Meinung

Der Kassenzettel der Eigenverantwortung: ein liberales ökonomisches Gedankenspiel

Mit Blick auf die Pandemiebekämpfung ist viel von Eigenverantwortung die Rede. Oft ist damit nur gemeint, jeder könne tun und lassen, was er will. Aus ökonomisch-liberaler Sicht ist das grundfalsch.

Karen Horn
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Bundesrat Ueli Maurer haut immer gern Sprüche raus. In ihrer Pointierung sind sie für seine Anhänger ebenso ergötzlich, wie sie seine Kritiker auf die Palme treiben.

Das ist in Ordnung, denn man kann die reisserischen Sprüche auch einfach als kreativen Denkanstoss nehmen, zum Beispiel die vom Finanzminister selbst als «philosophisch» klassifizierte Äusserung zur Impf-Entscheidung im Sonntags-Blick: «Wenn Sie sterben, sterben Sie; wenn Sie gesund bleiben, bleiben Sie gesund; und wenn Sie jemanden anstecken, ist das Ihre Verantwortung.»

Vor allem mit dem letzten Drittel dieses Satzes fand Maurer tatsächlich einen interessanten ethischen Dreh zur Begründung der in seiner Partei, der SVP, gängigen vulgärliberalen Überzeugung, ob sich jemand impfen lassen wolle oder nicht, gehe allein ihn selber an.

Wohin aber führt diese Maurer’sche Verantwortungsethik, wenn man sie in einem Gedankenspiel weiterspinnt und ihre Bedingungen genauer ausbuchstabiert?

Zu nichts Gutem, soviel sei schon verraten, und gewiss zu nichts Freiheitlichem.

Vom Umgang mit Externalitäten

Maurer erkannte immerhin das Kernproblem an, den Treiber einer jeder Pandemie: die Nebenwirkungen individuellen Handelns, die «Externalitäten». Wenn ich mich infiziere und krank werde, bin deshalb voraussichtlich nicht nur ich selber krank, sondern es besteht eine gesteigerte Wahrscheinlichkeit, dass ich, sofern ich mich nicht vollständig isoliere, auch andere Menschen in die Krankheit mit hineinreisse. Für diese gilt dann wiederum dasselbe.

Der exponentielle Effekt, der sich durch ein hochansteckendes Virus aus einem solchen Handeln für die Gesellschaft ergibt, liess sich in den vergangenen anderthalb Jahren hinreichend gut besichtigen. Die Externalität, die von einem infizierten Einzelnen ausgeht, trifft dabei nicht nur eine oder wenige Personen, sondern letztlich die ganze Gesellschaft. Dieser Zusammenhang bleibt bestehen, solange die Impfquote im Land unzureichend ist.

Aus der Wirtschaftswissenschaft kommt der beste Ansatz dafür, in einer ordnungspolitisch aufgeklärten Gesellschaft mit Externalitäten umzugehen: Man sieht zu, dass Verursacher einer Externalität die Kosten zu tragen haben, die ihr Handeln den Mitmenschen auferlegt. Wenn diese Kosten in ihr Entscheidungskalkül einfliessen, dann bleibt ihr Tun in der Regel davon nicht unberührt, sondern sie passen es an. Diese Logik einer «Internalisierung» von Externalitäten liegt allen Lenkungssteuern zugrunde, nicht zuletzt der CO2-Abgabe.

Ungefähr so denkt auch Maurer. Allerdings ist er kein Ökonom, sondern Buchhalter. Buchhalter arbeiten mit klaren Regeln. Aber Maurer, der sich wie viele Nationalkonservative für einen Liberalen hält, will nun gerade nicht zu klaren Regeln greifen. Offenbar lehnt er sogar das fundamentale «Harm principle» des liberalen Philosophen John Stuart Mill (1806-1873) ab, wonach das individuelle Handeln, positiv gewendet, immerhin dann durch das Recht eingeschränkt werden darf, ja sogar muss, wenn es andere Menschen schädigt.

Ersatzweise verortet Maurer, der sonst gern als Moralismus-Kritiker auftritt, die notwendige Internalisierung des Ansteckungseffekts ausschliesslich auf der moralischen Ebene: Falls ich mich nicht impfen lasse, mich infiziere und krank werde, andere Menschen anstecke und somit meinen persönlichen Schmetterlings-Flügelschlag zum Pandemie-Chaos beitrage – dann werde ich mein Lebtag von einem schlechten Gewissen geplagt sein. Ich werde wissen, dass ich in der Hölle schmoren werde. Und deswegen lasse ich das lieber.

