Die Meinung

Der Versailler Frieden war besser als sein Ruf

Hundert Jahre nach dem 28. Juni 1919: Was Ökonomen damals über den Versailler Friedensvertrag dachten.

Karen Horn

Vor hundert Jahren, am 28. Juni 1919, wurde der Versailler Friedensvertrag unterzeichnet. Die Zeremonie fand in der berühmten Spiegelgalerie des Schlosses statt. Man hatte diesen Ort mit Gespür für nationale Symbolik gewählt. Hier war 1871 der Preussenkönig Wilhelm I. nach gewonnenem Deutsch-Französischen Krieg zum deutschen Kaiser proklamiert worden.

Karen Horn

Karen Horn steht mit einem Bein in der Wissenschaft und mit dem anderen in der Publizistik. Sie lehrt ökonomische Ideengeschichte und Wirtschaftsjournalismus an der Universität Erfurt. Ihr wissenschaftliches Interesse liegt an der Schnittstelle der Ökonomie zu Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte; vorrangig beschäftigt sich Karen Horn mit dem Denkgebäude des Liberalismus. Daneben schreibt die frühere Wirtschaftsredaktorin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung regelmässig für diverse Zeitungen, Magazine und Online-Dienste. Zudem ist sie Mitherausgeberin und Chefredaktorin der Fachzeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik». Sie lebt in Zürich. www.karenhorn.de
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Damals waren es die Deutschen gewesen, die Frankreich vorführten, in diesem Saal, dessen Deckengemälde die früheren französischen Siege verherrlichen – auch jene, die 1678/79 in die Friedensverträge von Nimwegen (im Deutschen folgerichtig als «Nimm weg» bekalauert) gemündet waren, mit denen unter anderem das Elsass an Frankreich gefallen war.

Im Sommer 1919 kam es nun, ein Dreivierteljahr nach dem deutschen Ersuchen um einen Waffenstillstand, zur Retourkutsche der Retourkutsche. Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs gaben den nationalen Ressentiments freien Raum und inszenierten die Demütigung Deutschlands bewusst vor den Augen der Öffentlichkeit.

Neben den Bevollmächtigten aller beteiligten Länder drängten sich Massen an Reportern im Saal, in den die kleine deutsche Delegation geleitet wurde wie zum jüngsten Gericht. Die psychologische Wirkung war verheerend, wie die sich in Deutschland schnell ausbreitenden Vokabeln zeigten: «Diktatfrieden», «Gewaltfrieden», «Schandfrieden».

Unerträglicher Souveränitätsverlust

Der Versailler Vertrag nahm Deutschland 13% seiner Grundfläche und 10% der Bevölkerung. Mit den Gebietsverlusten fielen knapp 15% des Ackerlandes weg; die Rohstofflager schrumpften dramatisch. Fast die ganze Handels- und ein Viertel der Fischfangflotte wurden konfisziert. Weil Deutschland keinen Angriffskrieg mehr zu führen imstande sein sollte, wurde es weitgehend entmilitarisiert; das Rheinland wurde besetzt; die Kolonien gingen an die Sieger.

Zudem verpflichtete der Vertrag Deutschland völkerrechtlich zu Reparationen, deren Höhe zunächst offenblieb und dann Gegenstand eines heiklen Kräftemessens und langwieriger Verhandlungen wurde. Letztere fanden erst 1932 mit der Lausanner Konferenz einen Abschluss, bei einer Gesamtsumme von 70 Milliarden Goldmark.

Bis dahin mussten die Deutschen damit rechnen, dass der Wiedergutmachungsausschuss, der über die jährlichen Beträge befinden und mit einem eigens eingerichteten Berliner Ableger für die ordnungsgemässe Zahlungsabwicklung sorgen sollte, in die Finanzpolitik der blutjungen, noch instabilen Republik eingreifen würde.

Man empfand das als unerträglichen Souveränitätsverlust. Dabei konnte Deutschland von Glück sagen, dass der Krieg sein eigenes Territorium nicht erreicht hatte und dass es nicht zur Gänze okkupiert wurde. Dass die Strafen nicht noch höher angesetzt wurden, verdankte sich vor allem Russland: Die Alliierten fürchteten um das ausländische Eigentum angesichts der von Osten drohenden bolschewistischen Gefahr, und dagegen sollte Deutschland einen Puffer bilden.

Mündliche Verhandlungen zwischen den Siegermächten und Deutschland hatte es nicht gegeben, sondern nur einen Notenwechsel. Die deutsche Delegation durfte lediglich schriftliche Einreden gegen den Vertragsentwurf erheben und machte davon auch regen Gebrauch. Doch die Bevollmächtigten wurden nicht persönlich angehört und ihre Anliegen fast durchwegs ignoriert.

