Meinung

Der lange Pfad zur Internationalisierung des Renminbi

Trotz zunehmender globaler Nachfrage wird die chinesische Valuta nicht an die Bedeutung des Euro oder des Dollars herankommen. Ein pragmatischeres Ziel ist die Angleichung an das Pfund Sterling oder den Yen.

Jörg Wuttke
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Die Konfrontation zwischen den USA und China hat viele Beobachter zu der Annahme veranlasst, dass sich China weiter vom Dollar abwenden und die Internationalisierung des Renminbi fördern wird, indem es Länder, denen es an Dollar mangelt, davon überzeugt, den Renminbi im Handel einzusetzen. Diese Idee scheint sich auf den ersten Blick durchzusetzen, da die Türkei vor kurzem ihren Importeuren erlaubt hat, Rechnungen in Renminbi zu bezahlen.

Diese Argumentation hat ihren Sinn, aber es ist wichtiger, die Realität zu betrachten. Die Internationalisierung des Renminbi hat sich von dem Kater der Abwertung in den Jahren 2015/16 erholt. Sie ist mehr von einer fundamentalen als von einer spekulativen Nachfrage angetrieben worden, da Peking seine Politik vom Aufbau einer «starken Währung» auf einen pragmatischeren Ansatz mit besserer Marktinfrastruktur umgestellt hat.

Eine internationale (aber nicht so wichtige) Reservewährung

Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass der Fortschritt sehr viel langsamer geworden ist. Der Renminbi ist zwar die fünftgrösste Reservewährung der Welt, aber laut der letzten Aktualisierung der COFER-Datenbank des IWF machte er Ende März nur 2% der globalen Devisenreserven aus. Der Dollar ist nach wie vor die dominierende globale Reservewährung mit 62% der weltweiten Devisenreserven. Der Euro liegt mit 20% an zweiter Stelle. Auch der japanische Yen und das britische Pfund sind mit 5,7% bzw. 4,4% der globalen Devisenreserven beliebter als der Renminbi.

Der Anteil des Renminbi läge bei 2,7%, wenn man Chinas Devisenreserven in Höhe von 3,1 Bio. $ aus dem Nenner herausrechnet, aber die Fortschritte bei der Internationalisierung sind noch sehr langsam. Immerhin dauerte es drei Jahre, bis der Renminbi seinen Marktanteil um einen Prozentpunkt steigern konnte. Das war sogar noch langsamer als die konservativen Schätzungen vor einigen Jahren.

2018 führte Chinas Zentralbank (PBoC) eine Umfrage unter mehr als 3000 Unternehmen und Finanzinstitutionen durch, in der ein Drittel der Befragten erwartete, dass der Status des Renminbi den Euro oder den Dollar erreichen würde, und ein weiteres Drittel glaubte, dass er mit dem Yen oder dem Pfund Sterling gleichziehen könnte (ohne Angabe des Zeitrahmens).

Aber wenn der Renminbi dem Trend der letzten drei Jahre folgt, wird es ein Jahrzehnt dauern, bis die chinesische Währung den Anteil des japanischen Yen erreicht hat, und die heutigen Marktteilnehmer können vergessen, dass der Renminbi bis zum Ende ihrer Karriere mit dem Euro konkurriert, geschweige denn mit dem mächtigen Dollar.

Es scheint, dass die Manager globaler Währungsreserven den Kauf von auf Renminbi lautenden Vermögenswerten verlangsamt haben, da der Gesamtbetrag der globalen Devisenreserven in Renminbi in den letzten zwölf Monaten nur um 10 Mrd. $ gestiegen ist, verglichen mit der raschen Anhäufung von Ende 2017 bis Anfang 2018.

Bei genauerem Hinsehen ist der scharfe Kontrast jedoch auf einen einzigen grossen Akteur zurückzuführen – die Zentralbank Russlands (CBR). Die CBR diversifizierte ihre Devisenreserven radikal, indem sie den Anteil des Dollars zwischen dem vierten Quartal 2017 und dem zweiten Quartal 2018 von 45% auf 22% reduzierte. Gleichzeitig erhöhte sie den Anteil des Euro und des Renminbi von 22% auf 32% bzw. von 3% auf 15%.