Eigenverantwortung als Verantwortung für Mitmenschen

Dies ist Maurers durchaus nicht verfehltes Verständnis von Eigenverantwortung: Es gilt unter der Sanktionsdrohung des eigenen aufgeklärten Gewissens schon im Voraus zu erkennen, was das richtige Handeln ist, um im Fall einer eigenen künftigen Infektion zu verhindern, dass sich andere Menschen anstecken – und es gilt dann auch dementsprechend zu handeln.

Denn Eigenverantwortung bedeutet entgegen einem verbreiteten Missverständnis nicht bloss, dass sich jeder Mensch ungestört um seine eigenen Angelegenheiten kümmern möge. Vielmehr umschliesst sie immer auch die persönliche Verantwortung für die Mitmenschen.

Hier nun kann Eigenverantwortung nur heissen: Ich lasse mich vorsorglich aus freien Stücken impfen. Oder: Ich sperre mich, aus ebenso freien Stücken, auf vorerst unabsehbare Zeit hermetisch ein. Was attraktiver ist, mag natürlich jede und jeder selbst frei entscheiden.

Beides indes wäre eine sittlich akzeptable Entscheidung. Dazwischen gibt es bei gegebener Sachlage rein gar nichts; Maurers «Selbstbeschränkung», nicht auf allzu grosse Anlässe zu gehen und nichts zu «provozieren», wie er im genannten Interview empfiehlt, ist beschämend lau.

Selbst Smith zweifelte am menschlichen Gewissen

Damit ich nun jedenfalls bei einer dieser beiden akzeptablen Handlungsoptionen lande, dem Impfen oder dem Isolieren, darf mein moralisches Urteil nicht allzu vielen Anfechtungen und Verzerrungen unterliegen. Ich brauche für meine Abwägung die Unterstützung durch einen klaren, durchsetzungsstarken «unparteiischen Beobachter in der eigenen Brust», wie einst der Moralphilosoph und Ökonom Adam Smith (1723-1790) das Gewissen konzipierte.

Der grosse liberale Aufklärer aus Schottland wusste allerdings genau um die Nachgiebigkeit der Menschen mit sich selbst, um die Versuchungen, die Wahrnehmungsverzerrungen und die sich daraus ergebende Unvollkommenheit des menschlichen Urteils, dem unparteiischen Beobachter zum Trotz.

Smith gab sich keinerlei Illusionen hin: Unsere Urteile sind oft falsch. Wie sagte auch sein preussischer Zeitgenosse Immanuel Kant (1724-1804)? «Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.»

Die Sanktionsdrohung des eigenen Gewissens genügt mithin nicht immer. Oft ist sie infolge kognitiver Dissonanz auch schlicht nicht glaubwürdig. Oder die Fähigkeit zur Selbstbindung lässt mich im Stich. Wer ist schon so konsequent wie Odysseus, der sich stramm an den Mast seines Schiffes binden liess, um keinesfalls den Sirenengesängen zu erliegen? Stattdessen flüchte ich mich in «Einmal-ist-keinmal»-Argumentationen. Oder ich behaupte, das Virus sei gar nicht so schlimm. Oder ich gebe der Person, die ich angesteckt habe, eine Mitschuld: Warum hat diese Person sich mir denn überhaupt ausgesetzt?

Das heisst: Die in meine persönliche Zuständigkeit gelegte Gewissenssanktion, die mein Wohlverhalten garantieren soll, ist leider notorisch instabil und unzuverlässig. Für die Internalisierung externer Effekte von dem gewaltigen Ausmass, wie sie Corona entfaltet, ist dergleichen aus Perspektive der Gemeinschaft nicht hinreichend.

Ohne Verantwortung keine Freiheit

Was aber, wenn ich nicht Bock und Gärtner zugleich wäre, sondern die Zuständigkeit für die Sanktionierung von Fehlverhalten bei einer externen, sachlich objektiven Instanz läge? Und könnte man nicht zugleich die Sphäre von Moral und Moralismus verlassen und durchsetzen, dass jede ungeimpfte Person, die eine andere ansteckt, die Folgekosten tragen muss?