Der Modus war ungewöhnlich und wurde von den Deutschen, wie es auch der Absicht entsprach, als entwürdigend empfunden – die Sache selbst war es nicht.

Der Weg ins Verderben war nicht vorgespurt

Freilich hat der Versailler Vertrag der Welt keinen dauerhaften Frieden beschert. In Deutschland war die Kränkung über die zugeschriebene «Kriegsschuld» gross; es erstarkten Revisionismus, Nationalismus und Revanchismus; ökonomisch folgten Zahlungsbilanzkrise, Hyperinflation, Depression, Deflation und Massenarbeitslosigkeit; statt des Bolschewismus kam der Nationalsozialismus; und nur zwanzig Jahre nach Versailles begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg.

Auch der Völkerbund, dessen Gründung den wichtigsten, ersten Teil des Versailler Vertrags ausmacht, hat die Katastrophe nicht verhindern können. Im Ersten Weltkrieg waren rund 20 Millionen Menschen ums Leben gekommen, im Zweiten Weltkrieg wurden es dann bis zu 70 Millionen Menschen.

Doch auch wenn in der Geschichte immer alles zusammenhängt, war dieser Weg keineswegs linear und schon gar nicht zwingend. Der Vertrag war nicht die einzige und nicht einmal die wesentliche Ursache für das sogenannte Dritte Reich und den neuerlichen Weltenbrand. Denn das Dokument, auf dessen letzte Seite die deutschen Minister Hermann Müller und Johannes Bell an jenem Sommertag vor hundert Jahren in Versailles in jeder Hinsicht schwitzend ihre Unterschriften setzen mussten, war besser als sein – damaliger und heutiger – Ruf.

Sein Inhalt war nicht derart vernichtend, wie es die Rhetorik und die Inszenierung in der Spiegelgalerie vermuten liessen und wie es sich die nationalistische Propaganda zu eigen machte. Weder zerstörte der Versailler Vertrag die ökonomische Leistungsfähigkeit der gerade erst ausgerufenen Republik, noch wurde Deutschland jegliche Fähigkeit genommen, eines Tages wieder eine Grossmacht zu werden. Ebensowenig stiess er Deutschland aus der Völkergemeinschaft und den internationalen Handelsstrukturen aus.

Aufpeitschende Rhetorik

Die dramatischen zeitgenössischen Kommentare sind deshalb mit einiger Vorsicht zu lesen. Selber bis zum Hals im Strudel der Ereignisse steckend, sie zum Teil als Berater und Unterhändler auch selbst formend, gelang es vielen Wissenschaftlern nicht, sich von der jeweiligen nationalen Position zu lösen und das Potenzial zu erkennen, das der Vertrag durchaus auch besass. «Der Versailler Vertrag war ein Werk der guten Absicht», hielt der französische Philosoph Raymond Aron 1946 immerhin rückblickend fest.

Die Deutschen zumindest konnten das kaum so sehen. Der Soziologe und Ökonom Max Weber beispielsweise, den das Aussenministerium mit einer der Kommissionen der Friedensdelegation nach Versailles geschickte hatte, schrieb zuvor in der «Frankfurter Zeitung»: Wenn alles so komme, wie es nach den Äusserungen der Alliierten zu erwarten sei, werde das «selbstverständlich dazu führen, dass auch der politisch radikalste Arbeiter Deutschlands […] zum Chauvinisten würde und dass er gemeinsam mit den Intellektuellenschichten der Nation sich auf revolutionäre Mittel der Selbstbestimmung besinnen müsste».

Im Nachhinein mag diese politische Prognose hellsichtig erscheinen, doch sie offenbart mehr noch eine Mischung von Kopflosigkeit und Anmassung. «Was die Gegner anlangt», schrieb Weber weiter, «so wird der Frieden entweder von sachlichen Politikern gemacht werden, oder von Plebejern, die zu klein sind für den Sieg über ein grosses Volk und eine ekelhafte priesterliche Salbung in den Dienst politischen und ökonomischen Profitstrebens stellen.»

Eine solche aufpeitschende Rhetorik prägte auch in der Wissenschaft weithin die Haltung.

Nicht einmal der Ökonom Walter Eucken, später der führende Kopf der Freiburger Schule, besonnene, integrative Persönlichkeit im akademischen Widerstand gegen Hitler und ordoliberaler Vordenker einer neuen Wirtschaftsordnung, äusserte sich entsetzt über den «traurigen» Vertrag. «Ich hoffe, dass wir bald zur Revanche die Waffe in die Hand nehmen», schrieb er im Mai 1919 in einem Brief an seine Mutter.