Russische Notenbank war für Grossteil der Renminbi-Nachfrage verantwortlich

Tatsächlich war der grösste Teil des Anstiegs der weltweiten Devisenreserven in Renminbi der Zentralbank Russlands zu verdanken, die in diesen drei Quartalen Vermögenswerte im Wert von insgesamt 63 Mrd. $ in Renminbi kaufte und nun 30% der Devisenreserven in Renminbi hält. Im Vergleich dazu kaufte der Rest der Welt im gleichen Zeitraum nur 22 Mrd. $ an auf Renminbi lautenden Vermögenswerten.

Als die CBR Mitte 2018 die Diversifizierung ihrer Reserven abschloss, kehrte der Anstieg der weltweiten Devisenreserven in Renminbi wieder auf den Pfad von 10 bis 20 Mrd. $ pro Jahr zurück.

Der Privatsektor erhöhte sein Engagement in auf Renminbi lautenden Vermögenswerten noch aggressiver, da die gesamten Auslandsguthaben in den letzten zwölf Monaten um mehr als 120 Mrd. $ zunahmen. Die ausländischen Bestände an chinesischen Onshore-Obligationen stiegen im Mai auf 2,4 Bio. RMB (330 Mrd. $), das sind 20% mehr als vor einem Jahr. Mehr als die Hälfte der Bestände entfällt auf chinesische Staatsanleihen (CGB), und ausländische Investoren besitzen 8% des Marktes.

Dies sollte der PBoC angerechnet werden, da sie den Marktzugang wesentlich erleichterte, indem sie Anlegern erlaubte, Konten direkt am China Interbank Market (CIBM) zu eröffnen und den Bond Connect mit der Hongkonger Börse lancierte. Die Connect-Programme sind bei ausländischen Investoren recht beliebt. Der Gesamtzufluss über den Stock Connect erreichte bis Ende Juni 166 Mrd. $, das sind 54 Mrd. $ mehr als vor einem Jahr.

Auch die Verwendung des Renminbi für die Abwicklung von Handelsgeschäften hat in den letzten zwei Jahren leicht zugenommen. Etwa 4 Mrd. des chinesischen Warenhandels werden jährlich in Renminbi abgewickelt, was 14% des Gesamthandels ausmacht.

Dies liegt zwar immer noch weit unter dem Höchststand in den Jahren 2014/15, ist aber wahrscheinlich realer, da ein Grossteil der damaligen Renminbi-Abwicklungen durch Wechselkurs- und Zinsarbitrage getrieben wurde und wenig mit der grundlegenden Nachfrage zu tun hatte. Der Vorbehalt besteht darin, dass wahrscheinlich immer noch ein grosser Teil der Abrechnungen zwischen Unternehmen auf dem chinesischen Festland und chinesischen Firmen in Hongkong erfolgt, was bedeutet, dass nur wenige ausländische Firmen beteiligt sind.

Das nächste Jahrzehnt

Solange die PBoC am gegenwärtigen pragmatischen Ansatz festhält, bleibt das plausibelste Szenario für den Renminbi, dass seine Bedeutung im Welthandel und bei den Finanzinvestitionen langsam steigt, dass es aber höchst unwahrscheinlich ist, dass er im nächsten Jahrzehnt mit dem Euro oder gar dem Dollar konkurrieren wird.

Die grösste Quelle für die Nachfrage nach Renminbi werden nach wie vor private Vermögensverwaltungsfirmen sein. Die auf Renminbi lautenden Anleihen, insbesondere Staatsanleihen und die quasi staatlichen Bankanleihen, wirken attraktiv. Dies liegt zum Teil daran, dass sie immer noch ordentliche Renditen bieten, während die Renditen der meisten Staatsanleihen in den entwickelten Märkten nahe Null liegen oder sogar negativ sind.

Zum Teil liegt es auch daran, dass sie eine sehr geringe oder negative Korrelation mit anderen wichtigen Vermögenswerten in der Welt aufweisen. Es ist wahrscheinlich, dass ausländische Investoren ihren Bestand an Renminbi-Anleihen in den nächsten Jahren weiterhin um rund 50 Mrd. $ pro Jahr erhöhen werden.

