Meinung

Die Arktis – eine neue geopolitische Konfliktregion?

Acht Staaten tauschen sich im Arktischen Rat über Umwelt- und Entwicklungsfragen der Region aus. Da die Klimaerwärmung nun Schifffahrtsrouten öffnet, weckt das bei China ein strategisches Interesse an einem nördlichen Seeweg. Es hat für sich den Begriff «near Arctic state» erfunden.

Philippe Welti
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Wird die Arktisregion zu einem Spielball des globalen Wettlaufs um Macht und Einfluss? Während Jahrhunderten und Jahrtausenden war der Ozean, der den Nordpol umgibt, ganzjährig zugefroren; menschliches Leben konnte sich an seinen Küsten nur beschränkt entfalten.

Mit der beschleunigten Klimaerwärmung schmilzt die Eisdecke seit vierzig Jahren immer schneller und gibt während den Sommermonaten immer grösser werdende Teile für die Schifffahrt frei. Für eine kommerziell interessante Durchquerung bleibt die sogenannte Nordwestpassage durch die kanadische Inselwelt zwar schwierig. Die der russischen Nordküste entlang verlaufende Nordostpassage kann aber immer besser für eine kommerzielle Schifffahrt genutzt werden. Sie verbindet den Nordatlantik mit dem Nordpazifik.

Global bedeutsam ist die Route für den Handel zwischen Ostasien und Europa bzw. Nordamerika, weil sie, je nach Ausgangs- und Bestimmungshafen, den sonst üblichen Weg durch die Strasse von Malakka und den Suezkanal wesentlich verkürzt und damit verbilligt. Besonders Chinas Aussenhandel ist deshalb an einer Teilverlegung seiner Handelsrouten in die Arktis interessiert.

Was ist die «Arktisregion» überhaupt? Es ist einerseits der Ozean, der den Nordpol umgibt; er ist das kleinste der Weltmeere. Andererseits gehören auch fünf arktische Staaten zur Region, die mit ihren nördlichen Küsten an diesen Ozean angrenzen. Es sind im geografischen Uhrzeigersinn um den Nordpol herum Russland, Norwegen, Dänemark (wegen seiner Souveränität über Grönland), Kanada und die USA. Ebenfalls Ansprüche in der Arktisregion haben drei weitere arktische Staaten: Finnland, Schweden und Island.

Die acht Staaten haben zusammen den Arktischen Rat gegründet und üben seit einem Vierteljahrhundert eine stabilisierende Kontrolle aus, vor allem über Umwelt- und Entwicklungsfragen der Region. Strategisch bedeutsame Sicherheitsfragen sind von ihrer gemeinsamen Zuständigkeit aber ausgeschlossen.

Russland ist die arktische Supermacht

Die eigentliche arktische Supermacht ist Russland. Es lagert seine strategischen, d.h. nuklearen Waffen in der Region und unterhält hier permanent zwei Drittel seiner Seestreitkräfte. Ausserdem kann Russland die entlang seiner Nordküste onshore und offshore liegenden Öl- und Gasfelder ausbeuten und die Energieträger zu Land und auf Schiffen durch die Nordostpassage, heute auch North Sea Route genannt, nach Europa transportieren.

Angesichts sinkender Ölpreise werden die Gasvorkommen zunehmend bedeutsam. Von der zentral gelegenen Halbinsel Yamal wird Gas durch neue und teils im Bau befindliche Pipelines nach Westen geführt. Die Grossprojekte haben als Nord Stream 1 und 2 geostrategische Bedeutung erhalten. Die amerikanische Regierung fordert seit der Annexion der Krim durch Putins Russland und dem Erlass von Sanktionen gegen Russland, dass Europa auf den Bau dieser Pipelines verzichtet.

Ausgehend von der gleichen zentralarktischen Halbinsel Yamal baut Russland auch Infrastrukturen zur Herstellung und Verfrachtung von Flüssiggas – liquefied natural gas, (LNG) – das auf Schiffen sowohl nach Europa als auch, seit Januar dieses Jahres, nach Ostasien, insbesondere China, geliefert wird. China hat sich in den arktischen russischen LNG-Anlagen als Investor eingekauft und setzt damit einen Fuss in die Arktis.