In dieser Zeit noch deutschnational-konservativ unterwegs, schob Eucken auch 1932 in einem Aufsatz die Kalamität des Versailler Friedens der Demokratisierung der Welt in die Schuhe, durch welche «die Völker und ihre Leidenschaften, die Interessentengruppen und chaotischen Kräfte der Masse auf die Aussenpolitik massgebenden Einfluss gewannen.»

Zu einer solchen Fundamentalkritik an der Demokratie liess sich Euckens bedeutender liberaler Fachkollege Moritz Julius Bonn nicht hinreissen, Gründungsdirektor der Münchner Handelshochschule, wie Weber Mitglied einer Kommission der Friedensdelegation. Doch auch er sah Europa nun am Abgrund stehen, «dem Verblendung, Erschlaffung, Mangel an moralischem Mut und an geistiger Klarheit in allen Ländern Sieger und Besiegte zutreiben».

Als Sachverständiger nahm Bonn, inzwischen Leiter des Instituts für Finanzwesen an der Handelshochschule Berlin, auch an den nachfolgenden Reparationskonferenzen teil. Er war ein Cousin des Bankiers Max Warburg, dessen Mitteilhaber Carl Melchior als einer der deutschen Bevollmächtigten in Versailles gegen die Annahme des Vertrags plädiert hatte.

Bonn feuerte die Diskussion in Deutschland freilich dadurch an, dass er ein Buch ins Deutsche übersetzte, das international Furore machte: «The Economic Consequences of the Peace» von John Maynard Keynes. Der einflussreiche britische Ökonom, der als Vertreter des Schatzkanzlers beim Obersten Wirtschaftsrat am Verhandlungstisch für den Versailler Vertrag gesessen hatte, war am 7. Juni von seinen Ämtern zurückgetreten, weil er die Bedingungen des Friedensvertrags für unverantwortlich hielt: «Wir stehen am Grabe unseres Schicksals. […] Niemals im Leben des heutigen Menschen hat das Gefühl der Weltzusammengehörigkeit in seiner Seele so trübe gebrannt».

Die einflussreiche Stimme von John Maynard Keynes

Den Kriegsschuldartikel fand Keynes ungerechtfertigt und ungerecht. Mit seinem rasch geschriebenen, in der Darstellung der beteiligten Personen von literarischem Überschwang getragenen Werk setzte er sich dabei in England ordentlich in die Nesseln; die Vorwürfe gingen bis zum Verrat.

Auf der Grundlage einer Studie des britischen Schatzamtes, seiner eigenen Analysen und der Gespräche unter anderem mit deutschen Unterhändlern war Keynes zur Einschätzung kommen, dass die Reparationen in Verbindung mit allen anderen Massgaben des Versailler Vertrags Deutschlands Leistungsfähigkeit überforderten, deshalb praktisch unmöglich seien und nicht fliessen würden; dass ohnehin der Geldwert der Kriegsschäden in Frankreich und Belgien überschätzt worden sei; dass man den Reparationsbetrag absprachewidrig drastisch erhöht habe, indem Deutschland nun auch noch für Pensionen aufkommen sollte; und dass die internationale Handelsintegration erheblichen Schaden nehmen werde – zum Nachteil nicht nur des besiegten Landes, sondern auch der Sieger und der ganzen Welt.

«Die Politik der Versklavung Deutschlands für ein Menschenalter, der Erniedrigung von Millionen lebendiger Menschen und der Beraubung eines ganzen Volkes sollte abschreckend und verwerflich sein, selbst wenn sie möglich wäre, selbst wenn sie uns reicher machte, selbst wenn sie nicht den Verfall der ganzen europäischen Kultur zur Folge hätte», schrieb Keynes.

Der Amerikaner Thorstein Veblen indes, 1899 mit seiner «Theorie der feinen Leute» berühmt geworden, warf Keynes eine unfaire Polemik gegenüber Woodrow Wilson vor, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Auch sei es ein Fehler gewesen zu glauben, der Versailler Vertrag sei ein Endpunkt und nicht nur «strategischer Ausgangspunkt für künftige Verhandlungen».

