Meinung

Der Hype um das Metaverse begünstigt Big Tech

Das Metaverse-Thema steht unter Investoren hoch im Kurs, und es werden Dutzende von Tracker-Zertifikaten auf den Markt gebracht. Aber kluge Investitionen zielen auf Nischenanbieter und achten auf eine sichere Infrastruktur.

Myret Zaki
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Während wir uns über Inflation und Omikron Gedanken machen, entsteht eine neue Welt, jenseits alter, physischer Grenzen. Diese Welt befindet sich im Internet und wird Metaverse (Meta-Universum) oder das immersive Internet genannt. Die Technologie ist seit der Jahrtausendwende bekannt, wobei Second Life bereits seit 2003 eine alternative Realität anbietet, inklusive dazugehörigem Marktplatz.

Doch Facebook (kürzlich umbenannt in Meta Platforms) hebt das Thema in eine neue Dimension. Der entscheidende Schritt kam Ende 2021, als der Gigant sein Metaverse-Projekt startete, das darauf abzielt, bis 2025 eine Milliarde Nutzer in einen virtuellen Raum eintauchen zu lassen. Auch die anderen Tech-Grössen treten nun an und entwickeln ihre eigenen Versionen. Darüber hinaus entstehen offene Metaversen auf der Blockchain, die den Nutzern gehören und von ihnen kontrolliert werden. So schnell das Wort Metaverse von der Geek- zur Mainstream-Sprache übergegangen ist, haben auch Investoren erkannt, dass das immersive Internet das «nächste grosse Ding» sein wird.

Milliardeninvestitionen fliessen in Projekte im Zusammenhang mit diesem VR-Universum, dessen Potenzial noch nicht vollständig bekannt ist. Die Investitionen in das Metaverse sind aber bereits deutlich grösser als im Internet-Boom der späten Neunzigerjahre.

Technologische Durchbrüche

Die technologische Innovation der letzten Jahre ist das Ergebnis immer neuer Durchbrüche: Meta reitet auf einer Flut, die seit zwei Jahrzehnten steigt. Eine Reihe von technischen Revolutionen hat 3D-Videospiele, Augmented Reality und Extended Reality ins Leben gerufen. Oculus-Headsets (jetzt im Besitz von Facebook/Meta) haben es möglich gemacht, sich in der virtuellen Realität zu bewegen.

Die Blockchain liefert nun das Transaktionssystem, und Supercomputer stellen die enorme Rechenleistung zur Verfügung, die das Metaverse benötigt. All diese Technologien zusammen haben die neue Umgebung geschaffen, in der man durch seinen Avatar (eine digitale Identität) leben, zum Arbeitsplatz gehen, das Auto seiner Lieblingsmarke kaufen, reisen und Land erwerben kann, während man durch sein Meta Quest-Headset (früher Oculus) blickt.

Es ist das Versprechen einer virtuellen Nachbildung unserer Welt, ohne ihre alltäglichen Mühen.

Business Angels und Investmentfonds springen auf den Zug auf. Auch Konzerne wie Nike und Disney haben sich positioniert, um von diesem Markt zu profitieren, der 2024 nach Schätzungen von Bloomberg 800 Mrd. $ gross sein wird.

Wenn man sich mit Metaverse-Technologien befasst, stehen dieselben alten, grossen Unternehmen erneut in der Gunst: Facebook ist als Betreiber eines eigenen Metaverse und Hersteller der führenden Headsets unumgänglich. Die chinesischen Akteure entwickeln ihre eigenen Metaversen – Baidu, NetEase, ByteDance, während Tencent schon früh in diesem Bereich mitmischte.

Viele Unternehmen positionieren sich

Bereiche wie VR-Software (Unity Software, Autodesk, Roblox), Cloud (Google, Tencent, Amazon), künstliche Intelligenz (Nvidia, Open AI) oder Cybersecurity sind entscheidend, um im Metaverse Fuss zu fassen. Anbieter von vernetzten Objekten, Kameras oder Netzwerken sind ebenfalls wichtige Akteure, wie Samsung, Nintendo, Apple, Microsoft, HP, Sony und Verizon.

