Die Meinung

Der letzte Schritt, bevor Maschinen die Märkte beherrschen

Seit dem Aufkommen des Hochfrequenzhandels, künstlicher Intelligenz und Big Data gehört die Finance zu den am stärksten computerisierten Aktivitäten überhaupt. Mit dem Einzug der Quantencomputer nähern wir uns der vollständigen Robo-Finance.

Myret Zaki

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Ich erinnere mich, wie der Börsenhandel ein beliebtes Hobby war, als ich Ende der Neunzigerjahre meine Karriere begann. Wie in den USA gab es in der Schweiz damals eine breite Aktienkultur. Angesteckt vom Internet-Fieber, wurden gewöhnliche Sparer zu Amateur-Händlern, die sich an der Börse versuchten.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie freie Kolumnistin und Beraterin für Influencer-Strategien.
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So konnte etwa eine Hausfrau über ihre neuesten Aktienfavoriten reden oder ein Taxifahrer erzählte Anekdoten darüber, wie er von einem Freund in den Börsenhandel eingeführt wurde. Alle gingen davon aus, dass die Zahl der Sparer und der anderen Neugierigen, die sich in Hobbyhändler verwandelten, in Zukunft markant zunehmen würde, denn das Aktieninvestieren war in der Schweizer Sparkultur verwurzelt. Es war gang und gäbe, dass ein Familienoberhaupt in Aktien von Bluechip-Unternehmen wie Ciba-Geigy oder Kreditanstalt investierte.

Es geht auch ohne Menschen

Für Profis und Nicht-Profis gleichermassen hatte der Dotcom-Boom eine klare menschliche Note. Damals erinnerte sich noch jeder an physische Handelsplätze, in denen Broker Taschenrechner verwendeten. Heute lassen mich diese Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit wie eine alte Rentnerin klingen, die auf ihrem Schaukelstuhl dummes Zeug schwätzt.

Stattdessen wurde die Aktien-Handelskultur um die Jahrtausendwende durch den Dotcom-Crash ausgelöscht. Kleinanleger verbrannten sich die Finger – und verloren ihr Vermögen.

Schon 1996 hatten die traditionellen Börsen Genf, Zürich und Basel der vollelektronischen SIX Platz gemacht. Der elektronische ersetzte den Parketthandel. Bald hatten die Computer an den Märkten das Sagen. Technologie und eine strengere Regulierung verdrängten allmählich die kleinen Akteure, und für die Hochfinanz begann eine anspruchsvollere und professionellere Ära, während die populäre Aktienkultur nie wieder zurückkehrte.

Jeder ist austauschbar

Zwanzig Jahre später werden selbst einige traditionelle Vermögensverwalter durch Maschinen ersetzt. Die Anlagestrategien werden von künstlicher Intelligenz entworfen, manchmal ganz ohne menschliches Zutun. Die Marktaktivität ist zu fast 100% computerisiert.

Derzeit bestehen weniger als 10% des Börsenhandels aus Einzelaktienvolumen, die von aktiven Managern aus Fleisch und Blut ausgelöst werden; die restlichen 90% bestehen aus breiten Indexderivaten, Optionsabsicherungsgeschäften, Programmhandel, Hochfrequenz-Handelsalgorithmen (die die Hälfte des täglichen Volumens in den USA ausmachen) und weitgehend automatisierten passiven Indexanlagen (ETF).

Der passive Handel macht inzwischen mehr als 40% aller Aktieninvestments aus (50% in den USA). Es ist wohl ein Zeichen der Zeit: Der automatisierte Handel hat den traditionellen Handel in den USA knapp überholt, 35% der Aktien werden in Fonds investiert, die von Computern verwaltet werden, gegenüber 24% in Fonds, die von Menschen verwaltet werden. Quantitative Fonds machen heute den grössten Teil des institutionellen Handels aus (35%).

Einige Investmentfonds haben sich in veritable Forschungs- und Entwicklungslabore verwandelt, die auf der Grundlage wissenschaftlicher Methoden Überschussrenditen – Alpha – erzielen wollen. Ihre Quant-Ingenieure verarbeiten grosse Datenmengen, einschliesslich Satellitenbilder verschiedener wirtschaftlicher Aktivitäten wie etwa der Zirkulation von Autos, Schifffahrtsaktivitäten oder Kreditkartentransaktionen, und verwerten die Daten mittels Deep Learning.

Menschen sind zu emotional

Das hilft ihnen, Algorithmen zu entwickeln, die in der Lage sind, kurzfristige Preisbewegungen vorherzusagen. Zugegebenermassen steht die Verhaltensforschung auf der Seite des Computerhandels. Wegen der Irrationalitäten, unter denen Menschen leiden, wie Angst und Gier, neigen sie dazu, zu hohen Kursen zu kaufen und bei niedrigen zu verkaufen. Und sie machen immer wieder die gleichen Fehler.