Zuspruch fand Keynes durch Gustav Cassel, der später den Völkerbund beriet. Keynes schwebte etwas Ähnliches vor wie der Marshall-Plan, der dann nach dem Zweiten Weltkrieg dazu beitrug, Deutschland politisch zu stabilisieren und wirtschaftlich auf die Beine zu bringen. Wilson jedoch, dessen Land für einen solchen Plan finanzielle Hilfe hätte leisten sollen, lehnte ab, weil er ahnte, dass er im Kongress keine Unterstützung dafür bekommen würde. Er konnte den Kongress nicht einmal dazu bringen, der Teilnahme zum Völkerbund zuzustimmen, seinem Herzensprojekt.

Das war fatal, denn Amerika fehlte den Europäern in der Folge als beschwichtigender Dritter, Stabilisator und Garantiemacht – ein Versäumnis, aus dem man immerhin nach 1945 die richtigen Lehren zog.

Es gab wenige ausländische Ökonomen, die für die deutsche Empörung so viel Verständnis hatten und für mildere Bedingungen warben wie Keynes. Viele Franzosen waren der Ansicht, dass sich die deutsche Volksseele durch leichtere Bedingungen kaum beruhigen lasse, weil sie schon die Schmach der Niederlage erzürne – weshalb man sich eben schützen müsse. Étienne Mantoux, Teilnehmer an dem als Wiege des Neoliberalismus geltenden «Colloque Walter Lippmann» 1938 in Paris, schrieb noch im Zweiten Weltkrieg ein Buch mit dem Untertitel «The Economic Consequences of Mr. Keynes», in dem er dessen Argumentation aufarbeitete und zurückwies.

Er hielt Keynes nicht nur vor, er habe die Produktionsmöglichkeiten Deutschlands innerhalb der neuen Grenzen nach 1918 falsch erfasst. Sondern vor allem habe er den Alliierten gegenüber Deutschland einen Schuldkomplex eingeimpft, einen «Meaculpismus», der in das fatale «Appeasement» der Dreissigerjahre gemündet sei. Die Wiederaufrüstung Deutschlands habe man vor allem deshalb nicht ernst genommen, weil Keynes den «Habenichts-Mythos» über das Land in die Welt gesetzt habe. Nach Mantoux war nicht Versailles, sondern Keynes an allem schuld.

Der Weg ins nationalsozialistische Verhängnis

Beide Ansätze waren unterkomplex. Der Versailler Vertrag hätte durchaus nicht scheitern müssen, wenn nicht manches Erschwerende hinzugekommen wäre. Deutschland litt mit einem Modernisierungsrückstand Not; geld- und währungspolitische Erkenntnisprobleme erschwerten das Regieren. Fehlende demokratische Einübung und prekäre Zustimmung zur neuen Verfassung machten sich bemerkbar, ebenso die Beharrungskräfte alter Machteliten, die der demokratischen Staatsform unangemessen agierten und riskante taktische Manöver gegenüber den Siegern unternahmen.

Im Ausland begannen die ökonomischen Probleme schon damit, dass die Fähigkeit und Bereitschaft zur Absorption der Waren nicht gegeben war, mit deren Export Deutschland Einnahmen erzielen musste, um die Reparationen zu zahlen. Auch die Uneinigkeit der Alliierten, die einen Schuldenberg vor sich herschoben, machte den Versuch einer Stabilisierung Deutschlands und der Welt nicht eben leichter.

Trotzdem gelang es zum Ende der Zwanzigerjahre immerhin, die Industrieproduktion und Deutschlands Anteil am Welthandel wieder auf Vorkriegsniveau zu bringen. Und selbst die Verständigung zwischen den Erbfeinden Deutschland und Frankreich kam in Gang; die Aussenminister Gustav Stresemann und Aristide Briand erhielten für ihre Bemühungen 1925 sogar den Friedensnobelpreis.

Am Ende war es wohl vor allem die Kombination aus der danach einsetzenden Weltwirtschaftskrise, der Instabilität der politischen Institutionen der Weimarer Republik, der epochalen ideologischen Verwirrung und der neuen medialen Möglichkeiten der Propaganda in der Demokratie, die den zarten Keim von Aufschwung und Aussöhnung verdorren liess – und dem nationalsozialistischen Verhängnis den Weg bereitete.

Leseempfehlungen zum Thema:

Hacke, Jens (2019), Moritz Julius Bonn – ein vergessener Verteidiger der Vernunft, Mittelweg 36, S. 26-59.

Hauser, Dorothea und Christoph Kreutzmüller (2019), Carl MelchiorJüdischer Vorkämpfer eines europäischen Friedens, Hamburg, Stiftung Warburg Archiv.

Keynes, John Maynard (1920), Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags, München, Verlag Duncker & Humblot.

Mantoux, Étienne (1952), The Carthaginian Peace or The Economic Consequences of Mr. Keynes, London and New York: Oxford University Press.