Meinung

Der Aufstieg der Kleinanleger und wie man davon profitieren kann

Retailanleger sind dank Online-Foren und koordinierter Strategien mit Optionen zu einer Macht an den Märkten geworden. Einige Hedge Funds versuchen nun, ihre Strategien mittels Algorithmen zu antizipieren.

Myret Zaki
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Der Aufstieg der Retailanleger hat zu einem tiefgreifenden Wandel an den Märkten geführt. Kleinanleger sind zu einer neuen Marktmacht geworden, die nicht mehr ignoriert werden kann.

Früher waren Kleinanleger die Nachzügler an den Börsen. An der Spitze stand das «Smart Money», also professionelle Anleger, die über einen privilegierten Zugang zu Informationen verfügten und die Trends und Chancen am Aktienmarkt als Erste erkannten. Die Kleinanleger hingegen waren in der Regel die Letzten, die von einer interessanten Aktie erfuhren, und sie kauften meist erst auf dem Höhepunkt einer Blase. Wenn der Taxifahrer oder der Friseur von einer Aktie schwärmte, war das ein zuverlässiges Zeichen dafür, dass alle investiert waren und man verkaufen sollte.

Die kollektive Macht der Kleinanleger

Doch die Dinge entwickeln sich weiter. In den letzten zwei Jahren haben die Handelsforen die Ausgangslage verändert. «Einzelne Anleger haben die Macht des kollektiven Handels ohne Finanzanalysten entdeckt», sagt Valérie Noël, Leiterin des Handels bei der Syz-Gruppe in Genf. «Ein beliebtes Forum ist #WallStreetBets auf Reddit, aber es gibt noch viele andere Foren, darunter Telegram-Gruppen, Twitter-Influencer, Tik Tok und mehr».

Gemäss Noël ermöglichen Online-Foren für Kleinanleger zwei Dinge: den Zugang zu Informationen und die Bündelung ihrer Trades. Das half ihnen, sich zu organisieren und eine kritische Masse zu erreichen. Das bekannteste Beispiel ist GameStop. 2021 stand die Aktie im Mittelpunkt eines Kräftemessens zwischen mit allen Wassern gewaschenen Hedge Funds und Kleinanlegern, die sich auf Reddit austauschten. Der Wettbewerb zeigte, wie diese Foren es Kleinanlegern ermöglichten, ihre Strategie zu koordinieren, die grossen Fische (die Hedge Funds) herauszufordern und den Markt tatsächlich zu bewegen.

Das Reddit/WallStreet-Forum war in der Lage, riesige Short-Positionen von Hedge Funds bei einigen «Meme-Aktien» zu ermitteln und eine «Armee von Kleinanlegern» davon zu überzeugen, im Verbund gegen die Profis zu handeln.

Hedge Funds in der Defensive

Die wichtigste Waffe bei dieser Strategie waren Optionen. Sie ermöglichten es individuellen Händlern, riesige Hedge Funds zu schlagen. Der «bewaffnete Optionshandel», wie ihn die «Financial Times» nannte, heizt Rallys an. Auch wenn Kleinanleger nicht über das verwaltete Vermögen der Pensionskassen und Hedge Funds verfügen, können sie den Markt bewegen, denn der Optionshandel veranlasst die grossen Akteure, sich abzusichern: Wenn genug Leute 40-$-Calls auf eine Aktie kaufen, die bei 35 $ handelt, müssen sich die grossen Player irgendwann absichern.

«Der Optionshandel hat zu einer massiven Gamma-Handelsaktivität geführt, bei der sich Broker absichern müssen - und das bewegt den Markt tatsächlich», sagt Valérie Noël. Mit dem Begriff Gamma wird der Grad bezeichnet, wie stark der Preis einer Option ansteigt, wenn sich der Kurs des zugrunde liegenden Wertpapiers ändert. Mit anderen Worten: Die Hedge Funds sind gezwungen, ihre Short-Positionen zu schliessen, was die Aktie nach oben treibt und noch mehr Long-Positionen nach sich zieht. Schliesslich kapitulieren sie vor der Armee der Kleinanleger. «Das hat aber nicht immer funktioniert», sagt die Syz-Handelschefin: «Zum Beispiel war die Long-Position in Silber eine Verlustwette für die Retail-Armee».