Für die Verwalter der staatlichen Devisenreserven sind die Entscheidungen viel politischer. Die Entscheidung Russlands, den Anteil von Renminbi an seinen Währungsreserven zu erhöhen, war darauf zurückzuführen, dass Moskau über die US-Sanktionen besorgt war. Die CBR kaufte auch eine beträchtliche Menge an Vermögenswerten, die auf Euro und Yen lauten. Ein solch sprunghafter Anstieg in den globalen Devisenreserven ist für den Renminbi nur dann wieder möglich, wenn ein anderes grosses Land eine radikale Diversifizierung weg vom Dollar anstrebt.

Aber Russlands Devisenreserven sind die viertgrössten der Welt, hinter China, Japan und der Schweiz. Die meisten anderen grossen Reserveverwalter sind Verbündete der USA und werden sich wahrscheinlich nicht wie Moskau vom Dollar trennen. Daher wird jeder zusätzliche Kauf von auf Renminbi lautenden Vermögenswerten genauso schrittweise erfolgen wie vor der Diversifizierung der russischen Zentralbank.

Auch die Rolle des Renminbi im Handel wird nur langsam wachsen. Die Nachricht aus der Türkei war eine positive Überraschung, aber sie löst eine Schlüsselfrage nicht: Wie kommen die Türken überhaupt an Renminbi? Immerhin hat die Türkei mit China ein signifikantes Handelsdefizit, mit jährlichen Importen von 19 Mrd. $ und Exporten von nur 2,7 Mrd. $.

Die Türkei hat einfach keine Chance, genug Renminbi zu erhalten, um ihre Importe aus China zu decken. Das ist ein weit verbreitetes Problem, da die meisten Länder grosse Handelsdefizite mit China haben. Nur einige wenige Staaten in Ostasien und am Golf haben Überschüsse.

Der Währungsswap reicht nicht

In den Nachrichten wurde berichtet, dass die türkische Zentralbank den lokalen Währungsswap mit der PBoC aktivierte, um Zugang zum Renminbi zu erhalten, und den lokalen Firmen Finanzmittel zur Verfügung stellte. Der Währungsswap der Zentralbank ist jedoch nur eine Notfallmassnahme und kann den Händlern keine tägliche Finanzierung bieten. Der Privatsektor muss Zugang zu der Währung haben, bevor er bereit ist, sie öfter zu verwenden, was derzeit nicht möglich ist.

Die PBoC wäre auch nicht daran interessiert, diesen Swap zu häufig durchzuführen. Die Swap-Vereinbarung wurde 2019 mit einem Gesamtumfang von 12 Mrd. RMB und 10,9 Mrd. Türkischer Lira erneuert. Während der Umfang des Renminbi bei der Erneuerung unverändert blieb, hat sich das Volumen der Türkischen Lira in dreieinhalb Jahren mehr als verdoppelt. Die türkische Währung hat sich in diesem Zeitraum um 50% abgewertet, und die PBoC hat kein Interesse daran, sie in nennenswertem Umfang zu halten.

Länder, die gegenüber China ein Defizit aufweisen, haben nur begrenzten Zugang zum Renminbi, und diejenigen, die Überschüsse erzielen, sind nicht so begeistert, den Grossteil ihrer Einnahmen in Renminbi zu halten. Die strategisch wichtigsten Importgüter Chinas, wie Rohöl, Gas und Halbleiter, werden immer noch in Dollar abgerechnet.

Es gab zwar Gerüchte, wonach China begann, für russisches Erdgas in Renminbi zu bezahlen, aber das wurde nie bestätigt. Tatsächlich haben Beamte sowohl in Peking als auch in Moskau erklärt, dass der Grossteil des bilateralen Handels immer noch in Dollar abgewickelt wird.

Es lohnt sich zu beobachten, ob China beginnt, die Golfstaaten für ihr Öl in Renminbi zu zahlen. Es gibt jedoch kaum einen Grund, warum Saudi-Arabien oder der Irak den Renminbi dem Dollar vorziehen würden. Auch wenn China den eigenen Kapitalmarkt geöffnet hat und die Anleihen attraktivere Renditen bieten als viele andere, kann die chinesische Valuta nur auf dem heimischen Markt investiert werden. Die Wahlmöglichkeiten mit dem Dollar sind ungleich grösser. Jede Renminbi-Regelung mit den Golfstaaten würde daher eher symbolischer Natur sein.

Jörg Wuttke

Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.
Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.