Meinung

Der US-chinesische Technologie-Krieg ist eine Gefahr für europäische Unternehmen

Die Entkopplung zwischen den USA und China hat sich im Handel, auf den Finanzmärkten und in der Technologie bemerkbar gemacht. Letzteres hat mit Abstand die grössten Konsequenzen für europäische Unternehmen.

Jörg Wuttke
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Die Schlagzeilen des Jahres 2020 über die Abkopplung zwischen den USA und China konzentrierten sich auf Handel und Zölle, auf den Zugang zu den Finanzmärkten und zu einem grossen Teil auf die Verfügbarkeit (oder nicht) von Halbleitern. Es wurde erwartet, dass einige ausländische Unternehmen gezwungen sein würden, den Rückzug in die «Sicherheit» ihrer Heimmärkte anzutreten und damit China die Investitionen und Technologien vorenthalten würden, die es so dringend benötigt.

Eine Umfrage unter europäischen Unternehmen Ende Jahr warf ein Licht darauf, was diese tatsächlich als Ergebnis der Entkopplungsdynamik erlebten: Vergessen Sie den Handelskrieg und den Finanzkrieg, es ist ein Technologie-Krieg, der die Rahmenbedingungen und die Investitionspolitik der Unternehmen wirklich umgestaltet.

Der Handelskrieg hat die Ziele der Trump-Regierung – wie zu erwarten war – verfehlt, denn bilaterale Zölle sind in einer Welt, die auf globale Lieferketten angewiesen ist, sinnlos.

Die Grenzen eines Finanzkriegs liegen derweil in der Tatsache, dass der Dollar angesichts seines Status als globale Reservewährung und seines Überflusses an den internationalen Finanzmärkten selbst für Unternehmen, die in den USA sanktioniert werden, weiterhin leicht verfügbar wäre.

Eine Eskalation sowohl an der Handels- als auch an der Finanzfront ist selbstverständlich immer noch eine Option, aber nur, wenn die USA bereit sind, bei ihren Bemühungen, China Schaden zuzufügen, massive Schäden an ihren eigenen Interessen in Kauf zu nehmen. Diese «nukleare Option» ist aus aktueller Perspektive höchst unwahrscheinlich, es sei denn, China überschreitet eine wichtige geopolitische «rote Linie».

Europäische Unternehmen in der Mitte gefangen

Der eigentliche Schrecken liegt in der erzwungenen Trennung der technologischen Ökosysteme, die zwischen den USA und China entstanden ist. Europäische Unternehmen sind nun zwischen zwei diametral entgegengesetzten Kräften gefangen: Chinas forcierte Kampagne für technologische Selbständigkeit auf der einen Seite, und Amerikas Bedürfnis, die Dominanz in und die Kontrolle über bestimmte strategische High-Tech-Sektoren aufrechtzuerhalten, zusammen mit seiner immer umfassender werdenden Definition von «nationaler Sicherheit», auf der anderen Seite.

Im Bestreben, ein sich selbst tragendes technologisches Ökosystem aufzubauen, hat Chinas Führung Milliarden in staatliche Hilfen gesteckt, um die Lücke bei kritischen Inputs wie Halbleitern und Software zu schliessen. Das ganze Land ist angehalten, dieses Ziel zu erreichen. Die Hauptpriorität von Chinas Wirtschaftsplanungssitzung im Dezember 2021 ist der Aufbau wissenschaftlicher und technologischer Stärke durch ein «neuartiges System für die gesamte Nation».

Eines der Symptome dieses Strebens nach Eigenständigkeit ist eine zunehmende Skepsis gegenüber jeglicher ausländischer Technologie in China, besonders im digitalen Bereich. Explizite Beschränkungen des Marktzugangs, zum Beispiel in Telekommunikationsdiensten, sowie eine Politik, die «autonome und kontrollierbare» Technologie fordert, schliessen viele europäische Unternehmen aus einem Grossteil des Marktes aus. Damit schafft Peking Platz für lokale Champions, die als zuverlässiger angesehen werden.

Auf der anderen Seite geht das Misstrauen der USA gegenüber chinesischer Technologie bereits über die Fälle Huawei, ZTE, TikTok und WeChat hinaus. Während die Beschränkungen für chinesische Produkte und Dienstleistungen innerhalb der eigenen Grenzen verschärft wurden, ist Amerika auch mit Technologie-Exportkontrollen in die Offensive gegangen.

Das hat bereits Auswirkungen auf europäische Unternehmen, die jahrelang gerne die beste Technologie und digitale Lösungen in ihre Produkte integriert haben, unabhängig von deren Herkunft. Jetzt sind Technologie-Lösungen, die amerikanische und chinesische Inputs kombinieren, auf beiden Märkten zu einer Belastung geworden.

Je weiter sich die technologischen Ökosysteme der USA und Chinas voneinander entfernen, desto mehr Komponenten und Inputs sind davon betroffen.

Höhere Kosten, geringere Skaleneffekte

Diese Dynamik setzt europäische Unternehmen unter Druck, entweder den Aufbau eines «dualen Systems» oder die Einführung einer «flexiblen Architektur» in Betracht zu ziehen. In einem dualen System müssen zwei getrennte F&E-Aktivitäten (Forschung und Entwicklung) und Lieferketten geschaffen werden, von denen eine für China und die andere für den Rest der Welt bestimmt ist. Das Modell der flexiblen Architektur würde bedeuten, dass Unternehmen Lösungen und Produkte bauen, die so weit wie möglich «neutral» sind, wobei wichtige, betroffene Komponenten ausgetauscht werden können.

Beide Optionen sind mit enormen Kosten verbunden. Traditionellere Industrien, die in den Lieferketten weiter oben angesiedelt sind, werden von der technologischen Entkopplung weniger betroffen sein. Ein Chemiewerk zum Beispiel müsste in die Lokalisierung von Anlagen investieren, aber nicht in Komponenten. Spitzensektoren am Ende der Lieferketten werden am stärksten betroffen sein. Automobilhersteller zum Beispiel haben eine Vielzahl betroffener Komponenten, die hochspezialisierte Technologien aus verschiedenen Quellen verwenden.

Das Ergebnis einer verstärkten technologischen Entkopplung wird zu stark verminderten Skaleneffekten und einem massiven Anstieg der Ausgaben für Forschung und Entwicklung führen. Im weiteren Verlauf werden sich Regierungen darauf einstellen müssen, dass ihre Bürger mit höheren Kosten und weniger Arbeitsplätzen rechnen können.

Es gibt kein Zurück zu den «guten alten Zeiten» der optimal integrierten Globalisierung, und das sollten wir auch nicht anstreben – sie waren nachweislich nicht nachhaltig. Allerdings gibt es Alternativen zu dem selbstzerstörerischen Weg, der derzeit eingeschlagen wird.

Eine solche Kurskorrektur zum Besseren kann nicht unilateral sein. Der designierte Präsident Joe Biden muss bereit sein, die Tendenz der Trump-Regierung umzukehren, alles, was China betrifft, zu einer nationalen Sicherheitsbedrohung hochzustilisieren. Ebenso sehr ist auch die chinesische Seite gefordert, Ergebnisse zu produzieren und in ähnlicher Weise von der Kampagne für «Selbständigkeit um jeden Preis» abzurücken.

Jörg Wuttke

Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.
Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.