Die Entwicklung illustriert, weshalb sich China, ohne geografische Logik, mit einem bisher unbekannten und an sich bedeutungslosen Begriff als «near Arctic state» bezeichnet und damit indirekt einen Anspruch auf Teilhabe an der arktischen Region erhebt. Was dieser Anspruch strategisch bedeutet, dokumentiert eine Aussage des chinesischen Präsidenten Xi Jinping von 2017, wonach China engagiert sei, Schifffahrtswege zu entwickeln. Insbesondere soll die nördliche Schifffahrtsroute die Ice Silk Road, die Seidenstrasse durch den arktischen Norden, lenken.

Der nördliche Seeweg wird zum Teil der Belt and Road-Initiative

Es ist also von chinesischer Seite 2017 kommuniziert worden, dass der durch die Klimaerwärmung sich weiter öffnende und durch russische Infrastrukturbauten unterhaltene nördliche Seeweg Teil der bald weltumspannenden chinesischen Belt and Road-Initiative werden soll. Unmittelbar schafft das strategische Ausgreifen noch keinen neuen Konflikt, da kein internationales oder nationales Recht gebrochen wird. Das chinesische Ausgreifen in die Arktis muss aber im Zusammenhang mit der allgemeinen globalen Expansion des chinesischen Einflusses gesehen werden. Und diese ist durchaus konfliktfähig.

Die USA sehen als Anrainerstaat in der Arktis aktuell in erster Linie ihre territoriale Integrität durch das russische Raketen- und Flottenarsenal bedroht. Die amerikanische Antwort darauf beschränkt sich auf die eigene Aufrüstung in der Arktis und ist vorerst nicht eine systematische Reaktion auf die chinesische Expansion in der Region.

Vermutlich genügt es den USA, vorläufig darauf zu vertrauen, dass Russland, abgesehen vom Handel mit seinen Energieträgern aus dem hohen Norden, kein Interesse hat, eine bündnisähnliche Anbindung an China zu suchen. Die offensichtliche Junior-Rolle, die sich aufgrund des wirtschaftlichen Ungleichgewichts daraus für Russland ergeben würde, würde nicht in Russlands eigene strategische Kalkulationen passen.

Es ist zu erwarten, dass die USA ihre Nato-Bündnispartner, insbesondere die arktischen Staaten unter ihnen, zu einer Verstärkung ihrer militärischen Überwachungskapazitäten im Nordatlantik bewegen wird. Im engeren Rahmen der acht Mitglieder des Arktischen Rates, in dem neben den umweltpolitischen Projekten zwar keine sicherheitspolitischen Strukturen zur Verfügung stehen, lässt sich dank dem reglementarischen Konsensprinzip so doch ein gewisses Wohlverhalten Russlands einfordern.

Insgesamt ist in der heutigen Interessenslage der Arktisstaaten untereinander deswegen kein eigenständiges Konfliktpotenzial erkennbar; sollten aber globale Konflikte an anderen Orten ausbrechen, wäre die Arktis nicht vor einem Überschwappen geschützt.

Philippe Welti

Philippe Welti ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Indien und in Iran. Davor war er Politischer Direktor im Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) im Range eines Botschafters. Heute arbeitet er als Experte für Geopolitik und Strategie mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell über den Mittleren Osten und den Raum um den Persischen Golf. Zusammen mit dem ehemaligen Botschafter Daniel Woker hat Welti das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geostrategische Analysen und geopolitische Due Diligence spezialisiert.
Philippe Welti ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Indien und in Iran. Davor war er Politischer Direktor im Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) im Range eines Botschafters. Heute arbeitet er als Experte für Geopolitik und Strategie mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell über den Mittleren Osten und den Raum um den Persischen Golf. Zusammen mit dem ehemaligen Botschafter Daniel Woker hat Welti das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geostrategische Analysen und geopolitische Due Diligence spezialisiert.