Meinung

Das jüngste Virusopfer: die Selbstgefälligkeit

Jetzt wird die China-zentrierte Globalisierung zerbrechlich: Die politischen Entscheidungsträger Chinas meinen es nach wie vor ernst mit den strukturellen Zielen und disziplinieren die lokalen Regierungen, so dass sie von gross angelegten Stimulierungsmassnahmen Abstand nehmen.

Jörg Wuttke
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Bis Ende Februar war eigenartig, wie wenig Einfluss das Coronavirus auf die globalen Märkte hatte. Nach einer Korrektur des S&P 500 um 19% und einem Absturz der zehnjährigen US-Treasury-Rendite auf weniger als 0,5% wurde die Selbstzufriedenheit Anfang März aber offiziell unterbunden. Die Märkte preisen nun eine globale Rezession ein. Damit stellt sich die Frage: Sind sie zu weit gegangen?

Als die Epidemie in China zum ersten Mal ausbrach, hing die Antwort darauf weniger von der Krankheit ab als vielmehr von der Reaktion. Die Unsicherheit bleibt auch heute bestehen, doch die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass sich Covid-19 zwar weit ausbreiten, der Krankheitsverlauf in der Mehrheit der Fälle jedoch mild sein wird. Die Sterblichkeitsrate wird zwar höher sein als bei der saisonalen Grippe, sie wird aber vor allem bei älteren Menschen mit bereits bestehenden Erkrankungen ein Problem darstellen.

Rein medizinisch gesehen werden wir vielleicht nicht annähernd an eine Neuauflage der Spanischen Grippe von 1918/19 herankommen. Angesichts der energischen Reaktion des öffentlichen Gesundheitswesens ist sogar fraglich, ob die Gesamtauswirkungen dieses Ausbruchs mit denen der Schweinegrippe H1N1 von 2009 bis 2010 vergleichbar sein werden, von der 60 Millionen Menschen in den USA betroffen waren und die mit 12'500 Todesfällen in den USA und zwischen 150'000 und 575'000 Todesfällen weltweit in Verbindung gebracht wird.

Die Gesamtauswirkungen auf die Gesundheitslage sind jedoch nicht das, was für die Weltwirtschaft von Bedeutung ist. Ein Grund dafür, dass die H1N1-Pandemie 2009 so wenig Schaden anrichtete, war, dass das US-Centers for Disease Control innerhalb von zwei Wochen nach dem ersten in den USA gemeldeten Fall feststellte, dass die Sterblichkeitsrate wahrscheinlich nicht viel höher sein würde als bei einer saisonalen Grippe.

Dieses Mal hat die nachweislich höhere Sterblichkeit in Verbindung mit der Unsicherheit wegen der anfänglichen Verschleierung durch die chinesischen Behörden sowie das anhaltende Misstrauen gegenüber den aus China gemeldeten Zahlen die Welt in einen weitaus stärkeren Vorsorgemodus versetzt. Um die Krankheit einzudämmen, hat China den Grossteil der wirtschaftlichen Aktivität eines Quartals geopfert.

Die Fragen lauten nun:

  • Wie viel Schaden wird der Shutdown Chinas in anderen Ländern verursachen;
  • Wie viel zusätzliche Wirtschaftsleistung wird der Rest der Welt im Interesse der öffentlichen Gesundheit opfern; und
  • Wie heftig wird die politische Reaktion der Zentralbanken und Regierungen ausfallen?

Auf kurze Sicht gibt es zwei Hauptszenarien:

  • Erstens, die Regierungen ergreifen strenge Massnahmen, um das Virus einzudämmen, das Fed senkt die Zinsen, die Anleiherenditen fallen, der Goldpreis steigt und US-Wachstumstitel erzielen eine Outperformance.
  • Alternativ erweist sich Covid-19 als weniger schwerwiegend als befürchtet, oder die Welt lernt, damit zu leben. In diesem Fall könnte die Erholung der Aktien- und Anleiherenditen stark und dramatisch ausfallen.

