Meinung

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Das US-chinesische Hickhack um TikTok ist nur ein weiteres Kapitel in der länger werdenden Geschichte, Technologie als eine strategische Ressource zu sehen. Das bedeutet nicht nur Komplikationen für Nutzer, sondern stellt auch Tech-Konzerne vor Herausforderungen.

Nicolas Zahn
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Wer hätte gedacht, dass eine App, die ihren Eroberungszug mit vertonten Kurzvideos unter Teenagern startete, Schlagzeilen im geopolitischen Wettkampf zwischen China und den USA machen würde? Der Streit um TikTok ist aber nur einer von vielen Schauplätzen. Vielerorts werden munter Sanktionen gegen Unternehmen oder deren Exponenten verhängt, Gerichtsverfahren angezettelt oder Marktzugänge verweigert.

War die Verknüpfung zwischen Technologie und Politik schon immer eng, so hat der globale Erfolg digitaler Technologien zumindest Zweifel am Primat der Politik geweckt. Diese lösen sich aber langsam in Luft auf, denn bereits seit Jahren versuchen verschiedene Staaten mehr oder weniger erfolgreich beispielsweise dem Internet ihre eigenen Regeln aufzudrücken oder sich sogar komplett vom globalen Datenfluss abzuschotten, wie das Beispiel RuNet zeigt.

Was die Entwicklung besonders besorgniserregend macht – sowohl für Unternehmen als auch für Konsumenten – ist jedoch das Fehlen klarer Regeln und fehlendes technisches Verständnis auf der Seite der Policymaker. Statt Global Governance gilt das Recht des Stärkeren. Statt um technisch fundierte Lösungen, geht es um Schlagzeilen. Um beim Beispiel TikTok zu bleiben: das angeführte Argument der nationalen Sicherheit sowie die im Raum stehenden «Lösungen» der US-Regierung, deuten darauf hin, dass es nicht wirklich um Cybersecurity geht, sondern um das generelle Seilziehen zwischen den Grossmächten.

Und wer jetzt unter Präsident Biden auf die grosse Wende hofft, dürfte enttäuscht werden. Tech-Kompetenz findet sich nämlich im geplanten Kabinett nur bei Vertretern der grossen Unternehmen.

Technische Lösungen helfen nicht weiter

Das bedeutet für Tech-Unternehmen und Konsumenten zwei Dinge: Es ist vermehrt damit zu rechnen, ins Visier der Politik zu geraten, und es hilft nicht unbedingt, eine technische Lösung zu haben, um Vorwürfe zu entkräften. Stattdessen müssen Tech-Unternehmen die jeweiligen Politiker und deren Ziele verstehen oder ihr Verhalten gar antizipieren. Für die Konsumenten bedeutet es potenzielle Kompatibilitätsprobleme und unzuverlässige Verfügbarkeit, je nachdem wie restriktiv das politische Umfeld gerade ist.

Doch nicht nur Unternehmen, sondern auch internationale Organisationen müssen dringend aufrüsten und neue Ideen zur Global Governance von Technologie entwickeln. Das wurde nämlich trotz des enormen Wachstums der wirtschaftlichen Bedeutung der digitalen Wirtschaft verschlafen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Welthandelsorganisation WTO kämpft nicht nur mit der Doha-Starre, sondern das Handelsrecht ist auch in Bezug auf digitale Güter in den 90er Jahren steckengeblieben.

Man darf gespannt sein, wie sich die bevorstehende Neubesetzung des Generalsekretariats auf die Problematik auswirken wird. Zur Wahl stehen die frühere Finanzministerin Nigerias, Ngozi Okonjo-Iweala, und Südkoreas Handelsministerin, Yoo Myung-hee. Wenn nicht endlich vertiefte politische Debatten zu diesem Thema stattfinden, dürften wir noch für lange Zeit in einer Welt leben, die von unfertigen Entscheidungen geprägt wird.

Nicolas Zahn

Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium derInternationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.
Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium der
Internationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.