Die Meinung

Der Beginn einer neuen Weltordnung

Vierzig Jahre lang haben sich China und die USA angenähert und den grössten Globalisierungsschub aller Zeiten ermöglicht. Nun droht die Welt in zwei Sphären zu zerfallen.

Mark Dittli

«Handelskriege sind gut, und sie sind einfach zu gewinnen.» Diese Worte äusserte Donald Trump am 2. März 2018 über Twitter. Wenige Tage später begann der Präsident der USA, Importzölle auf Gütern aus Europa, Kanada, Mexiko, Korea und anderen Handelspartnern zu verhängen.

Mark Dittli

Mark Dittli ist Geschäftsführer und Chefredaktor von The Market. Er arbeitet seit fast zwanzig Jahren als Wirtschaftsjournalist, davon war er sechs Jahre Chefredaktor der «Finanz und Wirtschaft» und berichtete während fünf Jahren als Korrespondent aus New York. Seine Spezialgebiete sind globale makroökonomische Themen, Wirtschaftsgeschichte und Schweizer Aktien.
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Das waren, wie sich wenig später herausstellte, bloss Vorbeben, denn die schwersten Salven richtete Trump ab Juni 2018 gegen den bis dahin grössten Handelspartner Amerikas: China.

Seit nunmehr gut einem Jahr stehen die USA und China in einem Handelskonflikt. Drohungen, Gespräche, vorläufige Einigungen und neuerliche Eskalationen haben seither die globalen Finanzmärkte verunsichert.

Die täglichen Schlagzeilen zum Handelsstreit verwehren den Blick auf eine viel wichtigere, folgenschwerere Entwicklung in der Relation zwischen Washington und Peking. Gegenwärtig geht eine Ära zu Ende: Vierzig Jahre lang, seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Januar 1979, war das Verhältnis zwischen den USA und China von konstruktivem Engagement geprägt. Der Modus erlaubte der Volksrepublik den Aufstieg, die Modernisierung und die Eingliederung ins Welthandelssystem. Diese vierzig Jahre ermöglichten den umfassendsten Globalisierungsschub, den die Weltwirtschaft jemals gesehen hat.

Doch die Zeit des konstruktiven Engagements ist vorbei. Eine neue Ära – der strategische Wettbewerb – hat begonnen. Der Handel mit Gütern ist ein vergleichsweise unbedeutendes Feld, auf dem dieser Wettbewerb ausgetragen wird. Er wird sich Fortsetzen auf den Feldern des Währungssystems, der Geopolitik und der Technologie.

Kein Land, kein Unternehmen wird von dieser Neuordnung des Verhältnisses zwischen den beiden Supermächten des 21. Jahrhunderts nicht betroffen sein.

Ein Platz an der Sonne

«Verberge deine Kraft, warte auf deine Zeit», lautete ein zentrales Diktum von Deng Xiaoping. Der Staatsmann trieb nach dem Tod Mao Zedongs ab 1978 die Öffnung der Volksrepublik voran. Deng brachte das während 100 Jahren durch koloniale Besatzung, Revolution, Bürgerkrieg, Invasion, Hunger und Terror geschundene Reich zurück ans Licht.

Dank Dengs Öffnungskurs konnte sich China als Werkbank der Welt etablieren. Unter Premier Zhu Rongji folgten ab 1998 sodann mutige Wirtschaftsreformen, die ihren Kulminationspunkt erreichten, als die Volksrepublik 2001 in die Welthandelsorganisation WTO aufgenommen wurde. Mehrere hundert Millionen Menschen schafften in dieser Zeit den Aufstieg in die Mittelklasse: das grösste und erfolgreichste Armutsbekämpfungsprogramm aller Zeiten.

In Washington folgten alle Präsidenten dem von Richard Nixon 1972 begonnenen, von Jimmy Carter 1979 formalisierten Diktum des konstruktiven Engagements. Die Beziehung zwischen Washington und Peking ging durch Höhen und Tiefen – etwa Tiananmen (1989) oder die Taiwan-Krise von 1996 –, doch grundsätzlich war der Wiederaufstieg Chinas aus der Perspektive Washingtons eine förderungswürdige Entwicklung.

Die Einbindung Chinas ins kapitalistische Welthandelssystem wurde im politischen Establishment Washingtons über die Parteigrenzen hinaus unterstützt. Sowohl in der Republikanischen Partei wie auch unter den Demokraten der Neunziger- und frühen Nullerjahre herrschte ein breiter Konsens, dass ein möglichst freier Handel im Interesse der amerikanischen Wirtschaft liegt.