Optionen entfalten Wirkung

Inmitten des Optionsrausches beschrieb die Finanzpresse diese Strategien in einer blumigen Sprache als «Blitzkäufe» durch «Ameisenkolonien». Im Jahr 2021 wurden im Durchschnitt täglich 39 Mio. Optionskontrakte gehandelt, ein Anstieg um 35% gegenüber 2020. Auf Kleinanleger entfallen inzwischen mehr als 25% dieser Handelsaktivitäten.

Die Handelschefin von Syz weist jedoch darauf hin, dass «die meisten dieser Kleinhändler einfache Call- und Put-Optionen kaufen, die im Vergleich zu fortgeschrittenen Strategien wie Optionsspreads eine viel geringere Gewinnwahrscheinlichkeit aufweisen». Dennoch bieten selbst einfache Optionen eine Hebelwirkung: «Mit Optionen braucht es nicht den gleichen Geldbetrag, um den Markt zu bewegen, da Gamma-Hedging die Bewegungen in die eine oder andere Richtung verstärkt», erklärt Valérie Noël.

Eine überraschende Folge der neuen Macht der Kleinanleger ist, dass die Grossen jetzt die Kleinen verfolgen, sagt sie: Einige Hedge Funds achten auf die Trades der Kleinanleger und versuchen, diese zu antizipieren. Eine Taktik der Hedge Funds besteht darin, Algorithmen einzusetzen, um Gamma-Hedging vorwegzunehmen und so die Bewegungen der Retailhändler zu verfolgen. Im Fall von GameStop zum Beispiel würde das Ziel darin bestehen, die Strategie der Kleinanleger zu erkennen und die Aktie zu kaufen – und die Position rechtzeitig zu schliessen, bevor die Masse aussteigt.

Wetten gegen Kleinanleger

Eine andere Strategie besteht darin, gegen die Einzelhändler zu wetten und darauf zu setzen, dass sie sich letztlich irren werden. Im Beispiel von GameStop würde das bedeuten, dass man irgendwann eine Short-Position in der Aktie einnimmt. Im Fall von Tesla ist diese Strategie allerdings nicht aufgegangen: Zwar verkauften viele Hedge Funds die Aktien leer, aber sie lagen für einige Zeit falsch. Die Niederlage kann umso demütigender sein, zumal diese «Kämpfe» nun live auf Twitter kommentiert werden, typischerweise mit einer Mischung aus Prahlerei, Scherz und Spott.

Eine Folge des Retail Trading ist der Multiplikatoreffekt, der die Bewegungen in beide Richtungen verstärkt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Ark Innovation ETF, der Flaggschiff-Fonds von Cathie Woods Firma Ark Invest. Anfang 2021 waren viele Kleinanleger von der massiven Outperformance des Fonds beeindruckt und beschlossen, seine Käufe und Verkäufe nachzuahmen. Es wurde sogar eine App entwickelt, um die Informationen noch schneller weiterzugeben.

Dies führte zunächst zu einer Aufwärtsspirale: Je besser die Performance des Ark ETF war, desto mehr wurden die Trades nachgeahmt und desto mehr stiegen die betreffenden Aktien. Das wiederum löste weitere Zeichnungen des Fonds aus, was zu einer besseren Performance des ETF führte, usw.

Doch jetzt, da der Kurs des Fonds abnimmt, steckt er in einem Teufelskreis: Weil sein Inventarwert sinkt, gibt es mehr Rücknahmen und mehr Kleinanleger, die die zugrundeliegenden Aktien verkaufen, was die Aktien noch weiter nach unten drückt... «So wurden die Kleinanleger bestraft und haben den Markt für einige Zeit verlassen», sagt Noël.

Aber sie werden zurückkommen, als eine ganze Generation von Veteranen, die im Handel mit Optionen an der Front von GameStop, Tesla und vielen anderen Trades geschult sind.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.