Daher ist die allgemein akzeptierte Doktrin, dass man Wege finden muss, die Emotionen aus den Märkten zu nehmen, und dass nur Maschinen dazu in der Lage sind. Die 30-jährige Erfolgsgeschichte des quantitativen Handels und seine neuere, prosaischere Version von Robo-Beratern scheinen den Anspruch auf konstant höhere Renditen zwar nicht zu erfüllen, bestätigen aber die Überlegenheit des mathematischen Handels bei gleichzeitiger Reduktion der Volatilität.

Dennoch wurde die Sicherheit dieser Art von Handel bis heute noch nie ausreichend getestet. Wir kennen die Risiken von Hochfrequenzplattformen bei der Auslösung von «Flash-Crashes», und wir sind uns bewusst, dass Algo-Trading dazu führen kann, dass grosse Mengen an Kapital gleichzeitig ähnliche Strategien verfolgen, was zu Herdenverhalten und zu einer erhöhten Instabilität an den Finanzmärkten führen kann.

Der Tod der Volatilität

Im Devisenhandel haben wir Fälle von massiven Carry-Trades gesehen, die synchronisiert in eine bestimmte Währung drängten, nur um über Nacht wieder abzuwandern. Das ist ein Phänomen, das tendenziell die Risiken am Markt verstärkt.

Die Auswirkungen auf die Volatilität sind nicht klar. Einerseits fiel die Zunahme des computergestützten Handels mit einer Ära insgesamt geringerer Volatilität zusammen, so dass traditionelle Day Trader und Market Maker das Nachsehen hatten: Ein zunehmend rationaler Handel hat dazu geführt, dass Ineffizienzen – und damit Gewinnmöglichkeiten – in fast allen Märkten verringert oder beseitigt wurden.

Eine Summe von Geschäften, die in eine Richtung verfolgt werden, wird zwangsläufig durch eine umgekehrte Summe von Geschäften in die andere Richtung ausgeglichen. Leerverkäufe sind ebenso wirkungsvoll wie Long-Käufe, und die VIX-Kurve (S&P 500 Volatilitätsindex) ist ein Beweis für diesen allgemeinen Rückgang der Volatilität.

Auf der anderen Seite müssen wir beachten, dass die Märkte nun seit einem Jahrzehnt von der Nullzinspolitik der Zentralbanken und ihrer massiven quantitativen Lockerung getrieben werden. Dies hat auch einen enormen Einfluss auf den Rückgang der Volatilität, da die Ergebnisse viel berechenbarer werden für die Marktteilnehmer, die im Grunde genommen gemeinsam mit den grossen Akteuren (den «Walen») wie der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank investieren.

Die Notenbanken nicht vergessen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Computer die Marktkräfte aus den Märkten entfernt haben, indem sie menschliche Fehler, Ineffizienzen und Risikoaufschläge (Spreads) reduziert haben. Das Gleiche gilt für die Zentralbanken, die heute neben Computern die zweitwichtigsten Marktteilnehmer sind, deren Tätigkeit gar diejenige der Ersteren überdecken könnte.

Die Informatisierung des Finanzsektors hat noch einen weiten Weg vor sich, denn nun treten wir in ein neues Zeitalter ein: in die Ära der Quantencomputer. Der Kampf um die Quantenherrschaft ist eröffnet, wobei ein Google-Prozessor kürzlich in weniger als 4 Minuten Berechnungen durchführte, die für normale Computer 10'000 Jahre in Anspruch nehmen würden. Diese Kapazität erhöht die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung exponentiell.

Der Finanzsektor in Führung

So ist es nicht verwunderlich, dass der Finanzsektor zu den grössten Interessenten dieser Technologie zählt. Kenntnisse bezüglich Quantencomputer sind bei Banken bereits sehr gefragt, und JPMorgan führt Experimente mit IBM durch. Laut Goldman Sachs könnte die Finanzdienstleistungsbranche als erste von dieser neuen Revolution profitieren, indem sie einen Quantenalgorithmus schneller auf den Markt bringt als jeder andere Sektor.

Diese Entwicklung könnte rechenintensive Optionspreisbewertungen und Risikobewertungen beschleunigen und den Weg zu vollumfänglich von Robotern getriebenen Märkten ebnen.

Die entscheidende Frage lautet, wie der Mensch mit der Komplexität mithalten kann. Wie beim Schach wurde der Mensch nun auch in der Finanzwelt von den Maschinen besiegt.

Vor dreissig Jahren waren die besten Investoren Menschen mit einer besonders guten Intuition. Nun scheint der wissenschaftliche Ansatz beim Investieren gewonnen zu haben. Aber schliesslich handelt doch jeder Finanzalgorithmus an Märkten, deren Fundament menschliche Aktivitäten mit all ihren Fehlern sind. Genau deshalb wird maschinelles Investieren nie annähernd völlig vorhersehbare oder garantierte Renditen erzielen.