Freilich lag diesem Gedanken die Annahme zugrunde, dass China dem Beispiel Japans, Südkoreas und Taiwans folgen und seinen abgeschotteten Heimmarkt sukzessive öffnen würde. Mit steigendem Wohlstand der Bevölkerung sollte sich, so die Erwartung des Establishments in den USA, quasi automatisch auch das politische Einparteisystem aufweichen. Es wäre bloss eine Frage der Zeit, bis auch China auf den Pfad der Demokratie einschwenkt.

Doch es kam anders.

Die Finanzkrise von 2008 fügte der globalen Vormachtstellung des Westens aus der Perspektive der restlichen Welt tiefe Kratzer zu. Die amerikanische «Hochfinanz» hatte die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds gebracht.

Ein gigantisches, von der Kommunistischen Partei Chinas rasch beschlossenes Infrastruktur-Investitionsprogramm trug im Winter 2008/09 wesentlich dazu bei, einen Absturz der Weltwirtschaft in die Depression zu verhindern.

Xi und die Lehren aus Moskau

Diese Präsentation der neuen, starken Rolle Chinas auf der Weltbühne war der Prolog zum eigentlichen Epochenwechsel, der sich wenig später abspielte: 2013 übernahm Xi Jinping von seinem farblosen Vorgänger Hu Jintao das Amt des Generalsekretärs der Partei und das Staatspräsidium der Volksrepublik.

Mit Xi fand Dengs Maxime «Verberge deine Kraft, warte auf deine Zeit» ihr Ende. Zwar schlug der neue Generalsekretär in seinem ersten Amtsjahr zunächst reformistische Töne an, doch wenig später wurde deutlich, dass mit Xi eine Rückbesinnung auf ideologische Werte – ein sonderbares Amalgam aus Konfuzianismus und Festigung der Parteikontrolle – stattgefunden hat.

Xi hat in seinem politischen Wirken stets den Zusammenbruch der Sowjetunion vor Augen, wie die einstige Supermacht unter der Last ihrer korrupten Eliten und der Erosion ihres ideologischen Fundaments kollabiert war. Deshalb sein rigoroser Fokus auf die Bekämpfung der Korruption und die Rückbesinnung auf die ideologischen Werte der Volksrepublik.

Mit prestigeträchtigen Investitionen in die Streitkräfte sowie mit weltumspannenden Investitionsprojekten wie der 2013 in Kasachstan ausgerufenen «Belt and Road»-Initiative hat Xi unmissverständlich klargemacht, dass China wieder einen Platz an der Sonne eingenommen hat.

Neuorientierung des Establishments in den USA

Nur wenige Jahre nach Xis Machtübernahme ereignete sich in den USA eine nicht minder umwälzende Entwicklung. Donald Trump, 2015 zunächst als Clown im Feld der Kandidaten präsent, wurde 2016 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.

Trump und seinen Beratern war es meisterhaft gelungen, aus der Verunsicherung, Angst und Wut derjenigen Bevölkerungsschichten Kapital zu schlagen, die in den vergangenen drei, vier Jahrzehnten keine Steigerung ihres Wohlstands erlebt haben: derjenigen Schichten, die keinen materiellen Nutzen aus der von ihren eigenen Eliten so enthusiastisch unterstützten Globalisierung gezogen haben.

Das Fanal von 2016 hat zu einer fundamentalen Neuorientierung innerhalb des politischen Establishments der USA geführt. Republikaner und Demokraten sind sich in wenigen Dingen einig, doch in Bezug auf China herrscht ein Konsens: Die Volksrepublik hat sich mit unfairen Mitteln Wettbewerbsvorteile verschafft, hat amerikanische Arbeitsplätze zerstört und fordert die Vormachtstellung der USA heraus. Die politischen Eliten sind zum Schluss gekommen, dass China eingedämmt werden muss.

Daraus folgt, dass die härtere Haltung Washingtons gegen China weit über die Präsidentschaft Trumps Bestand haben wird.

Wettbewerb um Dominanz

So präsentiert sich die Situation heute: In Peking hat Xi Jinping den Griff der autoritären Einparteiherrschaft gefestigt, während die Eliten in Washington zum Schluss gekommen sind, dass die Erwartung einer auto-
matischen Öffnung Chinas naiv war und es deshalb gilt, einen fundamental andersdenkenden Konkurrenten einzudämmen: Nach Kooperation gelten jetzt drei neue «K»: Kompetition, Konflikt und Konfrontation.