Aus ökonomisch inspirierter liberaler Sicht wäre das naheliegend. Ohne Verantwortung kann es schliesslich keine Freiheit geben, und Verantwortung bedeutet Haftung.

Ökonomisch statt moralisch gefasst, müsste eine solche Haftung also eine Zahlungspflicht auslösen. In Rechnung zu stellen wären mindestens die angefallenen Behandlungskosten des Opfers, dessen Verdienstausfall sowie ein Schmerzensgeld, das umso höher ausfallen müsste, je schwerer die Symptome wiegen, oder gar eine Entschädigung der Hinterbliebenen. (Das Fass der Behandlungskosten des Verursachers selbst muss man an dieser Stelle nicht auch noch aufmachen.)

Die Haftungssumme bezöge sich indes nicht nur auf die erste angesteckte Person, sondern auf die ganze Kette an Ansteckungsopfern, die alle auf denselben Erstverursacher zurückgehen. Zudem bräuchte es einen pauschalen Beitrag zur Kompensation nicht nur der direkt Betroffenen, sondern auch der im pandemischen Geschehen zurückgeworfenen, im Alltag weiterhin gelähmten Gemeinschaft.

Keine Ahnung, wer das ausrechnen könnte, aber eins ist klar: Der Kassenzettel der Eigenverantwortung würde derart lang und die Summe so horrend, dass es kaum jemand mehr darauf ankommen lassen und auch nur eine Sekunde daran zweifeln würde: Die Alternative kann nur Impfen oder strikte Isolation heissen.

Ueli Maurer trifft George Orwell

Allerdings gibt es freilich ein technisches Problem: das «Tracing». Schon jetzt funktioniert ja die Rekonstruktion der Ansteckungsketten nicht gut; dazu ist die Verwaltung zu langsam und das Virus zu schnell.

Im ökonomischen Sanktionsmodell wären also die Verursacher fein raus: Was die Gesellschaft nicht weiss, macht mich nicht heiss. Es sei denn, es würden erhebliche Ressourcen in eine Perfektionierung des dann nicht mehr bloss informativ-präventiven, sondern der Überwachung dienenden, strafbewehrten Nachvollzugs gesteckt.

Das kann man theoretisch natürlich machen; es sei denn, der Kassenwart der Nation hätte dazu keine Lust.

Und wenn wir diesen speziellen, etwas irren Traum von der effizienten Sanktionierung in der Hoffnung auf ein gesellschaftlich hinreichend eigenverantwortliches Verhalten ausgeträumt haben, dann wachen wir in welchem Jahr wieder auf?

Genau, 1984. Ueli Maurer trifft George Orwell.

Über das Gewissen und die Verantwortung von Politikern wäre bei Gelegenheit auch wieder einmal nachzudenken.

Karen Horn

Karen Horn steht mit einem Bein in der Wissenschaft und mit dem anderen in der Publizistik. Sie lehrt ökonomische Ideengeschichte und Wirtschaftsjournalismus an der Universität Erfurt. Ihr wissenschaftliches Interesse liegt an der Schnittstelle der Ökonomie zu Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte; vorrangig beschäftigt sich Karen Horn mit dem Denkgebäude des Liberalismus. Daneben schreibt die frühere Wirtschaftsredaktorin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung regelmässig für diverse Zeitungen, Magazine und Online-Dienste. Zudem ist sie Mitherausgeberin und Chefredaktorin der Fachzeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik». Sie lebt in Zürich. www.karenhorn.de
Karen Horn steht mit einem Bein in der Wissenschaft und mit dem anderen in der Publizistik. Sie lehrt ökonomische Ideengeschichte und Wirtschaftsjournalismus an der Universität Erfurt. Ihr wissenschaftliches Interesse liegt an der Schnittstelle der Ökonomie zu Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte; vorrangig beschäftigt sich Karen Horn mit dem Denkgebäude des Liberalismus. Daneben schreibt die frühere Wirtschaftsredaktorin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung regelmässig für diverse Zeitungen, Magazine und Online-Dienste. Zudem ist sie Mitherausgeberin und Chefredaktorin der Fachzeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik». Sie lebt in Zürich. www.karenhorn.de