trat auch stets hervor, als im Herbst in den Kommentarspalten schweizerischer Medien gelobt wurde, die Schweiz handle eben «vernünftig» und «nicht hysterisch». Womit implizit auch gesagt wurde, dass Korea, Taiwan, Singapur oder Japan unvernünftig und hysterisch gehandelt haben.

Zum Selbstverständnis der liberalen Demokratien westlicher Prägung gehört die Überzeugung, dass ihre Werte universell sind und früher oder später auch von den «weniger entwickelten» Gesellschaften übernommen werden. Zu ihrem Selbstverständnis zählt, dass ihr Aufstieg an die Weltspitze auf der Aufklärung und der Kraft des wissenschaftlichen Fortschritts gründet.

Doch welches Narrativ kommt heute beim Jungunternehmer in Hanoi, bei der Studentin in Chengdu oder beim Ingenieur in Seoul an, wenn sie sehen, wie der Westen im Kampf mit der Pandemie versagt? Was soll die Biologiestudentin in Singapur denken, wenn sie die Ablehnung sieht, mit der eine wachsende Zahl von Menschen im Westen die Wissenschaft und die medizinische Forschung, zum Beispiel in der Entwicklung von Impfstoffen, betrachten?

Was würde die Ärztin in Taipeh denken, wenn sie die gespenstische Kühlheit sähe, mit der die Schweiz die täglichen Todesfälle zur Kenntnis nimmt und das medizinische Personal in ihren Krankenhäusern als Ressource behandelt, die man auszehren kann?

Was geht älteren Semestern von Seoul bis Jakarta durch den Kopf, die sich an die Arroganz erinnern, mit der die amerikanischen und europäischen Berater des Internationalen Währungsfonds in der Asienkrise von 1997 und 1998 aufgetreten waren?

Kampf der Narrative

Das liberale, westliche Modell hat im Umgang mit der Pandemie, nach der Finanzkrise von 2008 nun bereits zum zweiten Mal, empfindlich an Strahlkraft eingebüsst. In Peking webt das autoritäre Regime diese Erfahrung derweil genüsslich ins allgemeine Narrativ des westlichen Niedergangs ein, perfekt symbolisiert mit dem Bild feiernder Menschen in Wuhan, während der Times Square in New York in der Silvesternacht menschenleer blieb.

Es ist ein Narrativ, das leider zu einem beträchtlichen Teil selbstverschuldet ist. Wir sind selbstgefällig geworden. Die Demut ist uns abhandengekommen.

Wir müssen, wenn diese Krise vorbei ist, die Erfahrung der Pandemie für einen ehrlichen Blick in den Spiegel nutzen. Und danach unsere Selbstgefälligkeit ablegen. Die Zeit, als der Westen auf den Osten hinabblickte, ist vorbei.