Dieser Konflikt lässt sich nur bedingt mit dem Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion vergleichen. «Kommunistisch» ist am heutigen China nur der Name der Regierungspartei. Wenn man den Konflikt ideologisch einordnen will, dann ist es die Auseinandersetzung einer kapitalistischen, liberalen Demokratie mit einer kapitalistischen Partei-Autokratie. Die beiden Volkswirtschaften sind in hohem Mass ineinander verflochten, weshalb es anders als im Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts nicht darum gehen kann, dass eine Macht die andere niederringt.

Der Konflikt wird sich im Lauf der kommenden Jahrzehnte auf verschiedenen Ebenen abspielen. Er wird begleitet sein von Entspannungs- und von Eskalationsphasen. Und auf allen Ebenen geht es am Ende nur um eines: um die Frage der Dominanz.

Auf Ebene des Güterhandels hat der Konflikt mit Trumps Handelskrieg bereits begonnen. Ein logisches nächstes Feld ist das Währungssystem: Peking will die Vormachtstellung des Dollars untergraben, während Washington ebendiese Vormachtstellung des Dollars als Waffe einsetzt, um die Investitionsflüsse von und nach China zu stören.

Ein weiteres Feld, auf dem der Konflikt bereits schwelt, ist die Geopolitik, mit möglichen «Hot Spots» wie der Südchinesischen See, der Frage der Unabhängigkeit Taiwans bis hin zum Ausgreifen Pekings nach den Ressourcen Afrikas und Zentralasiens.

Zwei Technologie-Sphären

Das folgenschwerste Konfliktfeld wird aber die Technologie sein. Trump hat mit seinem Vorgehen gegen Huawei bereits gezeigt, dass Washington die chinesischen Konzerne aus dem Markt für Hochtechnologie zurückdrängen will. Peking hat dies erkannt und fördert mit Hochdruck die Entwicklung einer eigenen Halbleiterindustrie, um nicht von den USA abhängig zu sein.

Diese Entwicklung kann zu einer Welt führen, die in zwei Technologie-Sphären geteilt wird. Länder und Unternehmen könnten sich dereinst gezwungen sehen, zu entscheiden, ob sie zur chinesischen oder zur amerikanischen Sphäre gehören.

Hank Paulson, früherer US-Finanzminister und Ex-Chef der Investmentbank Goldman Sachs – und in diesen Rollen ein Mitglied genau derjenigen globalisierungsfreudigen Eliten, die blind waren für die Ängste der eigenen Bevölkerung –, warnte im November 2018 vor einem neuen «Eisernen Vorhang» und dem Zerfall der Weltwirtschaft in zwei Einflusssphären.

Jede Verwaltungsrätin, jeder Manager jedes grenzüberschreitend tätigen Unternehmens wird sich in den kommenden Jahren mit der Frage befassen müssen, wie sie mit dem neuen Konflikt zwischen den USA und China umgehen sollen. Können sie noch auf ihre filigran über diverse Länder verzweigten Lieferketten vertrauen? Müssen sie redundante Lieferketten aufbauen, möglicherweise in den zwei technologischen Einflusssphären?

Die Antworten auf diese Fragen sind vielschichtig, doch die Folgen für viele Unternehmen werden in Form höherer Kosten sichtbar sein.

Etablierte Macht gegen ambitionierten Herausforderer

Eine neue Ära hat begonnen. Eine etablierte Grossmacht wird von einer ambitionierten, neuen Macht herausgefordert. Der Hegemon reagiert darauf, wie in der Weltgeschichte schon viele andere Hegemonialmächte zuvor in ähnlichen Situationen reagiert haben – indem er in die Offensive geht und den Herausforderer mit allen Mitteln eindämmt: «Den wahrsten Grund freilich sehe ich im Wachstum Athens, das die erschreckten Spartaner zum Krieg zwang», schreibt der grosse Historiker der griechischen Antike, Thukydides, in seinem Werk über die Peloponnesischen Kriege.

Der Konflikt zwischen den USA und China muss nicht mit Waffen ausgetragen werden. Aber er wird mit Sicherheit auf verschiedenen anderen Ebenen mit verschiedenen anderen Mitteln ausgefochten.

Er wird Jahrzehnte dauern. Und er hat erst begonnen.