Wenn man weiter in die Zukunft blickt, sind allerdings erhebliche Nachbeben wahrscheinlich: Da die China-zentrierte Globalisierung jetzt zerbrechlich und risikobehaftet wirkt, könnten multinationale Unternehmen ihre Lieferketten in andere Länder diversifizieren. Der populistische Druck für schärfere Grenzkontrollen wird einen Schub erhalten, und die Vertrauenskluft zwischen China und dem Rest der Welt wird sich vergrössern.

Innenpolitisch ist die Legitimität der Kommunistischen Partei nicht gefährdet: Die Partei beansprucht bereits Anerkennung für die Zähmung einer grossen Bedrohung der globalen öffentlichen Gesundheit – und die Geschichte findet im eigenen Land Widerhall. Aber aufgrund der sich mehrenden Anzeichen, dass die Regierung anfänglich Informationen über das Virus unterdrückt hat, wird Chinas internationaler Glaubwürdigkeit einen Schlag versetzen.

Was von China zu erwarten ist

Die meisten verfügbaren Konjunkturindikatoren gingen im Februar gegenüber Vorjahr um 30% bis 80% zurück. Ausserhalb des Coronavirus-Epizentrums in der Provinz Hubei verlagert sich nun der Schwerpunkt der Regierungsbemühungen von der Eindämmung des Virus auf die Reaktivierung der Wirtschaft. Dies wird jedoch nur schleppend gelingen, zum Teil deshalb, weil ein Grossteil der Wanderarbeiter immer noch in ihren Heimatdörfern eingesperrt und nicht in der Lage ist, wieder zu arbeiten. Eine Normalisierung der wirtschaftlichen Aktivität ist daher bis April unwahrscheinlich.

Das BIP-Wachstum für das erste Quartal wird negativ sein, vielleicht in der Grössenordnung von –2% bis –6% – aber erwarten Sie nicht, dass Peking dies zugeben wird.

Die chinesische Geld- und Finanzpolitik bleibt absichtlich zurückhaltend. Die politischen Entscheidungsträger meinen es nach wie vor ernst mit den strukturellen Zielen – im Finanzsektor Risiken abzubauen und die lokalen Regierungen zu disziplinieren, so dass sie von gross angelegten Stimulierungsmassnahmen Abstand nehmen. Die People's Bank of China hat bisher noch keine Realzinssenkung vorgenommen und ebenso wenig eine umfassende Kreditvergabe angestossen.

Die Kommunalverwaltungen erhalten lediglich die Befugnis, mehr Spezialanleihen zu emittieren; optimistisch betrachtet könnte dies das Wachstum der Infrastrukturinvestitionen von etwa 3% im Jahr 2019 auf 8% in diesem Jahr steigern. Für chinesische Verhältnisse ist das eine bescheidene Reaktion. Die Immobilienpolitik wurde nicht gelockert, so dass kein Aufschwung im Wohnungsbau in Sicht ist und die Stahlvorräte steigen.

Eine entscheidende Grösse wird die Liquidität im Unternehmenssektor sein, die sich verhängnisvoll verschärft hat. Der Netto-Cashflow des Unternehmenssektors wird im ersten Quartal gegenüber dem erwarteten Niveau vor dem Virus um 87% von 5,7 Bio. auf nur noch 750 Mrd. Renminbi sinken. Staatliche Unternehmen und grosse Privatfirmen werden dank Steuererleichterungen und spezieller Kreditlinien ein Auskommen finden. Aber sie werden die Investitionen und die Zahlungen an kleine Zulieferer kürzen. Letztere sind möglicherweise nicht in der Lage, Unterstützung der Regierung in Anspruch zu nehmen.

Die Folge auf die Beschäftigung, die Löhne und die Verbraucherausgaben werden erheblich sein.

Jörg Wuttke

Jörg Wuttke ist Chefrepräsentant eines grossen deutschen Dax-Konzerns in China. Er ist zudem Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.
Jörg Wuttke ist Chefrepräsentant eines grossen deutschen Dax-Konzerns in China. Er ist zudem Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.