Wi-Fi 6 wird sehr wichtig werden, um ein reibungslos funktionierendes Erlebnis zu haben, während sich eine Milliarde Menschen gleichzeitig auf einer Plattform verbinden will. In diesem Bereich werden Anbieter wie Skyworks oder Qorvo zum Zug kommen.

In der Schweiz wird Logitech vom Appetit auf vernetzte Geräte profitieren. Auch Schweizer Start-ups verdienen Aufmerksamkeit: Das Zürcher Unternehmen Animatico entwickelt virtuelle Spieler, die dazu beitragen, sich wiederholende Funktionen und Interaktionen zu standardisieren. Das Genfer Unternehmen Dreamscape Immersive, das bereits Millionenbeträge von den Studios Warner, Fox und MGM erhalten hat, hat vier VR-Freizeitparks in den USA und einen in Dubai eröffnet, die von Avataren besucht werden können.

Das in Lausanne ansässige Unternehmen Creal arbeitet an den Headsets der Zukunft, um den Mangel an Qualität von Augmented-Reality-Bildern zu beheben, um die Ermüdung der Augen zu vermeiden.

Eine einfache und schnelle Möglichkeit, das Potenzial einiger Aktien mit Bezug zum Metaverse zu evaluieren, sind Tracker-Zertifikate. Anleger in Franken können an der Schweizer Börse einige davon finden: Vontobel, die erste Anbieterin, lancierte im Oktober ein zweijähriges Tracker-Zertifikat in Franken auf den Metaverse Basket. Leonteq Securities emittierte im November einen Tracker mit offener Laufzeit auf den Swissquote Metaverse Index. Julius Bär lancierte einen Einjahres-Tracker auf eine Mischung aus Metaverse- und NFT-Aktien. Hottinger Capital legte einen Fünfjahres-Tracker auf das Metaverse auf und verspricht ein Aufwärtspotenzial von 15-25%.

Ein Problem ist, dass diese Produkte noch sehr jung sind und nur kurze Laufzeiten bieten. In den vergangenen Wochen haben sich Tech-Aktien aus vielen Gründen schlecht entwickelt, unter anderem wegen der erwarteten Zinserhöhungen der US-Notenbank. Die meisten dieser Zertifikate haben sich deshalb schlechter entwickelt als der Weltaktienmarkt. In den Trackern dominieren die grossen Unternehmen und sie enthalten nur wenige fokussierte Player. Eine Ausrichtung auf Start-ups hätte eindeutig mehr Potenzial.

Eine Investition aus Angst, etwas zu verpassen, könnte jedoch verfrüht sein. Stéphane Monier, Chief Investment Officer von Lombard Odier, warnt vor einigen grossen Herausforderungen wie der mangelnden Interoperabilität zwischen den verschiedenen Metaverse-Plattformen. Die Nutzer werden noch eine Weile nicht in der Lage sein, zwischen den Plattformen zu navigieren, so Monier. Eine weitere Herausforderung ist die Datensicherheit generell, aber dies betrifft auch GAFAM-Nutzer (Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft).

Stromausfall bedeutet das Ende der Welt

Dazu kommt: Die Abhängigkeit von Glasfaserkabeln und Strom war noch nie so gross wie heute, aber sie wird noch weiter zunehmen. Diese Dimension wird von jüngeren Generationen eindeutig vernachlässigt. Da sich die Welt allmählich von der realen in die virtuelle Welt verlagert, könnten die Millennials einen Teil ihrer Lebenserfahrungen in den digitalen Bereich verlagern, vor allem aber könnten sie künftig einen beträchtlichen Teil ihrer persönlichen Vermögenswerte und Besitztümer in numerischer Form halten.

Ohne Internetverbindung oder im Falle eines weltweiten Stromausfalls kommt das alles zum Stillstand. Es wird das Ende dieser neuen Welt sein, aber vor allem das Ende des Metaverse und all dessen, was es enthält. 99% der Internetverbindungen nutzen Unterseekabel, die das Rückgrat der weltweiten Kommunikation sind. Schon bald werden deshalb die Internetverbindungen und die Stromversorgung zu einem lebenswichtigen Thema und zu einer zentralen Schwachstelle werden, die ernsthaft angegangen werden muss und globale Notfallrisiko-Szenarien erfordert.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.